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EstlandEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Die heutige Republik Estland ist Nachfolger der unabhängigen, gleichnamigen Republik, die vor der Annexion durch die Sowjetunion von 1918 bis 1940 bestand. Gemäß der Verfassung, die 1992 durch eine Volksabstimmung bestätigt wurde, ist Estland eine parlamentarische Republik. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der für fünf Jahre durch das Parlament gewählt wird und mit eingeschränkter Exekutivgewalt ausgestattet ist. Die Legislative liegt beim Riigikogu (Reichstag), einem Einkammerparlament mit 101 Abgeordneten, die in Direktwahl auf vier Jahre gewählt werden. Alle estnischen Staatsbürger ab dem 18. Lebensjahr besitzen Wahlrecht. Die Regierungsgeschäfte werden vom Ministerrat unter der Leitung des Ministerpräsidenten geführt. Die wichtigsten Parteien sind die linksliberale Zentrumspartei, die konservativen Parteien Vaterlandsunion und Res Publica, die 2006 fusionierten, die marktwirtschaftlich orientierte Estnische Reformpartei, die Estnische Bürgerunion und die sozialdemokratische Moderate Partei. Estland wird verwaltungsmäßig in 15 Regionen und sechs Stadtbezirke gegliedert. Nationalfeiertag ist der 24. Februar, der an die Erklärung der Unabhängigkeit im Jahr 1918 erinnert.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 16 410 Millionen US-Dollar (2006; Dienstleistungen 67,8 Prozent, Industrie 29,1 Prozent, Landwirtschaft 3,2 Prozent); dieser Wert ergibt ein BIP pro Einwohner von 12 225,10 US-Dollar. Von den Erwerbstätigen sind 5 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt, 34 Prozent in der Industrie und 61 Prozent im Dienstleistungssektor (2005). Die Staatsverschuldung beträgt 309 Millionen US-Dollar. Die Inflationsrate liegt bei 6,10 Prozent (2006), das Wirtschaftswachstum bei 11,40 Prozent (2006). Wichtigster Produktionsstandort ist die Hauptstadt Reval. Der Maschinenbau und die Metallverarbeitung sind die wichtigsten Zweige des produzierenden Gewerbes, gefolgt vom Schieferbergbau. Die Ölschiefer verarbeitende Industrie erzeugt künstliche Gase und chemische Produkte. Zu den weiteren Erzeugnissen zählen Zement, Textilien (Baumwolle, Leinen und Wolle), Autoteile und Lederwaren. Die ausgedehnten Waldgebiete Estlands bilden die Basis für die Forstwirtschaft. Sie stellt die Rohstoffe für die Möbelindustrie sowie für die Herstellung und Weiterverarbeitung von Papier, Holz und Sperrholz zur Verfügung. Die Industrieproduktion ist in hohem Maße von wenigen Großunternehmen abhängig, die überwiegend im Norden des Landes ansässig sind. Ein Fünftel aller Betriebe erwirtschaftet 75 Prozent der gesamten industriellen Produktion. Der Wegfall alter Handelsverbindungen mit den ehemaligen Sowjetrepubliken führte 1992 zu einem starken Produktionsrückgang. Die wichtigsten Zweige der Landwirtschaft sind Milchwirtschaft und Viehzucht. Die Hauptanbauprodukte sind Hafer, Kartoffeln und Flachs. 13,9 Prozent der Gesamtfläche werden als Ackerland genutzt (2005).
Estland gab als erste ehemalige Sowjetrepublik eine eigene Währung heraus, die Kroon (Estnische Krone = 100 Senti), die seit 1992 in Umlauf ist. In der Folgezeit sanken die früher horrenden Inflationsraten drastisch. Ursache für die hohen Inflationsraten war der Nachholbedarf, den das Land in Bezug auf Güter und Dienstleistungen hatte. Estland ging das Ziel des Aufbaus einer Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild mit hohem Tempo an. Bis auf wenige Großbetriebe ist die Privatisierung ehemals staatlicher Betriebe abgeschlossen. Da die eigene Produktion aber nicht ausreichte, musste ein Großteil der benötigten Waren und Dienstleistungen importiert werden. Seit seiner Unabhängigkeit machte Estland beim Ausbau der Handelsbeziehungen mit dem Westen beachtliche Fortschritte. 1991 wickelte es noch über 90 Prozent seines Handels mit der ehemaligen Sowjetunion und deren Satellitenstaaten ab. 1994 machte der Handel mit den Ländern der Europäischen Union (vor allem Finnland, Schweden und Deutschland) bereits 60 Prozent des Handelsvolumens aus. Exportiert werden vor allem Textilien und Bekleidung, Nahrungsmittel und chemische Erzeugnisse; wichtigste Importprodukte sind Maschinen und Rohstoffe.
Estland deckt seinen Energiebedarf zu über 95 Prozent aus fossilen Brennstoffen. Der Betrieb von Wärmekraftwerken mit Ölschiefer führt allerdings zu starken Luftverschmutzungen und saurem Regen.
Die Geschichte Estlands ist eng verbunden mit der des Baltikums und der der beiden anderen baltischen Republiken Lettland und Litauen. Die Besiedlung der gesamten nordosteuropäischen Region begann etwa um 7000 v. Chr.: Es entstand die so genannte Kunda-Kultur, um 4000 v. Chr. die Narwa-Kultur. Zur Bandkeramik-Kultur (ab 2000 v. Chr.) gehörten indoeuropäische Balten, die sich mit der hier lebenden Bevölkerung vermischten; u. a. gingen daraus die Esten und Letten hervor. Das Baltikum gewann über die Jahrhunderte immer mehr Bedeutung für den Handel zwischen Mitteleuropa und Skandinavien sowie Osteuropa und dem Orient. Verschiedene Völker (z. B. die Wikinger) versuchten, die Handelsrouten zu kontrollieren. Zum ersten Mal erwähnt werden estnische Stämme von Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. König Waldemar II. von Dänemark eroberte Nordestland und errichtete 1219 die Festung Taani linn (Dänenstadt), das heutige Tallinn, und gründete dort einen Bischofssitz. Nach Aufständen in den Jahren 1343 bis 1345 verkaufte der dänische König seine Gebiete in Nordestland an den Deutschen Orden, der bereits die südliche Region (Livland) beherrschte. 1521 gelangte die Reformation ins Baltikum. Im Livländischen Krieg (1558-1582) kamen 1561 große Teile Estlands unter schwedische Herrschaft. Polen erhielt vorübergehend den Südteil Estlands, einschließlich der Stadt Tartu. Ab 1645 stand ganz Estland unter schwedischer Herrschaft.
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