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Amerikanische LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Kolonialzeit und Aufklärung; Unabhängigkeitskrieg und 18. Jahrhundert; 19. Jahrhundert; 20. Jahrhundert
In der Zeit zwischen der Weltwirtschaftskrise und dem Ausbruch des 2. Weltkrieges entstanden mehrere Romane, die die persönliche Sichtweise der Autoren zu der in Amerika seit langem bestehenden und mit Vorurteilen belegten Rassenproblematik spiegeln. In dem Roman Native Son (1940, Sohn dieses Landes) und der Autobiographie Black Boy (1945, Ich, Negerjunge) von Richard Wright wird diese Thematik auf einprägsam-realistische Weise dargestellt. Auch in Ralph Waldo Ellisons Roman Invisible Man (1952, Unsichtbar) und in James Baldwins Roman Go Tell It on the Mountain (1953, Gehe hin und verkünde es vom Berge) sowie in seinem später erschienenen Essayband Nobody Knows My Name (1961, Schwarz und weiß) ist der Rassenkonflikt zentrales Thema. Die Vielfalt der ab dem 2. Weltkrieg entstandenen Erzählprosa lässt sich zwei Kategorien zuordnen. Ein Teil der Autoren bediente sich einer realistisch-naturalistischen Darstellungsweise, während die anderen die Schrecken des Krieges anhand von schwarzem Humor und absurd anmutenden Phantasien aufarbeiteten. Zwei der eindrucksvollsten Anti-Kriegsromane, in denen in scharfen Kontrasten die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem restriktiven Soldatendasein und der Maschinerie der Kriegsapparatur geschildert wird, waren From Here to Eternity (1951, Verdammt in alle Ewigkeit) von James Jones und The Naked and the Dead (1948, Die Nackten und die Toten) von Norman Mailer. Seit Ende der vierziger Jahre glänzte Paul Bowles mit seinen Romanen. Der 2. Weltkrieg wurde auch zum Thema der Erzähldebüts zweier erfolgreicher Romanschriftsteller: James Albert Micheners Kurzgeschichtensammlung Tales of the South Pacific (Im Korallenmeer; auch: Südsee) erschien 1947, und Irwin Shaw verarbeitete in seinem frühen Roman The Young Lions (1948, Die jungen Löwen) das Kriegsgeschehen in Europa. Galgenhumor kennzeichnet Romane wie A Bell for Adano (1944, Eine Glocke für Adano), in dem John Hersey das Leben in einem von amerikanischen Truppen besetzten italienischen Dorf schildert, und den im US-Marine-Milieu angesiedelten Roman Mr. Roberts (1946) von Thomas Heggon. Zur Mitte des Jahrhunderts entstanden zahlreiche amerikanische Romane, die sich durch eine betont originelle Stilistik auszeichnen. Der in Russland geborene Vladimir Nabokov brachte es in seinen in englischer Sprache verfassten Erzählwerken zu bewundernswerter Meisterschaft. In Amerika angesiedelt sind seine Romane Lolita (1955) und Pale Fire (1962, Fahles Feuer); beide entstanden lange nach Nabokovs Einbürgerung in den Vereinigten Staaten und gelten als bemerkenswerte Beispiele tragikomischer Literatur. Von den seelischen Nöten eines Heranwachsenden handelt J. D. Salingers Roman The Catcher in the Rye (1951, Der Fänger im Roggen), der nach seiner Übersetzung durch Heinrich Böll auch in Deutschland stark rezipiert wurde. Ungebrochen ist auch die Wirkung der Anti-Kriegs-Satire Catch-22 (1961, Der IKS-Haken; auch: Catch-22) von Joseph Heller, in der der Autor der grausigen Absurdität des Krieges mit schwarzem Humor begegnet. Zeitkritische satirische Darstellungen und schwarzer Humor finden sich auch im Werk des ebenfalls sehr bekannten Romanciers Kurt Vonnegut. In Slaughterhouse-Five (1969, Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug), einem seiner innovativsten Romane, schildert Vonnegut eigene Erfahrungen als Kriegsgefangener in einem deutschen Lager. Durch einen surrealistisch anmutenden Szenenwechsel, der die Figuren vom Gefangenenlager auf einen fiktiven Planeten führt, rückt der auf