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MedizinEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Anfänge der Medizin; Medizinische Praxis in der Antike; Medizin im Mittelalter; Medizin in der Renaissance; Die Anfänge der modernen Medizin; Medizin im 19. Jahrhundert; Medizin im 20. Jahrhundert
Die Medizin hat den deutschen Universitäten viel zu verdanken, denn dort räumte man durch neue wissenschaftliche Entdeckungen endgültig mit der alten Vorstellung von den Körpersäften auf. Von grundlegender Bedeutung war z. B. die Zelltheorie des deutschen Botanikers Matthias Jakob Schleiden, welche die individuelle Entwicklung der Lebewesen (siehe Embryologie) erklärte und den Weg für die mikroskopische Untersuchung erkrankten Gewebes ebnete. Der deutsche Anatom und Physiologe Theodor Schwann wandte Schleidens Theorie später auf die Evolution der Tiere an. Die Arbeiten des französischen Anatomen und Physiologen Marie François Xavier Bichat zur systematischen Untersuchung menschlichen Gewebes waren ein Grundstein für die Wissenschaft der Histologie. Der österreichische Pathologe und Arzt Baron Karl von Rokitansky nahm über 30 000 Obduktionen vor und entdeckte als erster, dass Endokarditis von Bakterien hervorgerufen wird. Weitere wichtige Pioniere der mikroskopischen Pathologie waren u. a. Schwann, der deutsche Physiologe und Neurologe Robert Remak, der tschechische Physiologe Johannes Evangelista Purkinje, der Schweizer Anatom und Physiologe Rudolf Albert von Kolliker sowie der deutsche Pathologe und Anatom Friedrich Gustav Jacob Henle. Ebenfalls in Deutschland machte der estnische Biologe Karl Ernst von Baer seine bahnbrechenden embryologischen Experimente, bei denen er die menschliche Eizelle entdeckte. Und der deutsche Physiologe Peter Müller entwickelte die Vorstellung von der spezifischen Energie der Nerven. Den Höhepunkt in dieser außergewöhnlichen Reihe von Entdeckungen bildeten die Arbeiten des deutschen Pathologen Rudolf Virchow. Seine Lehre, wonach die Zelle der Ort der Erkrankung ist, bildet bis heute einen Kernpunkt der medizinischen Wissenschaft.
Die von Darwin formulierte Evolutionstheorie belebte das Interesse an vergleichender Anatomie und Physiologie. Ähnlich wirkten sich die Pflanzenkreuzungsexperimente des österreichischen Mönches Gregor Johann Mendel auf die Wissenschaftsgebiete der Humangenetik und Vererbungslehre aus. Die ersten Untersuchungen des französischen Chemikers und Mikrobiologen Louis Pasteur zur Gärung führten dazu, dass man die Vorstellung von der Spontanzeugung endgültig fallen lassen musste. Außerdem erwachte nun wieder das Interesse an der Theorie, dass Krankheiten von bestimmten übertragbaren Erregern hervorgerufen werden könnten. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung dieser Keimtheorie waren die bahnbrechenden Arbeiten des amerikanischen Arztes und Autors Oliver Wendell Holmes, der sich mit dem Kindbettfieber beschäftigte. Mit derselben Krankheit befasste sich auch der ungarische Geburtshelfer Ignaz Philipp Semmelweis. Er konnte zeigen, dass die hohe Sterblichkeit von Frauen nach der Entbindung auf infektiöse Erreger zurückzuführen war, die durch die ungewaschenen Hände der Ärzte übertragen wurden. Pasteur und der deutsche Arzt und Bakteriologe Robert Koch gelten als gleichermaßen bedeutsame Begründer der Bakteriologie. Die Entwicklung dieses Gebiets war nach allgemeiner Ansicht der größte Einzelfortschritt in der Geschichte der Medizin. Innerhalb weniger Jahrzehnte isolierte man die Erreger vieler uralter Geißeln der Menschheit, so von Milzbrand, Diphtherie, Tuberkulose, Lepra und Pest. Weitere Erkenntnisse lieferte der deutsche Physiologe Emil Heinrich du Bois-Reymond durch seine Untersuchungen des Stoffwechsels und der Physiologie von Muskeln und Nerven.
Zu den ersten Bakteriologen gehörten auch der deutsche Physiologe Edwin Theodor Albrecht Klebs, der deutsche Bakteriologe August Johannes Löffler und der norwegische Arzt Gerhard Henrik Hansen. Klebs entdeckte das Diphtheriebakterium und erforschte die Bakteriologie von Milzbrand und Malaria; außerdem erzeugte er bei Rindern Tuberkulose sowie bei Affen Syphilis. Löffler isolierte den Erreger der Gonorrhö, und Hansen entdeckte die Leprabakterien. Der deutsche Frauenarzt Karl Sigismund Franz Credé entwickelte eine Methode, bei der man in die Augen des Neugeborenen einige Tropfen einer Silbernitratlösung träufelte, um die durch Gonorrhö hervorgerufene Augenentzündung zu verhüten. Mit Pasteurs Methode der Immunisierung durch Injizieren abgeschwächter Viren gelang die Behandlung der Tollwut, und der deutsche Bakteriologe Emil Adolph von Behring entwickelte Immunseren gegen Diphtherie und Tetanus. Der russische Bakteriologe Élie Metchnikoff konnte als Erster zeigen, dass es phagozytierende weiße Blutzellen gibt, die mit einem Vorgang namens Phagozytose Bakterien zerstören. Die Keimtheorie war von großem Nutzen für die Chirurgie. Der britische Chirurg und Biologe Joseph Lister führte das Phenol (damals Karbolsäure genannt) als Antiseptikum ein und konnte damit die Sterblichkeit durch Wundinfektionen stark vermindern. Listers Nachweis, dass Bakterien durch die Luft übertragen werden können, führte später zu der Erkenntnis, dass sie auch an Händen und Instrumenten haften. Diese desinfizierte man nun, und damit begann das Zeitalter der keimfreien Chirurgie. Ein weiterer großer Fortschritt der Chirurgie war die Einführung der Narkose.
