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BelgienEnzyklopädieartikel
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1477 heiratete Maria von Burgund, die Erbtochter Karls des Kühnen, Maximilian von Österreich, den späteren Kaiser Maximilian I. Damit ging das gesamte burgundische Reich, außer dem Herzogtum Burgund selbst und der Picardie, an die Habsburger. 1506 ging das burgundische Erbe über Maximilians und Marias Sohn Philipp den Schönen an dessen Sohn Karl, den späteren Kaiser Karl V., über. 1555 überließ Karl V. seine burgundischen Länder, d. h. auch die alten Niederlande, seinem Sohn Philipp II. von Spanien. In Reaktion auf die rigorosen Rekatholisierungsbestrebungen (siehe Gegenreformation) Philipps II., aber auch auf wirtschaftliche Restriktionen und die Angriffe auf die niederländische Selbstverwaltung seitens des spanischen Königs kam es in den Niederlanden zunehmend zu Unruhen, die 1566 im Bildersturm in Flandern einen ersten Höhepunkt erreichten. Die blutige Strafexpedition des neuen spanischen Statthalters in den Niederlanden, des Herzogs von Alba, provozierte neuerliche Unruhen, die sich schließlich zum Niederländischen Freiheitskampf (1568-1648) ausweiteten. 1576 traten die 17 Provinzen der Niederlande mit der Genter Pazifikation ein letztes Mal als vereinte politische Kraft gegen Spanien auf. 1579 kam es zur Spaltung: Die zehn südlichen, katholisch-aristokratischen Provinzen verbanden sich zur Union von Arras, schlossen Frieden mit Spanien und blieben als Spanische Niederlande unter spanischer Herrschaft; sie bildeten den Kern des heutigen Belgien. Die sieben nördlichen, calvinistisch-bürgerlichen Provinzen schlossen sich zur Union von Utrecht zusammen, sagten sich 1581 als „Republik der Vereinigten Niederlande” bzw. Generalstaaten von Spanien los und setzten ihren Freiheitskampf gegen Spanien fort. Im Westfälischen Frieden 1648 wurden die Vereinigten Niederlande schließlich formal als selbständiger Staat anerkannt und damit im Wesentlichen die belgisch-niederländische Grenze fixiert. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges waren die Spanischen Niederlande ein bevorzugtes Ziel der antihabsburgischen Expansionspolitik Frankreichs unter Ludwig XIV. Im Pyrenäenfrieden (1659), dem Frieden von Aachen am Ende des Devolutionskrieges (1668) und dem Frieden von Nimwegen (1678) musste Spanien wichtige Gebiete und Festungen im Westen und Südwesten der Spanischen Niederlande an Frankreich abtreten, u. a. Cambrai, Lille, Arras und Dünkirchen. Nach dem Tod des letzten spanischen Habsburgers und dem um seine Nachfolge ausgebrochenen Spanischen Erbfolgekrieg, der sich zu einem nicht geringen Teil in den Spanischen Niederlanden abspielte, kamen die Spanischen Niederlande im Frieden von Utrecht 1713 bzw. Rastatt 1714 an die österreichischen Habsburger; sie wurden nun als Österreichische Niederlande bezeichnet. Zugleich nahm die Grenze zu Frankreich in etwa ihre heutige Gestalt an. Während des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748) waren die Österreichischen Niederlande ab 1745 von Frankreich besetzt; im Frieden von Aachen (1748) kamen sie wieder