mehreren Ebenen erzählte Roman in die Nähe der Sciencefiction-Literatur, die als Gattung in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg große Popularität genoss. Isaak Asimov bereichterte die Sciencefiction um wichtige Elemente (zwei weitere wichtige amerikanische Autoren des Genres sind Ray Bradbury, Philip K. Dick und Michael Crichton; Stephen King benutzt Elemente davon immer wieder für seine Horrorgeschichten). Zu den Schriftstellern der Nachkriegszeit, die sich an Faulkners bisweilen als Southern Gothik bezeichneter Südstaaten-Thematik orientierten, gehörten Carson McCullers mit ihrem Roman The Heart Is a Lonely Hunter (1946, Das Herz ist ein einsamer Jäger), Truman Capote mit Other Voices, Other Rooms (1947, Andere Stimmen, andere Stuben; auch: Andere Stimmen, andere Räume), Eudora Welty mit The Ponder Heart (1954, Mein Onkel Daniel) und Flannery O’Connor mit The Violent Bear It Away (1960, Das brennende Wort; auch: Ein Herz aus Feuer). Mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde der Roman All the King’s Men (1946, Des Königs Tross; auch: Der Gouverneur) des aus Kentucky stammenden Schriftstellers Robert Penn Warren, in dem er ein eindrucksvolles Porträt eines Südstaaten-Politikers schuf. Warren war ferner auch als Lyriker und Kritiker tätig und schrieb einige Abhandlungen zur amerikanischen Literaturgeschichte. Zu den bedeutendsten amerikanischen Romanciers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören zweifellos John Cheever und John Updike. Ihre teils distanzierten, teils mitfühlenden, immer aber auch satirischen Beschreibungen des Way of Life der Vorstadtamerikaner im Nordosten des Landes weisen Ähnlichkeiten in Thema und Ansatz auf. Cheevers Schriftstellerlaufbahn begann mit The Wapshot Chronicle (1957, Die lieben Wapshots; auch: Die Wapshots), in dem er die Geschichte einer wohlhabenden exzentrischen Familie schilderte. Düsterer wirken seine späteren Werke, darunter Falconer (1977) über einen Geschwistermord. In seinem letzten Werk, der Novelle Oh What a Paradise It Seems (1982, Kein schöner Land), scheint eine hoffnungsvollere Sichtweise durch. Updike wurde vor allem durch einen Romanzyklus bekannt, in dem er die Flucht eines Mannes vor der Realität und vor seiner sozialen Verantwortung thematisierte. Zu dieser 1960 begonnenen Reihe gehören die Werke Rabbit Is Rich (1981, Bessere Verhältnisse) und Rabbit at Rest (1990, Rabbit in Ruhe), die beide mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurden. Beachtenswert ist auch das Schaffen der produktiven Schriftstellerin Joyce Carol Oates, die sich zudem als Kritikerin und Hochschuldozentin profilierte. Die Romane A Garden of Earthly Delights (1967, Ein Garten irdischer Freuden) und Them (1969, Jene) gehören zu ihren bedeutendsten Werken. Sie befasste sich darin mit Gewalt und Selbstzerstörung. Thematisch ähnlich ist ihre das Leben mehrerer Generationen umfassende Familiensaga Bellefleur (1980) angelegt. Mit ihrem Roman Mysteries of Winterthurn (1984) belebte sie die Tradition des viktorianischen Kriminalromans neu. Nach 1945 erschienen die ersten literarischen Werke jüdischer Schriftsteller, die sich mit ihrem Dasein als Juden im amerikanischen Großstadtmilieu des 20. Jahrhunderts auseinandersetzten. Die zuweilen von Hoffnungslosigkeit geprägten, doch oft auch mit humorvollen Schilderungen durchsetzten Werke bilden in ihrer Gesamtheit einen beachtenswerten Bereich der amerikanischen Erzählprosa. Herausragend unter den jüdischen Schriftstellern ist Saul Bellow, der die Romane The Adventures of Augie March (1953, Die Abenteuer des Augie March) und Herzog (1964) verfasste. Bellow wurde 1976 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Bekanntheit als jüdisch-amerikanischer Schriftsteller erlangte