Mit den Fortschritten der Physik und Chemie kam auch die Wissenschaft der Physiologie im 19. Jahrhundert stark voran. Zu den herausragenden Physiologen dieser Zeit gehören der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der in der organischen Chemie neue Analysemethoden entwickelte und sich mit Lebensmittelchemie und Stoffwechsel beschäftigte, sowie der deutsche Physiker und Physiologe Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz. Letzterer erfand den Augenspiegel und das Ophthalmometer, untersuchte die Geschwindigkeit der Nervenimpulse und Reflexe und führte entscheidende Forschungen in Optik und Akustik durch. Der französische Physiologe Claude Bernard, der als Begründer der experimentellen Medizin gilt, machte wichtige Entdeckungen zur Funktion von Bauchspeicheldrüse, Leber und sympathischem Nervensystem. Bernards Arbeiten über die Zusammenhänge zwischen Verdauung und vasomotorischem System, das die Erweiterung und Verengung der Blutgefäße steuert, wurden von dem russischen Physiologen Ivan Petrovich Pavlov weiterentwickelt. Von Pavlov stammt auch die Theorie vom bedingten Reflex, die zur Grundlage des Behaviorismus wurde. Weitere Physiologen des 19. Jahrhunderts waren u. a. der französisch-amerikanische Arzt und Physiologe Charles Édouard Brown-Séquard, der die Tätigkeit der verschiedenen Drüsen im endokrinen System untersuchte, und Carl Friedrich Wilhelm Ludwig, ein deutscher Physiologe, der mit neuartigen Funktionsuntersuchungen die Herz- und Nierentätigkeit erforschte. Der spanische Histologe Santiago Ramón y Cajal lieferte neue Erkenntnisse über Struktur und Funktion des Nervensystems. Ein anderes wertvolles Diagnosemittel waren die Röntgenstrahlen, die der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen durch Zufall entdeckte. Der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen entwickelte eine Ultraviolettlampe (siehe Ultraviolettstrahlung), mit der sich bessere Prognosen für Hauttuberkulose und andere Hautkrankheiten stellen ließen. Nachdem das französische Physikerehepaar Pierre und Marie Curie das Radium entdeckt hatte, boten sich neue Möglichkeiten für die Behandlung mancher Formen von Krebs. 1803 beschrieb der amerikanische Biologe John Richardson Young die Säureproduktion bei der Verdauung im Magen. Dreißig Jahre später veröffentlichte der amerikanische Chirurg William Beaumont seine außergewöhnlichen Untersuchungen über die Magensäfte und die Physiologie der Verdauung; dazu hatte er einen Patienten beobachtet, der an einer Magenfistel litt. Auf dem Gebiet der Gynäkologie leisteten der amerikanische Chirurg Ephraim McDowell und der Gynäkologe James Marion Sims Bedeutendes: McDowell entfernte erstmals operativ einen Eierstocktumor, und Sims rettete unzähligen Frauen das Leben, weil er die Vesikovaginalfistel (eine Öffnung zwischen Harnblase und Scheide) chirurgisch korrigierte; diesen Eingriff nahm er 1845 zum ersten Mal vor. Im Jahr 1900 griff Walter Reed, ein Chirurg und Bakteriologe der US-Armee, zusammen mit seinen Kollegen einen Vorschlag des kubanischen Biologen Carlos Juan Finlay auf: Sie zeigten, dass Mücken Gelbfieber übertragen. Nur wenige Jahre zuvor hatte der britische Arzt Ronald Ross die Bedeutung der Mücken als Überträger des Malariaparasiten nachgewiesen.
Im 20. Jahrhundert konnte man viele Infektionskrankheiten mit Impfstoffen, Antibiotika und verbesserten Lebensbedingungen eindämmen. Krebs wurde häufiger, aber man hat auch Behandlungsmethoden entwickelt, mit denen sich einige Krebsformen wirksam bekämpfen lassen. Auch die Grundlagenforschung, die sich mit lebenden Systemen beschäftigt, weitete sich im 20. Jahrhundert erheblich aus. In vielen Bereichen gab es wichtige Entdeckungen, insbesondere im Hinblick auf die Vererbung von Eigenschaften sowie die chemischen und physikalischen Mechanismen der Gehirnfunktion.
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