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Amerikanische LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Kolonialzeit und Aufklärung; Unabhängigkeitskrieg und 18. Jahrhundert; 19. Jahrhundert; 20. Jahrhundert
Die Zeit zwischen 1815 und 1861 gilt als First National Period, also als erste nationale Phase der amerikanischen Literatur. Kennzeichnend für diese Epoche ist eine Betonung der schöpferischen Vorstellungskraft, eine Entwicklung, die nach dem Krieg von 1812 ihren Anfang nahm und in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt ereichte. Zwischen 1850 und 1860 entstanden mehr hochkarätige literarische Werke als in den vorangegangenen Jahrzehnten. In der amerikanischen Geschichte markiert der Bürgerkrieg den Übergang von der eher beschaulichen Vorkriegszeit ins bewegte Industriezeitalter. Viele der führenden Schriftsteller der Vorkriegszeit publizierten zwar nach dem Krieg weiter, boten jedoch in ihren nach 1865 entstandenen Werken wenig Neues. Die junge Nation stand zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor der Herausforderung, ihre kulturelle Identität erst noch zu schaffen. Die Literaten jener Zeit gingen dabei unterschiedliche Wege. Unter Vorwegnahme der später von dem Essayisten Ralph Waldo Emerson und dem Dichter Walt Whitman entwickelten Standpunkte vertraten manche Schriftsteller die Ansicht, dass tief greifende politische Änderungen eine vollkommen neue Literatur erforderten; Zentrum hierfür war New York. Andere wiederum, von denen die meisten in Boston ansässig waren, befürworteten eine Orientierung an europäischen literarischen Normen. In Boston entstanden während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts nur wenige bedeutende Werke; Erwähnung verdient jedoch die Gründung der lange Zeit einflussreichen literarischen Vierteljahresschrift The North American Review im Jahr 1815. In New York wirkten die drei ersten Vertreter einer national geprägten, aber dennoch kosmopolitische Merkmale aufweisenden literarischen Strömung Washington Irving, William Cullen Bryant und James Fenimore Cooper. Mit seinem Roman A History of New York, From the Beginning of the World to the End of the Dutch Dynasty, by Diedrich Knickerbocker (1809, Die Handschrift Diedrich Knickerbockers des Jüngeren; auch: Humoristische Geschichte von New York) schuf Irving nicht nur die Figur des legendären Vaters der Stadt, sondern auch eine mit Elementen des komischen Epos und der politischen Satire gekoppelte parodistische Chronik New Yorks. A History of New York gilt gemeinhin als erster humoristischer Roman der USA. Eine weitere wichtige Publikation Irvings ist The Sketch-Book of Geoffrey Crayon, Gent (1819-1820, Gottfried Crayons Skizzenbuch), mit dem er – insbesondere mit den Geschichten über Rip Van Winkle und der Sage von Ichabod Crane (in The Legend of Sleepy Hollow) – die amerikanische Legendenwelt bereicherte (die Geschichte von Rip van Winkle wurde später von Max Frisch in seinem Roman Stiller wieder aufgegriffen). Trotz ihres Versuchs eines typisch amerikanischen Schreibens orientierten sich Irvings Werke am Stil der englischen Erzählprosa des 18. Jahrhunderts, wie ihn vor allem der Schriftsteller Oliver Goldsmith pflegte; eine Biographie Goldsmiths veröffentlichte Irving 1849. Nach dessen Vorbild griff er auch historische Themen auf: So sind die Geschichten in The Alhambra (1832, Die Alhambra oder das neue Skizzenbuch) im Spanien einer Zeit des Übergangs zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert angesiedelt. Weniger erfolgreich war Irvings Reisebericht A Tour of the Prairies (1835) über den amerikanischen Westen. Der Autor verfasste außerdem umfangreiche biographische Abhandlungen über Christoph Kolumbus (1828) und George Washington (5 Bde., 1855-1859). William Cullen Bryant stammte aus Massachusetts und ließ sich 1825 in New York nieder, wo ihn sein bekanntestes Gedicht Thanatopsis 1817 mit einem Schlag berühmt werden ließ. Bryant verfasste nicht nur Lyrik, sondern verfasste auch fiktive Prosa und Reiseberichte. Ferner trat er als Autor literaturtheoretischer Schriften über Lyrik und mit kongenialen Übersetzungen der Werke Homers hervor. Von 1829 bis zu seinem Tod 1878 war Bryant Herausgeber der liberalen Zeitung New York Evening Post; in dieser Funktion setzte er sich mit seinen Artikeln vornehmlich für die Abschaffung der Sklaverei ein. James Fenimore Cooper erreichte als erster amerikanischer Autor nach Franklin internationale Bekanntheit. Seine berühmten Lederstrumpf-Romane The Pioneers (1823, Die Ansiedler), The Last of the Mohicans (1826, Der letzte Mohikaner), The Prairie (1827, Die Prärie), The Pathfinder (1840, Der Pfadfinder) und The Deerslayer (1841, Der Wildtöter) sind nach dem Vorbild der historischen Waverley-Romane Sir Walter Scotts angelegt und zeichnen ein eindrucksvolles Bild Nordamerikas. In der endlosen Weite der Landschaft aus Wäldern und Seen spielen die Abenteuer seines Romanhelden, des Grenzers Natty Bumppo, der mit Jägern, Indianern und feindlich gesinnten Europäern konfrontiert wird. Mit seinen Seeromanen, von denen The Pilot (1823) der wohl populärste wurde, übertraf Cooper die Werke früherer Schriftsteller an atmosphärischer Dichte und Detailtreue. Auch gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und religiöse Aspekte des amerikanischen Alltags flossen in seine Erzählprosa ein, so auch in die Littlepage-Trilogie, die zwischen 1845 und 1846 publiziert wurde. Mit seinen grandios komponierten Romanen wirkte Cooper auch auf europäische Schriftsteller, namentlich auf den Franzosen Honoré de Balzac und in neuerer Zeit auf den Engländer D. H. Lawrence. Zu jenen Schriftstellern der amerikanischen Literatur, die sich verstärkt einer europäischen Tradition