Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse Seite 7 von 8
ReligionEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Probleme und Notwendigkeit der Definitionen von Religion; Typologie von Religionen; Die Religionen der Welt; Religionsbegriffe der Religionen; Religionsphilosophische Ansätze in der westlichen Geistesgeschichte; Neuere Religionstheorien
Für den französischen Ethnologen und Soziologen Émile Durkheim war die Unterscheidung einer heiligen von einer profanen Welt das grundlegende Merkmal von Religion. Diese Unterscheidung finde sich, so Durkheim, in allen Formen des religiösen Denkens, in den Glaubensvorstellungen, Mythen, Dogmen oder Legenden. Darüber hinaus werde in diesen Denkformen die gegenseitige Beziehung zwischen Heiligem und Profanem, zwischen wirklicher und idealer Welt festgelegt. Den Anhängern der Religion werde mitgeteilt, wie sie sich, aus der profanen Welt kommend, gegenüber der heiligen Welt verhalten müssen. Durkheim betrachtete die Religion jedoch nicht sosehr als eine Weltanschauung oder einen Gottesglauben, sondern als soziales System. Nach seiner Auffassung sind religiöse Vorstellungen Kollektivvorstellungen und soziale Tatsachen, die durch die sozialen Verhältnisse der jeweiligen Religionsgemeinschaft entstehen. Damit legte er den Grundstein für eine große Tradition der soziologischen Erforschung der Religion, nämlich die so genannte Schule der französischen Soziologie. Durkheim war weiterhin der Auffassung, dass sich Religion am besten bei der Betrachtung indigener Völker erschließe. Im Sinne des Evolutionismus glaubte er, in der „frühen Entwicklungsstufe” von Religion das Grundschema zu finden, das auch alle komplexeren, „weiter entwickelten” Religionen erklären kann.
Max Weber war zwar kein Religionswissenschaftler, seine Untersuchungen zur Religionsethik und deren Einfluss auf die Wirtschaft haben jedoch einen nachhaltigen Einfluss auf die Religionswissenschaft ausgeübt. In seiner Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus versuchte Weber nachzuweisen, dass die „innerweltliche Askese” der Protestanten zur Entstehung des Kapitalismus in Europa beigetragen habe. Den Protestanten war es einerseits aufgrund dieser Askese verboten, die Früchte ihrer Arbeit unbefangen zu genießen, zum anderen wurde ihnen die Pflicht zur rastlosen beruflichen Arbeit auferlegt. Dies hatte zur Folge, dass das Erworbene wieder produktiv investiert werden konnte, und somit waren die Voraussetzungen für die rasante Entwicklung der Produktivkräfte in der Neuzeit gegeben. Diese Untersuchungen setzte er dann in seiner Wirtschaftsethik der Weltreligionen fort. Damit hat Weber, ähnlich wie Durkheim, dazu beigetragen, die Religion nicht nur vom geistesgeschichtlichen Standpunkt aus zu erforschen, sondern auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Auswirkungen auf Lebensführung, Gesellschaft und Wirtschaft. Marx, Durkheim und Weber gelten als Begründer der Religionssoziologie.
