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Henrik Ibsen (1828-1906), norwegischer Dramatiker. Er war der Begründer des modernen, psychologisch und sozial differenzierten Gesellschaftsdramas. Ibsen wurde am 20. März 1828 in Skien geboren und arbeitete zunächst als Assistent in einer Apotheke (1844-1850). Von 1851 bis 1857 war er mit Unterbrechungen (Studienreisen nach Kopenhagen und Dresden) als Indendant und Bühnenschriftsteller am Nationaltheater in Bergen beschäftigt, anschließend bis 1862 als Direktor des Theaters in Kristiania (heute Oslo). In dieser Zeit verfasste Ibsen seine ersten Theaterstücke. 1863 wurde Ibsen Konsulent am Kristiana-Theater. Danach lebte er bis 1891 überwiegend in Rom, Dresden und München, unterbrochen von einem Besuch in Norwegen (1874). Von seiner nach Samfundets støtter (1877; Die Stützen der Gesellschaft) einsetzenden ungeheueren Popularität in Deutschland zeugt der Umstand, dass zwischen 1884 und 1900 allein fünf Übersetzungen von Vildanden (1885; Die Wildente) erschienen. Anfangs bestritt Ibsen seinen Lebensunterhalt mit einem Stipendium, später mit einem Jahresgehalt des norwegischen Parlaments. 1891 kehrte er nach Kristiania zurück, wo er am 23. Mai 1906 verstarb.
Ibsens dramatisches Frühwerk war, ebenso wie die heute kaum noch bekannten Gedichte, von einer romantisierenden Rückschau auf die Geschichte Norwegens und sein literarisches Erbe geprägt. Hierzu zählen die historischen Versdramen Catilina (1850; Uraufführung: Stockholm 1881), Brand (1866; Uraufführung: Stockholm 1885) und die Dramatisierung des Nationalepos Peer Gynt (1867). Mit Samfundets støtter (1877; Die Stützen der Gesellschaft), einer scharfen Attacke auf die Verlogenheit gesellschaftlicher Konventionen, dargestellt am Beispiel eines skrupellosen Geschäftsmannes, schuf Ibsen einen neuen Typus des Gesellschaftsdramas. Dieser zeichnet sich durch geradlinigen Handlungsaufbau, dynamische Dialogführung und schonungslose Kritik sozialer Machtverhältnisse und Verhaltensweisen aus. Berühmte, noch heute oft gespielte Musterdramen über die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen sind Et dukkehjem (1879; Nora oder Ein Puppenheim), Gengangere (1882; Gespenster) und Hedda Gabler (1891). Zentralgestalten dieser Dramen sind meist Frauen, die im patriarchalischen Bürgertum noch mehr als die Männer durch ein Korsett traditioneller Verhaltensnormen eingezwängt waren, im Bereich der Prosa vergleichbar mit Gustave Flauberts Madame Bovary oder Lew Tolstojs Anna Karenina. So geht es in Nora, das nach seiner Uraufführung zu einer heftigen literarischen Kontroverse führte, um die Auflehnung der Titelfigur gegen die lieblosen und demütigenden Umstände einer aus Familienrücksichten geschlossenen Vernunftehe (nach dem Vorbild der Ibsen bekannten Schriftstellerin Laura Kieler). August Strindberg reagierte mit einer Erzählung, in der er Ibsen sein negatives Frauenbild entgegenstellte. Das Familiendrama Gespenster, nach Ibsens Aussage die logische Fortsetzung von Nora, kreiste ebenfalls um den Konflikt von konventioneller Pflicht und individueller Neigung und sorgte zudem mit Tabuthemen wie erbliche Geisteskrankheit, Geschlechtskrankheit und Inzest für weiteren Zündstoff. In Hedda Gabler schließlich scheitert eine im Grund willensstarke Frau an den Widersprüchen ihres Daseins und scheidet „skandalös” freiwillig aus dem Leben. Unter den weiblichen Protagonisten dieser Stücke ist sie die psychologisch differenzierteste Figur, deren Zeichnung bereits auf das von der Sigmund Freud’schen Psychoanalyse beeinflusste Drama verweist. Während En folkefiende (1883; Ein Volksfeind) die Bigotterie einer kleinstädtischen Bürgerschaft verspottet, führte Ibsen in späteren Dramen die psychologische Feinzeichnung in meisterhaften Charakterstudien zur Vollendung. In seinem dramatischen Aufbau von Peer Gynt, dessen Titelfigur einen phantastisch Reisenden ohne festen Charakter abgibt, brach der Dichter mit den Gattungsvorgaben einer aristotelischen Poetologie (Einheit von Zeit, Ort und Handlung etc.) und nahm damit entscheidende Züge des modernen Dramas, namentlich von Strindbergs Stationentechnik, vorweg. Auf Ibsen geht auch der Gedanke eines funktionalen Bühnenbilds zurück, getreu seinem Motto, dass aus einem an der Kulissenwand hängenden Gewehr im Verlauf der Dramenhandlung auch geschossen werden müsse. Weitere Werke Ibsens sind Rosmersholm (1887), Fruen fra Havet (1889; Die Frau vom Meer), Bygmester Solness (1892; Baumeister Solness) und das Trauerspiel Når vi døde vågner (1900; Wenn die Toten erwachen). Obwohl sich das zeitgenössische Publikum häufig von Ibsens Verletzungen gesellschaftlicher Tabus schockiert zeigte, erkannten Kritiker wie der Engländer George Bernard Shaw und der Däne Georg Brandes früh die formale Meisterschaft und den innovativen Charakter seiner Dramen. Mit Ibsen entfernte sich das analytische Drama endgültig von der im späten 19. Jahrhundert vorherrschenden Mode des wirklichkeitsfernen Melodrams, und sein Einfluss vor allem auf die Bühnenautoren des Naturalismus war bedeutend. In Deutschland ging die schnelle Verbreitung seines Werkes auf die Initiative von Maximilian Harden und von Otto Brahms Berliner Theaterverein Freie Bühne zurück, der u. a. die Gespenster inszenierte. Ibsens Schauspiele sind häufig auch verfilmt worden, Nora, in deren Bühnenfassung etwa Eleonora Duse brillierte, zwischen 1917 und 1974 allein sieben Mal, u. a. von Joseph Losey und Rainer Werner Fassbinder.
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