verschrieben, zählten die so genannten Cambridge Poets, die alle mehr oder weniger mit Harvard verbunden waren. Der Aristokrat Henry Wadsworth Longfellow war das bekannteste Mitglied dieses kosmopolitisch orientierten Literatenkreises; er verarbeitete in seinen Werken die religiösen, patriotischen und kulturellen Vorstellungen der Mittelschicht. Darüber hinaus trat er als Übersetzer europäischer Literatur hervor. (Besonders eindrucksvoll ist seine Divine Comedy of Dante Alighieri, 3 Bde., 1865-1867, seine Übersetzung der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri.) Darüber hinaus schrieb er formal vollendete Lyrik religiösen und moralischen Inhalts und etablierte sich als der im 19. Jahrhundert bedeutendste amerikanische Verfasser von Sonetten. In mehreren Versepen zu Themen der amerikanischen Geschichte und des indianischen Mythenkosmos, darunter Evangeline (1847), The Song of Hiawatha (1855, Das Lied von Hiawatha) und The Courtship of Miles Standish (1858, Miles Standishs Brautwerbung), besang Longfellow das Leben in der Neuen Welt in hymnisch-elegischem Ton. Kaum noch Bedeutung hat heute das Werk des Arztes und Schriftstellers Oliver Wendell Holmes. Unbestritten ist jedoch, dass er mit seinen Gedichten und Prosawerken – insbesondere mit seinen zwölf Essays, die in Buchform unter dem Titel The Autocrat of the Breakfast-Table (1858, Der Tisch-Despot; auch: Der Professor am Frühstückstisch) erschienen – dazu beitrug, den starken Einfluss des Puritanismus auf das amerikanische Denken zurück zu nehmen. Der Dichter und Kritiker James Russell Lowell galt einst als amerikanisches Pendant Johann Wolfgang von Goethes; heute ist sein Werk vor allem von historischer und kulturgeschichtlicher Bedeutung. Mit seinen lebendigen Verssatiren, die als Biglow Papers in zwei Serien erscheinen (1848 und 1867), seiner berühmten patriotischen Dichtung, die als The Harvard Commemoration Ode in den USA weithin bekannt wurde, und seiner Sammlung kritischer Essays, Among My Books (2 Bde., 1870 und 1876), erweiterte und bereicherte er nicht nur das literarische Spektrum, sondern prägte auch das amerikanische Nationalbewusstsein. Im weiteren Sinn zählte auch der Dichter John Greenleaf Whittier zu den Cambridge poets. Bekannt wurde vor allem sein Gedicht Snow-Bound (1866). Ferner schrieb er religiöse Lyrik. Auch befürwortete er die Sklavenbefreiung, was beispielsweise in seinem antithetisch angelegten Gedicht Massachusetts to Virginia (1843) deutlich zum Ausdruck kommt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Sklavenfrage in den Vereinigten Staaten mehr und mehr zu einem kontrovers diskutierten Thema. Diese Tendenz verstärkte sich zur Mitte des Jahrhunderts hin. Die in dieser Zeit entstandenen Werke afroamerikanischer Autoren geißelten die Sklaverei als unmoralisch, schilderten dramatisch die entwürdigende Situation der Farbigen im Land und wandten sich gegen die romantisierende Darstellung des Sklavendaseins, wie sie in der Zeit vor dem Sezessionskrieg von Südstaatenschriftstellern gepflegt wurde, die der so genannten Plantation Tradition (Tradition der Plantagen) verpflichtet waren. Als bedeutende Werke zum Thema Sklaverei gelten die drei autobiographischen Schriften des in der Abolitionistenbewegung engagierten Schriftstellers Frederick Douglass. Sein Buch Narrative of the Life of Frederick Douglass, an American Slave (Aus dem Leben des Frederick Douglass als Sklave in Amerika, von ihm selbst erzählt) erschien 1845, kurz nach seiner Flucht aus Maryland, wo er bis zu diesem Zeitpunkt selbst Sklave gewesen war. Erweiterte Fassungen seiner Abhandlung folgten 1855 (My Bondage and My Freedom, Ein Stern weist nach Norden) und 1881 (Life and Times of Frederick Douglass, letztmals überarbeitet 1892). Ein weiteres wichtiges Werk ist The Condition, Elevation, Emigration, and Destiny of the Colored People of the United States (1852) von Martin Robinson Delany, der von Literaturwissenschaftlern und Historikern mittlerweile als erste national geprägte Stimme eines Farbigen betrachtet wird. Der Geschichtswissenschaftler, Romancier und Dramatiker William Wells Brown befreite sich 1834 aus der Sklaverei. Sein Clotel; or, The President’s Daughter: A Narrative of Slave Life in the United States, der 1853 in London erschien, ist der erste Roman eines afroamerikanischen Autors. Zentrales Thema ist die so genannte „Rassenmischung”. Es wurde später von anderen Autoren des 19. Jahrhunderts aufgegriffen, die wie Brown im Zwiespalt zwischen ihrer afrikanischen Herkunft und der Notwendigkeit, in den Vereinigten Staaten Wurzeln zu schlagen, lebten. Zu den kulturell interessierten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gehören auch die Essayisten Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, die beide als Vertreter des Transzendentalismus gelten, sowie die Schriftsteller Nathaniel Hawthorne und Herman Melville. In seinem berühmten Pamphlet The American Scholar (1837), die auf einer seiner Reden basiert, wandte sich Emerson strikt gegen das gemäßigte kosmopolitische Denken und proklamierte einen intuitiven und von Natur-Idealen geleiteten Individualismus, wie er ihn in seinem programmatischen Essay Nature (1836), seiner Rede Address at Divinity College (1838), seinen zwei Essayfolgen (1841 und 1844) und dem Werk Representative Men (1850, Repräsentanten der Menschheit) zum Ausdruck brachte. Ähnliche Philosophien entwickelten sich auch in Deutschland und Großbritannien; Emerson vertrat die Denkweise amerikanischer Ausprägung. Thoreaus Schriften fanden im Allgemeinen weniger Verbreitung als die Emersons. Eine Ausnahme bildet sein Buch Walden; or, Life in the Woods (1854, Walden oder Das Leben in den Wäldern), das bis in die heutige Zeit auch außerhalb der USA eine größere