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Religion

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Claude Lévi-StraussClaude Lévi-Strauss
Artikelgliederung
4.3

Neue Religionen

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die so genannten Neuen Religionen, zum Teil als Abspaltungen aus den Weltreligionen, zum Teil durch Entlehnungen aus asiatischen oder afrikanischen Traditionen. Die Vielfalt der so genannten Neuen Religionen ist nahezu unüberschaubar. Es ist zumeist schwierig festzustellen, ob es sich in allen Fällen wirklich um Religionen oder nur um Heilungs- oder Meditationstechniken handelt. Einige dieser Neuen Religionen empfinden sich als Reformbewegungen im Verhältnis zu den etablierten Traditionen. Andere, zumeist asiatischen Ursprungs, lehren vor allem Meditations- und Körperbeherrschungstechniken. Die jeweilige Lehre wird aus – häufig heterogenen – Elementen aller möglichen Traditionen zusammengestellt. Ein bekanntes Beispiel hierfür war die Osho-Bewegung von Bhagwan Shree Rajneesh: Seine Lehre enthielt Elemente des Buddhismus und des Hinduismus neben ostasiatischen und christlichen Ideen.

Der amerikanische Theologe David Barrett hat 2001 weltweit ungefähr 9 900 Religionen gezählt. Die Zahl der Konfessionen wird derzeit auf 33 000 geschätzt; um 1900 waren es noch weniger als 1 800.

5

Religionsbegriffe der Religionen

5.1

Christentum

Der westliche Begriff von Religion geht auf das römische Wort religio zurück (siehe oben). Für die Römer bedeutete er zunächst die rituelle Exaktheit, die Opfer oder Orakel für die Götter zum rechten Zeitpunkt in der richtigen Reihenfolge durchzuführen. Religio gehörte damit zur Gottesverehrung und war vor allem dessen äußerer, kultischer Aspekt. Der Begriff konnte auf die Zeremonien anderer Religionen übertragen werden. Von einigen Völkern behaupteten die Römer, sie hätten keine religio und pietas, keine Gottesverehrung und Frömmigkeit. Auch die Christen besaßen für die Römer keine religio.

Das Christentum übernahm von den Römern die Bedeutung von religio als praktische Gottesverehrung. Augustinus bezeichnete das Christentum als „die wahre Religion” (vera religio). Im mittelalterlichen Christentum hat dieser Begriff jedoch nie eine zentrale Rolle gespielt.

In der Zeit des Augsburger Religionsfriedens von 1555 konnte religio die verschiedenen christlichen Konfessionen bezeichnen. Das dort verabschiedete Reichsgesetz über den Religionsfrieden zwischen Katholiken und Protestanten besagte, dass der jeweilige weltliche Herrscher die Konfession in seinem Gebiet bestimmt („cuius regio, eius religio”).

In der Zeit der Aufklärung erhielt der Begriff Religion seine heutige Bedeutung. Er kann seitdem auf vergleichbare Erscheinungen in verschiedenen Kulturen angewendet werden. Damit war auch ein wichtiger Ausgangspunkt für die Religionskritik entstanden: Wenn das Christentum nun als eine von vielen Religionen angesehen wurde, war es damit auch prinzipiell kritisierbar.

5.2

Indien

Die Inder haben für Phänomene, die wir mit Religion bezeichnen würden, den Begriff Dharma. Doch Dharma geht auf der einen Seite weit über unser Religionsverständnis hinaus und kann gleichermaßen „rituelle Pflicht”, Kastenethik, universelle Weltordnung, Gottesverehrung und einiges mehr bedeuten. Auf der anderen Seite ist dieser Begriff in der indischen Geschichte nicht auf andere Religionen anwendbar gewesen. Er ist sehr stark auf das Kastensystem bezogen und wurde häufig von den indischen Brahmanen gebraucht, um sich von anderen Religionen abzugrenzen. Erst in neuerer Zeit kann dieser Begriff auch das Ethos, die religiösen Obliegenheiten von Anhängern anderer Religionen bezeichnen. Ethnische Unterscheidungen spielten in der indischen Religionsgeschichte eine große Rolle: Vertreter der Religion, die wir heute als Hinduismus bezeichnen, haben sich selbst als „Edle” (arya) bezeichnet. Nur sie konnten dem Dharma folgen und sich damit von anderen abgrenzen.

5.3

Buddhismus

Einen Begriff von Religion, der auf mehrere Religionen anwendbar war, gab es in Indien nur bei den Buddhisten. Es handelt sich hierbei um Dhamma, eine Ableitung aus Dharma. Dhamma im Buddhismus konnte einerseits „sittliches Reglement”, Erlösungsweg des Buddha, aber auch „abstrakte Weltordnung” oder einfach „Gegebenheit”, „Einzelding” bedeuten. Hierbei war, im Gegensatz zum Hinduismus, die Kastenzugehörigkeit unwichtig. Dhamma im Buddhismus kann auch über den eigenen Heilsweg hinaus denjenigen anderer Religionen bezeichnen. Den anderen Religionen wurde damit auch eine gewisse Wahrheit zugestanden, und sie wurden ins Verhältnis zur eigenen gesetzt. Für die Buddhisten war natürlich der buddhistische Dhamma maßgeblich, sie stellten sich vor, dass er auf einer höheren Ebene existierte als der anderer Religionen. Der Begriff hat somit Ähnlichkeiten mit dem westlichen Gebrauch von Religion.

5.4

Islam

Der Islam kennt Begriffe, die sowohl die eigene als auch andere Religionen bezeichnen können. Ausschließlich als Selbstbezeichnung dienen hier die Worte Islam (persönliche Entscheidung der Unterordnung unter Gott) oder Iman (Glaube an Gott oder an die Zeichen der Macht Gottes). Dagegen können Begriffe wie Din (Theologie, kultische Praktiken) sowohl für die eigene als auch für andere Religionen angewendet werden. Auch der Begriff Milla (Religionsgemeinschaft, fromme Gemeinschaft) war auf die eigene und auf andere Religionen anwendbar. Beide Begriffe besitzen daher gewisse Ähnlichkeiten zum westlichen Religionsbegriff.

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