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ReligionEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Probleme und Notwendigkeit der Definitionen von Religion; Typologie von Religionen; Die Religionen der Welt; Religionsbegriffe der Religionen; Religionsphilosophische Ansätze in der westlichen Geistesgeschichte; Neuere Religionstheorien
In Deutschland war es Friedrich Schleiermacher, der den Grundstein für die systematische Untersuchung von Religionen legte. Schleiermacher teilte das kritische Verhältnis der Aufklärung zur Religion nicht. Die vielfältigen Religionen hatten seiner Auffassung nach eines gemeinsam: ein „Anschauen des Universums”. Dieses Anschauen ist jedoch keine passive Wahrnehmung, sondern eine Einflussnahme des Angeschauten auf den Anschauenden. Damit war Religion für Schleiermacher etwas, das auf uns wirkt. Später sprach er sogar davon, dass der Anschauende sich in einer „schlechthinnigen Abhängigkeit” vom Angeschauten befindet. Dabei unterschied er drei Formen der Anschauung des Universums: 1. Die Anschauung, in der das Universum als Chaos erscheint. Dies entspreche, modern formuliert, einer Stufe des Polydämonismus oder Fetischismus. 2. Das Universum wird als Vielheit ohne Einheit wahrgenommen. Dies entspreche der Stufe eines Polytheismus. 3. Diese Vielheit wird als ein System erkannt. Dies entspreche dem Monotheismus, der höchsten Form religiöser Anschauung. Solche Entwicklungstriaden zu konstruieren, war in Schleiermachers Zeit üblich. Wir finden sie etwa auch bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Auguste Comte.
Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist Religion eine Stufe im Selbsterkenntnisprozess des absoluten Geistes. Mit dieser Auffassung attackierte er die Auffassung Schleiermachers: Wenn das Gefühl der Abhängigkeit das grundlegende Merkmal der Religion wäre, so Hegel, dann wäre der Hund der beste Gläubige. Religion könne nicht als individuelle Angelegenheit behandelt werden, sie sei vielmehr Bestandteil der Entwicklung des Geistes als welthistorischer Prozess. Der Geist durchlaufe verschiedene Stufen des Selbsterkenntnisprozesses und erreiche seine höchste Stufe in der Philosophie. Damit setzte Hegel die Tendenz fort, Religionsgeschichte in einem evolutionären Schema zu erklären. Die Evolution des absoluten Geistes geschah für ihn in den Stufen Kunst – Religion – Philosophie. Kunst sei die unmittelbare sinnliche Anschauung der Form des absoluten Geistes. Religion begreife das Absolute in der Vorstellung von Bildern und Symbolen. In der höchsten Form, in der der absolute Geist sich selbst erkenne, in der Philosophie, sei das in der Kunst Angeschaute und das in der Religion Vorgestellte und Gefühlte in die reine Form des Gedankens gebracht.
Als Religionskritiker und Kritiker der Hegel’schen Religionsauffassung traten vor allem Ludwig Feuerbach und Karl Marx in Erscheinung. Feuerbach unterzog die Hegel’sche Religionsauffassung einer eingehenden Kritik. Hegel vertausche Subjekt und Objekt. Religion sei nicht das Produkt des sich entwickelnden Weltgeistes, sondern der Menschen. Der Mensch, so Feuerbach, projiziere seine Ideale, Wünsche und Ängste in ein Wesen, das er Gott nennt. Alle religiösen Begriffe können damit für Feuerbach als menschliche Begriffe angesehen werden. Marx knüpfte an Feuerbachs Religionskritik an, gab dieser Kritik aber eine soziale Dimension. Religion war für ihn nicht der Ausdruck individueller Bedürfnisse, sondern sozialer Verhältnisse. In seinen frühen Schriften bezeichnete Marx die Religion als „Opium des Volkes”, „Seufzer der bedrängten Kreatur” oder „Gemüt einer herzlosen Welt”. Religionskritik, so Marx, sei nur der Anfang der Kritik der Zustände, die Religion hervorbringen, sie sei „im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist”. Damit ist für Marx letztlich eine eigenständige Religionskritik sinnlos geworden. Den Ansatz, Religion auf weltliche Zustände zurückzuführen, baute er später aus. Marx versuchte, jede Entwicklungsform der Religion aus der sozialökonomischen Struktur der Gesellschaft, in der sie existiert, herzuleiten. Dies schließe nicht aus, so bemerkte er später, dass Religionen oder Ideologien auch auf die sozialökonomischen Verhältnisse zurückwirken. Vor allem in seinen Untersuchungen zu den frühen Formen sozialer Entwicklung, den ursprünglichen Gemeinwesen, interessierte ihn die Entsprechung von Religion und Ökonomie. Hier versuchte er, alles religionswissenschaftlich-ethnographische Wissen, das ihm zugänglich war, für seine Forschungen zu verwenden.