an Österreich zurück. Unter österreichischer Herrschaft erlebten die Niederlande eine Zeit des Friedens (mit Ausnahme der Zeit des Erbfolgekrieges), des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs und der kulturellen Blüte. Die Österreichischen Niederlande insgesamt waren ein nahezu selbständiger Staat, nur durch Personalunion mit den österreichischen Landen verbunden, und die einzelnen Provinzen waren weitgehend autonom. Als dann allerdings Kaiser Joseph II. nach 1780 seine Reformpolitik (siehe Josephinismus) auch auf die Österreichischen Niederlande ausdehnte, u. a. also auch die Verwaltung zentralisierte, die Autonomie der Provinzen deutlich beschnitt und die Österreichischen Niederlande insgesamt enger an Österreich anzubinden suchte, kam es wieder zu Unruhen in den Niederlanden, die 1789, parallel zur Französischen Revolution, in einem Aufstand gegen die Österreichische Herrschaft und in der Vertreibung der Österreicher 1790 kulminierten. Die Österreichischen Niederlande erklärten sich sogleich als Vereinigte Belgische Staaten für unabhängig; aber noch 1790 konnten die Österreicher unter Josephs Nachfolger Leopold II., der einige der josephinischen Reformen wieder zurücknahm, ihre Herrschaft über die Niederlande wiederherstellen. 1792 besetzte im Rahmen des 1. Koalitionskrieges das revolutionäre Frankreich die Österreichischen Niederlande, 1793 eroberten die Österreicher ihre Niederlande zurück, 1794 besetzten erneut die Franzosen das Land. Im Frieden von Campo Formio 1797 trat Österreich die Österreichischen Niederlande formell an Frankreich ab.
Die ehemals Österreichischen Niederlande wurden in das französische Staatsgebiet eingegliedert und verwaltungstechnisch und rechtlich als Teil Frankreichs behandelt. Die französische Herrschaft war wenig beliebt, brachte dem Land aber politische und vor allem wirtschaftliche Vorteile: Durch die Eingliederung des Bistums Lüttich wurde das Territorium vergrößert und vereinheitlicht; durch die Wiedereröffnung der Schelde für die Schifffahrt erlebte Antwerpen einen Wiederaufschwung als Handelszentrum, und durch die Kontinentalsperre wurden die Grundlagen für den industriellen Aufstieg des späteren Belgien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegt. 1814 wurde das Land von der antinapoleonischen Koalition besetzt, und 1815 war es Schauplatz der letzten und entscheidenden Schlacht gegen Napoleon, der Schlacht bei Waterloo. Im Zuge der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 wurden die südlichen, ehemals Österreichischen Niederlande mit den nördlichen, der Republik der Vereinten Niederlande, und dem ehemaligen Bistum Lüttich zum „Königreich der Niederlande” unter dem nordniederländischen Haus Oranien-Nassau vereinigt. Der protestantische König Wilhelm I. betrieb eine rigide, reaktionäre Einigungspolitik, die den überwiegend katholischen Süden nicht nur vor den Kopf stieß, sondern trotz formeller Gleichberechtigung auch benachteiligte. Dies sowie das unter der französischen Herrschaft gewachsene Nationalbewusstsein der Belgier führten zu wachsender Unzufriedenheit mit dem neuen Staat und schließlich zum Aufstand.
