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MedizinEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Anfänge der Medizin; Medizinische Praxis in der Antike; Medizin im Mittelalter; Medizin in der Renaissance; Die Anfänge der modernen Medizin; Medizin im 19. Jahrhundert; Medizin im 20. Jahrhundert
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte man verbesserte Methoden, um in das Innere des menschlichen Körpers zu blicken. Seit den siebziger Jahren gibt es eine Spezialkamera für Gammastrahlung, mit der man die Lage von Krebsherden feststellen kann. Von großem Nutzen für die Diagnose von Kopfverletzungen war die Computertomographie (CT), ein computergestütztes Röntgenverfahren, das 1975 erfunden wurde. Weitere neue Bildgebungsverfahren waren die Positronen-Emissionstomographie (PET) und die Kernresonanz-Bildgebung (NMR). Auch Ultraschall wird seit einiger Zeit in ähnlicher Weise eingesetzt.
Geisteskrankheiten waren noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast ein Tabuthema, und Personen mit geistigen Störungen sperrte man auf grausame Weise ein, ohne ihnen zu helfen. Heute gibt es für manche dieser Leiden wirksame Behandlungsmethoden. Das hat zu besseren Heilungsaussichten für die Betroffenen sowie teilweise zur Aufhebung ihrer gesellschaftlichen Ächtung geführt. Zu den ersten Versuchen, Fehlfunktionen des Geistes und der Seele zu verstehen, gehörten die Theorien, die Sigmund Freud formulierte. Aber die von ihm entwickelten und von seinen Nachfolgern abgewandelten Methoden der Psychoanalyse erwiesen sich bei manchen schweren geistigen Störungen als unwirksam. Zwei frühe Versuche zur Behandlung von Psychosen waren die Leukotomie, auch Lobotomie genannt, die man 1935 einführte, und die Elektroschocktherapie, die 1938 entwickelt wurde. Die Leukotomie und andere, weniger schwerwiegende gehirnchirurgische Eingriffe, werden heute kaum noch vorgenommen. Die Elektroschocktherapie dient derzeit vor allem zur Behandlung von Depressionen, die auf eine medikamentöse Therapie nicht ansprechen. Ein wichtiger Fortschritt in der Behandlung dieser Krankheiten waren die Psychopharmaka. Die ersten derartigen Wirkstoffe, die Phenothiazine, dienten Anfang der fünfziger Jahre zur Behandlung der Schizophrenie; sie linderten die Symptome vor allem bei Patienten, die an der akuten Form dieser Krankheit litten. Der anfängliche Optimismus, man könne nun die psychiatrischen Kliniken schließen, erwies sich jedoch als Illusion. Heute wissen die Ärzte, dass Medikamente nicht bei allen Patienten helfen und dass stets eine unterstützende psychologische Therapie erforderlich ist. Wie sich außerdem herausstellte, bekommen manche Menschen nach mehrjähriger Einnahme von Phenothiazinen das dystone Syndrom, eine bizarre Erkrankung von Nerven und Muskeln. Einen weiteren wichtigen Fortschritt in der medikamentösen Behandlung geistiger Störungen brachte das Lithium, das man heute bei manisch-depressiven Erkrankungen einsetzt. Andere Wirkstoffe, so die trizyklischen Antidepressiva, werden heute häufig mit Erfolg ebenfalls zur Behandlung von Depressionen eingesetzt.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in den Industrieländern nach wie vor die häufigste Todesursache. In Diagnose und Therapie gibt es aber große Fortschritte. Die Diagnosemöglichkeiten wurden durch die Methode der Herzkatheterisierung verbessert, die der deutsche Mediziner Werner Forßmann 1929 im Selbstversuch entwickelte. Sie ermöglicht Druckmessungen in den einzelnen Herzkammern und in den wichtigsten Blutgefäßen. Ein Röntgenverfahren zur Betrachtung dieser Bereiche ist die Angiographie. Mit neueren Bildgebungsverfahren kann man das Ausmaß der Herzschäden bei Patienten feststellen, bei denen die Pumpleistung des Herzens nach einem Herzinfarkt abgenommen hat. Unter den vielen neuen Medikamenten ist besonders die Gruppe der Betablocker zu erwähnen, die bestimmte Funktionen des sympathischen Nervensystems unterbinden. Solche Präparate benutzt man bei Angina pectoris (Brustschmerzen durch Arterienverengung), Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck. Die Fortschritte der Chirurgie führten 1958 zur ersten Implantation eines Herzschrittmachers und später zur Bypass-Operation, bei der man verengte Blutgefäße mit Transplantaten überbrückt, zum Ersatz infektionsgeschädigter Herzklappen und zur Korrektur vieler angeborener Herzfehler. Seit 1967 nimmt man Herztransplantationen vor, gelegentlich wird vorübergehend ein künstliches Herz eingesetzt, und Mitte der achtziger Jahre pflanzte man mehreren Patienten auf Dauer künstliche Herzen ein. Zu den Fortschritten bei der Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören die bessere Kenntnis von Risikofaktoren wie Rauchen, Stress, Übergewicht, Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Die Sterblichkeit durch die koronare Herzkrankheit ist in den Industrieländern seit den zwanziger Jahren stetig und drastisch zurückgegangen. Diese Abnahme führt man auf veränderte Ernährungsgewohnheiten, die medizinische Behandlung des Bluthochdrucks, die abnehmende Zahl von Rauchern und vermehrte sportliche Betätigung zurück.