Leserschaft hat als jedes Werk Emersons. Thoreaus Essay Civil Disobedience (1866; 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government; Widerstand gegen die Regierung) übte weltweit politischen Einfluss aus, und die Schrift Life Without Principle, die als Zusammenstellung von Tagebuchaufzeichnungen Thoreaus 1863 posthum erschien, belegt eindrucksvoll seine Vorstellung, dass der Mensch ohne charakterliche Integrität nicht bestehen kann. Emerson lehnte die Sklavenhaltung ab; Thoreau dagegen engagierte sich auch aktiv als Gegner der Sklaverei; seine Schriften werden noch heute zur Argumentation gegen Praktiken herangezogen, die die Funktion des Menschen auf seine bloße Arbeitskraft reduzieren. Hawthorne zählt mit seinem Meisterwerk The Scarlet Letter (1850, Der scharlachrote Buchstabe) unzweifelhaft zu den großen Literaten Amerikas. Seine Person und die Vielfalt seines literarischen Schaffens sind immer wieder Gegenstand kritischer Untersuchungen und Neuinterpretationen von Seiten der Amerikanistik. Von seiner zeitgenössischen Leserschaft wurde er zumeist als der verträumte Romantiker empfunden, als der er sich selbst gern zu stilisieren pflegte. Später wandelte sich aufgrund neuer Erkenntnisse das Bild, so dass die träumerisch-verklärenden Aspekte seines Werks immer mehr in den Hintergrund traten. Heute gilt Hawthorne nicht zuletzt als bisweilen boshafter Zeitkommentator, der Ereignisse des öffentlichen Lebens und individuelle Verhaltensweisen mitunter kritisch zu beleuchten verstand. Zudem wird seine Bedeutung als Meister des psychologischen Romans immer mehr herausgestellt. Im Mittelpunkt vieler Erzählungen Hawthornes, die gesammelt als Twice-Told Tales (2 Bde., 1837 und 1842, Zweimal erzählte Geschichten) und Mosses from an Old Manse (1846) erschienen, steht, ebenso wie in seinen Romanen The House of the Seven Gables (1851, Das Haus der sieben Giebel), The Blithedale Romance (1852, Blithdale) und The Marble Faun (1860, Der Marmorfaun), die Auseinandersetzung zwischen guten und bösen Kräften in der menschlichen Psyche. Noch tief greifender war der Wandel in der Bewertung des literarischen Schaffens des Schriftstellers Herman Melville. Nachdem er in seinem ersten Roman Typee: A Peep at Polynesian Life (1846, Taipi; auch: Vier Monate auf den Marquesas-Inseln) seine abenteuerlichen Erlebnisse unter den Bewohnern geschildert hatte, schuf er mit den Romanen Mardi (1849) und insbesondere mit seinem Meisterwerk Moby-Dick; or, The White Whale (1851, Moby Dick oder Der weiße Wal), das er seinem Freund Hawthorne widmete, zwei von Zeitgenossen ignorierte Meisterwerke der Gattung. Sein Buch Pierre: or the Ambiguities (1852, Pierre) stieß ebenfalls bei den Lesern auf Ablehnung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet Melvilles literarisches Werk in Vergessenheit und wurde erst im 20. Jahrhundert neu entdeckt und gewürdigt. Wie Hawthornes Werke, so kreisen auch Melvilles Romane um das Phänomen des Bösen, das er, etwa in Moby Dick, mit enzyklopädischem Wissen verquickt, religiös-allegorisch deutete. Eine Ausnahme bildet die erst 1924 posthum veröffentlichte tragische Erzählung Billy Budd, Foretopman (Billy Budd), in der der engelsgleiche Titelheld an der Boshaftigkeit seines Vorgesetzten scheitert; hier ist der Kampf zwischen Gut und Böse äußerst realistisch ausgestaltet. Zu den bedeutendsten Literaten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zählt der Dichter, Kritiker und Verfasser bedeutender Kurzgeschichten, Edgar Allan Poe. Er stammte zwar aus dem amerikanischen Süden, verarbeitete in seinem Werk jedoch nicht die charakteristischen Themen anderer Schriftsteller dieser Region. Neben seiner Tätigkeit als Journalist schuf er einen abgeschlossenen Kosmos, dessen unheimliche, teils apokalyptische Phantasiewelt in sich mit konsequenter Logik ausgestaltet ist. Diese Logik äußert sich auch in seinen kritischen Schriften, die u. a. die „korrekte”, nahezu mathematisch-logische Konstruktion eines gelungenen Gedichts beschreiben. Mit seiner Lyrik übte Poe großen Einfluss auf den französischen Symbolismus aus; seine Erzählungen, die u. a. in dem Band Tales of the Grotesque and Arabesque (1840) erschienen, gehören zu den eindrucksvollsten Werken der Schauerromantik. Mit The Murders in the Rue Morgue (1841, Der Doppelmord in der Rue Morgue) begründete Poe die Gattung der Detektivgeschichte und schuf somit ein weithin populäres Genre; es folgten The Purloined Letter (1844, Der stibitzte Brief) und weitere Erzählungen. Mit The Raven (1845, Der Rabe) über die dunkle Beschwörung einer verlorenen Geliebten schuf er einen grandiosen, häufig zitierten Beleg seines poetologischen Modells; er wurde von Hans Wollschläger und Arno Schmidt kongenial ins Deutsche übertragen. Auch Dichtungen wie Ulalume (1847) faszinieren noch heute mit ihrer dunkel-melodischen Metaphorik. Ein weiterer, über die Grenzen Nordamerikas hinaus bedeutsamer Autor war der Lyriker Walt Whitman, dessen Dichterpersönlichkeit Generationen nachfolgender Autoren beeinflusste. Nach frühen, wenig erfolgreichen Versuchen als Schriftsteller schrieb Whitman 1855 die erste Fassung seines Gedichtbandes Leaves of Grass (Grashalme), den er in den folgenden Jahren bis 1882 immer wieder überarbeitete und erweiterte. Mit den von Johannes Schlaf übertragenen Grashalmen prägte Whitman die Dichtung des so genannten Neuen Pathos im Expressionismus nachhaltig. Seine weitere Dichtungen und Essays, darunter Drum-Taps (1865, Trommelschläge), Democratic Vistas (1871, Demokratische Ausblicke) und Specimen Days & Collect (1882), sind als Ergänzungen zu diesem seinem Hauptwerk zu betrachten. Whitmans dichterisches Selbstverständnis erforderte eine neuartige freie Versform, in der er das Denken und Erleben des Menschen, aber auch das im Expressionismus enthusiastisch rezipierte „Wir”-Gefühl besang. In langen rhythmisch-pathetischen Verszeilen verlieh er – wortgewaltig auch in Details – einer mystisch-kosmologischen Zusammengehörigkeit aller Wesen zur Schöpfung Ausdruck und pries in seiner intellektuell geprägten Lyrik die spirituelle Kraft der Demokratie des „kraftvollen einfachen Volkes”.
