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NordseeEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Wegen des starken Zustroms von salzreichem Wasser aus dem Atlantischen Ozean ist der Salzgehalt in den nordwestlichen Bereichen der Nordsee mit 35 Promille wesentlich höher als im Süden, wo auch aufgrund des Eintrags von Süßwasser durch einmündende Flüsse nur etwa 32 Promille erreicht werden. Im Nordosten erfolgt aus der Ostsee durch das Skagerrak in den oberen Wasserschichten Zufluss von Wasser mit niedrigem Salzgehalt, was vor der dänischen und norwegischen Nordseeküste zu Salzgehalten unter 30 Promille führt. Anders verhält es sich hier in den tieferen Schichten des Wasserkörpers, denn die salzhaltigeren Tiefenströmungen verlaufen in Richtung Ostsee. Während westlich des Skagerrak der Salzgehalt im Jahresverlauf um bis zu 5 Promille schwanken kann, ist er in den anderen Regionen der Nordsee relativ konstant.
Das periodische Steigen und Fallen des Meeresspiegels ist in der Nordsee nur teilweise eine Folge der Einwirkung des Mondes. Vielmehr zeigt sich auch im Rhythmus und in der Intensität der Gezeiten der markante Einfluss des Atlantischen Ozeans. An den Küsten erreicht der Tidenhub (siehe Gezeiten) beachtliche Werte. So werden an der englischen und der französischen Küste beim Hochwasser der Gezeiten Spitzenwerte von sieben Metern erreicht. Mit vier Metern verzeichnet der Jadebusen den höchsten Wert an der deutschen Nordseeküste. Vor der Küste von Jütland beträgt der Tidenhub nur etwa 0,5 Meter. In Verbindung mit auflandigen Winden treten vereinzelt Sturmfluten auf, die für die Küstenstriche und ihre Bewohner verheerende Folgen haben können. Den Tidenhüben entsprechend sind auch die Gezeitenströme stark. Vor den Küsten liegen die Geschwindigkeiten bei rund zwei Metern pro Sekunde, während in der offenen Nordsee nur etwa 0,5 Meter pro Sekunde erreicht werden. Die Gezeitenperiode der Nordsee beträgt etwa zwölf Stunden und 25 Minuten.
Die Nordsee hat aufgrund ihrer reichen Fischgründe hohe wirtschaftliche Bedeutung für die Anrainerstaaten. Zu den wichtigsten Fanggebieten gehören u. a. die Doggerbank und die Region vor der norwegischen Küste. Hohe Fangquoten werden vor allem bei Dorschen, Kabeljau, Schollen und Makrelen erzielt. Nach relativ warmen Wintern gelangen auch Fische aus südlicheren Meeren wie etwa Meeräschen und Wolfsbarsche mit dem Golfstrom in die Nordsee, bleiben hier jedoch nicht dauerhaft. Seit der Entdeckung von Erdöl- und Erdgaslagerstätten in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts werden diese Rohstoffe abgebaut. In der Nordsee gefördertes Erdöl ist international durchaus konkurrenzfähig und bildet z. B. in Norwegen die Basis für eine günstige wirtschaftliche Entwicklung. Die Vorräte mancher Lagerstätten gehen jedoch zurück. Einige der hinsichtlich des Warenumschlags bedeutendsten europäischen Seehäfen befinden sich an der Nordseeküste. Neben dem Hafen von Rotterdam (einer der größten der Welt) sind dies vor allem die von London, Antwerpen, Amsterdam, Bremerhaven und Hamburg. Seit der 1895 erfolgten Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals müssen Schiffe zwischen beiden Binnenmeeren nicht mehr die längere Strecke um Jütland herum wählen. Die günstigen klimatischen Bedingungen (milde Temperaturen, intensive Sonneneinstrahlung) ziehen viele Erholungsuchende an. Vor allem entlang der Süd- und Südostküste sowie auf den vorgelagerten Inseln haben zahlreiche Seebäder und heilklimatische Kurorte aufgrund des gesundheitsfördernden Seeklimas hohe Besucherzahlen.