auch Bernard Malamud mit seinem Roman The Assistant (1957, Der Gehilfe) und mehreren eindrucksvollen Bänden mit Erzählungen, darunter Idiots First (1963, Schwarz ist meine Lieblingsfarbe). Themen aus der jüdischen Lebenswelt verarbeitete auch Philip Roth als Verfasser des Erzählungenbandes Goodbye, Columbus (1959, Anderer Leute Sorgen), des erfolgreichen Romans Portnoy’s Complaint (1969, Portnoys Beschwerden) sowie der Zuckerman-Romantrilogie Zuckerman Bound (1985, Der Ghost-writer / Zuckermans Befreiung; auch: Der entfesselte Zuckerman / Die Anatomiestunde). Lokalkolorit in der amerikanischen Erzählprosa spielte auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle. So sind die Romane und Erzählungen der Schriftstellerin Anne Tyler im US-Bundesstaat Baltimore angesiedelt. Große Beachtung fand ihr Roman Dinner at the Homesick Restaurant (1982, Dinner im Heimweh-Restaurant), die retrospektiv aufgearbeitete Lebensgeschichte einer dominanten Mutter nach deren Tod. Die Lyrikerin und Romanschriftstellerin Alice Walker erregte erstmals mit ihrem Roman Meridian (1976, deutsch ebenso) Aufmerksamkeit. International bekannt wurde sie mit dem später von Steven Spielberg verfilmten Roman The Color Purple (1982, Die Farbe Lila), das nach dem Vorbild Faulkners als vielschichtige Erzählung angelegt ist und für das sie den Pulitzerpreis erhielt. Ihrem Werk verlieh die Autorin Authentizität, indem sie die Dialoge ihrer Romangestalten im Dialekt der schwarzen Landbevölkerung der Südstaaten gestaltete. Viele Schriftstellerinnen verarbeiteten Begebenheiten und Lebensumstände, die sie aus eigener Erfahrung kannten, und schufen, indem sie diese aus der Sichtweise der schwarzen Frau schilderten, eine Identifikationsfigur. Zu den wichtigsten Vertreterinnen der afroamerikanischen Literatur gehört Toni Morrison, die in ihren Werken The Bluest Eye (1969, Sehr blaue Augen) und Song of Solomon (1977, Solomons Lied) die Lebenswelt der schwarzen Südstaatler schilderte. Für ihren Roman Beloved (1987, Menschenkind) erhielt sie 1988 den Pulitzerpreis; 1993 wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In ihrem aus sieben Geschichten bestehenden Erstlingsroman The Women of Brewster Place (1982, Die Frauen von Brewster Place) schildert die Schriftstellerin Gloria Naylor realistisch die Problematik des Lebens einer Afroamerikanerin. Die Historiker Charles Austin Beard und Mary Ritter Beard legten mit ihrem Werk The Rise of American Civilization (1927) den Versuch einer Gesamtschau der amerikanischen Geschichte und Zivilisation vor. Mit dem gleichen Thema befassten sich Samuel Eliot Morison (The Oxford History of the American People, 1965) und Henry Steele Commager (The Search for a Usable Past, 1967). Werke über einzelne Entwicklungen und Epochen verfasste Richard Hofstadter: Er schrieb die Abhandlungen Anti-Intellectualism in America (1963) zum Thema Konservatismus und The Guns of August (1962) über den Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die Journalistin und Historikerin Barbara Tuchman trat als Autorin des Werkes A Distant Mirror: The Calamitous Fourteenth Century (1978, Der ferne Spiegel) hervor. In den dreißiger Jahren entstanden zahlreiche bedeutende politische Schriften, darunter das Buch Inside Europe (1936) des Journalisten John Gunther und das autobiographische Schrift The Life and Death of a Spanish Town (1937) des Romanciers Elliot Harold Paul. Ein weiteres wichtiges Werk aus dieser Zeit ist Not Peace but a Sword (1939), mit dem der Auslandskorrespondent Vincent Sheean die amerikanische Welt auf einen Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg vorbereitete. Die dramatischen Erlebnisse von sechs Überlebenden der Atombombenexplosion schilderte der Romancier John Richard Hersey in seinem