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BildhauerkunstEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Trotz der zahlreichen neuen Strömungen arbeiteten viele europäische Bildhauer des frühen 20. Jahrhunderts weiterhin im Bereich der gegenständlichen Darstellung. In Frankreich erreichte Aristide Maillol mit seinen eindrucksvollen weiblichen Bronzeskulpturen, wie dem Torso Gefesselte Aktion (1906, Musée National d’Art Moderne, Paris), Perfektion in der Darstellung des Gleichgewichts zwischen Spannung und Entspannung. Wie Maillol diente auch dem in Frankreich geborenen Gaston Lachaise, der später in die USA emigrierte, der weibliche Körper als bevorzugtes Motiv. Trotz der enormen Ausmaße der Torsi verlieh Lachaise ihnen ausgewogene Proportionen. Auch der französische Maler Henri Matisse schuf mehrere Serien gegenständlicher Bronzeplastiken. In Deutschland fertigte Wilhelm Lehmbruck entmaterialisiert wirkende, längliche Figuren, die Introversion und ein Gefühl der Resignation vermittelten. Der expressionistische Bildhauer Ernst Barlach dagegen wählte zur Gestaltung des von ihm bevorzugten Themas der gedemütigten, leidenden Kreatur einfachere, monumentalere Formen. Die führenden skandinavischen Bildhauer dieser Epoche waren der Schwede Carl Milles und der Norweger Gustav Vigeland. Beide schufen allegorische Figuren für Brunnen und andere öffentliche Monumente in ihren Heimatländern. Der in Paris ausgebildete Elie Nadelman emigrierte in die USA, wo er gegenständliche Bronzeplastiken mit glatten Konturen und einfachen Formen schuf, z. B. Man in the Open Air (etwa 1915, Museum of Modern Art, New York). Der in den USA geborene, in London lebende Sir Jacob Epstein war bekannt für seine gegenständlichen Bronzeporträts mit rauen, zerfurchten Oberflächen. Der wichtigste britische Bildhauer von internationalem Rang im 20. Jahrhundert war Henry Moore. Sein Frühwerk wurde besonders von der „primitiven” afrikanischen und der präkolumbianischen Skulptur beeinflusst. Ein Motiv, das Moore ein Leben lang bearbeitete, war die liegende weibliche Figur. Viele seiner Monumentalwerke sind im Freien ausgestellt. Auch seine Schülerin Barbara Hepworth arbeitete in der Regel mit abstrakten, organischen Formen.
Die amerikanische Bildhauerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann im Gegensatz zur europäischen nicht eindeutig in Stilrichtungen unterteilt werden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden jedoch zahlreiche neue Bewegungen, die meist neue Materialien verwendeten.
Viele amerikanische Bildhauer des frühen 20. Jahrhunderts bedienten sich eines eher akademischen Stils. Interessant lediglich als Ausdruck des damaligen Zeitgeistes, konnten die meisten ihrer Werke die Kunst der Bildhauerei weder formal noch technisch weiterbringen. Traditionelle Prinzipien fanden vor allem bei Malvina Hoffman, George Grey Barnard, William Zorach, Paul Manship, John B. Flannagan, Mahonri M. Young, Gertrude Vanderbilt Whitney und Jo Davidson Anwendung.