Niemand geringerer als der amerikanische Präsident Abraham Lincoln bezeichnete die Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe wegen ihres Romans Uncle Tom’s Cabin (1852, Onkel Toms Hütte) im Scherz einmal als „kleine Frau, die den großen Krieg ausgelöst hat”. Zwar ist ihr Buch keine literarische Meisterleistung, doch entsprach sein Inhalt so stark der abolitionistischen Haltung der amerikanischen Nordstaaten, dass es enorme politische Wirkung hatte. Auch Lincoln selbst verfasste gelegentlich Prosawerke, die sich durch einen gemessenen und präzis-pointierten Stil auszeichnen. Prägend wirkte er auf die amerikanische Rhetorik, indem er sich unter dem Eindruck des Bürgerkrieges von dem überladenen Stil, wie ihn der Politiker Daniel Webster pflegte, abkehrte und sich stattdessen mit einer eher nüchternen Sprache an das amerikanische Volk wandte. Beispielhaft kommt dies etwa in seiner berühmten Rede bei Gettysburg (1863) und in der Antrittsrede zu seiner zweiten Amtszeit als Präsident 1865 zum Ausdruck. Nach Kriegsende trat eine neue Generation junger Schriftsteller an die Öffentlichkeit, insbesondere im Bereich der erzählenden Prosa. Mehrere zusammenwirkende Faktoren beeinflussten in der Nachkriegszeit die weitere Entwicklung der amerikanischen Literatur. So ließen sich in New York immer mehr Verlage nieder, neue Methoden zur Herstellung von Printmedien wurden entwickelt, und die Verkaufs- und Vertriebswege für Verlagsprodukte konnten erweitert und verbessert werden. Auch bewirkte die Entwicklung des öffentlichen (staatlichen) Schulsystems ein insgesamt höheres Bildungsniveau in der Bevölkerung, so dass nicht nur die potentielle Leserschaft zunahm, sondern auch dank der Vermittlung von Literatur- und Fremdsprachenkenntnissen das Interesse an der heimischen Literatur wie auch an den Werken ausländischer Schriftsteller wuchs. Hinzu kam die wachsende Bedeutung von Literaturzeitschriften. Die Jahrzehnte nach 1870 wurden zu einer Art „goldenem Zeitalter” im amerikanischen Zeitschriftenwesen. Hohes Ansehen genoss das einflussreiche Magazin Atlantic Monthly, das 1857 – und damit vier Jahre vor Ausbruch des Bürgerkrieges – gegründet wurde. Herausgegeben wurde es von James Russell Lowell, der Geschichten mit Lokalkolorit bevorzugte und auf diese Weise bewirkte, dass in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl von Werken dieser Art geschrieben wurde. Die Autoren der Südstaaten zeichneten in ihren Werken ein emotional geprägtes Bild des amerikanischen Südens zur Zeit der Konföderation; zu ihnen zählen George Washington Cable mit seinem Erzählungenband Old Creole Days (1879, Aus der alten Kreolenzeit), Joel Chandler Harris als Schöpfer der berühmten Onkel-Remus-Geschichten, die 1880 unter dem Titel Uncle Remus, His Songs and Sayings erschienen, sowie der Maler und Schriftsteller Francis Hopkinson Smith, der das Werk Colonel Carter of Cartersville (1891) verfasste. Auch die aus Louisiana stammende Schriftstellerin Kate O’Flaherty Chopin gehört zu den Literaten dieser Epoche, wird jedoch bisweilen auch den Realisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts zugerechnet. Ihr letzter und zugleich bedeutendster Roman trägt den Titel The Awakening (1899, Das Erwachen); darin schildert O’Flaherty die Lebenswelt der Kreolen und den Kampf einer Frau um ein unabhängiges und erfülltes Dasein inmitten einer von Männern dominierten Welt. Neuenglisches Lokalkolorit kennzeichnet die Kurzgeschichten der Schriftstellerin Sarah Orne Jewett, die zumeist in Maine spielen und gesammelt in dem Band The Country of the Pointed Firs (1896, Das Land der spitzen Tannen) veröffentlicht wurden. Die Goldfelder Kaliforniens waren Schauplatz der Erzählungen des Autors Bret Harte, dessen The Luck of Roaring Camp and Other Sketches (1870, Das Glück von Roaring Camp) exemplarisch für die Regionalliteratur des amerikanischen Westens ist. Auch in der Lyrik schlug sich die Vorliebe für regionale Themen nieder. Beispielhaft für diese Entwicklung sind die Werke der Dichter Joaquin Miller und James Whitcomb Riley, die in ihren Dichtungen lokale Begebenheiten aus dem Mittelwesten verarbeiteten. Zwischen 1865 und 1910 entstanden verhältnismäßig wenige dichterische Werke. Eine Anthologie, in deren Zusammenstellung sich der damalige Zeitgeschmack spiegelt, erschien unter dem Titel An American Anthology, 1787-1899 (1900); Sie wurde von dem konservativen Kritiker Edmund Clarence Stedman herausgegeben. Noch heute von Bedeutung sind die Dichtungen des führenden Südstaaten-Lyrikers Sidney Lanier. Seine bekanntesten Gedichte sind The Marshes of Glynn (1879) und The Revenge of Hamish (1878). Auch der Dichter und Philosoph George Santayana schuf formal vollendete Lyrik, die er in seinem Gedichtband Sonnets and Other Verses (1894) veröffentlichte. Die balladesken Gedichte des aus Ohio stammenden Schriftstellers Paul Laurence Dunbar erschienen in mehreren Sammlungen, darunter Lyrics of a Lowly Life (1896), und wurden in ganz Amerika gelesen. Zu ihren Lebzeiten vollkommen unbekannt war die Lyrikerin Emily Dickinson, die heute als eine der bedeutendsten Dichterinnen ihrer Epoche allgemeine Anerkennung genießt. Ihr erster Gedichtband (Poems, 1890) erschien posthum vier Jahre nach ihrem Tod; er wurde bis Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts kaum gelesen.