Dokumentarwerk Hiroshima (1946; aktualisierte Neuauflage: 1985). Etliche Literaten versuchten in der Nachkriegszeit, Tatsachenbericht und Romanerzählung zu verbinden. Truman Capote gilt mit In Cold Blood (1966, Kaltblütig), in dem er einen Familienmord im Mittelwesten beschreibt, als Begründer des amerikanischen Non-Fiction- oder Tatsachenromans. Mailer bezog in The Armies of the Night (1968, Heere aus der Nacht) und Miami and the Siege of Chicago (1968, Nixon in Miami und die Belagerung von Chikago) als Gegner des Vietnamkrieges bzw. Kommentator aktueller politischer Ereignisse Stellung. Die Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und sechziger Jahre brachte Schriftsteller hervor, die sich in ihren Werken mit der Situation der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten auseinandersetzten. Zu ihnen gehörte der Dramatiker und Lyriker Imamu Amiri Baraka, ein Pseudonym für LeRoi Jones. Der 1934 geborene Literat befasste sich kritisch mit der Situation der schwarzen Amerikaner, u. a. in Home: Social Essays (1966, Ausweg in den Haß) und Raise, Race, Rays, Raze: Essays Since 1965 (1971). Mit der amerikanischen Gesellschaft setzte sich der Politiker und Schriftsteller Eldridge Cleaver in den während seiner Haftzeit entstandenen Essays Soul on Ice (1967, Seele auf Eis) auseinander. Auch zahlreiche persönlich gefärbte Schriften schwarzer Autoren entstanden in dieser Zeit, darunter die Autobiographie des Bürgerrechtlers Malcolm X (Autobiography of Malcolm X, 1965, Der schwarze Tribun), an der Alex Haley als Koautor beteiligt war. Haley schrieb später den erfolgreich verfilmten Bestseller Roots (1976, Wurzeln), ein teils autobiographisches und teils fiktives Werk, in dem er die Suche nach den afrikanischen Ursprüngen seiner Familie schilderte und ihre Chronik bis in die Gegenwart aufzeichnete. Maya Angelou machte sich einen Namen mit Lyrik, Romanen und Kinderbüchern. Ihre Jugend in den Südstaaten beschrieb sie in ihrer eindrucksvollen Autobiographie I Know Why the Caged Bird Sings (1969, Ich weiß, daß der gefangene Vogel singt). Andere aktuelle Themen, mit denen sich amerikanische Schriftsteller ab den sechziger Jahren auseinandersetzten, waren der Krieg in Indochina, die zunehmende Umweltverschmutzung und die Gleichberechtigung der Frau. Über den Vietnamkrieg entstanden viele, zum Teil äußerst kritische Abhandlungen. Zu ihnen gehören u. a. My Lai 4 (1970) über das Massaker an der vietnamesischen Zivilbevölkerung durch amerikanische Truppen 1968 von Seymour M. Hersh, der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Auch Frances Fitzgerald erhielt einen Pulitzerpreis für das Buch Fire in the Lake: The Vietnamese and the Americans in Vietnam (1972). Die Frauenrechtlerin Betty Friedan analysierte in ihrer bahnbrechenden Studie The Feminine Mystique (1963, Der Weiblichkeitswahn) die gesellschaftliche Situation der Frau im Licht der ursprünglichen Zielsetzungen der Frauenrechtsbewegung. In den siebziger Jahren brillierte Charles Bukowski mit Post Office (1971, Der Mann mit der Ledertasche). Der Erzählband Kaputt in Hollywood rief 1976 vor allem unter der jungen Generation bundesdeutscher Autoren ein großes Echo hervor. Paul Auster orientierte sich in seinem Romanschaffen seit den achtziger Jahren verstärkt an der Postmoderne. Zuvor hatte sich bereits Thomas Pynchon mit experimenteller Prosa in diesem Bereich hervorgetan. Oscar J. Hijuelos wurde 1989 mit dem in der Manier der Schallplatte in A- und B-Seite unterteilten Roman The Mambo Kings Play Songs of Love (1989, Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe) über zwei unterschiedliche Brüder, die Ende der vierziger Jahre von Habana nach New York reisen, um in den Mamboclubs der Stadt zu spielen, auch international bekannt („Ich wollte die Geschichte der Latinos in den USA rekonstruieren”, beschrieb Hijuelos seine Autorenintention, „dafür stehen die beiden Brüder, der eine Draufgänger, Macho, der andere eher ein sensibler Typ”). Ein weiterer bedeutender Schriftsteller der achtziger und neunziger Jahre ist Amistead Maupin, der mit seinen Großstadtgeschichten hervortrat. Auch William S. Burroughs setzte neue Maßstäbe. Herausragende amerikanische Dramatiker der Nachkriegszeit waren Edward Franklin Albee und – vor allem – Arthur Miller.