Die Meeresverschmutzung ist in weiten Teilen der Nordsee bereits weit vorangeschritten. Die starke Belastung des Wassers äußerte sich in den vergangenen Jahren u. a. durch weit verbreitete Algenblüten und wiederholtes Fischsterben, auch die Zahl der Wale ging drastisch zurück. Untersuchungen ergaben eine bis zu zehnmal höhere Belastung der Meerestiere mit Schadstoffen gegenüber Walen aus den Meeren um Grönland. Trotz verschiedener Maßnahmen wie der Beendigung der Verklappung von Dünnsäure gilt der ökologische Zustand der Nordsee weiterhin als sehr bedenklich. Die immer weniger rentable Förderung von Erdöl und Erdgas wirft ein großes Entsorgungsproblem auf: Zahlreiche Bohrinseln und Plattformen müssen stillgelegt werden. Bereits 1995 erregte die Entsorgung der 137 Meter hohen und etwa 14 500 Tonnen schweren Ölplattform Brent Spar internationales Aufsehen: Der Betreiberkonzern Shell favorisierte aus Kostengründen deren Versenkung im Meer; Umweltschützer erreichten jedoch eine ökologisch vertretbare Entsorgung der Plattform an Land. Bindende Vorschriften zur Entsorgung der Plattformen in der Nordsee gab es lange Zeit nicht. Zahlreiche der auf mächtigen Stahlpfeilern ruhenden Plattformen stehen in Wassertiefen von mehr als 100 Metern und sind deshalb nur schwer zu transportieren. Nach einer weltweit geltenden Regelung der International Maritime Organization (IMO) mussten nur Förderinseln vollständig zurückgebaut werden, die weniger als 75 Meter tief stehen und deren Unterbau leichter als 4 000 Tonnen ist. Im Juli 1998 beschloss eine internationale Konferenz zum Schutz der Meere jedoch, dass stillgelegte Ölplattformen im Nordatlantik in Zukunft grundsätzlich an Land entsorgt werden müssen. Ausnahmen sind lediglich bei großen Betonsockeln ab einem Gewicht von 10 000 Tonnen möglich, weil deren Demontage mit zu großem technischem Aufwand verbunden wäre. Diese Anlagen können auf dem Meeresboden verbleiben. Von dieser Zusatzregelung sind etwa 40 von insgesamt 780 Offshore-Anlagen betroffen. Außerdem einigten sich die Konferenzteilnehmer darauf, die Einleitung radioaktiver Substanzen aus atomaren Wiederaufbereitungsanlagen drastisch zu verringern, so dass durch die Reduzierung radioaktiver Ableitungen bis zum Jahr 2020 eine Konzentration „nahe null” erreicht wird. Den 1997 veröffentlichten Ergebnissen der dreijährigen Untersuchung „Küstennahe Stoff- und Energieflüsse (KUSTOS)” zufolge gelangen jährlich rund 100 000 Tonnen Stickstoff in die Nordsee. Quellen des Stickstoffs sind vor allem Düngemittel, die über Flüsse die Nordsee erreichen, in hohem Maß aber auch Autoabgase und industrielle Emissionen, die über die Atmosphäre an das Meer abgegeben werden. Da einige Lebewesen von der Anreicherung mit Stickstoff profitieren, besteht die Gefahr einer Verschiebung des biologischen Gleichgewichts. Die Untersuchung ergab aber auch, dass die Belastung der Nordsee mit Phosphor spürbar gesunken ist, und zwar vor allem deshalb, weil Waschmittelhersteller auf die Verwendung von Phosphaten in ihren Produkten verzichteten. Die 1998 veröffentlichten Ergebnisse einer meeresbiologischen Studie zeigten, dass im Umkreis zahlreicher Bohrinseln und Bohrlöcher im britischen und norwegischen Sektor am Meeresboden giftige Produktionsrückstände in hoher Konzentration akkumuliert sind. Bei diesen Rückständen handelt es sich um eine Mischung öliger schadstoffbelasteter Spülungen („Bohrschlämme”) mit Gesteinsbrocken und -splittern, die aus den Lagerstätten hinaufbefördert wurden („Bohrklein”). Der Abfall der Erdölindustrie bedeckt weite Flächen der tieferen Nordsee, wo er von Wind und Wellen nicht verwirbelt wird. Nach Plänen der Oslo-Paris-Kommission (OSPAR) zum Schutz der Meeresumwelt im Nordostatlantik sollen die Bohrschlämme und der Bohrklein-Belag aus den Förderfeldern entfernt und umweltverträglich entsorgt werden. Eine ökologische Katastrophe ereignete sich im Herbst 1998. Nachdem die Holzladung des italienischen Frachters Pallas vor der dänischen Küste in Brand geraten und das Schiff schließlich sechs Seemeilen südwestlich der Insel Amrum gestrandet war, liefen schätzungsweise 50 Tonnen Öl in die Nordsee; das Wattenmeer zwischen Amrum, Sylt und Föhr wurde stark verschmutzt. Dabei starben etwa 16 000 Seevögel. Neben den ökologischen Auswirkungen waren auch die Kosten der Havarie enorm. Mehr als 15 Millionen DM mussten für Brandbekämpfung, Abpumpen und Entsorgen des Öls, Transport der toten Vögel, Entsorgen des verschmutzten Sandes und Überwachungsflüge ausgegeben werden. Angesichts des Unglücks forderten Umweltschutzverbände ein neues Sicherheitskonzept für die Nordsee und eine Verlegung der Schiffsrouten in küstenfernere Wasserstraßen. Im Rahmen der 5. Internationalen Nordseeschutzkonferenz wurde 2002 beschlossen, bis zum Jahr 2010 ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten festzulegen, um gefährdete Meereslebewesen und besonders empfindliche Lebensräume zu schützen. Miteinander konkurrierende Nutzungen, wie z. B. Gas- und Ölplattformen auf hoher See, Schifffahrtsrouten und Windparks in der Nordsee, sollen von den Anrainerstaaten gemeinsam geplant und umweltverträglich gestaltet werden. Auf der 6. Internationalen Nordseeschutzkonferenz 2006 verabschiedeten die Vertreter der Anrainerstaaten einen Plan zur Reduzierung schädlicher Auswirkungen der Fischerei auf die Meeresumwelt. Zu den wesentlichen Maßnahmen gehören Fangverbote in Fischgründen, die von Überfischung betroffen sind. 1988 fielen im Nord-Ostsee-Raumetwa 18 000 Seehunde dem Staupevirus zum Opfer; 2002 starben hier – nach zwischenzeitlicher Erholung der Bestände – erneut mehr als 21 000 Seehunde an dieser Viruserkrankung. Im gesamten Wattenmeer (der deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste) wurden 2002 etwa 10 600 tote Seehunde angeschwemmt. Dennoch galt der Seehundbestand hier nicht als gefährdet.
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