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Russische Literatur

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Aleksandr PuschkinAleksandr Puschkin
Artikelgliederung
4.6

Impressionismus und Symbolismus

Der bis in die achtziger Jahre hinein vorherrschende Realismus wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von neuen Strömungen abgelöst. Zum literarischen Impressionismus ist das Werk Anton P. Tschechows mit seinen teils humoristischen, teils satirischen Charakter- und Milieustudien zu rechnen, die in ihrer unbestechlichen Analyse menschlichen Verhaltens und sozialer Missstände zwar noch in der Tradition des kritischen Realismus stehen, jedoch in ihrer subtilen Darstellung seelischer Zustände und Stimmungen weit darüber hinausgehen. So sind Banalität, Einsamkeit, Passivität und Lieblosigkeit zentrale Elemente seiner Stimmungsdramen Čajka (1896; Die Möwe), Djadja Vanja (1899; Onkel Wanja), Tri sëstry (1901; Drei Schwestern) oder Višnevyj sad (1904; Der Kirschgarten).

Das von Fet, Jakow P. Polonskij und Aleksej Konstantinowitsch Tolstoj in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertretene Programm einer reinen Kunst wurde zur Jahrhundertwende von den russischen Symbolisten wieder aufgegriffen. Damit wandten sie sich von gesellschaftskritischen Modellen des 19. Jahrhunderts ab und richteten ihr Hauptaugenmerk auf eine Erneuerung der Form. Allen voran Walerij Jakowlewitsch Brjussow ließ sich vom französischen Symbolismus Stéphane Mallarmés inspirieren. Eine zweite, eher mystisch-philosophische Gruppe um Dmitrij Sergejewitsch Mereschkowskij und Sinaida Hippius wurde von deutschen Vorbildern geprägt. Trotz Anleihen entwickelte sich ein eigenständig russischer Stil. Neben Andrej Belyj mit seinem wegweisenden Großstadtroman Peterburg (1912; Petersburg) und Aleksandr Aleksandrowitsch Blok mit seiner musikalisch-rhythmisierenden Lyrik – herausragend: das Revolutionsgedicht Dvenadcat’ (1918; Die Zwölf) – gilt dies vor allem für Fjodor Sologub, dessen Hang zu einer grotesk-phantastischen Schilderung des Dämonischen und Dunkel-Makabren etwa in seiner Romantrilogie Tvorimaja legenda (1908-1913; Totenzauber) oder in dem Roman Slašče jada (1908; Süßer als Gift) zum Ausdruck kommt. Insgesamt stand der Symbolismus unter dem Einfluss von Wladimir Sergejewitsch Solowjow, dessen systematische Theorie eine „All-Einheit” zwischen Natur, Mensch und Gott unterstellte. Weitere Denkansätze erhielten sie von Okkultismus, Theosophie und Anthroposophie.

5

Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert

Nach 1910 wurde der Futurismus um Wladimir Majakowskij, Welemir Chlebnikow und Aleksej Jelissejewitsch Krutschonych in Russland zur tonangebenden Bewegung. Daneben versuchte der zwischen 1910 und 1920 aktive Akmeismus um Nikolaj Stepanowitsch Gumilijow, Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam in einer klaren, präzisen Metaphorik den Gegenstand der Dichtung nicht mehr mittelbar (als Symbol), sondern konkret zu erfassen, während der Imagismus um Sergej Aleksandrowitsch Jessenin das lyrische Bild in den Mittelpunkt stellte. All diesen Strömungen gemeinsam war der Versuch einer sprachlichen Erneuerung, die selbst in die Prosa Lyrismen integrierte. Unabhängig von den formalen Experimenten der Moderne orientierten sich auch im 20. Jahrhundert die russischen Schriftsteller weiterhin an der von Puschkin, Gontscharow oder Turgenjew vorgegebenen Tradition, so etwa L. N. Andrejew und Aleksandr Iwanowitsch Kuprin. Iwan Alexejewitsch Bunin, der 1933 als erster russischer Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt, schilderte z. B. den Verfall der russischen Adelsgesellschaft und die Rückständigkeit der ländlichen Gesellschaft mit differenzierter psychologischer Beobachtungsgabe und – freilich ironisierter – Sentimentalität.