Die Gründung der Zeitschrift Poetry: A Magazine of Verse (1912) durch die Dichterin und Herausgeberin Harriet Monroe leitete nach langen Jahren, in denen die amerikanische Lyrik wenig Beachtung gefunden und sich kaum entwickelt hatte, eine bedeutende dichterische Renaissance ein. Deren erste Phase, den Imagismus, initiierten die Dichter Amy Lowell (Men, Women, and Ghosts, 1916) und Ezra Pound (Ripostes, 1912). Die Imagisten strebten eine grundlegende Reform des dichterischen Schaffens an. Größere Bedeutung für die Entwicklung der Lyrik hatten jedoch zwei andere Strömungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Zum einen war dies das Schaffen eines Dichterkreises in Illinois, dem die Lyriker Vachel Lindsay (The Congo and Other Poems, 1914), Edgar Lee Masters (Spoon River Anthology, 1915; Die Toten von Spoon River) und Carl Sandburg (Chicago Poems, 1915; Chicago-Gedichte) angehörten. Zum anderen gingen wesentliche Impulse von in Neuengland ansässigen Dichtern aus, darunter Edwin Arlington Robinson (The Town Down the River, 1910) und Robert Lee Frost (North of Boston, 1914). Insbesondere der Lyrik Frosts und Sandburgs wurde während deren langer Dichterlaufbahn große Wertschätzung zuteil. Nicht zu den genannten Dichterkreisen gehörte die bekannte und einflussreiche Lyrikerin Edna St. Vincent Millay (The Ballad of the Harp Weaver, 1922). Die Veröffentlichung von The Waste Land (1922, Das wüste Land) des angloamerikanischen Lyrikers T. S. Eliot kennzeichnet einen Wendepunkt in der Entwicklung der amerikanischen Dichtung, indem es der Brüchigkeit der tradierten Werte und Ideale und der Illusionslosigkeit menschlicher Existenz mit einer gänzlich innovativen, an Religion und Mythos orientierten Metaphorik Ausdruck verlieh. Noch deutlicher als in Eliots Werk manifestierte sich die Hinwendung zum Avantgardismus in Ezra Pounds Cantos, die zwischen 1925 und 1960 erschienen. Sowohl Eliot wie auch Pound hatten mit ihrem dichterischen Schaffen und ihren kritischen Schriften wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Lyrik im 20. Jahrhundert. Auch der Schriftsteller William Carlos Williams, zu dessen umfangreichem literarischem Werk (40 Lyrik- und Prosabände) auch die autobiographische Dichtung Paterson (fünf Bücher, 1946-1958, deutsch ebenso) gehört, beeinflusste mit seiner konkret-präzisen Bildsprache das Schaffen mehrerer Generationen von Lyrikern. Experimentelle Lyrik von oftmals komplexer und hermetischer, also nur schwer zugänglicher Symbolik, schufen Crane, der vor allem durch seinen Gedichtband The Bridge (1930) bekannt wurde, Wallace Stevens (The Man with the Blue Guitar, 1937, Der Mann mit der blauen Gitarre) und Marianne Moore (Collected Poems, 1951, Gedichte). Die innovativen Werke des Dichters E. E. Cummings, von Is 5 (1926) bis 73 Poems (1963), zeichnen sich durch typographische und sprachliche Individualität aus, die sich auch in seiner Metaphorik manifestiert. Robinson Jeffers schuf mit Werken wie Roan Stallion, Tamar, and Other Poems (1925) bedeutende Beiträge zur amerikanischen Naturlyrik. Randall Jarrell betonte in seinen sozialkritisch-anklagenden Dichtungen, darunter Losses (1948), die Sinnlosigkeit des Krieges; demgegenüber befassten sich Archibald MacLeish (Collected