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Medizin

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Artikelgliederung
3.2

Medizin in Mesopotamien

Assur und Babylon wurden von Gottkönigen beherrscht; deshalb konnte sich die Medizin in diesen Ländern nicht von den Einflüssen der Geisterlehre und Magie lösen. Keilschrifttäfelchen aus dieser Zeit enthalten eine lange Reihe genau klassifizierter Fallbeschreibungen. Erstaunlich genaue Tonmodelle der Leber, die man für den Sitz der Seele hielt, weisen darauf hin, dass man der Untersuchung dieses Organs große Bedeutung beimaß, wenn es darum ging, die Absichten der Götter zu erforschen. Zu dem gleichen Zweck beschäftigte man sich auch mit Träumen.

In Mesopotamien waren zahlreiche Heilmittel in Gebrauch, darunter über 500 Arzneien, von denen manche mineralischen Ursprungs waren. Und die von den Priestern gemurmelten Beschwörungsformeln erwiesen sich oft als wirksame Form der Psychotherapie.

3.3

Medizin in Palästina

Die Medizin der Juden bezog viele Einflüsse aus dem Kontakt mit Mesopotamien, während Juden in assyrischer und babylonischer Gefangenschaft waren. Krankheiten galten als Zeichen der Strafe Gottes. Die Priester übernahmen die Zuständigkeit für Hygienevorschriften, und die Stellung der Hebammen als Geburtshelferinnen war eindeutig festgelegt. Im Alten Testament werden zwar an einigen Stellen Krankheiten erwähnt, die durch das Eindringen böser Geister entstanden sein sollen. Insgesamt aber wirken die medizinischen Beschreibungen in der Bibel durchaus modern, vor allem, weil sie das Schwergewicht auf die Vorbeugung legen. Im Dritten Buch Moses finden sich genaue Anweisungen zu unterschiedlichen Themen wie weibliche Hygiene, Isolierung von Kranken und Desinfektion von Gegenständen, die Krankheitskeime enthalten könnten. Das einzige eindeutig beschriebene chirurgische Verfahren ist die Beschneidung. Man behandelte Knochenbrüche mit Rollbinden, und auf Wunden strich man Öl, Wein und Balsam. Bei dem in der Bibel häufig erwähnten Aussatz (siehe Lepra) handelte es sich nach heutiger Kenntnis vermutlich um eine ganze Reihe von Krankheiten, u. a. auch um die Schuppenflechte (siehe Psoriasis).

3.4

Indische Medizin

Die Methoden der hinduistischen Veda-Medizin (1500- 1000 v. Chr.) wurden in späterer Zeit von den beiden Ärzten Charaka (2. Jahrhundert n. Chr.) und Susruta (4. Jahrhundert n. Chr.) beschrieben. Susruta lieferte eine eindeutige Schilderung der Behandlung von Malaria, Tuberkulose und Diabetes. Außerdem berichtete er, wie man mit Indischem Hanf (siehe Cannabis) und mit Bilsenkraut (Hyocyamus) eine Anästhesie herbeiführen kann, und er nannte Gegenmittel und geschickte Behandlungsmethoden für Giftschlangenbisse. Eine althinduistische Arznei aus den Wurzeln der indischen Pflanze Rauwolfia serpentina war der Vorläufer des ersten modernen Beruhigungsmittels. Auf dem Gebiet der Chirurgie besaßen die Hindus bekanntermaßen von allen antiken Kulturen die höchsten Fähigkeiten. Vermutlich waren sie die ersten, denen Hauttransplantationen und kosmetische Operationen an der Nase gelangen.

Als der Buddhismus aufkam, wurden anatomische Untersuchungen verboten. Mit dem Siegeszug des Islam begann der weitere Verfall der medizinischen Wissenschaft, und schließlich kam sie völlig zum Erliegen. Dennoch wurden zahlreiche wertvolle Erkenntnisse über Hygiene, Ernährung und Eugenik an das Abendland überliefert, vorwiegend durch die Schriften des arabischen Arztes Avicenna.

3.5

Chinesische Medizin

Im alten China war das Sezieren aus religiösen Gründen verboten, so dass man nur über unzureichende Kenntnisse über Aufbau und Funktion des menschlichen Körpers verfügte. Deshalb blieben die chirurgischen Methoden sehr einfach. Die äußerliche Behandlung umfasste Massagen und das Schröpfen: Bei letzterer Methode wird ein zuvor erwärmter Becher auf die Haut gesetzt. Während des Abkühlens entsteht ein Unterdruck, so dass Blut zur Hautoberfläche gezogen wird. Zwei weitere Verfahren, die man bei Rheuma und anderen Leiden einsetzte, waren die Akupunktur, wobei man zur Linderung von Schmerz und Blutandrang Nadeln in die Haut stach, und die Moxibustion, bei der man ölgetränkte Blätter des Beifußkrautes auf der Haut verbrannte. Zu den wichtigsten chinesischen Arzneien gehörten Rhabarber, Eisenhut, Schwefel, Arsen und vor allem das Opium. Außerdem stellte man Heiltränke nach alten Ritualen aus den Organen und Ausscheidungen von Tieren her.