Ausgehend von den Romanen Washington Irvings, bilden humoristische Werke in der amerikanischen Literatur eine eigene Kategorie. Das Spektrum ihrer Ausrichtung erstreckt sich von volkstümlich orientierten Werken bis hin zur intellektuellen Satire. In der ersten Sparte finden sich häufig Dialektelemente, wie dies in Lowells Verssatire The Biglow Papers und den früher entstandenen Werken von Autoren aus dem südwestlichen Grenzgebiet der Fall ist. Zu letzteren gehören die humoristischen Skizzen des Bandes Georgia Scenes, die der Geistliche und Schriftsteller Augustus Baldwin Longstreet 1835 vorlegte. Seit der Jahrhundertmitte waren dann dialektale Wendungen und Schreibweisen ein beliebtes Stilmittel, um den humoristisch-volksnahen Tenor von Vorträgen und Zeitungskolumnen zu betonen. Vertreter dieser späteren Phase waren die Humoristen Josh Billings (Josh Billings, His Sayings, 1865), Petroleum V. Nasby (The Nasby Papers, 1864) und Artemus Ward (Artemus Ward, His Book, 1862). In umgangssprachlicher Diktion nahmen sie nicht nur menschliche Schwächen satirisch aufs Korn, sondern kommentierten auch politische Ereignisse und hatten auf diese Weise beträchtlichen Einfluss auf die öffentliche Meinung. Ein späterer Vertreter dieses Genres war Finley Peter Dunne, der die literarische Figur des irischen Gastwirtes Mr. Dooley erdachte, um in dessen Dialekt und aus dessen Sicht das Zeitgeschehen zu kommentieren; zu seinen Werken zählt u. a. Mr. Dooley’s Opinions (1901). Volkstümlich-humoristisch orientiert war auch das literarische Schaffen eines der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit: Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain. Sein erstes Werk The Celebrated Jumping Frog of Calaveras County and Other Sketches (1867, Jim Smileys berühmter Springfrosch) lehnte sich noch stark an die Tradition der mündlichen Erzählung an. In seinen erfolgreichen Büchern The Innocents Abroad (1869, Die Arglosen auf Reisen), Roughing It (1872, Im Gold- und Silberland) und Life on the Mississippi (1883, Leben auf dem Mississippi) finden sich sowohl journalistische wie auch literarische Elemente. Mark Twains hervorragendste Texte sind zweifellos die Romane The Adventures of Tom Sawyer (1876, Die Abenteuer Tom Sawyers) und The Adventures of Huckleberry Finn (1884, Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn), mit denen er zwei Meisterwerke der amerikanischen Prosaliteratur des ausgehenden 19. Jahrhunderts schuf. Twains Stärke bestand darin, dass er es verstand, seine jugendlichen Helden einfühlsam und zugleich humorvoll-realistisch abzubilden; dabei spielte die Gossensprache der Jugend eine zentrale Rolle – ein Umstand, wegen dem seine Romane lange Zeit (und fälschlicherweise) ausschließlich der Kinder- und Jugendliteratur zugerechnet wurden. In diesem Zusammenhang lassen sich Twains Romane Tom Sawyer und Huckleberry Finn mit dem Buch Little Women (1868/69, Kleine Frauen) von Louisa May Alcott vergleichen. In diesem in den USA nach wie vor außergewöhnlich populären Roman setzte sich die Autorin – wie auch in vielen anderen ihrer Werke – mit Problemen heranwachsender Jugendlicher auseinander. In Twains späteren Romanen, darunter The Man That Corrupted Hadleyburg (1900, Wie die Stadt Hadleyburg verderbt wurde; auch: Der Mann, der Hadleyburg korrumpierte), dem eindrucksvollen Werk The Mysterious Stranger (1916, Der geheimnisvolle Fremde) und seiner philosophischen Abhandlung What is Man? (1906) überwiegt die pessimistische Satire, wie sie bereits in seinem wesentlich früher entstandenen Roman The Gilded Age (1873, Das vergoldete Zeitalter) erkennbar war. Twains Freund und Ratgeber, der Romancier und Kritiker William Dean Howells, vertrat in seinen literaturtheoretischen Abhandlungen die Ansicht, dass die Literatur das wirkliche Leben abbilden solle, und führte dies eindrucksvoll in seiner Abhandlung Criticism and Fiction (1891) aus. Seine Theorie setzte er in einer Reihe eigener Romane in die Praxis um, darunter A Modern Instance (1882), The Rise of Silas Lapham (1885, Die große Versuchung) und A Hazard of New Fortunes (1890), und belegte auf diese Weise anschaulich seine Überzeugung, dass Literatur in erster Linie gegenwartsbezogen und realistisch zu sein habe. Besonders prägnant und lebensnah porträtierte Howells typisch amerikanische Zeiterscheinungen. Howells gehörte zu einer Generation von amerikanischen Realisten bzw. Naturalisten, zu denen insbesondere auch die Schriftsteller Hamlin Garland mit seinem Kurzgeschichtenband Main-Travelled Roads (1890), Stephen Crane mit seinem berühmten naturalistischen Roman The Red Badge of Courage (1895, Das Blutmal; auch: Das rote Siegel) und Frank Norris mit den Romanwerken McTeague (1899, Gier nach Gold; auch: Heilloses Glück) und The Octopus (1901, Der Oktopus) zu rechnen sind. Herausragend unter den Schriftstellern dieser Epoche ist der vor allem auch als Satiriker bekannte Ambrose Gwinett Bierce, dessen Erzählungen u. a. unter dem Titel In the Midst of Life (1898, Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen) erschienen und der nicht zuletzt mit seinem Devil’s Dictionary (1909, Des Teufels Wörterbuch) ein gelungenes Zeugnis schwarzen Humors publizierte. Im 19. Jahrhundert wurden innerhalb der amerikanischen Literatur auch zahlreiche Werke mit didaktischer Ausrichtung verfasst. So entstanden Romane, in denen die zunehmende Macht von Industrie und Wirtschaft sowie die korrupten Praktiken politischer Machthaber angeprangert wurden. Mit Biographien u. a. über Horace Greeley (1885) und Thomas Jefferson (1874) etablierte sich James Parton als Pionier auf dem Gebiet der modernen biographischen Literatur in Nordamerika. Viele Autoren befassten sich mit geschichtlichen Themen, darunter George Bancroft, der die zehnbändige Abhandlung