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Michelangelo Antonioni

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Michelangelo AntonioniMichelangelo Antonioni

Michelangelo Antonioni (1912-2007), italienischer Filmregisseur und Drehbuchautor. Mit seinen innovativen Filmkunstwerken, die in bahnbrechender Ästhetik und in Abkehr von den Standards des kommerziellen Kinos Angst, Isolation und Entfremdung des modernen Menschen in urbanen Lebenswelten zeigen, avancierte er zu einem der großen Regisseure des 20. Jahrhunderts.

Antonioni wurde am 29. September 1912 in Ferrara geboren. Er absolvierte ein Studium der Volkswirtschaft in Bologna und arbeitete anschließend in Rom als Filmkritiker bei den Zeitschriften L’Italia libera und Cinema. Nachdem er Anfang der vierziger Jahre für Roberto Rossellini am Drehbuch zu Un pilota ritorna (1942) mitgewirkt hatte und als Regieassistent von Marcel Carné tätig gewesen war, wandte er sich dem Dokumentarfilm zu und schilderte in Gente del Po (1947; Menschen am Po) das Leben der Landbevölkerung im Po-Tal. Es folgten einige Kurzfilme, ehe er mit Cronaca di un amore (1950; Chronik einer Liebe) seinen ersten Spielfilm realisierte, der die Ästhetik des Neorealismus mit Stilelementen des amerikanischen Kriminalfilms verbindet, aber auch schon Eigenheiten von Antonionis späterer, unverwechselbarer Handschrift erkennen lässt. Mit I vinti (1952; Kinder unserer Zeit) realisierte er einen semidokumentarischen Episodenfilm über halbwüchsige Kriminelle in drei europäischen Metropolen; der Film hatte sowohl in Frankreich als auch in Italien Probleme mit der Zensur. Es folgten La signora senza camelie (1953; Die große Rolle), die desillusionierende Darstellung des von Kontaktarmut geprägten Lebens einer angehenden Schauspielerin in einer modernen Großstadt, und Le amiche (1955; Die Freundinnen), ein Film über eine Gruppe von Frauen und ihre Bekannten, basierend auf der Erzählung Tra donne sole von Cesare Pavese. Antonioni, der die Drehbücher zu den meisten seiner Filme selber schrieb oder als Koautor mitwirkte, profilierte sich in der Folge als einer der herausragenden Vertreter des europäischen Autorenfilmes und neben Roberto Rossellini, Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini und Luchino Visconti als einer der wichtigsten Protagonisten des italienischen Films.

Nach Il grido (1957; Der Schrei) entstand Anfang der sechziger Jahre eine Trilogie, bestehend aus L’avventura (1960; Die mit der Liebe spielen), La notte (1961; Die Nacht) und L’eclisse (1962; Liebe 1962), die den Höhepunkt von Antonionis Schaffen markiert. In diesen Werken verstärkt sich die bereits zuvor in Antonionis Filmen spürbare tief pessimistische Weltsicht. Die Entfremdung des Individuums in der modernen Gesellschaft und die Unmöglichkeit intakter zwischenmenschlicher Beziehungen blieb sein zentrales Thema. Die von Leere und Trostlosigkeit geprägten Bilder der Außenwelt versinnbildlichen den emotionalen Zustand der Figuren. Die kühlen Interieurs moderner Städte bestimmen das verletzliche, selbstbezogene und neurotische Individuum, dessen Seelenleben psychologisch nicht erschlossen wird. Antonioni schildert eindringlich die vergeblichen Bemühungen seiner Helden, eine erfüllte Liebesbeziehung aufzubauen. Zu seiner bevorzugten Darstellerin wurde Monica Vitti, mit der er auch privat liiert war.