5.1

Maksim Gorkij

Maksim Gorkij blieb einem sozialkritischen Realismus treu. Nach Erfahrungen während seiner Jugendzeit als Landstreicher und Gelegenheitsarbeiter in der Wolgaregion schrieb er zunächst romantisierende Darstellungen des Wanderlebens, bevor er sich, nach einer Begegnung mit Lenin im Jahr 1905, allmählich zum literarischen Wortführer des sozialistischen Realismus entwickelte. Besonderes soziales Engagement verraten u. a. sein Drama über gesellschaftliche Außenseiter Nachtasyl (1903) oder der Roman Die Mutter (1907).

5.2

Nachrevolutionäre Epoche (1922-1929)

Nach Gründung der Sowjetunion traten drei rivalisierende Gruppen in Erscheinung, die zunächst nebeneinander existierten. Die Futuristen unter Wladimir Majakowskij plädierten in ihrer Zeitschrift LEF für eine Verknüpfung von sprachlichen Experimenten und sozialrevolutionären Inhalten. Der so genannte Proletkult um Aleksandr Aleksandrowitsch Bogdanow dagegen machte sich für eine radikale kulturelle Umgestaltung im Dienst der Arbeiterklasse stark. Sein Organ war Na postu. Daneben versuchten die so genannten Poputschiki (Mitläufer) um A. K. Woronskij, die russische Literaturtradition des 19. Jahrhunderts bei weitgehender Akzeptanz des neuen Systems fortzuschreiben. Anhänger dieser Richtung waren u. a. Leonid Maksimowitsch Leonow und Nikolaj Semjonowitsch Tichonow. Die sich auf E. T. A. Hoffmann berufenden Serapionsbrüder von Petrograd waren ein experimentierfreudiger Teil dieser Gruppe, der auf einer weit reichenden Autonomie der Literaturproduktion von politischer Agitation bestand. Zu ihnen gehörten u. a. Konstantin Fedin, Wsewolod Wjatscheslawowitsch Iwanow, Weniamin Kawerin und Michail Michajlowitsch Soschtschenko.

Einer der herausragenden Schriftsteller der Epoche war zweifellos der Lyriker und Romancier Boris L. Pasternak, der neben Lyrik in der Tradition Rainer Maria Rilkes und Puschkins den Roman Doktor Živago (1957; Doktor Schiwago) verfasste. Wie Pasternak, so waren auch Achmatowa und Mandelstam erheblichen Diskriminierungen ausgesetzt (so wurde Achmatowa 1946 aus dem sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen, Mandelstam kam 1938 in einem sibirischen Straflager ums Leben). Die Lyrikerin Marina Zwetajewa lebte von 1922 bis 1939 in der Emigration. Die neben Achmatowa bedeutendste Vertreterin der russischen Moderne verknüpfte in ihrer Lyrik Elemente der russischen Volkskultur und der deutschen Romantik mit einer vom Symbolismus und vom Futurismus geprägten Bilderwelt. Zwetajewa nahm sich 1941 das Leben.

Zahlreiche Romane aus den Anfängen der Sowjetunion machten es sich zur Aufgabe, die Russische Revolution und den darauf folgenden Bürgerkrieg zu beschreiben. Eines der populärsten Beispiele, Dmitri Furmanows Tschapajew (1923), schildert die Ereignisse zwar pathetisch, vermeidet allerdings noch die idealisierende Heldenverehrung des sozialistischen Realismus. Radikaler verfuhr Isaak Babel, dessen Erzählzyklus Konarmija (1926; Die Reiterarmee) ohne Idealisierung das Grauen und die blutige Absurdität der Kämpfe darstellt. Das Werk ist außerdem ein eindringliches Beispiel der so genannten ornamentalen Prosa. Zu den bedeutenden Romanen dieser Zeit gehören auch Goroda i gody (1924; Städte und Jahre) von Konstantin Fedin, Barsuki (1924; Die Dachse) von Leonid Leonow und Razgrom (1927; Die Neunzehn) von Aleksandr Aleksandrowitsch Fadejew.