Poems, 1917-1952, 1952) und Richard Wilbur (Things of This World, 1956) mit Fragen der menschlichen Existenz ohne konkreten Zeitbezug. Die Vertreter der Beatgeneration brachten in ihren Werken in direkten Formulierungen eindrucksvoll ihren Protest gegen das Establishment der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft zum Ausdruck. Einen ganz anderen Tenor weisen die aus der mündlichen Erzähltradition der schwarzen Südstaatenbevölkerung hervorgegangenen lyrischen Werke auf. Beispiele für diese Art von Dichtungen finden sich im Werk der Schriftstellerinnen Gwendolyn Brooks (Annie Allen, 1949), Nikki Giovanni (Black Feeling, Black Talk, Black Judgement, 1970) und Maya Angelou (Just Give Me a Cool Drink of Water ‘fore I Die, 1971). Theodore Roethke bediente sich unterschiedlicher Formen des dichterischen Ausdrucks. Seine surrealistisch geprägten Dichtungen schrieb er in freien Versen; auch seine rationalen Betrachtungen fasste er in eine einfache lyrische Form. Exemplarisch für sein Schaffen ist der Gedichtband The Far Field, der posthum 1964 veröffentlicht wurde. Auf Robert Lowell (Lord Weary’s Castle, 1946) geht die amerikanische Tradition einer religiös geprägten, bekenntnishaften Dichtung als Ausdruck persönlicher Verunsicherungen und Ängste innerhalb der Moderne zurück. Von individuellen Ängsten zeugen auch die Gedichte der Lyrikerinnen Sylvia Plath (Ariel, 1965) und Anne Sexton (Live or Die, 1967, und The Awful Rowing Toward God, 1975). Gegen Ende der sechziger Jahre erlebte die Lyrik in Amerika eine neue Blüte. Neu gegründete Literaturzeitschriften boten den Dichtern Foren für ihre Werke, Hochschulen organisierten und förderten Lyrik-Workshops und erweiterten das Angebot für Studierende der Literaturwissenschaften um Seminare, die von an der Hochschule ansässigen Dichtern abgehalten wurden. Zu den Lyrikern der Gegenwartsliteratur, deren Werke formal und stilistisch eine große Bandbreite aufweisen, gehören May Swenson, Robert Bly und Galway Kinnellare mit ihrer klaren, oftmals von intensiver Naturbetrachtung charakterisierten Metaphorik. Die Bilder in den Dichtungen James Merrills dagegen sind stark subjektiv geprägt und bisweilen von okkulten Ideen inspiriert. Die sprachlichen Abstraktionen des Dichters John Ashbery sind dem Leser nur schwer zugänglich. Ashbery erhielt 1976 für seine Gedichtsammlung Self-Portrait in a Convex Mirror (Selbstporträt im konvexen Spiegel) den Pulitzerpreis. Im darauf folgenden Jahr erhielt Merrill die begehrte Auszeichnung für Divine Comedies. Die Würde des sechsten Poeta laureatus der USA wurde 1992 der Dichterin Mona Van Duyn verliehen, die bisher sieben Gedichtbände veröffentlicht hat, darunter Near Changes (Pulitzerpreis, 1991). In ihren ebenso geistreichen wie gefühlvollen Gedichten befasst sie sich mit Eltern-Kind-Beziehungen, Liebe und Ehe.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Literaturkritik neuhumanistisch ausgerichtet und demzufolge bestrebt, klassische Traditionen aufrechtzuerhalten und für die Kunst eine solide ethische Grundlage zu schaffen. Zu den Vertretern dieser Richtung zählten die Kritiker Paul Elmer More (1864-1937), der in seinen Shelburne Essays (11 Bde., 1904-1921) seine Literaturtheorie erläuterte, William Crary Brownell (1851-1928) mit American Prose Masters (1909) sowie der an der Harvard University lehrende Literaturwissenschaftler Irving Babbitt (The New Laokoon, 1910). Ab den zwanziger Jahren wurden die Werke amerikanischer Schriftsteller in ihrer Gesamtheit von der Kritik als eigenständige Nationalliteratur wahrgenommen; die Grundlagen für diese Entwicklung legte der englische Romancier D. H. Lawrence mit seiner bahnbrechenden Abhandlung Studies in Classic American Literature (1923). Der amerikanische Gelehrte