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Russische LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Frühzeit; Klassizismus und Sentimentalismus (18. Jahrhundert); Romantik und Realismus (19. Jahrhundert); Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert; Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991
Nach dem Tod Stalins 1953 und der auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei 1956 von Nikita S. Chruschtschow vollzogenen Abkehr vom Stalinismus profitierte auch die Literatur von der darauf folgenden Liberalisierung des kulturellen Lebens. Dennoch wurde weiterhin an der Doktrin des sozialistischen Realismus festgehalten. Diese so genannte Tauwetter-Periode erhielt ihre Bezeichnung nach dem 1954 erschienenen Roman Ottepel’ (Tauwetter) von Ilja G. Ehrenburg. Ein weiterer bedeutender Roman dieser Zeit ist Wladimir Dimitrijewitsch Dudinzews Ne chlebom edinym (1956; Der Mensch lebt nicht vom Brot allein), der sich ebenfalls kritisch mit der Periode des Stalinismus auseinandersetzt. Wichtige Autoren der Epoche waren auch D. A. Granin, J. M. Nagibin oder Wera Panowa. In der Lyrik setzte sich vor allem Jewgenij Aleksandrowitsch Jewtuschenko mit der jüngsten russischen Vergangenheit auseinander. Besonders Andrej A. Wosnessenski, Bella Achmadulina und Robert Iwanowitsch Roschdestwenski suchten nach neuen Formen des lyrischen Ausdrucks. Eine als Jeansprosa oder Junge Prosa bezeichnete Literatur wandte sich verstärkt den Problemen Heranwachsender in der sowjetischen Gesellschaft zu. Bis zu der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Entspannungsphase der Perestroika in den späten achtziger Jahren jedoch wurden die wichtigsten Werke der russischen Literatur meist im Ausland verlegt. So erschien Pasternaks Roman Doktor Schiwago zunächst in Italien (1957) und den USA (1958); erst 1987 wurde er auch in der UdSSR publiziert. 1958 erhielt Pasternak den Nobelpreis für Literatur, musste die Annahme jedoch nach schweren Anfeindungen von offizieller Seite ablehnen. Auch die Autoren A. D. Sinjawski und J. M. Daniel konnten nur im Ausland veröffentlichen: Beide wurden 1966 wegen Staatsverleumdung zu Arbeitslager verurteilt. Vor allem Anfang der siebziger Jahre emigrierte eine große Anzahl sowjetischer Schriftsteller ins Ausland, darunter Wladimir Maksimow und Lew Kopelew. Am Werk Aleksandr Issajewitsch Solschenizyns zeigt sich die Unberechenbarkeit der russischen Staatsmacht besonders deutlich. So wurde sein Roman Odin den’ Ivana Denisoviča (Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch) über das Leben in sowjetischen Straflagern 1963 mit ausdrücklicher Billigung Chruschtschows veröffentlicht, die Publikation seiner beiden Romane V kruge pervom (1968; Der erste Kreis der Hölle) und Rakovyi korpus (1968/69; Krebsstation) waren in der UdSSR jedoch verboten. Auch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den Systemkritiker wurde von offizieller Seite stark kritisiert. Solschenizyns Proteste gegen Zensurmaßnahmen, sein Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und die Einweisung von Dissidenten in die Psychiatrie führten 1974 zu seiner Ausweisung. Erst 1994 kehrte er in die Sowjetunion zurück und versucht seitdem, seine neokonservative Theorie einer Reinigung Russlands in die Tat umzusetzen. Um die staatliche Zensur zu umgehen, entstand in der Sowjetunion eine Samisdat-Literatur, die im Selbstverlag vervielfältigt und danach im Untergrund verbreitet wurde. In dieser Form erschienen auch die Werke Michail Bulgakows, dessen Romansatire Master i Margarita (Der Meister und Margarita) bereits um 1928 begonnen wurde. In der UdSSR konnte der Roman jedoch erst 1967 (und auch dann nur in gekürzter Form) erscheinen. Ebenfalls zur Samisdat-Literatur gehören die Dichtungen von Iossif Brodskij, der 1972 aus der UdSSR ausgewiesen wurde. Der Dissident W. Tarsis wurde 1966 während einer Englandreise ausgebürgert. Zu seinen Satiren auf das Sowjetregime gehören Romane wie Die