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KeniaEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Physische Geographie; Bevölkerung; Bildung und Kultur; Verwaltung; Wirtschaft; Geschichte
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberte der Sultan Seyyid Said von Oman sämtliche Stadtstaaten nördlich des Kap Delgado. Als Herrscher über ein Handelsimperium versuchte er nicht, die Bantuclans im Hinterland zu unterwerfen. Später verlegte er die Hauptstadt seines Reiches auf die Insel Sansibar im heutigen Tansania. Die Pflege der von Said angelegten Gewürznelkenplantagen auf Sansibar und der Ölpalmenhaine in Mombasa erforderten sehr viele Arbeitskräfte. Dieser Bedarf wurde durch Sklavenhandel gedeckt. Von Mombasa und Sansibar aus erstreckte sich die Sklavenjagd ins afrikanische Landesinnere bis zur heutigen Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire). Die Swahili sprechenden Sklavenjäger überfielen mitunter schwache Bantuclans, aber in der Regel wurde mit anderen afrikanischen Staaten Sklavenhandel betrieben. Die Grausamkeit des Sklavenhandels zog die Aufmerksamkeit der Europäer auf Kenia. Der britische Konsul auf Sansibar führte die Bewegung zur Abschaffung des Sklavenhandels an. Um 1850 verpflichtete sich der Sultan vertraglich zur Einschränkung des Sklavenhandels; im Gegenzug wurde ihm weiterhin Unterstützung gewährt. Im Jahr 1873 schließlich stimmte Saids Sohn Barghash aus Angst, die Briten würden eine europäische Übernahme seines Reiches unterstützen, der Abschaffung der Sklaverei zu.
John Kirk, britischer Konsul zwischen 1873 und 1886, wies Sultan Barghash an, eine Armee aufzustellen und den größten Teil Ostkenias und Tansanias zu annektieren. Als sich der Sultan weigerte, stand er den territorialen Ambitionen der europäischen Mächte hilflos gegenüber. Die deutsche Regierung trug ihre Forderungen auf dem Berliner Kongress vor. 1886 erkannten die Briten die Küstenbereiche Tanganyikas (ein Teil des heutigen Tansania) als deutsche Einflusssphäre an und behielten Kenia für sich. 1890 fand eine weitere territoriale Teilung statt. Eine Zeit lang wurden die britischen Interessen in Kenia über die British East Africa Company wahrgenommen, 1896 wurde das Gebiet aber der direkten Kontrolle des britischen Außenministeriums unterstellt. Auslöser für diese Entscheidung war vor allem der Plan zum Bau einer Eisenbahnverbindung von Mombasa zum Victoriasee. Die einheimische Bevölkerung setzte der britischen Annexion keinen nennenswerten Widerstand entgegen. 1902 wurde ganz Kenia von der britischen Kolonialbehörde abhängig und diente den Briten als Stützpunkt im Ostafrikafeldzug gegen die Deutschen während des 1. Weltkrieges. Kenia wurde damals Kronkolonie; der Gouverneur und die hohen Verwaltungsbeamten wurden von London aus eingesetzt. Die meisten Afrikaner blieben unter direkter Verwaltung ihrer eigenen Führer, die aber unter der Kontrolle eines britischen Distriktbeamten standen. Jenes Land, das nicht als Stammesgebiet ausgewiesen werden konnte, wurde Kronland. Noch vor 1900 hatten einige weiße Kolonisten den wirtschaftlichen Wert des Hochlandes erkannt und sich in den fruchtbaren Gebieten in der Nähe von Nairobi niedergelassen. Ende des 1. Weltkrieges lebten bereits mehr als 9 000 Europäer in Kenia; ein Großteil des Hochlandes war für die weitere Besiedlung durch Weiße reserviert. Die Regierung behauptete zwar, sich für die Belange der Einheimischen einzusetzen, begünstigte letztlich aber doch die weiße Minderheit. Angesichts der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und des raschen Bevölkerungswachstums zeigte sich, dass das den Afrikanern zugestandene Land völlig unzureichend war. Da viele Kenianer sich nicht mehr durch Landwirtschaft ernähren konnten, wanderten sie auf der Suche nach Arbeit in die Städte. 1944 formierte sich die schwarze Protestbewegung Kenya African Union (KAU), die für eine Landreform eintrat. 1947 wurde der Kikuyu Jomo Kenyatta Vorsitzender der KAU.