History of the United States (1834-1874; überarbeitete Fassung: 1884-1887, Geschichte der Vereinigten Staaten von Nordamerika von der Entdeckung des amerikanischen Kontinents bis auf die neueste Zeit) publizierte. Die zwei bedeutendsten Historiker der Romantik waren William Hickling Prescott, dessen drei Bände umfassende History of the Conquest of Mexico (Die Eroberung Mexikos) 1843 erschien, und Francis Parkman, der zwischen 1851 und 1892 eine umfassende Studie über das Wirken und den Einfluss der Franzosen und Engländer in Nordamerika herausbrachte. Den stilistisch meisterhaften Darstellungen des letztgenannten Schriftstellers ebenbürtig waren die Schriften des herausragenden Geschichtsphilosophen Henry Brooks Adams, der mit seiner neunbändigen History of the United States of America During the Administrations of Thomas Jefferson and James Madison (1889-1891) ein epochales Geschichtswerk vorlegte. Bereits hier zeigte sich jener analytischer Ansatz, den er in seiner kulturgeschichtlichen Studie über das Mittelalter Mont-Saint-Michel and Chartres (1904) und in seiner viel gepriesenen und von Skeptizismus geprägten autobiographischen Schrift The Education of Henry Adams (1906, Die Erziehung des Henry Adams, von ihm selbst erzählt) vervollkommnete. In letzterem Werk kontrastierte er die Errungenschaften des Mittelalters mit denen der modernen Welt. Kritische Analysen der im Zuge des wirtschaftlichen Liberalismus propagierten Laissez-faire-Haltung boten die Abhandlung Progress and Poverty (1897, Fortschritt und Armut) des Wirtschaftswissenschaftlers Henry George und der Roman Looking Backward, 2000-1887 (1888, Ein Rückblick aus dem Jahr 2000 auf das Jahr 1887) des Journalisten und Schriftstellers Edward Bellamy. Die beiden Schriften trugen wesentlich zum Entstehen einer Reformbewegung bei, die sich vom kapitalistischen Grundsatz uneingeschränkter Wirtschaftlichkeit abzusetzen suchte. Richtungweisend waren auch die gesellschaftswissenschaftlichen Studien Past, Present, and Future (1848) des Wirtschaftswissenschaftlers Henry Charles Carey und Dynamic Sociology (1883) des Mitbegründers der amerikanischen Soziologie Lester Frank Ward. Die Literatur sämtlicher wissenschaftlicher Disziplinen hat sich in den USA seitdem stetig weiterentwickelt. Als einer der großen Klassiker der Sachliteratur gilt The Principles of Psychology (1890, Prinzipien der Psychologie) des Philosophen und Psychologen William James. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in Amerika ein tief greifender Wandel in der philosophischen und soziologischen Theoriebildung ab, der schließlich den von James in seinem Werk The Will to Believe and Other Essays (1897) skizzierten Pragmatismus einleitete. Während sich die Vertreter des Realismus und des Naturalismus damit befassten, inwieweit das Handeln des Menschen von Mächten außerhalb seiner Willenssphäre bestimmt und gelenkt wird, behandelte der Schriftsteller Henry James in seinen psychologisch-realistischen Werken subjektive Erfahrungen und persönliche Beziehungen, die er immer wieder in Konfliktsituationen auslaufen ließ. Sein Hauptthema, die Konfrontation amerikanischer Denkweisen und Wertvorstellungen mit denen der europäischen Gesellschaft, griff er in zahlreichen Romanen auf, darunter The American (1877, Der Amerikaner), The Portrait of a Lady (1881, Bildnis einer Dame), The Wings of the Dove (1902, Die Flügel der Taube), The Ambassadors (1903, Die Gesandten) und The Golden Bowl (1904, Die goldene Schale). Subtile Analysen und präzise Schilderungen kennzeichnen James’ einzigartig komplexen Erzählstil, der ebenso viele Kritiker wie Bewunderer fand. Dass er vor allem die Form des Kurzromans meisterlich beherrschte, demonstriert auf eindrucksvolle Weise die unheimliche Geschichte The Turn of the Screw (1898, Die sündigen Engel; auch: Die Drehung der Schraube), ein Meisterwerk der Erzählprosa zur Jahrhundertwende. Auch als Kritiker trat James hervor, u. a. mit seiner Schrift Notes on Novelists (1914) und insbesondere mit den Einleitungen, die er zur New Yorker Gesamtausgabe seines Werkes (1907-1916) verfasste und die später gesammelt in Buchform unter dem Titel The Art of the Novel (1934) erschienen. James beeinflusste in hohem Maß die weitere Entwicklung des amerikanischen Romans und wurde zum Vorbild späterer Romanciers unterschiedlichster Ausrichtung, darunter Edith Wharton mit ihren berühmten Werken The House of Mirth (1905, Das Haus der Freude) und The Age of Innocence (1920, Im Himmel weint man nicht). Aber auch die Südstaaten-Schriftstellerin Ellen Andeson Gholson Glasgow, die den Roman In This Our Life (1941, So ist das Leben) verfasste und schließlich Willa Cather mit den Romanwerken A Lost Lady (1923, Frau im Zwielicht; auch: Die Frau, die sich verlor und Sei leise, wenn du gehst) und Death Comes for the Archbishop (1927, Der Tod kommt zum Erzbischof) wurden von James’ Romankunst geprägt. Neue Entwicklungen im Bereich der Kommunikation prägten auch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in den USA. Bald traten Bücher als Medium zur Unterhaltung und Bildung hinter Film, Rundfunk und Fernsehen zurück. Die im 19. Jahrhundert vorherrschende regionale Prägung der Literatur bestand Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch in den Werken einiger Südstaaten-Schriftsteller fort. Zugleich verstärkte sich der Einfluss amerikanischer Schriftsteller auf internationaler Ebene. Anfang des 20. Jahrhunderts standen in der amerikanischen Literatur die Gattungen der Epik, Lyrik und Dramatik im Zeichen des Experiments.
