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Chinesische SpracheEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Allgemeine Merkmale; Standardsprache und Dialekte; Entwicklung der Sprache; Grammatik; Die chinesische Schrift; Methoden der Transliteration
Sprachen wie das Lateinische oder Russische, die ein hohes Maß an Flexion aufweisen, fügen dem Wortstamm Flexionsmorpheme hinzu oder modifizieren den Vokal des Wortstammes (Ablaut), um syntaktische Beziehungen im Satz anzuzeigen. Das moderne Chinesisch ändert zu diesem Zweck jedoch niemals Laute und fügt nur selten neue hinzu. Da es keine Flexionsformen für Substantive gibt, die anzeigen könnten, ob es sich beispielsweise um ein Subjekt oder ein Objekt handelt, und keine Hinweise darauf gegeben werden, ob Verben, Substantive und Adjektive in Numerus und Kasus übereinstimmen, spielt die Wortstellung als syntaktisches Mittel eine besondere Rolle. Die Wortstellung im Chinesischen ist vergleichbar mit dem Englischen: Subjekt – Prädikat – Objekt. Bei genauerer Betrachtung weist die Grammatik dieser beiden Sprachen jedoch größere Unterschiede auf: Im Englischen ist das Subjekt meist Träger der Handlung, während es im Chinesischen häufig als Thema vorangestellt wird, das einfach kommentiert wird. Ein Beispiel: Nei-ke schu jezi hen da, wörtlich übersetzt „(Für diesen) Baum Blätter sehr groß”, also „Dieser Baum hat sehr große Blätter”. Ein weiteres Merkmal des Chinesischen ist, dass die Tempora des Verbs im Allgemeinen nicht ausgedrückt werden. Statt der Relativsätze stehen relativ komplizierte modifizierende Wendungen dem zu modifizierenden Begriff voran: Jianle schu jiu mai de neige ren, „Gesehen haben Buch sofort kaufen ist der Mann”, wird übersetzt mit „Der Mann, der jedes Buch, das er sieht, sofort kauft”.
Das Chinesische besitzt keine alphabetische, sondern eine ideographische Schrift, d. h. eine Symbolschrift, bei der jedem Wort ein Schriftzeichen zugeordnet ist. Um eine chinesische Zeitung lesen zu können, muss man 2 000 bis 4 000 Zeichen beherrschen. Insgesamt gibt es über 40 000 Zeichen. Die ältesten Texte, die man gefunden hat, sind Weissagungen, die höfische Wahrsager der Shang-Dynastie in Schildkrötenpanzer oder Schulterblätter von Rindern eingeritzt haben. Die ältesten dieser Inschriften stammen aus dem frühen 14. Jahrhundert v. Chr. Auch wenn das Schriftsystem seit dieser Zeit standardisiert und verändert wurde, so sind seine Grundprinzipien und viele der Symbole im Grunde erhalten geblieben. Wie andere alte Schriftsysteme hat sich auch die chinesische Symbolschrift aus einer Bilderschrift entwickelt. Man ging dazu über, die Sprache Wort für Wort abzubilden, als man realisierte, dass Wörter, die zu abstrakt sind, um sie mit einer Zeichnung wiederzugeben, eher durch ihren Klang als durch ihre Bedeutung abgebildet werden können. Im Gegensatz zu anderen Schriften enthält ein chinesisches Schriftzeichen Hinweise auf seinen Bedeutungsbereich und zu seiner phonetischen Realisierung. Die Lautbestimmungen wurden nicht dem Wandel der Aussprache angepasst, sie entsprechen noch immer dem Aussprachestandard, der vor 3 000 Jahren galt. Die Bausteine des Systems bilden einige hundert Piktogramme für Grundworte wie „Mensch”, „Pferd”, und „Axt”. Ergänzend dazu gibt es erweiterte oder zusammengesetzte Piktogramme. So bedeutet beispielsweise ein Symbol, das einen Menschen abbildet, der Getreide trägt, „Ernte” und daraus resultierend „Jahr” (nian). Piktogramme von Konkreta wurden als phonetische Anleihen verwendet, um abstrakte Wörter gleichen oder ähnlichen Klanges abzubilden. Das zugrunde liegende Prinzip ist das des Rebus oder Bilderrätsels. So wurde das Piktogramm für „Kehrschaufel” (ji) verwendet, um „dies”, „sein” und „ihr” (qi oder ji) abzubilden. Während der Zhou-Dynastie (11. bis 3. Jahrhundert v. Chr.) wurden viele