Etwa ab 1950 protestierten die indigenen Kenianer zunehmend mit gewalttätigen Übergriffen gegen die weiße Kolonialverwaltung und die Landaneignung durch weiße Siedler. 1952 nahm eine vor allem von Kikuyu getragene Geheimgesellschaft, von den Briten Mau-Mau genannt, den bewaffneten Kampf gegen die Weißen auf (siehe Mau-Mau-Aufstand). Allerdings richtete sich der Kampf der Mau-Mau nicht nur gegen die Weißen, sondern auch gegen Afrikaner, sofern sie sich nicht dem Kampf der Mau-Mau anschlossen. Im Oktober 1952 riefen die Briten den Ausnahmezustand aus und verboten alle politischen Organisationen der Schwarzen, auch die KAU; Kenyatta wurde verhaftet und als angeblicher Anstifter des Aufstandes zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Der Kampf wurde von allen Beteiligten mit äußerster Härte geführt; insgesamt gab es auf Seiten der Mau-Mau etwa 7 800 Tote, auf Seiten der Sicherheitskräfte der Kolonialmacht starben etwa 470 Afrikaner und 70 Europäer. Hinzu kamen Zehntausende von den Mau-Mau getötete Schwarze sowie Zehntausende von den Briten in Lagern internierte vermeintliche oder tatsächliche Aufständische. Der Aufstand, der 1956 endgültig niedergeschlagen war, veranlasste die Kolonialmacht zu einem Kurswechsel: Die siedlerfreundliche Politik wurde aufgegeben, Afrikaner wurden an der Regierung beteiligt, und die Unabhängigkeit wurde als unabänderlich angesehen. 1961 konnte die erst ein Jahr zuvor gegründete Partei Kenya African National Union (KANU), die aus der KAU hervorgegangen war, bei den ersten Wahlen vor der Unabhängigkeit die Mehrheit der Parlamentssitze erringen. Die KANU weigerte sich jedoch, die Regierung zu bilden, solange ihr Führer Kenyatta in Haft war, woraufhin er noch 1961 freigelassen wurde. 1963 führte Kenyatta die Partei zu einem überwältigenden Wahlsieg. Am 12. Dezember 1963 wurde Kenia in die Unabhängigkeit entlassen, zunächst als Monarchie. Am 12. Dezember 1964 wurde Kenia in eine Republik umgewandelt mit Kenyatta als ihrem ersten Staatspräsidenten.
Entgegen den Befürchtungen der weißen Siedler stellte sich die von der schwarzen Bevölkerungsmehrheit getragene Regierung als gemäßigt, prowestlich und progressiv dar. Obwohl Kenia seit Ende der sechziger Jahre praktisch ein Einparteienstaat war (wichtige Oppositionsparteien wurden verboten), herrschte innerhalb der Partei ein vergleichsweise hohes Maß an Freiheit, die allerdings immer wieder auch zu Spannungen in Personal-, aber auch in politischen Fragen führte. Durch die Landreform, die zwar die Kikuyu bevorzugte, wurden die verschiedenen ethnischen Gruppen erst einmal ruhiggestellt. Zu den Nachbarstaaten suchte Kenia freundschaftliche Beziehungen aufzubauen, was jedoch insbesondere gegenüber Uganda unter Idi Amin nicht einfach war. 1967 gründeten die drei Staaten Kenia, Tansania und Uganda die Wirtschaftsunion der Ostafrikanischen Gemeinschaft, die damals als vielversprechender Schritt zu einer politischen Einigung galt. Die Gemeinschaft verlor allerdings bald an Bedeutung und zerbrach 1977, dennoch spielten die Mitgliedsstaaten zu Beginn der achtziger Jahre mit dem Gedanken, sie wieder aufleben zu lassen. Die stabilen Verhältnisse unter der Regierung Kenyatta sorgten dafür, dass erhebliche Auslandsinvestitionen in das Land flossen. In der Nähe von Thika entstand ein Industriezentrum, und Nairobi wurde modernisiert. Dank der Nationalparks und Wildreservate kam es zu einem gewaltigen Aufschwung in der Tourismusbranche, die zur wichtigsten Devisenquelle des Landes wurde. In seinem Todesjahr 1978 wurde Kenyatta – von seinem Volk und einer