Ein Großteil der afroamerikanischen Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts entstammte der schwarzen Mittelschicht. Zu ihnen zählte der Soziologe und Literat William Edward Burghardt du Bois, der als Verfasser der Essaysammlung Souls of Black Folk (1903) und des Romanes The Quest for the Silver Fleece (1911) bekannt wurde. Er motivierte seine erfolgreichen afroamerikanischen Schriftstellerkollegen, denen er den Namen The Talented Tenth gab, mit ihm den Kampf um die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung Amerikas aufzunehmen. Die zornig-kämpferische Haltung dieser Schriftsteller manifestierte sich in vielen ihrer Werke. Beispielhaft für diese Literatur, deren Tenor zwischen dem Wunsch nach aktiver Auflehnung und der Sehnsucht nach Akzeptanz und Integration hin- und herschwankt, sind The Garies and Their Friends (1875) von Frank J. Webband und Imperium in Imperio (1899) von dem Baptistenprediger Sutton Griggs. Zur Gruppe der Talented Tenth gehörte auch Charles Waddell Chesnutt, der als Jurist in Cleveland lebte. Mit ethnischen Fragen befasste er sich sowohl in seinem Kurzgeschichtenband The Conjure Woman (1899, Der verwunschene Weinberg und andere Sklavenmärchen aus Nordamerika; auch: Die Zauberfrau) wie auch in dem Roman The Marrow of Tradition (1901). An die Tradition der Erzähler des ausgehenden 19. Jahrhunderts knüpften Anfang des 20. Jahrhunderts Autoren wie Jack London mit dem bedeutenden und mehrfach verfilmten Abenteuerroman The Sea Wolf (1904, Der Seewolf) und David Graham Phillips mit Susan Lenox: Her Fall and Rise (verfasst 1908, publiziert 1917), ein Roman über die Stellung der Frau in der amerikanischen Gesellschaft, an. Bekanntheit erlangten auch Upton Sinclair, dessen drastisch sozialkritischer Roman über die Chicagoer Schlachthausbetriebe The Jungle (1906, Der Sumpf) auch in Deutschland großer Erfolg beschieden war, sowie der Romancier und Journalist Theodore Dreiser, der anfangs in der Tradition des Naturalismus schrieb und sich in späteren Jahren seines Schaffens der religiösen Mystik zuwandte. Sein erster Roman Sister Carrie (1900, Schwester Carrie) wurde als unmoralisch klassifiziert und nach seinem Erscheinen wieder aus dem Handel gezogen; mehr Erfolg hatte Dreiser mit seinen Romanen The Financier (1912) und The Titan (1914), die in deutscher Übersetzung gesammelt unter dem Titel Der Titan erschienen. Hierin schildert Dreisser das Leben eines skrupellosen Geschäftsmannes. Als sein Hauptwerk gilt gemeinhin der Roman An American Tragedy (1925, Eine amerikanische Tragödie), der – wie Norris’ Werk McTeague – zu den beispielhaften amerikanischen Romanen des Naturalismus gehört. Dreisers schonungslos offenen Darstellungen und die eindringlichen Schilderungen gesellschaftlicher Aspekte bewirkten, dass seine Romane in den USA nicht nur in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Interesse fanden, sondern heute immer noch gelesen werden. Schon um die Jahrhundertwende zeichnete sich eine Abkehr von der idealisierenden amerikanischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts ab. Wesentlich verstärkt wurde diese Entwicklung durch die traumatischen Wirkungen des 1. Weltkrieges. Schrecken und Grauen des Krieges schlugen sich nachhaltig im Schaffen vieler amerikanischer Schriftsteller nieder. In Romanen wie Soldiers’ Pay (1926, Soldatenlohn) von William Faulkner und The Sun Also Rises (1926, Fiesta) und A Farewell to Arms (1929, In einem anderen Land) von Ernest Hemingway gerät das Soldatendasein zum Symbol einer sinnlosen Existenz des Menschen generell. Der 1. Weltkrieg bewirkte das Entstehen einer an der Realität orientierten Erzählprosa ohne romantisch-verklärende Elemente. Diese Orientierung blieb im Wesentlichen bis in die Gegenwart erhalten. Die amerikanischen Schriftsteller wandten sich mehr und mehr von der gefühlvollen Ausrichtung der Literatur ab und arbeiteten stattdessen verstärkt die psychologischen Hintergründe ihrer Themen heraus. Zu den Autoren, die diese Richtung vertraten, gehört die aus Virginia stammende Schriftstellerin Ellen Glasgow, die in ihren Romanen Barren Ground (1925) und Vein of Iron (1935, Die eiserne Ader) ein objektives Bild des Lebens der Südstaatler zeichnete und sich insbesondere mit der Rolle der Frau in der Südstaaten-Gesellschaft befasste. Im Zuge der Frauenbewegung Ende der siebziger Jahre fanden die Werke Glasgows neues Interesse. Das Jahrzehnt nach dem 1. Weltkrieg wird oft als Jazz Age (Jazz-Zeitalter) oder The Roaring Twenties (Die wilden Zwanziger Jahre) bezeichnet. Die Auflehnung gegen das einengende Gedankengut des Puritanismus und des Viktorianischen Zeitalters bewirkten einen raschen gesellschaftlichen Wandel, der sich auch in der Literatur – und hier insbesondere in der Erzählprosa – manifestierte. Maßgeblichen Einfluss hierbei hatten die Werke Sherwood Andersons, der u. a. mit Winesburg, Ohio (1919), einer Sammlung psychologisch eindringlicher Kurzgeschichten über das Leben der „kleinen Leute”, hervortrat. Desillusionierung und Hoffnung spiegeln sich in den Werken des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, der in Romanen wie This Side of Paradise (1920, Diesseits vom Paradies) und The Great Gatsby (1925, Der große Gatsby) die gesellschaftliche Oberschicht satirisch porträtierte; bei The Great Gatsby handelt es sich um eine resignative Analyse des „amerikanischen Traums” vom Aufstieg zu Wohlstand und Macht. Sinclair Lewis wurde als erster amerikanischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet (1930); seine brillanten satirischen Darstellungen der nach schnellem Reichtum strebenden Geschäftsmentalität jener Jahre in den Romanen Main Street (1920, Die Hauptstraße) und Dodsworth (1929, Sam Dodsworth) brachten ihm internationales Ansehen. Eines der frühesten Werke des Schriftstellers Thornton Wilder ist die berühmte Erzählung The Bridge of San Luis Rey (1927, Die Brücke von San Louis Rey). Ihr folgten im Lauf