Die Phase der so genannten Neuen Ökonomischen Politik (NEP) in den zwanziger Jahren war von einer gewissen Liberalität geprägt, die etwa dem Revolutionstheater Wsewolod Emiljewitsch Mejercholds zu einer Blüte verhalf. Auch die Autorenvereinigung Oberiu um Daniil Iwanowitsch Charms, Aleksandr Iwanowitsch Wwedenskij und Nikolaj Aleksejewitsch Sabolotzkij, die in sinnfreien Sprachspielen die Absurdität der Wirklichkeit abzubilden suchte, wurde offiziell akzeptiert. Daneben entstanden zahlreiche satirische Werke, die die unheilige Allianz zwischen revolutionärem Eifer und skrupellosem Gewinnstreben karikierten, darunter Walentin Petrowitsch Katajews Rastratschiki (1926; Die Hochstapler), die beißenden Geschichten Soschtschenkos sowie Ilja A. Ilfs Zwölf Stühle (1928) bzw. Das goldene Kalb (1931). Leonid Leonows Roman Vor (1927; Der Dieb) beschrieb die desillusionierende Entwicklung eines Soldaten der Roten Armee vor dem Hintergrund der chaotischen zwanziger Jahre bis hin zur Versöhnung mit Russland und der Revolution, die am Ende des Werkes steht.

5.3

Sozialistischer Realismus (1930-1953)

Mit dem ersten Fünfjahresplan von 1928 fand die Duldung der verschiedenen Literaturströmungen durch die Staatsführung ein abruptes Ende. Einzelpersonen und Strömungen wie der Formalismus wurden öffentlich gebrandmarkt. 1932 ging die Vielzahl der literarischen Vereinigungen im sowjetischen Schriftstellerverband auf, ein Ereignis, das durch die Gründung der Verbindung proletarischer Schriftsteller, der RAPP, vorbereitet worden war. Bereits unter Oberaufsicht der RAPP entstanden Romane mit parteilinienkonformer Tendenz, die zumeist auf eine Idealisierung der Fabrikarbeit und des Arbeiters abzielten. Oftmals wurde auch der Wandel einer anfangs skeptischen Dorfbevölkerung zu gläubigen Befürwortern des Regimes geschildert. Selbst Leonow verfasste mit Sowjet-Fluss (1930) und Professor Skutarewski (1932) zwei Romane nach der Doktrin der RAPP. Ein weiteres Beispiel – wenn auch mit kritischen Untertönen – ist Michail Aleksandrowitsch Scholochows Roman Podnjataja celina (1931; Neuland unterm Pflug) über die Krise der russischen Landwirtschaft.

Auf dem ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes 1934 proklamierte das Politbüromitglied Andrej Aleksandrwitsch Zhdanow, Schwiegersohn Stalins, den sozialistischen Realismus als Kunstdoktrin. Gefordert waren von nun an positive volkstümliche Identifikationsfiguren und politisches Engagement im Sinne der Kommunistischen Partei. Das Programm des sozialistischen Realismus führte zu einer starken Schematisierung und thematische Eindimensionalität der russischen Literatur. Autoren, die diesem Konzept nicht mehr entsprachen, blieben – wie beispielsweise Michail A. Bulgakow – ungedruckt oder wurden im Zuge der stalinistischen Säuberungen ermordet, wie Babel oder Mandelstam. Zwei Romane ragen über das allgemeine Mittelmaß der Zeit zwischen 1934 und 1939 heraus: Leonows formal komplexe Erzählung Doroga na okean (1935; Weg zum Ozean) über die Gedanken eines im Sterben liegenden Parteikommissars und Scholochows vierbändiger Roman Tichij Don (1928-1940; Der stille Don) über einen Kosaken, der durch sein moralisches Handeln ins politische Abseits gerät. Andere Autoren übersiedelten ins westliche Ausland oder wählten die innere Emigration und beschränkten sich beispielsweise auf das Verfassen von Biographien oder historischen Romanen. So etwa Alexej Nikolajewitsch Tolstoj, der in einer Atmosphäre großen staatlichen Drucks seinen Roman Pëtr Pervyi (1929-1945; Peter der Große) schrieb.

Während des 2. Weltkrieges wurde die offizielle Kulturpolitik vorübergehend liberaler. Es entstanden Werke, die sich in teilweise kritischer Distanz mit dem Kriegsgeschehen auseinandersetzten. Beispiele hierfür sind Konstantin Michailowitsch Simonows Drama Russische Menschen (1942) oder sein Roman Tage und Nächte (1944). Leonows Drama Našestvie (1942; Invasion) schildert den Einfall deutscher Truppen in die UdSSR im Jahr zuvor. 1946 machte Zhdanow der künstlerischen Liberalität ein Ende und verengte die Definition des sozialistischen Realismus weiter, indem er festlegte, dass die Literatur künftig nur noch nach dem Kriterium der Partiinost beurteilt werden sollte, d. h. nach ihrer Nützlichkeit für die Partei.

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