Nach der Julirevolution in Frankreich 1830 brach am 25. August 1830 in Brüssel der belgische Aufstand gegen die nordniederländische Herrschaft aus. Die Aufständischen – eine Koalition aus Katholiken und Liberalen – vertrieben die Niederländer aus Brüssel, und im Rahmen der so genannten Septemberrevolution wehrten sie erfolgreich die niederländische Offensive zur Rückeroberung Belgiens ab. Am 4. Oktober 1830 proklamierte eine provisorische Regierung die Unabhängigkeit Belgiens; im Dezember 1830 anerkannten die europäischen Großmächte auf ihrer Londoner Konferenz die Unabhängigkeit Belgiens. Am 7. Februar 1831 gab sich Belgien eine liberale Verfassung, die Vorbildcharakter für verschiedene andere liberale Verfassungen in Europa hatte und mit der die konstitutionelle Monarchie in Belgien etabliert wurde, und am 4. Juni 1831 wurde Leopold I. aus dem Hause Sachsen-Coburg-Saalfeld zum „König der Belgier” (1831-1865) gewählt. Am 15. Oktober bestätigten die europäischen Großmächte auf einer weiteren Konferenz in London die Unabhängigkeit Belgiens. Die Niederlande verweigerten die Anerkennung der Unabhängigkeit Belgiens, versuchten in den Jahren 1831 bis 1833, Belgien zurückzuerobern, scheiterten aber vor allem auch am französischen Eingreifen. Erst im Londoner Protokoll vom 19. April 1839 erkannten die Niederlande das unabhängige Belgien an; zugleich wurden im Londoner Protokoll die Grenzen Belgiens festgelegt (Belgien erhielt Teile von Luxemburg und Limburg); außerdem erklärten die Großmächte Belgien für neutral und sich selbst zu Garanten der Neutralität. Sowohl politisch wie auch wirtschaftlich konsolidierte sich der neue Staat rasch. Zwar war die Koalition zwischen Katholiken und Liberalen bald in Rivalität umgeschlagen, aber der liberal-katholische Gegensatz, der sich vor allem auch um die Schulaufsicht drehte, konnte nach und nach beigelegt werden, z. B. 1879 durch ein liberales Schulgesetz. In wirtschaftlicher Hinsicht nahm Belgien, besonders das französischsprachige Wallonien, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem europäischen Kontinent eine Vorreiterrolle in der Industrialisierung ein. Dank seiner wirtschaftlichen Stärke gewann Wallonien eine bevorzugte Stellung innerhalb des Gesamtstaates und drängte die flämischsprachigen Regionen in den Hintergrund. Zudem waren die französischsprachigen Wallonen als die reiche Oberschicht, gemessen an ihrem geringeren Bevölkerungsanteil, in Politik und Verwaltung gegenüber den Flamen deutlich überrepräsentiert. Dieses politische Ungleichgewicht ließ die wallonisch-flämische Sprachenfrage allmählich zum drängenden Problem werden. Zwar wurde in Flandern die flämische Sprache per Gesetz von 1873, 1878 und 1888 der bislang alleinigen Amtssprache Französisch als Schul- und Amtssprache gleichgestellt; in der Praxis wurde jedoch vielfach gegen diese Gesetze verstoßen. Die rasche Industrialisierung und die hohe Bevölkerungsdichte (die höchste in Europa) und die damit immer dringlicher werdende soziale Frage ließen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Sozialdemokratie in Belgien rasch erstarken. Die sich zunehmend organisierenden Sozialdemokraten erzwangen Verbesserungen in der Arbeitsgesetzgebung, und durch einen Generalstreik erreichten sie 1893 die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer, das allerdings das Besitz- und Bildungsbürgertum weiterhin bevorzugte. Leopolds Sohn und Nachfolger Leopold II. (1865-1909) konzentrierte sich auf die Kolonialpolitik. Ab den späten siebziger Jahren betrieb er die Erforschung und Erschließung des Kongo (vor allem durch den britischen Afrikaforscher Sir Henry Morton Stanley), die in den achtziger Jahren in die Errichtung des Kongo-Freistaates (siehe Demokratische Republik Kongo) mündete. Die internationale Berliner Kongokonferenz bestätigte 1885 den Kongo-Freistaat als persönlichen Besitz König Leopolds. Wie Belgien selbst so erhielt auch der Kongo-Freistaat neutralen Status. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Leopold den Kongo-Freistaat ausbeutete, führten ab der Jahrhundertwende sowohl zu Unruhen im Kongo als auch zu internationalen Protesten und Untersuchungen, in deren Folge sich Leopold 1908 gezwungen sah, den Kongo-Freistaat als Kolonie an den belgischen Staat zu übertragen. Leopolds II. Nachfolger Albert I. (1909-1934) reformierte die Verwaltung des Kongo tief greifend.