seiner langen Schriftstellerlaufbahn eine Vielzahl von Dramen und Romanen mit weltanschaulichen Fragestellungen. Sein erfolgreicher Roman Theophilus North (1973, Theophilus North oder ein Heiliger wider Willen) erschien fast ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Romanwerk. Die in Paris ansässige amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein prägte den Begriff der Lost generation für eine Gruppe junger amerikanischer Autoren, die sich – desillusioniert vom Erlebnis des 1. Weltkrieges – nach Kriegsende in Frankreich niederließen. Zu den Vertretern dieser Gruppe zählten Anderson, Fitzgerald und Wilder ebenso wie Ernest Hemingway, der bald darauf zu einem der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts avancierte. Neben seinen oftmals autobiographisch geprägten Romanen verfasste Hemingway in den zwanziger Jahren auch Kurzgeschichten, die gesammelt in den Bänden In Our Time (1924, In unserer Zeit) und Men Without Women (1927, Männer ohne Frauen) erschienen. Hemingway wurde 1954 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Wesentlichen Einfluss auf die Schriftsteller der Lost generation hatte Gertrude Stein, die diese nicht nur förderte, sondern ihnen auch Vorbild in Stilfragen war. Mit ihren zum Teil sprachlich experimentellen Werken durchbrach sie literarische Traditionen, so auch in den Erzählungen des Bandes Three Lives (1908, Drei Leben). Dominierend in jener Epoche war vor allem der Ire James Joyce. Der Einfluss seiner am Stream of consciousness orientierten Erzähltechnik, der Verwendung von Symbolen und seiner bewusst lyrisch gehaltenen Prosa, manifestierte sich in nahezu sämtlichen nach dem 1. Weltkrieg in Amerika und Europa entstandenen erzählerischen Werken. Kennzeichnend für den Zeitraum zwischen 1920 und 1930 war die verstärkte schöpferische Aktivität afroamerikanischer Literaten und Künstler. Das Zentrum dieser Strömung war der New Yorker Stadtteil Harlem, weshalb die Epoche auch als Harlem Renaissance bezeichnet wird. Das Hauptanliegen dieser Bewegung bestand darin, der schwarzen Bevölkerung Amerikas ihre kulturelle Identität wieder ins Bewußtsein zu rücken und die Entwicklung zum „New Negro” zu fördern. Den Begriff des „neuen Schwarzen” prägte 1925 der Soziologe und Kritiker Alain LeRoy Locke mit einer epochemachenden Anthologie gleichen Titels, in der er maßgebliche Schriften afroamerikanischer Schriftsteller zusammengestellt hatte. Vertreter der Harlem Renaissance waren die Schriftsteller Jean Toomer, der das viel gepriesene Werk Cane (1923, Zuckerrohr) sowie Kurzgeschichten, Lyrik und eine Novelle verfasste, und der aus Jamaika stammende Claude McKay mit seinen Romanen Home to Harlem (1928) und Banjo (1929). Zum Harlemer Literatenkreis gehörten ferner der Dichter Countee Cullen, der mit seinen Lyrikbänden Color (1925) und The Ballad of the Brown Girl (1927) bekannt wurde, und der ebenfalls renommierte Erzähler und Dichter Langston Hughes, der neben seinem erfolgreichen Lyrikband The Weary Blues (1926) nach zahlreiche weitere Sammlungen verfasste. Bekannt wurde vor allem seine Kurzgeschichtenfigur mit dem sprechenden Namen Jesse B. Simple, die Verkörperung des im Großstadtghetto lebenden Afroamerikaners.
Glanz und Überschwang des Jazz-Zeitalters gingen mit dem New Yorker Börsenkrach 1929 in die als Decade of Anger (Dekade des Zorns) bezeichneten dreißiger Jahre über. Unter dem Eindruck der Härten der Weltwirtschaftskrise entstanden zahlreiche neonaturalistisch geprägte Romane, in denen die sozialen Missstände jener Zeit aufgezeigt wurden. Realistische Darstellungen sozialer Probleme legten in den dreißiger und vierziger Jahren Zora Neale Hurston mit Their Eyes Were Watching God (1937, Und ihre Augen schauen Gott) sowie Arna Bontemps mit God Sends Sunday (1931) und Black Thunder (1936) vor. Verzweiflung über die Härten des Daseins sprach aus den Werken John Steinbecks, darunter Of Mice and Men (1937, Von Mäusen und Menschen) und The Grapes of Wrath (1939, Früchte des Zorns). Steinbeck wurde 1962 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Konflikte in der Klassengesellschaft thematisierte der produktive John O’Hara in seinem bedeutendsten Roman Appointment in Samarra (1934, Treffpunkt in Samarra). James Thomas Farrell verfasste die Trilogie Studs Lonigan (1932-1935), und John Dos Passos schrieb zwischen 1930 und 1936 die drei Bände seiner U.S.A.-Trilogie; in beiden Zyklen kommen Bitterkeit und Zorn über die Lebensumstände im Amerika der dreißiger Jahre zum Ausdruck. Die eindringlichen und oftmals bitteren Romane Look Homeward, Angel (1929, Schau heimwärts, Engel!) und The Web and the Rock (1939, Strom des Lebens; auch: Geweb und Fels) von Thomas Clayton Wolfe spiegeln die individuelle Disposition des Verfassers, der darin ein optimistisches, bisweilen zum Mythos übersteigertes Bild Amerikas zeichnete. In seinen komplex erzählten Romanen aus dieser Zeit, The Sound and the Fury (1929, Schall und Wahn), Sanctuary (1931, Die Freistatt) und The Hamlet (1940, Das Dorf), schuf William Faulkner von Humor geprägte Beiträge zur Nachkriegsgeschichte des amerikanischen Südens. Seine herausragenden Kurzgeschichten erschienen gesammelt in den Bänden Go Down, Moses (1942, Das verworfene Erbe) und Collected Stories (1950, Erzählungen). Faulkner gilt als bedeutendster Vertreter des Kreises von Schriftstellern, die sich mit Themen des amerikanischen Südens auseinandersetzten. Er wurde 1949 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Mit dem polyphonen Stil seiner Prosa wirkte er bis auf den deutschen Schriftsteller Uwe Johnson nach. Eine Ausnahmeerscheinung in der amerikanischen Literaturszene stellt seit den zwanziger Jahren Julien Green dar.
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