Reihe von Staatsmännern aus aller Welt – der Titel Mzee (weiser alter Mann) verliehen. Die Befürchtungen, es könne nach dem Tod Kenyattas zu einem Bürgerkrieg zwischen den ethnischen Gruppen, vor allem zwischen den Luo und den Kikuyu kommen, stellten sich als unbegründet heraus. Kenyattas Nachfolger, Daniel Arap Moi, setzte zunächst den Kurs seines Vorgängers fort; seine Wirtschaftspolitik erwies sich jedoch als wenig erfolgreich und führte zu einer Rezession. Im August 1982 unternahmen Luftwaffenoffiziere einen Putschversuch gegen Moi, der blutig niedergeschlagen wurde. In der Folge machte Moi Kenia per Verfassungsänderung zu einem Einparteienstaat und suchte seine Position durch Repressionen – die Opposition wurde unterdrückt, Oppositionelle verhaftet und zahlreiche Grundrechte außer Kraft gesetzt – zu sichern. Begleitet wurde sein zunehmend autoritäres Regime durch fortschreitende Korruption und Misswirtschaft; wirtschaftliche Probleme und wachsende soziale Unruhen waren die Folge. Vor allem auf Druck des westlichen Auslandes, das seine Wirtschaftshilfen für Kenia einstellte, aber auch aufgrund der Unruhen im Inneren führte Moi 1991 das Mehrparteiensystem wieder ein. Aus den darauf folgenden Parlaments- und Präsidentenwahlen im Dezember 1992, den ersten echten Mehrparteienwahlen seit 26 Jahren, gingen Moi und KANU mit großer Mehrheit als Sieger hervor. Die Wahlen, bei denen sämtliche Parteien Stammesloyalitäten in den Vordergrund gerückt hatten, lösten jedoch eine Welle ethnischer Gewalt aus, unter der die ehemals privilegierten Kikuyu am meisten zu leiden hatten; bis Mitte der neunziger Jahre wurden Zehntausende aus ihren Häusern vertrieben und Hunderte getötet. Auch Oppositionelle sahen sich wieder zunehmender Repression ausgesetzt. Auf Betreiben der Weltbank wurden harte Wirtschaftsreformen durchgesetzt, zu denen auch die Bekämpfung der Korruption gehörte, die jedoch kaum Erfolge zeitigte. Die Maßnahmen führten aber auch zu einer erhöhten Inflationsrate, zu größerer Arbeitslosigkeit und massiven Einschnitten bei den staatlichen Sozialleistungen. 1996 lebte die Ostafrikanische Gemeinschaft zwischen Kenia, Uganda und Tansania wieder auf; 2005 wurde eine Zollunion zwischen den drei Staaten verwirklicht, und später traten noch Ruanda und Burundi der Gemeinschaft bei. Bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Dezember 1997 wurde Moi erneut im Amt und die KANU als absolut stärkste Kraft bestätigt. Von Moi angekündigte demokratische Reformen wurden wiederholt verschoben. Als zweifelhaftes Zeichen seiner Kooperationsbereitschaft berief Moi 1999 Richard Leakey, einen seiner schärfsten Kritiker, zum Chef des öffentlichen Dienstes. In dieser Funktion, in der er unmittelbar dem Präsidenten unterstellt war, sollte Leakey auch die Korruption bekämpfen – eine Aufgabe, an der er zwangsläufig scheitern musste, so dass er 2001 wieder entlassen wurde. Im Vorfeld der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Dezember 2002 schlossen sich im Februar 2002 mehrere Oppositionsparteien – darunter die Democratic Party (DP), das Forum for the Restoration of Democracy (FORD) und die neu gegründete National Party of Kenya (NPK) – zum Wahlbündnis National Rainbow Coalition (NARC) zusammen. Dessen Kandidat, Mwai Kibaki, setzte sich bei den Präsidentschaftswahlen gegen den KANU-Kandidaten Uhuru Kenyatta, einen Sohn von Jomo Kenyatta, durch und löste Moi, der nicht mehr kandidieren durfte, im Präsidentenamt ab. Bei den Parlamentswahlen errangen NARC-Kandidaten mit 125 der insgesamt 210 Sitze die absolute Mehrheit; damit