Am 2. August 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkrieges, forderte das Deutsche Reich im Vorfeld seines Angriffs auf Frankreich, der nach dem Schlieffenplan durchgeführt werden sollte, Belgien ultimativ auf, den deutschen Truppen den freien Durchmarsch nach Frankreich zu gewähren. Belgien lehnte ab; die deutschen Truppen marschierten am 4. August unter Verletzung des neutralen Status in Belgien ein (und provozierten damit die britische Kriegserklärung an Deutschland) und besetzten fast ganz Belgien; nur ein kleines Gebiet im Nordwesten konnte von den Belgiern gehalten werden. Das Land kam unter die Verwaltung deutscher Generalgouverneure und wurde entsprechend den Sprachgrenzen in Verwaltungseinheiten eingeteilt. Während des Krieges litt Belgien außerordentlich schwer durch die an die Deutschen zu entrichtenden Kontributionen, durch die Deportationen belgischer Arbeiter nach Deutschland sowie weitere Repressionen gegen die Zivilbevölkerung, vor allem aber durch die Materialschlachten in der zweiten Kriegshälfte besonders im Westen Belgiens. Trotz allem lehnte es Albert ab, die Neutralität ganz aufzugeben und sich den Alliierten mit allen Konsequenzen anzuschließen; er beharrte auf dem Status eines Assoziierten.
Im Versailler Vertrag, der den 1. Weltkrieg beendete, erhielt Belgien Eupen-Malmedy und Moresnet vom Deutschen Reich, außerdem das Mandat des Völkerbundes über die bislang deutsche Kolonie Ruanda-Urundi, und schließlich wurde die Neutralität Belgiens aufgehoben. Nach der Aufhebung der Neutralität orientierte sich Belgien außenpolitisch an Frankreich. 1919 schloss Belgien eine Militärkonvention mit Frankreich, beteiligte sich ab 1921 an der Besetzung des Ruhrgebietes, und 1925 schloss es neben Frankreich, Großbritannien und anderen den Locarnopakt mit dem Deutschen Reich, der die Unverletzlichkeit der deutschen Westgrenze, d. h. auch der belgisch-deutschen Grenze garantierte. Alberts Nachfolger Leopold III. (1934-1951) gab 1936 die Anlehnung an den Westen wieder auf, kündigte die Militärkonvention mit Frankreich und erklärte Belgien erneut für neutral. Nach dem Krieg wurde Belgien (wie schon zeitweise während des Krieges) bis 1921 von einer großen Koalition aus Katholischer Partei, Liberalen und Sozialisten regiert, deren vordringliche Aufgabe der Wiederaufbau des Landes und die Durchführung von Reformen waren. 1919 wurden der Achtstundentag und die Rentenversicherung sowie das gleiche Wahlrecht für Männer eingeführt. Letzteres brachte den Sozialisten große Zugewinne, so dass sie die Liberalen als zweitstärkste Kraft nach den Katholiken ablösen konnten. Von 1921 bis 1935 waren die Sozialisten mit Ausnahme der Jahre 1925 bis 1927 in der Opposition; die Regierung lag zumeist in den Händen einer katholisch-liberalen Koalition, den Ministerpräsidenten stellten meist die Katholiken. Angesichts der katastrophalen Staatsfinanzen kam 1935 erneut eine große Koalition aus Katholiken, Liberalen und Sozialisten zustande, an deren Spitze 1938/39 der Sozialist Paul-Henri Spaak stand. Seit den zwanziger Jahren trat wieder der wallonisch-flämische Sprachenstreit in den Vordergrund. Durch Sprachengesetze von 1932 und 1938, die für Flandern und Wallonien die jeweilige Sprache als Amts-, Schul- und Gerichtssprache festlegten und nur für die Gebiete an den Sprachgrenzen sowie für Brüssel weiterhin die Zweisprachigkeit vorschrieben, konnte der Streit vorübergehend beruhigt werden.
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