Zeichen auf diese Weise doppelt verwendet. Wenn sich die Schriftgelehrten dieser Zeit darauf geeinigt hätten, dass das Piktogramm für „Kehrschaufel” für jede Silbe, die ji ausgesprochen wird, verwendet wird, hätten sie das Prinzip der phonetischen Silbentabelle, einem Vorläufer des Alphabets entdeckt. Aber wegen der Vielzahl der Homonyme im Chinesischen zogen sich die Schriftgelehrten auf die Bildersprache zurück. Das Bild der Kehrschaufel wurde mit der Zeit ausschließlich für die Worte „sein” und „ihr” verwendet. In den seltenen Fällen, in denen man sich tatsächlich auf eine Kehrschaufel beziehen wollte, vermied man Missverständnisse, indem man ein zusammengesetztes Symbol verwendete, bei dem „Kehrschaufel” das Piktogramm für „Bambus” hinzugefügt wurde, um das Material, aus dem Kehrschaufeln hergestellt wurden, zu repräsentieren. Um Mehrdeutigkeiten zu eliminieren, entwickelte sich mit der Zeit das Prinzip, Piktogramme zu kombinieren. So bedeutet „Kehrschaufel” in Kombination mit „Erde” statt mit „Bambus” „Basis, Fundament”. Noch heute werden sowohl einfache als auch zusammengesetzte Piktogramme für einen Teil des Grundwortschatzes verwendet: „zu Hause”, „Mutter”, „Kind”, „Reis”, „Feuer”. Rund 95 Prozent der Wörter im Lexikon werden jedoch durch Komposita wiedergegeben. Um moderne Begriffe ausdrücken zu können, werden im Chinesischen im Allgemeinen Äquivalente aus dem ursprünglichen Vorrat bedeutungstragender Silben verwendet, oder diese Ausdrücke werden in phonetischer Schreibweise wiedergegeben. „Chemie” wird im Chinesischen beispielsweise als „Studium der Transformationen” ausgedrückt. Shih Huang Ti, der erste Herrscher über ein vereinigtes China unterdrückte viele regionale Schriften und setzte einen vereinfachten Schreibstandard, die so genannte kleine Siegelschrift in Kraft. Während der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) entwickelte sie sich in eine Schreibschrift, eine Fließschrift, eine Skizzen- und eine Standardschrift. Das gedruckte Chinesisch orientiert sich an der Standardschrift. Hand- oder Schnellschriften (die Fließ- und Skizzenschriften) führten viele abgekürzte Zeichen in die künstlerische Kalligraphie und die geschäftliche und private Korrespondenz ein, waren aber lange von offiziellen Dokumenten ausgeschlossen. Das Drucken abgekürzter Zeichen ist in Taiwan noch immer verboten, aber in der Volksrepublik China allgemeine Praxis geworden.
Im angelsächsischen Sprachraum wurden chinesische Wörter (mit Ausnahme von Personennamen und Ortsbezeichnungen) seit 1892 nach einem phonetischen Buchstabensystem, der so genannten Wade-Giles-Umschrift transliteriert, die von den britischen Orientalisten Sir Thomas Wade und Herbert Giles entwickelt wurde. Personennamen wurden individuell verschieden übertragen, Ortsbezeichnungen nach den unsystematischen Schreibweisen der chinesischen Post. Seit 1958 wurde eine Alphabetschrift als Hilfsschrift, genannt Pinyin (wörtlich „buchstabieren”), eingeführt, die 58 traditionelle Schriftzeichen einschließt. Sie wird dort für Telegramme und in der Grundschule verwendet. Es gibt Bestrebungen, die traditionellen Schriftzeichen durch Pinyin zu ersetzen, aber es ist unwahrscheinlich, dass sich dieses System völlig durchsetzen wird. Die Vereinfachung des Lautsystems, die im Lauf der Zeit erfolgt ist, und die so entstandenen Homonyme lassen den prägnanten klassischen Stil unverständlich werden, wenn er in einer alphabetischen Schrift geschrieben wird. Seit dem 1. Januar 1979 benützt auch die Xinhua (Neue chinesische Nachrichtenagentur) Pinyin für Nachrichtentexte, die ins Ausland gelangen. Die Regierung der Vereinigten Staaten, viele wissenschaftliche Publikationen und Zeitungen, wie die New York Times, haben das Pinyin-System übernommen, wie auch diese Enzyklopädie.
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