3.6

Griechische Medizin

Im alten Griechenland beruhte die Medizin anfangs auf Magie und Zauberei. Bei Homer ist Apollon der Gott der Heilkunst. Homers Ilias lässt aber bereits erkennen, dass man über beträchtliche Kenntnisse in der chirurgischen Behandlung von Wunden und anderen Verletzungen verfügte. Die Chirurgie galt als besonderes Fachgebiet, das man von der inneren Medizin unterschied.

Später trat Asklepios als Gott der Ärzte an die Stelle Apollons, und die Priester übten in seinen Tempeln die Heilkunst aus. Sie praktizierten eine frühe Form der Psychotherapie, die als Inkubation bezeichnet wurde.

Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. war die griechische Medizin im Wesentlichen zu einer weltlichen Disziplin geworden: Man legte das Schwergewicht auf klinische Beobachtung und Erfahrung. In der griechischen Kolonie Crotona erkannte der Biologe Alkmäon im 6. Jahrhundert v. Chr., dass das Gehirn der physiologische Ort der Sinne ist. Nach der Vorstellung des griechischen Philosophen Empedokles war Krankheit in erster Linie eine Störung des Gleichgewichts der vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde und Luft). Außerdem stellte Empedokles eine einfache Evolutionstheorie auf.

Die beiden berühmtesten Medizinerschulen Griechenlands befanden sich in Kos und Knidos. Ihre Blütezeit erlebten sie im 5. Jahrhundert v. Chr. Die Studenten beider Schulen trugen vermutlich zum Corpus Hippocraticum (Sammlung des Hippokrates) bei, einer Sammlung von Schriften mehrerer Autoren. Sie wird im Allgemeinen dem Arzt Hippokrates aus Kos zugeschrieben, der als Begründer der modernen Medizin gilt. Übernatürliche Heilmethoden werden in diesem Werk nicht erwähnt. Den Ärzten wurden höchste ethische Maßstäbe auferlegt. So entstand der berühmte Eid, der ebenfalls auf Hippokrates zurückgehen soll und heute noch gebräuchlich ist (siehe Hippokratischer Eid). Kenntnisse über die Anatomie des Menschen stammten vor allem aus dem Sezieren von Tieren. Grundlage der Physiologie war die Lehre von den vier Körpersäften – eine Vorstellung, die sich aus der Theorie des Empedokles von den vier Elementen ableitete. Schmerzen und Krankheiten führte man auf ein Ungleichgewicht dieser Säfte zurück. Wie genial Hippokrates wirklich war, zeigt sich in seinen Aphorismen und Prognosen. Darin fasst er prägnant eine gewaltige Menge klinischer Beobachtungen zusammen, die bis ins 18. Jahrhundert zum Anlass für zahllose Kommentare wurden. Ungewöhnlich kenntnisreich ist auch sein Werk Brüche, Verrenkungen und Wunden.

Der griechische Philosoph Aristoteles war selbst nicht als Arzt tätig, aber da er zahlreiche Tiere sezierte, trug er ebenfalls erheblich zur Weiterentwicklung der Medizin bei. Er gilt als Begründer der vergleichenden Anatomie.

Im 3. Jahrhundert v. Chr. war die ägyptische Stadt Alexandria, wo es eine berühmte Medizinschule und Bibliothek gab, das anerkannte Zentrum der griechischen medizinischen Wissenschaft. Hier nahm der Anatom Herophilus die erste historisch belegte öffentliche Sektion eines Menschen vor, und der Physiologe Erasistratos stellte wichtige Untersuchungen zur Anatomie von Gehirn, Nerven, Venen und Arterien an. Die Nachfolger dieser Gelehrten bildeten viele untereinander zerstrittene Schulen. Am bedeutendsten waren die Empiriker: Sie gründeten ihre Lehre auf die durch Ausprobieren gewonnene Erfahrung. Die Empiriker leisteten in Chirurgie und Pharmakologie Hervorragendes. Ein Vertreter dieser Schule, Mithridates VI. Eupator, König von Pontus, entwickelte die Vorstellung, dass man gegen Gifte immun werden kann, wenn man sie nach und nach in immer höherer Dosis zu sich nimmt.

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