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Seide

Enzyklopädieartikel
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Kokon des SeidenspinnersKokon des Seidenspinners
Artikelgliederung
1

Einleitung

Seide, Faser, die aus den Kokons des Seidenspinners erzeugt wird, geschätzt wegen ihrer Verwendung in kostbaren Stoffen und Textilien. Beim Seidenspinner handelt es sich um einen Schmetterling, dessen Raupe den Kokon erzeugt. Obwohl eine große Anzahl von Insekten Kokons erzeugen, finden nur die des Maulbeerseidenspinners, Bombyx mori, und einiger anderer, eng verwandter Seidenspinner in der Seidenindustrie Verwendung. Die Seide anderer Insekten, aber auch (und vor allem) der Spinne, wird lediglich bei der Fertigung spezieller technischer Produkte eingesetzt, besonders für Fadenkreuze in Teleskopen und in anderen optischen Instrumenten.

2

Geschichte

Seide ist eine der ältesten bekannten textilen Fasern und wurde, laut chinesischer Überlieferung, bereits im 27. Jahrhundert v. Chr. verwendet. Der Seidenspinner war ursprünglich nur in China beheimatet, so dass das Sammeln und Weben von Seide etwa drei Jahrtausende lang chinesisches Privileg blieb. Der Legende nach war es Xi Longshi, die vierzehnjährige Braut des Kaisers Huangdi, die die Verarbeitungsmöglichkeiten des Seidenkokons entdeckte und die erste Seidenspule erfand. China hütete das Geheimnis mit Erfolg bis 300 n. Chr., als zuerst Korea und Japan und danach Indien begannen, Seide zu erzeugen.

Dem Alten Testament ist zu entnehmen, dass in biblischer Zeit Seide bereits in Kleinasien bekannt war, von wo aus sie höchstwahrscheinlich in die Ägäis gelangte. Man nimmt an, dass die Chinesen seit der Han-Dynastie im 2. Jahrhundert v. Chr. einen einträglichen Handel mit dem Westen betrieben (siehe Seidenstraße). An den Höfen der alten Perser wurde chinesische Seide verwendet. Als sich der persische König Darius III. Alexander dem Großen unterwarf, war er angeblich in solch prächtige Seidengewänder gehüllt, dass Alexander als Kriegsbeute ein Vermögen in Seide forderte. Der römische Staatsmann und General Gaius Julius Caesar verfügte, dass Seide ausschließlich von ihm persönlich oder von ihm favorisierten Staatsbeamten getragen werden dürfe. Trotzdem verbreitete sich auch in Rom die Verwendung von Seide, als Prunk und Zurschaustellung von Reichtum zunahmen.

Bis 550 kamen alle Seidenfasern, die in Europa gewebt wurden, aus asiatischen Quellen. Um diese Zeit sandte jedoch der römische Kaiser Justinian I. zwei Mönche der nestorianischen Kirche nach China, wo sie unter Einsatz ihres Lebens Maulbeersamen und Eier von Seidenraupen nach Byzanz schmuggelten. Damit war das Seidenmonopol der Chinesen und Perser gebrochen. Mit der Ausbreitung des Islams gelangte die Seidenraupe nach Sizilien und Spanien. Im 12. und 13. Jahrhundert etablierte sich Italien als Seidenzentrum des Westens und blieb es auch, bis im 17. Jahrhundert Frankreich diese Stellung beanspruchte. Die Seidenwebstühle, die damals in der Gegend um Lyon eingerichtet wurden, sind auch heute noch wegen der einzigartigen Schönheit der auf ihnen gefertigten Stoffe berühmt.

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Seidenraupenzucht

Die Gewinnung von Seide beginnt mit dem Ausbrüten der winzigen Eier des Seidenspinners. Sobald die Raupen schlüpfen, werden sie mit einer Schicht Gaze bedeckt. Sechs Wochen lang fressen die Raupen ununterbrochen feingehackte Maulbeerblätter, bis sie zum Spinnen ihrer Kokons bereit sind. Für die Verpuppung in den Kokon brauchen sie etwa acht Tage. Ein Kokon enthält nur eine sehr geringe Menge verwendbarer Seide, so dass ungefähr 5 500 Raupen für ein Kilogramm Rohseide benötigt werden.

