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Windows Live® Suchergebnisse Václav HavelEnzyklopädieartikel
Václav Havel (*1936), tschechischer Schriftsteller und Politiker, eine der zentralen Figuren der Samtenen Revolution im November 1989 sowie in der Folge Präsident der Tschechoslowakei (1989-1992) und der Tschechischen Republik (1993-2003). Václav Havel wurde am 5. Oktober 1936 als Sohn eines Restaurantbesitzers in Prag geboren und entstammte einer großbürgerlichen Familie. Wegen dieser Herkunft blieb ihm in der kommunistischen Tschechoslowakei eine höhere Schulbildung verwehrt; ab 1951 arbeitete er daher als Chemielaborant, erwarb daneben aber in Abendkursen die Hochschulreife. 1955 begann er an der technischen Universität in Prag ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, das er jedoch 1957 wieder abbrach, und 1957 trat er seinen zweijährigen Militärdienst an. In dieser Zeit entstanden seine ersten literarischen Arbeiten sowie Zeitschriftenartikel über Theater und Literatur. Ab 1960 war Havel an dem Prager Divadlo Na zábradlí (Theater am Geländer) beschäftigt, zunächst als Bühnenarbeiter, später als Dramaturg, und studierte außerdem Dramaturgie an der Akademie für darstellende Künste in Prag (1962-1966). Am Divadlo Na zábradlí, das sich zu einem Zentrum des tschechischen absurden Theaters entwickelt hatte, wurden auch Havels erste Stücke aufgeführt, in denen er Einflüsse von Eugène Ionesco aufnahm und die ihn auch international bekannt machten. Das satirische Stück Zahradní slavnost (1963; Das Gartenfest) illustriert, wie in einer von Opportunismus geprägten Lebenswelt eine zu Leerformeln verkommene Sprache als Instrument der menschlichen Kommunikation unbrauchbar wird und alle Wahrheit austauschbar wird. Auch die sprachkritische Groteske Vyrozumění (1965; Die Benachrichtigung) stellt nach Havels eigener Aussage „die Entfremdung in ihren durch die gesellschaftliche Realität bestimmten Äußerungen” dar. In der kurzen Reformära des Prager Frühlings 1968 engagierte sich Havel – auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Clubs der unabhängigen Schriftsteller und als Mitglied des tschechischen PEN-Zentrums – für die Freiheit der Kunst und die Demokratisierung und Liberalisierung des politischen Systems. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Warschauer-Pakt-Truppen positionierte er sich als scharfer Kritiker des wiedererrichteten repressiven kommunistischen Regimes, das binnen kurzem nahezu alle Reformen des Prager Frühlings rückgängig machte. Seine Opposition gegen das Regime resultierte in einem Publikations- und Aufführungsverbot, und auch seine Arbeit am Theater musste er aufgeben. Havel schlug sich nun als Hilfsarbeiter in einer Brauerei durch, setzte aber trotz vielfältiger Schikanen seinen Widerstand gegen das Regime und sein Engagement für die Wahrung der Menschenrechte fort. Seine Werke, die den Einfluss gesellschaftlicher Zwänge auf das Alltagsleben des Einzelnen thematisieren, erschienen ab 1977 im westlichen Ausland, so z. B. die Stücke Protest (1978), Largo Desolato (1985), Die Versuchung (1986) und Die Sanierung (1989). 1977 war Havel einer der Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, und in den Folgejahren profilierte er sich als eine ihrer prominentesten Führungsfiguren, weshalb er mehrmals verhaftet wurde und insgesamt etwa fünf Jahre im Gefängnis verbrachte. In dieser Zeit entstanden seine Briefe an Olga (1984), Betrachtungen aus dem Gefängnis, gerichtet an seine Frau Olga Šplíchalová, mit der er seit 1964 verheiratet war. 1989 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt, jedoch wurde ihm die Ausreise zur Entgegennahme des Preises in Frankfurt/Main verweigert. Nur wenig später stand Havel an der Spitze des oppositionellen Bürgerforums, das einer der Initiatoren der Massenproteste der Bevölkerung im November 1989 war, der so genannten Samtenen Revolution, die schließlich zum Sturz des kommunistischen Regimes führten. Im Dezember 1989 wurde Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Im Vorfeld der Teilung der Tschechoslowakei in zwei getrennte Republiken, die Tschechische und die Slowakische Republik, legte Havel, der eine Beibehaltung des gemeinsamen Staates befürwortet hatte, am 2. Juli 1992 sein Amt als Präsident der Tschechoslowakei nieder; nach Vollzug der Teilung wurde Havel im Januar 1993 zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt. Als Präsident orientierte Havel die Außenpolitik nach Westen, knüpfte zahlreiche Verbindungen zu westlichen Staaten und setzte sich für eine Mitgliedschaft der Tschechischen Republik sowie anderer ehemaliger Ostblockstaaten in der NATO und der Europäischen Union (EU) ein. Zusammen mit dem Nachbarn Deutschland förderte er die Aussöhnung mit den Sudetendeutschen (siehe Sudetenland) und trug wesentlich zum Zustandekommen der Deutsch-Tschechischen Erklärung bei, die 1997 verabschiedet wurde. Im Januar 1998 wurde Havel von den beiden Kammern des tschechischen Parlaments für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt, allerdings erst im zweiten Wahlgang und mit nur knapper Mehrheit; in der Bevölkerung dagegen erfuhr Havel weiterhin deutlich breitere Zustimmung. Das schlechte Wahlergebnis wurde als Vergeltung der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) interpretiert: Im November 1997 hatte Havel Ministerpräsident Václav Klaus von der ODS vor dem Hintergrund einer Staatskrise zum Rücktritt veranlasst und außerdem die ODS, die stärkste Fraktion der Regierungskoalition unter Klaus, scharf kritisiert und für Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich gemacht. In der Folge berief Havel eine Übergangsregierung mit Josef Tosovsky als Ministerpräsidenten, die er de facto selbst leitete. Auch sonst griff er vielfach über seine verfassungsgemäßen Kompetenzen hinaus in das politische Geschehen ein, was vor allem von den bürgerlichen Parteien immer wieder scharf kritisiert wurde und das politische Klima in der Tschechischen Republik belastete. Am 2. Februar 2003, am Ende seiner zweiten Amtszeit als tschechischer Präsident, schied Havel verfassungsgemäß aus dem Präsidentenamt; sein Nachfolger wurde Václav Klaus. In Prosím stručně (2006; Fassen Sie sich bitte kurz. Gedanken und Erinnerungen), einem collagenartig strukturierten, teils an den Fragen eines Journalisten orientierten Erinnerungsbuch, reflektierte Havel vor allem seine Zeit als Staatspräsident, aber auch die Dissidentenjahre davor und trifft dabei – er, der Autor fiktiver absurder Theaterstücke – auf hunderte real stattgefundene absurde Situationen. Außer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde Havel mit einer Vielzahl weiterer Preise geehrt, die vor allem sein politisches Wirken würdigen; u. a. erhielt er für seinen Einsatz für die Demokratie und den Frieden unter den Völkern den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen (1991) sowie den Westfälischen Friedenspreis (1998).
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