Bemerkenswert hinsichtlich seiner Farbverwendung war Antonionis erster Farbfilm, Il deserto rosso (1964; Die rote Wüste), der die Lebenskrise einer Frau nach einem Autounfall und ihre apokalyptischen Visionen in surrealer Bildersprache beschreibt. Den größten internationalen Erfolg hatte Antonionis erster englischsprachiger Film Blow-Up (1966; Blow-Up). Nach einer Vorlage der amerikanischen Kriminalautorin Patricia Highsmith erzählt der Film von den Erlebnissen eines Modephotographen, der durch die Vergrößerung einer Photoaufnahme zufällig auf die Spur eines Verbrechens gerät. Neben der herausragenden Leistung des Hauptdarstellers David Hemmings ist es vor allem der sensibel eingefangenen Atmosphäre Londons in den Swinging Sixties zu verdanken, dass dieser für Antonionis Verhältnisse handlungs- und spannungsreiche Film zu einem Kultfilm der Epoche wurde. Mit den Elementen der zeitgenössischen Popkultur spielte Antonioni auch in seinem in Amerika gedrehten Psychodrama Zabriskie Point (1970; Zabriskie Point), einem seiner international erfolgreichsten Werke, das mit unkonventionellem Erzählstil die Effekte des Actionfilmes reproduziert. Der Film erzählt von der kurzen, tödlich endenden Rebellion eines jungen Mannes, der während der Studentenunruhen nach dem Mord an einem Polizisten mit dem Flugzeug flieht und im Death Valley eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu einer jungen Frau eingeht. Die ohnmächtige Zivilisationskritik der Protagonistin äußert sich in einer eindrucksvollen, siebenminütigen Zerstörungsphantasie: Die Schlusssequenz zeigt zur psychedelischen Musik des Pink-Floyd-Songs Careful with that Axe, Eugene in Zeitlupe die Explosion einer Luxusvilla.

Anfang der siebziger Jahre drehte Antonioni auf Einladung des chinesischen Fernsehens in der Volkrepublik China den ungewöhnlichen Dokumentarfilm Chung Kuo – Cina (1972; Antonionis China), der in China jedoch negativ aufgenommen wurde, da sich der Regisseur auf die Schilderung des Alltagslebens der Menschen konzentrierte, ohne im Sinne der Auftraggeber die Errungenschaften des kommunistischen Systems darzustellen. In Professione: Reporter (1975; Beruf: Reporter), einer pessimistischen Meditation über den Schein der Realität und die Wirklichkeit des Fiktiven, verkörperte der Hollywoodstar Jack Nicholson einen Fernsehjournalisten, der die Identität eines Waffenhändlers annimmt und am Ende unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. In Il mistero di Oberwald (1980; Das Geheimnis von Oberwald, nach einem Theaterstück von Jean Cocteau) experimentierte Antonioni mit einer ungewöhnlichen antinaturalistischen Farbverwendung und einer unkonventionellen Narrativik.

Identificazione di una donna (1982; Identifikation einer Frau), der alle zentralen Themen und stilistischen Merkmale seiner vorherigen Filme noch einmal vereint, stieß nur noch auf mäßiges Publikumsinteresse. Nach einem Schlaganfall 1985, von dem er sich nie wieder ganz erholte, versiegte die Produktivität des Regisseurs allmählich. An den Rollstuhl gefesselt, realisierte Antonioni unter der Assistenz von Wim Wenders Al di là delle nuvole (1995; Jenseits der Wolken) mit John Malkovich, Sophie Marceau und Fanny Ardant. Antonioni verbindet darin vier Episoden, die auf eigenen Erzählungen basieren (1983 auf Deutsch erschienen unter dem Titel Bowling am Tiber). Als letzte Arbeit leistete er einen Beitrag zu dem dreiteiligen Episodenfilm Eros (2004), der zusammen mit Steven Soderbergh und Wong Kar-wai zustande kam. Il deserto rosso wurde 1964 bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert, für Blow-Up erhielt der Regisseur 1967 bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Für sein Lebenswerk wurde er 1995 mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet. Antonioni starb am 30. Juli 2007 in Rom.

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