Nachdem die fertigen Kokons eingesammelt werden, werden die Puppen getötet, indem die Kokons gekocht oder in Öfen erhitzt werden. Von den Kokons werden die Seidenfäden durch Abhaspeln gewonnen. Zuerst erhitzt man die Kokons in kochendem Wasser, damit sich die gummiartige Substanz auflöst, die den Kokonfaden hält. Danach verbindet und verdreht man die Fäden von vier bis acht Kokons und fasst sie mit einer Anzahl ähnlich verdrehter Fäden zusammen, die alle zusammen zu einem Faden aufgespult werden. Wenn ein Kokon abgehaspelt ist, wird er durch einen anderen ersetzt. Der entstehende Faden, die Rohseide, setzt sich in der Regel aus 48 Einzelfäden zusammen. Er besteht im Gegensatz zu anderen natürlichen Materialien, wie Baumwolle oder Wolle, aus extrem langen Fasern. Außer dieser wertvollen gehaspelten Rohseide fällt bei dem Herstellungsprozess Seide minderer Qualität ab, die aus drei Bestandteilen gemischt wird: den Kokons, die von bereits schlüpfenden Raupen (die man zur Zucht weiterverwendet) zerstört wurden, der äußeren wirren Fadenschicht, die vor dem Abhaspeln durch Bürsten entfernt wird, und der inneren Schicht des Kokons, die nach dem Haspeln übrig bleibt. Auch diese Seide wird zu Garn versponnen.

Der nächste Schritt in der Seidenverarbeitung besteht im Verdrehen eines oder mehrerer Fäden Rohseide zu einem Faden, der fest genug ist, um gewebt oder verstrickt zu werden. Dieser Vorgang heißt Zwirnen. Dabei lassen sich vier verschiedene Arten von Seidenfäden erzeugen: Organsin, Crêpe, Trame und einfädiges Garn. Organsin entsteht, wenn der Rohseidenfaden zuerst in eine Richtung vorgedreht wird und dann zwei solcher Fäden in die andere Richtung bei 40 Drehungen pro Minute zusammengewickelt werden. Crêpe ist dem Organsin ähnlich, aber stärker gezwirnt, in der Regel zwischen 160 und 320 Drehungen pro Minute. Trame entsteht, wenn zwei oder mehr Rohseidenfäden mit 80 bis 120 Drehungen pro Minute in nur eine Richtung gedreht werden. Einfädiges Garn besteht aus jeweils einem Rohseidenfaden, der in nur eine Richtung gedreht wird, wobei sich die Anzahl der Drehungen nach der gewünschten Fadenqualität richtet. Beim Weben wird Organsinfaden im Allgemeinen für die Kette, Tramefaden für den Schuss verwendet. Crêpefaden findet sich in Geweben mit körniger Struktur, einfädige Garne hingegen in durchsichtigen Stoffen.

Siehe auch Faser, Textilien.

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Produktion

Zusätzlich zur reinen Seide der gezüchteten Raupen des Maulbeerseidenspinners werden die so genannten Wildseiden verwandter wild lebender Insekten erzeugt. So entsteht z. B. Tussah-Seide durch eine Schmetterlingsart, die sich von Eichenblättern ernährt. Doupion ist Seide von zwei Seidenraupen, die zusammen einen Kokon spinnen und einen doppelten Faden produzieren. Mit dem Aufkommen synthetischer Fasern wie Nylon und Polyester, die haltbarer und billiger als Seide sind, aber nicht dieselbe Qualität besitzen, sind sowohl die Seidenherstellung als auch der Verbrauch stark zurückgegangen. 1940 lag die Weltproduktion bei 59 Millionen Kilogramm, 1950 war sie auf 19 Millionen Kilogramm gesunken, aber Mitte der achtziger Jahre hatte sie bereits wieder etwa 68 Millionen Kilogramm erreicht. Wichtigste Produzenten sind traditionell China, Vietnam, Japan und Thailand. Größter Abnehmer ist Japan.

Seide wird für leichte Anzüge, Mäntel, Hosen, Jacken, Hemden und Krawatten, Kleider, Unterwäsche und Handschuhe, außerdem in Spitzenstoffen, Heimtextilien und für Handtaschen verwendet.

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