Der Begriff Vitamin wurde 1912 von dem polnischen Biochemiker Casimir Funk geprägt. Seither hat man zahlreiche Vitamine isoliert und ihre Funktion für die Ernährung aufgeklärt, so dass man nun Pellagra, Beriberi, Rachitis und andere Mangelkrankheiten heilen konnte. 1926 entdeckten die amerikanischen Ärzte George Minot und William Murphy in der Leber ein wirksames Mittel gegen die perniziöse Anämie, das sie 1948 in reiner Form herstellten und als Vitamin B12 bezeichneten. Die wachsenden Kenntnisse über die Tätigkeit der endokrinen Drüsen führten zu zahlreichen Versuchen, ihre Produkte, die Hormone, zu isolieren. Eines der ersten therapeutisch eingesetzten Hormonpräparate war ein Schilddrüsenextrakt, der sich sehr gut zur Behandlung der angeborenen Schilddrüsenunterfunktion Kretinismus und des Myxödems eignete. Von großer Bedeutung für die Behandlung der Zuckerkrankheit war die Isolierung des endokrinen Wirkstoffes Insulin aus der Bauchspeicheldrüse; dies gelang den kanadischen Ärzten Frederick Banting und Charles Best 1923. Die Synthese der Produkte männlicher (siehe Testosteron) und weiblicher (siehe Östrogen) Geschlechtsdrüsen lieferte wertvolle neue Wirkstoffe gegen Erkrankungen der Fortpflanzungsorgane. Aus den Nebennieren stammt der wichtige gefäßverengende Wirkstoff Adrenalin, den der japanisch-amerikanische Chemiker Takamine 1901 erstmals isolierte. In den vierziger Jahren konnte der Kanadier Hans Selye zeigen, dass diese Substanz Stressreaktionen auslöst. 1943 isolierte man aus dem Hypophysenvorderlappen in reiner Form das Hormon ACTH, das die Tätigkeit anderer endokriner Drüsen steuert. Die künstliche Synthese des Cortisons, das von den Nebennieren produziert wird, gelang erstmals 1946.
Vorwiegend aufgrund des wachsenden Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil derjenigen Todesfälle, die auf Krebs zurückzuführen sind, beispielsweise in den USA von vier Prozent im Jahre 1900 auf etwa 20 Prozent Anfang der achtziger Jahre angestiegen. Die Krankheitsentstehung ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt, aber zu den Ursachen zählen berufliche und umweltbedingte Kontakte mit bestimmten Chemikalien. Insbesondere Zigarettenrauch erzeugt bekanntermaßen Lungenkrebs sowie manche Krebserkrankungen von Blase, Mund, Rachen und Bauchspeicheldrüse. Für die Verringerung der Sterblichkeit ist eine frühe Diagnose entscheidend, so z. B. beim Gebärmutterhalskrebs. Anfangs behandelte man diese Krebsform mit Bestrahlungen, aber seit den sechziger Jahren setzt man Medikamente ein. Die Chemotherapie führte in vielen Fällen von Brust- und Hodenkrebs sowie bei manchen Formen von Blutkrebs zur Heilung, im letzteren Fall vor allem bei kleinen Kindern. Außerdem untersuchte man, ob sich Zytokine (z. B. Interferon), eine Gruppe natürlich vorkommender Substanzen, als Krebsmittel eignen.
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