Der Ethnologe James George Frazer schrieb ein umfassendes Werk (The Golden Bough; 1890, Der goldene Zweig) über die Entwicklung von Religion und Kult, das in seiner vollständigen Ausgabe 13 Bände umfasst. Darin sammelte er ethnogisches Material, um zu beweisen, dass Religion sich aus der Magie entwickelt hat und die Entwicklung der Religion ihre Fortsetzung in der Wissenschaft findet. Religion entstand gemäß seiner Theorie, weil die Menschen erfuhren, dass die Magie nicht funktioniert und dass sie von den Kräften abhängig sind, die sie mit Magie vergeblich zu beherrschen versuchten. Frazer sah in der Religion den Versuch, diese Mächte, von denen der Mensch sich abhängig glaubt, zu versöhnen und zu beschwichtigen. Er sah Religion und Magie als falsche Anwendung der psychischen Assoziationsgesetze an. Dies habe erst die Wissenschaft richtiggestellt. Religion enthält für Frazer also zwei Elemente: den Glauben an höhere Mächte als theoretisches Element und die kultischen Umgangsformen mit diesen Mächten als praktisches Element. Diese beiden Elemente entsprechen einander, Kult und Glauben bilden eine Einheit. Eine Grundfigur in der Entwicklung früher Religionen war für Frazer die periodische Erneuerung sakraler Macht. So wie im weltlichen Bereich ein alternder, schwacher König abgesetzt und durch einen jungen, kräftigeren ersetzt wurde, musste auch ein Gott, dessen sakrale Gewalt schwindet, rituell getötet und neu erschaffen werden. Dieses Grundschema taucht tatsächlich in vielen frühen Religionen auf, etwa bei der Erneuerung agrarischer Fruchtbarkeit, findet sich aber nicht in allen frühen Religionen.
Bronislaw Malinowski, ein Schüler Frazers, wollte nicht wie sein Lehrer Religionen und Kulturen akademisch erforschen, sondern führte Feldforschungen auf den Trobriand-Inseln im südwestlichen Pazifik durch. Er versuchte, in der Kultur der Melanesier Religion und Magie möglichst präzise voneinander abzugrenzen. Ein wichtiges Abgrenzungskriterium fand er in der Funktion, die beide in der Gesellschaft innehatten. Die Magie sei immer auf ein Ziel gerichtet, das man erreichen möchte: Kriegszauber beispielsweise auf Erfolg in den Kämpfen oder Fruchtbarkeitszauber auf gute landwirtschaftliche Erträge. Religion dagegen sei auf kein Ziel gerichtet, sondern für sich selbst da. Damit widersprach er dem Evolutionsschema von Frazer, bei dem Magie und Religion nebeneinander keine Berechtigung hatten. Religion, so Malinowski, habe die Funktion, die zentralen Werte der Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen und die moralische Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie Durkheim betonte Malinowski den integrativen Charakter von Religion für die Gesellschaft. Wissenschaft dagegen sei, ähnlich wie Magie, auf ein zweckhaftes Handeln gerichtet, das unmittelbar praktische Ziele verfolge.
Sigmund Freud versuchte, Begriffe aus der von ihm begründeten Psychoanalyse für die Religionswissenschaft fruchtbar zu machen. Ihm war aufgefallen, dass es auffallende Parallelen zwischen Verhaltensweisen von Neurotikern und Anhängern früher Religionen gibt. Freud versuchte zu beweisen, dass dieser Rückgriff von Neurotikern auf frühere religiöse Handlungsweisen der Versuch ist, sich eine anachronistische gesellschaftliche Wirklichkeit zu schaffen. Die Wiederholung vergangener religiöser Verhaltensweisen deutete er als eine Art Flucht aus der gegenwärtigen Gesellschaft. Historisch habe die Religion ihren Ursprung in dem Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche der Menschen gegenüber den Mächten des Lebens. Religiöse Ideen entspringen der kindlichen Vatersehnsucht, dem Vaterkomplex, den Freud auch Ödipuskomplex nennt. Die Menschen versuchen dieser ursprünglichen Hilflosigkeit mit Rückgriff auf die traditionellen Schutzmächte, die Götter, zu entgehen. Der personalisierte Gott ist hierbei nichts anderes als eine überhöhte Vaterfigur. Religion ist für Freud der Versuch, die Welt, in die wir gestellt sind, mittels einer Wunschwelt zu bewältigen. Freud, der sich in der Tradition der Religionskritik von Feuerbach sah, betonte mehrfach, dass er das Fortbestehen von Religionen nicht als notwendig ansehe. Viele Details der Freud’schen Religionstheorie sind heute überholt, u. a. weil er sich sehr stark auf das Material von Frazer stützte. Der psychoanalytische Erklärungstypus hat jedoch viele prominente Nachfolger gefunden, unter ihnen Carl Gustav Jung, Erich Fromm oder Paul Ricœur.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |