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Gérard de Nerval

Enzyklopädieartikel

Gérard de Nerval, eigentlich Gérard Labrunie (1808-1855), französischer Dichter der Romantik, geboren und gestorben in Paris. Nerval erwies sich vor allem in seinem Werk Les Chimères (1854; Die Chimären) als virtuoser Sprachkünstler, dessen Lyrik stark die nachfolgende Dichtergeneration der Symbolisten beeinflusste. Die zu seiner Zeit noch kaum gebräuchliche Vermischung von Unbewusstem, Traum und Alltagsrealität wirkte noch auf die Autoren des Surrealismus und markiert den Beginn der „dunklen”, verschlüsselten Stilart der französischen Dichtung. Klangassoziationen und kühne Metaphern erzeugen ein vielschichtiges Bild der Wirklichkeit, das zugleich Nervals breit gefächertes weltanschauliches Spektrum reflektiert: Neben Anleihen bei der antiken und orientalischen Mythologie finden sich in Les Chimères auch biblische und kabbalistische Motive. Dieser Eklektizismus ist wiederum Ausdruck einer zutiefst pessimistischen Lebensauffassung. Als Auslöser gilt Nervals schicksalhafte Begegnung mit der Schauspielerin Jenny Colon, die als rätselhafte Idealgestalt allmählich zum thematischen und motivischen Zentrum seiner Dichtung wurde. Diesen biographischen Kontext gestaltete Nerval erstmals in Sylvie. Souvenirs du Valois (1853; Sylvia. Idylle aus dem Valois). Einen wesentlichen Anteil der Erzählung bildet der durch eine Zeitungsnotiz ausgelöste Erinnerungs- und Gedankenstrom des Erzählers, eine Technik, mit der Nerval Verfahrensweisen des modernen Bewusstseinsromans vorwegnimmt. Ein erzählerisches Meisterstück war sein letztes Prosawerk Aurélia (1853; Aurélia oder Der Traum des Lebens), das wiederum die Person der geheimnisvollen Geliebten in den Mittelpunkt rückt. Die Erzählung entstand unter dem Eindruck der Trennung von Jenny Colon, deren Verlust der Dichter hier zu kompensieren versuchte. Im Text vermischen sich reale Ereignisse, Halluzinationen und Traumsequenzen zu einer Prosa von höchster Eindringlichkeit. „La rêve est une seconde vie” (Der Traum ist ein zweites Leben) – diese Maxime aus Aurélia stellt zugleich ein Lebensmotto Nervals dar und weist ihn als genuinen Vorfahren moderner Dichter wie Mallarmé und Éluard aus. Allerdings scheiterte Nervals Versuch, mit dieser Erzählung seiner Lebenskrise Herr zu werden. Mitten in den Arbeiten zur Drucklegung schied er freiwillig aus dem Leben. Nervals schmales Werk, das so starken Nachhall finden sollte, stand seinerseits auch unter dem Einfluss der deutschen Literatur, besonders der Erzählungen E. T. A. Hoffmanns. Außerdem übersetzte Nerval Goethes Faust ins Französische (1828 und 1840).

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