blaue Fliege (1963), Botschaft aus dem Irrenhaus (1965) und Kombinat der Genüsse (1967). Die offizielle russische Literatur der siebziger Jahre war geprägt von den Vertretern einer Dorfprosa, die das Land- bzw. Provinzleben thematisierten und den Entfremdungen großstädtischen Lebens das Ideal der Dorfgemeinschaft entgegenstellten (Walentin Grigorjewitsch Rasputin, W. M. Schuschkin, Wiktor Petrowitsch Astafjew, Wassilij Jegorowitsch Afonin etc.). Dagegen wandten sich die so genannten Urbanisten um Andrej Georgijewitsch Bitow und Wladimir N. Krupin dezidiert der Problematik der russischen Metropolen zu, ein Aspekt, dem besonders die dunkel-pessimistischen Erzählungen von Ljudmila Petruschewskaja verpflichtet sind. Mitte der achtziger Jahre begann unter Gorbatschow eine Erneuerungsphase der russischen Literatur. Ausgewiesene Schriftsteller kehrten ins Land zurück, andere wurden wieder in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. Erstmals wurden die Autoren in die Lage versetzt, die sowjetische Vergangenheit ohne ideologische Verklärung aufzuarbeiten. 1987 entstand Anatolij Navmowitsch Rybakows Roman Deti Arbata (Die Kinder des Arbat), der in bislang nicht bekannter Radikalität mit dem Stalinismus abrechnete. Von den stalinistischen Säuberungen handeln auch Anatoli Ignatjewitsch Pristawkins Nočevala tučka zolotaja (1988; Schlief ein goldenes Wölkchen) und einige der Dramen Michail Schatrows. Gleichzeitig begannen zahlreiche russische Schriftsteller, sich von politischen Themen ab- und stattdessen sozialen Tabuthemen zuzuwenden. Dazu gehören Tschingis Aitmatow mit seinem Drogenroman Placha (1987; Der Richtplatz) und W. P. Astajew mit Pečal’nyj detektiv (1987; Der traurige Detektiv) über die wachsende Gewaltkriminalität. In den achtziger Jahren wurden bisher totgeschwiegene Exilautoren der zwanziger Jahre, wie Vladimir Nabokov oder Aleksej Michajlowitsch Remisow, neu entdeckt oder Untergrundautoren wie Wenedikt Jerofejew, Jewgenij Popow und Tatjana Tolstaja (die Enkelin Alexej Nikolajewitsch Tolstojs) erstmals einem internationalem Publikum bekannt. Der koreanisch-russische Autor Anatolij Andrejewitsch Kim übte vor allem auf die Entwicklung in den siebziger und achtziger Jahren großen Einfluss aus.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann eine neue Ära der russischen Literatur, die sich immer mehr den Stilidealen der Postmoderne öffnet. Der Konzeptkünstler Wladimir Sorokin parodiert in seinem Werk die Stilistik des Sozialismus und verbindet sie mit Alltagsthemen aus sowjetischer wie postsowjetischer Zeit. Wladimir S. Makanin spielt in Andegraund, ili geroj nasego vremeni (1999; Underground oder Ein Held unserer Zeit) in postmoderner Manier mit Versatzstücken der Weltliteratur – von Homer und Dante über die großen russischen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts bis hin zu Joyce und Kafka. Weitere international beachtete Schriftsteller der russischen Postmoderne sind Michail Kononow (Golaja pionerka, 2001; Die nackte Pionierin), Dmitrij Prigow (Zivite v Moskve, 2002; „Lebt in Moskau!”) und Sergej Lukjanenko. Daneben entstand eine Szene junger Schriftsteller, die den gesellschaftlichen Wandel im Gegenwartsrussland mit den Mitteln der Popliteratur zu erfassen versucht. Vorreiter war hier Wiktor Pelewin, insbesondere mit seinem Roman Generation „P” (1999; Generation P). Neben ihm etablierten sich Popliteraten wie Aleksandr Ikkonikow, Irina Denezkina, Roman Sencin, Dmitri Bawilski und Oleg Postnow. Als bedeutendster russischsprachiger Gegenwartsschriftsteller der Ukraine gilt Andrej Jurjewitsch Kurkow, dessen in zahlreiche Sprachen übersetzte Romane wie Milyj drug, tovarišč pokojnika (2001; Ein Freund des Verblichenen) und Poslednaja ljubov presidenta (2004; Die letzte Liebe des Präsidenten) den postsowjetischen Alltag in einer halb komischen, halb melancholischen Mischung aus Realismus und surrealer Verfremdung darzustellen versuchen.
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