In den dreißiger Jahren, als die amerikanischen Künstler mit zeitgenössischen europäischen Werken in Kontakt kamen, begann man auch in den USA, abstraktere Formen zu erkunden. Alexander Calder bespielsweise wurde von dem holländischen Maler Piet Mondrian zu abstrakten Skulpturen inspiriert, die er in Primärfarben bemalte. Calder machte sich weltweit einen Namen durch seine Mobiles und „Stabiles”, statische Metallplastiken aus geformtem Draht. Inspiriert durch Bilder von geschweißten Skulpturen Picassos und Julio González’ schuf David Smith Objekte aus geschweißtem Eisen, etwa Hudson River Landscape (1951, Whitney Museum of American Art, New York). In den dreißiger Jahren entwickelte der surrealistische Objektkünstler Joseph Cornell dreidimensionale, verglaste oder mit Spiegeln verschlossene Kästen, rätselhafte Assemblagen mit verschiedensten Gegenständen. Louise Nevelsons große, monochrome, abstrakte Konstruktionen waren als Installationen konzipiert. Auch sie bestanden aus Gebrauchsgegenständen, meist weggeworfenen Möbelteilen in kastenförmigen Holzrahmen. Isamu Noguchi schuf elegante Werke, welche die europäische Abstraktion mit traditionellen Formen Japans verbanden. Weitere Bildhauer der abstrakten Richtung waren Richard Lippold mit seinen hängenden Konstruktionen aus Draht und Metall und Harry Bertoia, der dünne Stahlstangen so zusammenfügte, dass sie in Schwingung gerieten. Theodore Roszak fertigte freie Konstruktionen aus Stahl, der mit anderen Metallen verlötet war, z. B. Thorn Blossom (1948, Whitney Museum of American Art, New York). Herbert Ferber, der vom Abstrakten Expressionismus beeinflusst war, schuf eine große Metallkonstruktion, And the Bush Was Not Consumed (1951), für die Fassade der B’nai-Israel-Synagoge in Millburn im US-Bundesstaat New Jersey. Seymour Lipton fertigte biomorphe Skulpturen aus gelöteten Metallblechen, etwa Jungle Bloom (1954, Yale University Art Gallery, New Haven, Connecticut).
Zahlreiche Werke im abstrakten und im figürlichen Stil entstanden durch die Technik der Assemblage, bei der Schrott, Trödel und gefundene Gegenstände verwendet werden. Oft stellte der Künstler ein ganzes Environment zusammen, in dem sich der Betrachter bewegen konnte. Schrott wurde erstmals von den Dadaisten im frühen 20. Jahrhundert eingesetzt und war in den sechziger Jahren Ausgangsmaterial für Skulpturen von Künstlern wie Richard Stankiewicz. Im Zuge der Pop-Art schufen in den sechziger Jahren Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, George Segal, Marisol Escobar, Red Grooms, Claes Oldenburg, Edward Kienholz und Lucas Samaras Plastiken und Objekte, die eine Trivialisierung und Profanisierung der Gattung demonstrieren. Rauschenberg führte die so genannten Combine-Paintings ein, in denen er Schrott und gefundene Objekte auf eine Leinwand montierte. Monogram (1955-1959, Moderna Museet, Stockholm) beispielsweise ist eine Konstruktion aus einer ausgestopften Angoraziege, einem Autoreifen, einem Tennisball und aufgehängten Holztüren, die im Stil des Abstrakten Expressionismus bemalt sind. Johns, ein Anhänger Duchamps, schuf u. a. eine Skulptur aus in Bronze gegossenen Bierdosen, Painted Bronze (1960, in Privatbesitz). Grooms baute riesige Environment-Konstruktionen, wie Ruckus Manhattan (1975/76, Marlborough Gallery, New York). Oldenburg bildete Lebensmittel in bemaltem Gips nach und schuf witzige Pop-Art-Objekte wie Dual Hamburger (1962, Museum of Modern Art, New York). Kienholz’ Kompositionen aus verschiedenen Materialien, wie The State Hospital (1964-1966, Moderna Museet, Stockholm) mit der Darstellung bettlägeriger Patienten, lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die hässlichen Seiten der modernen Gesellschaft. Auch Samaras konstruierte beunruhigende, aber dennoch visuell bezwingende Werke, z. B. The Chair (1965, Smart Gallery, University of Chicago, Illinois), das auf bedrohliche Weise von Tausenden von Stecknadelköpfen übersät ist. Ein späterer Vertreter dieser Richtung war Duane Hanson, dessen hyperrealistische Figuren aus Fiberglas und Polyester banale Lebenssituationen typenhaft und auf eine unheimliche Weise widerspiegeln.
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