endete die seit 1963 bestehende KANU-Dominanz im Parlament. Kibaki stellte umfangreiche Reformen in Aussicht, vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Bildung; außerdem sollte mit der Bekämpfung der Korruption Ernst gemacht werden, und es sollte innerhalb von 100 Tagen der Entwurf für eine neue Verfassung vorgelegt werden. Von den ehrgeizigen Reformprojekten wurden allerdings nur wenige tatsächlich umgesetzt; am nachdrücklichsten wurde zunächst noch die Korruptionsbekämpfung betrieben, nicht zuletzt, um Weltbank und Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu zu veranlassen, die seit Jahren eingefrorenen Kredite wieder auszuzahlen. Tatsächlich nahmen Weltbank und IWF die Zahlungen wieder auf, allerdings nur für kurze Zeit, nämlich bis offenbar wurde, dass sich auch Mitglieder der Regierung Kibaki rücksichtslos aus der Staatskasse bedienten. Auch die Verfassungsfrage kam nur schleppend voran und war von heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der NARC und großem Unmut der Bevölkerung begleitet. Schließlich legte die Regierung im November 2005 der Bevölkerung einen Verfassungsentwurf zur Abstimmung vor, der allerdings nicht, wie ursprünglich zugesagt, eine Beschränkung der Macht des Präsidenten und die Einführung des Amtes eines mit großen Kompetenzen ausgestatteten Ministerpräsidenten enthielt, sondern die Macht des Präsidenten sogar noch erweiterte. Die Bevölkerung sprach sich mit rund 58 Prozent der Stimmen gegen den Entwurf aus, und auch einige NARC-Parteien, darunter die Liberal Democratic Party (LDP) des Infrastrukturministers Raila Odinga, lehnten ihn ab. All jene Minister, die sich kritisch über den Verfassungsentwurf geäußert hatten, waren nach einer unmittelbar nach dem gescheiterten Referendum durchgeführten Kabinettsumbildung nicht mehr in der Regierung vertreten. Außerdem führte das gescheiterte Referendum zu einer Auflösung des (von Beginn an instabilen) Regierungsbündnisses NARC und zu einer Umstrukturierung der Parteienlandschaft, die in der Herausbildung zweier Parteienbündnisse mündete: des Oppositionsbündnisses Orange Democratic Movement (ODM) mit Odinga an der Spitze und der von Kibaki geführten Party of National Unity (PNU), die auch von der KANU unterstützt wurde. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Dezember 2007 manifestierten die tiefe Spaltung, die das Land seit zwei Jahren prägte. Nach Angaben der Wahlkommission gewann der Amtsinhaber Kibaki mit 46 Prozent der Stimmen vor seinem Herausforderer Odinga (44 Prozent); jedoch sprachen sowohl die ODM-Opposition als auch internationale Wahlbeobachter von massiven Manipulationen bei der Stimmenauszählung. ODM und Odinga erkannten das Ergebnis nicht an, überall im Land kam es zu Demonstrationen gegen das Wahlergebnis und die Regierung Kibaki, die bald in blutige Unruhen vor allem zwischen Kikuyu, dem Volk Kibakis, und Luo, denen Odinga angehörte, umschlugen; das Land stand am Rand eines umfassenden Bürgerkrieges. Bei den Parlamentswahlen wurde das ODM stärkste Kraft und kam zusammen mit ihr nahestehenden Parteien auf etwa die Hälfte der Mandate. In langwierigen Verhandlungen einigten sich Kibaki und Odinga unter Vermittlung des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan im Februar 2008 schließlich auf eine Teilung der Macht; die Vereinbarung beinhaltete auch eine Beschneidung der Macht des Präsidenten und die Einsetzung eines Premierministers. Die Unruhen, die etwa 1 500 Opfer gefordert hatten, flauten nach dieser Einigung spürbar ab.
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