Vernon Louis Parrington stellte die amerikanische Literatur in seinem dreibändigen Werk Main Currents in American Thought (1927-1930) vor ihrem soziopolitischen Hintergrund dar. Eine allgemeiner angelegte Gesamtschau der amerikanischen Literatur stellte der Literaturhistoriker Van Wyck Brooks zusammen; als erster Teil seines vielbändigen Werkes wurde The Flowering of New England, 1815-1865 (1936) veröffentlicht. Etwa zur gleichen Zeit erschienen die Essays des Schriftstellers Henry Louis Mencken in seiner Zeitschrift American Mercury (1924-1933). In seinen Essays unterzog er den konservativen literarischen Geschmack seiner Zeit einer heftigen Kritik. Ab Ende der dreißiger Jahre bis 1945 bildete sich die als New criticism bekannte Richtung der Literaturwissenschaft heraus. Ihr Name leitet sich vom Titel eines 1941 publizierten Essays John Crowe Ransoms ab. Der New criticism betrachtet vornehmlich das literarische Kunstwerk als von gesellschaftlichen und biographischen Zusammenhängen losgelöste Einheit. Zu den Vertretern dieser Richtung zählten Cleanth Brooks, Kenneth Burke, Ransom selbst, Alan Tate und Robert Penn Warren. Nicht dem New criticism zuzurechnen, doch ebenfalls sehr einflussreich war der Literaturwissenschaftler Joseph Wood Krutch, dessen Essays gesammelt in den Bänden The Modern Temper (1929) und The Measure of Man (1954) erschienen. Der Literaturkritiker Lionel Trilling verfasste mit The Liberal Imagination (1950) einen der einflussreichsten kritischen Essays der Gegenwart. Auch Malcolm Cowley als Verfasser des autobiographischen Berichtes Exile’s Return (1934) und Alfred Kazin mit On Native Grounds (1942, Der amerikanische Roman. Eine Interpretation moderner amerikanischer Prosaliteratur; auch: Amerika. Selbsterkenntnis und Befreiung) und The Inmost Leaf (1955) gaben der amerikanischen Literaturkritik wesentliche Impulse. Der Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler beleuchtete in seiner Studie Love and Death in the American Novel (1960, Liebe, Sexualität und Tod) einige der in der amerikanischen Literatur vorherrschenden Inhalte sowie deren Art der Verarbeitung. Einer der bedeutendsten amerikanischen Literaturkritiker und -theoretiker des 20. Jahrhunderts ist Edmund Wilson. Wilsons sicheres literarisches Gespür manifestierte sich in Axel’s Castle (1931, Axels Schloß. Studien zur literarischen Einbildungskraft); spätere kritische Abhandlungen wie The Wound and the Bow (1941) und The Bit Between My Teeth: A Literary Chronicle of 1950-1965 (1965) trugen zur Festigung seiner Position bei. In neuerer Zeit entwickelte sich an der Yale University eine neue Richtung der Literaturkritik, die so genannte Yale School of Criticism, zu der zeitweise auch Paul de Man gehörte. Harold Bloom befasste sich als einer ihrer führenden Vertreter und Autor des Werkes The Anxiety of Influence: A Theory of Poetry (1973) hauptsächlich mit der Wirkungsgeschichte von Literatur, während andere Literaturkritiker zu der von einer Gruppe zeitgenössischer französischer Kritiker um Jacques Derrida initiierten Theorie der Dekonstruktion tendieren (Gastsemester der Dekonstruktivisten tragen bis heute zur Verbreitung der Strömung bei). Die Harvard-Professorin Helen Vendler, die zu den herausragenden amerikanischen Lyrikspezialisten der Gegenwart zählt, wurde mit ihren einfühlsamen Analysen wie Part of Nature, Part of Us: Modern American Poets (1980), The Odes of John Keats (1983) sowie durch ihre Buchkritiken in verschiedenen Zeitschriften bekannt. Weiterhin bestimmten die neuere amerikanische Literaturkritik feministische, strukturalistische und dekonstruktivistische Ansätze. Auch setzte sich der so genannte New Historism Stephen Greenblatts durch.
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