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Bibel

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3.3

Der Kanon

Die hebräische Bibel und die christlichen Versionen des Alten Testaments wurden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten kanonisiert; jedoch kann die Entwicklung der christlichen Kanons lediglich im Hinblick auf die Kanonisierung der hebräischen Bibel in seiner Gänze richtig beurteilt werden, da sie zum Teil in Abgrenzung, zum Teil in Anlehnung an diese passierte.

3.3. 1

Der hebräische Kanon

Die Vorstellung von einem heiligen Buch geht in Israel bis ins Jahr 621 v. Chr. zurück. Während der Reform von Josia, dem damaligen König von Juda, entdeckte der Hohepriester Hilkija im Zuge der Restauration des dortigen Tempels das Gesetzbuch, wie es im 2. Buch der Könige beschrieben wird: „Damals teilte der Hohepriester Hilkija dem Staatsschreiber Schafan mit: Ich habe im Haus des Herrn das Gesetzbuch gefunden” (2. Könige 22, 8). Der Überlieferung zufolge zerriss der König, nachdem ihm der Text vorgelesen worden war, seine Kleider, da seine Vorfahren dem Wortlaut des Buches nicht gehorchten. Bei dieser Gesetzesrolle handelte es sich vermutlich um den zentralen Teil des heutigen Deuteronomiums, das innerhalb der jüdischen Glaubenswelt eine große Autorität besaß. Noch mehr Achtung zollte man jenem Text, den Esra, der hebräische Priester und Schriftgelehrte, der Gemeinde gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. von einer eigens hierzu errichteten hölzernen Kanzel herab vorlas: „Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat” (Nehemia 8, 1).

Zunächst wurde die Thora in der Zeit zwischen dem Babylonischen Exil (538 v. Chr.) und der Abspaltung der Samariter von den Juden zu einem Teil der Heiligen Schrift, vermutlich um 300 v. Chr. Die Samariter erkannten nur die Thora als Heilige Schrift an. Die zweite Stufe war die Kanonisierung der Nebiim (Propheten). Wie die Überschriften der prophetischen Bücher belegen, wurden die schriftlich festgehaltenen Worte der Propheten als Wort Gottes betrachtet, das dieser ihnen direkt eingegeben haben soll. Der zweite Teil des hebräischen Kanons wurde wohl gegen Ende des 3. Jahrhunderts kurz vor dem Jahr 200 v. Chr. abgeschlossen.

Als das Buch Jesus Sirach verfasst wurde (ca. 180 v. Chr.), hatte sich bereits die Idee einer dreiteiligen Bibel herausgebildet, wobei der Inhalt des dritten Teiles, die Ketubim (Schriften), in der jüdischen Religion bis nach dem Fall Jerusalems an die Römer im Jahr 70 n. Chr. umstritten blieb. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. hatten die Rabbiner in Palästina schließlich das allgemein verbindliche Verzeichnis des alttestamentlichen Inhalts festgelegt.

3.3. 2

Der christliche Kanon

Der zweite Kanon, der zur katholischen Version des Alten Testaments wurde, bestand zunächst aus einer Übersetzung der früheren hebräischen Bücher ins Griechische. Der Prozess dieser Kanonisierung begann im 3. Jahrhundert v. Chr. außerhalb Palästinas, weil jüdische Gemeinden in Ägypten und anderswo die Heilige Schrift in der Sprache ihrer Kultur benötigten. Die zusätzlichen Bücher dieser Bibel, u. a. Ergänzungen zu älteren Büchern, entstanden zum größten Teil in den jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas selbst. Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., als die frühesten christlichen Schriften gesammelt und verbreitet wurden, existierten bereits zwei Versionen der jüdischen Heiligen Schrift: die hebräische Bibel und das griechische Alte Testament (Septuaginta).

Als Martin Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, entdeckte er, was auch andere, insbesondere Hieronymus, schon gewusst hatten: dass nämlich das Alte Testament ursprünglich in hebräischer Sprache geschrieben worden war und die Urfassung offenbar von nachfolgenden Kopisten erweitert wurde. Daraufhin entfernte er aus seinem Alten Testament all jene Bücher, die nicht in der jüdischen Bibel vertreten waren, und nannte sie Apokryphen. Dieser Schritt war ein Versuch, zum möglichst ersten und damit ursprünglichsten Text und Kanon zurückzukehren und so der von Luther bekämpften Autorität der Kirche, die sich auf das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma stützte, die Autorität einer älteren Bibelversion entgegenzusetzen. Siehe Apokryphen; Apokryphen des Neuen Testaments.

3.4

Übersetzungen

Alle modernen Übersetzer der Bibel legen den ältesten verfügbaren Text zugrunde, da dieser dem Original am nähesten kommt. Es existieren jedoch keine Originale oder originale Abschriften; stattdessen enthalten die Hunderte von verschiedenen Manuskripten zahlreiche alternative Versionen, die von fehlerhaftem Kopieren oder unterschiedlicher theologischer Auslegung herrühren.

3.4. 1

Masoretische Texte

Die wichtigsten und im Allgemeinen zuverlässigsten hebräischen Schriften sind die Texte der Masoreten, jüdischer Schriftgelehrter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Bibel in ihrer Urfassung originalgetreu, also wortwörtlich, abzuschreiben und weiterzugeben (siehe Masora). Diese Gelehrten, die von den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt bis ins Mittelalter hinein wirkten, versahen die Texte auch mit Satzzeichen und Vokalen (das hebräische Original enthält nur Konsonanten); Anmerkungen verzeichneten sie am Rand ihrer Kopien. Die hebräische Standardbibel, die heute verwendet wird, ist eine Reproduktion eines 1088 geschriebenen masoretischen Textes. Die Handschrift steht in der Sammlung der Öffentlichen Bibliothek von Sankt Petersburg. Ein anderes masoretisches Manuskript, der so genannte Aleppo-Kodex aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts n. Chr., bildet die Grundlage für eine Neuveröffentlichung des Textes, die zur Zeit an der Hebräischen Universität Israel vorbereitet wird. Der Aleppo-Kodex ist das älteste Manuskript der gesamten hebräischen Bibel.

Es sind allerdings auch noch ältere hebräische Manuskripte vorhanden, darunter masoretische Überlieferungen und andere Passagen einzelner Bücher. Im 19. Jahrhundert wurden im genizah (dem Lagerraum für Manuskripte) der Synagoge von Kairo Texte entdeckt, die sogar noch aus dem 6. Jahrhundert stammen. Zahlreiche Schriftrollen und Fragmente, viele noch aus der Zeit vor Christi Geburt, wurden nach 1947 durch Zufall in einer Höhle am Toten Meer gefunden (siehe Qumran-Rollen). Obwohl viele der wichtigsten Manuskripte relativ spät entstanden sind, bewahren vor allem die masoretischen Texte eine Tradition, deren Ursprung mindestens hundert Jahre vor der christlichen Zeitrechnung liegt.

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