Friedrich Max Müller, der Begründer der vergleichenden Religionswissenschaft, wollte durch Vergleichen der Religionen an die großen Erfolge anknüpfen, die man beim Vergleichen der Sprachen errungen hatte. Zu diesem Zweck gab er eine Bücherreihe heraus, die die wichtigsten religiösen Texte der Völker des Ostens enthielt (Sacred Books of the East, 1879-1894). Er selbst übersetzte die alten indischen Texte des Veda und glaubte anfangs, in allen Religionen eine „reine Urreligion” finden zu können, die in verschiedenen Sprachen die Offenbarung eines Gottes enthalte. Später verwarf er die Idee einer einheitlichen Urreligion, nahm aber weiter an, alle Religionen seien die Offenbarung desselben Gottes. Dennoch, so der Religionswissenschaftler, könne man das Wesen der Religion nicht in einer einzigen Religion erkennen: „Wer nur eine Religion kennt, kennt keine.” Die Reinheit der einen Offenbarung müsse sich im Verlaufe der Entwicklung aller Religionen herausstellen.
Edward Burnett Tylor, Begründer der britischen akademischen Ethnologie, suchte nach einem Merkmal, das alle Religionen gemeinsam haben. Dieses meinte er im von ihm so genannten Animismus zu finden, der für Tylor ganz allgemein den Glauben an geistige Wesen darstellte. Religion als „Glaube an geistige Wesen” war für ihn eine Minimaldefinition, die auf alle existierenden Religionen anwendbar sei. Dabei könne dieser Glaube historisch verschiedene Varianten aufweisen. In seiner frühesten Form entstehe er durch Visionen, Trancezustände oder Traumerscheinungen. Diese Zustände erweckten bei manchen Völkern den Eindruck, dass die Seele etwas Immaterielles sei, das unter Umständen den Körper verlassen könne. In einer weiteren Entwicklungsstufe seien alle Naturerscheinungen beseelt worden. Später bildete sich die Vorstellung aus, dass auch die Seelen der Verstorbenen noch gegenwärtig seien. So seien Methoden entwickelt worden, um die Bösartigen unter ihnen zu besänftigen und die Gutartigen zu verehren. In der daraufhin entstandenen Stufe des Fetischismus seien, so Tylor, ursprünglich alltägliche Gegenstände auserwählt und als Abbilder überirdischer Wesenheiten verehrt worden. Eine wiederum höhere Stufe stelle dann der Polytheismus dar: Hier werden nun nicht mehr Gegenstände verehrt, sondern verschiedene selbständige Gottheiten, die anthropomorphe Züge tragen. Die höchste Entwicklungsform der Religion ist laut Tylor der Monotheismus. Hier wird nur noch eine Gottheit verehrt, die alle Eigenschaften der vielen Götter in sich vereint. Bemerkenswert ist, dass Tylor hier eine rein evolutionäre Theorie der Religionsentstehung entwirft (siehe Evolutionismus). Eine Religionsbegründung durch göttliche Offenbarung lehnte er ab.
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