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Russische Revolution (1917)Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Hintergrund; Die Februarrevolution; Der Petrograder Sowjet; Die Provisorische Regierung; Krieg oder Frieden; Das Erstarken der Bolschewiki; Der Juliputsch; Die Regierung Kerenskij; Die Oktoberrevolution; Die provisorische Arbeiter- und Bauernregierung
Seit Jahresbeginn 1917 riss in der russischen Hauptstadt Petrograd (heute Sankt Petersburg) die Welle der Hungerdemonstrationen und Streiks nicht mehr ab. Am 3. März (dem 18. Februar nach dem julianischen Kalender) traten die Arbeiter des Putilow-Werkes in Petrograd, eines der größten Industriebetriebe in Russland, in den Ausstand. Fünf Tage später, am 8. März, schlossen sich Zehntausende von Frauen der sich ausweitenden Protestbewegung an und demonstrierten gegen Hunger, Krieg und Zar, und am folgenden Tag kam es in Petrograd schließlich zum Generalstreik. Auf Transparenten und in Sprechchören forderten die Demonstranten und Streikenden die sofortige Beendigung sowohl des Krieges, als auch der autokratischen Zarenherrschaft. Auf Befehl des Zaren wurden schließlich zur Niederschlagung der Demonstrationen die gefürchteten Kosaken mobilisiert; die aber blieben neutral oder verbrüderten sich sogar offen mit den Aufständischen.
Am 11. März erteilte Nikolaus II. den Truppen der Petrograder Garnison den Befehl, den Aufstand niederzuschlagen. Einige unbewaffnete Arbeiter fielen zunächst im Kugelhagel; trotzdem zogen sich die Demonstranten nicht zurück, bis schließlich Teile der zaristischen Truppen auf die Seite der Arbeiter wechselten und sich weigerten, weiter auf das Volk zu schießen. Die Revolution war nun nicht mehr aufzuhalten. Trotz der alarmierenden Berichte aus Petrograd sah sich Nikolaus, der sich außerhalb der Hauptstadt in seinem Hauptquartier aufhielt, noch immer nicht zu einer effektiveren Maßnahme veranlasst, als die Duma aufzulösen. Die Abgordneten nahmen das Auflösungsdekret zwar offiziell an, hielten aber, um sich nicht des Ungehorsams gegenüber dem Zaren schuldig zu machen, am 12. März eine als „privat” deklarierte Versammlung ab und setzten ein Provisorisches Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung ein. Am 12. März setzte sich die Revolution in der Hauptstadt durch. Regiment um Regiment der Petrograder Garnison ging auf die Seite des Volkes über. Innerhalb von 24 Stunden hatte sich die gesamte Garnison bis auf einige hundert Soldaten den Aufständischen angeschlossen. Die Regierung erkannte ihre Machtlosigkeit und trat geschlossen zurück. Etwa gleichzeitig mit dem Provisorischen Komitee konstituierte sich auf Initiative der Menschewiki (siehe Bolschewismus) ein Provisorisches Exekutivkomitee des Arbeiterdeputiertenrates, und bereits am 13. März wurde in Petrograd ein Arbeiter- und Soldatenrat (Sowjet) gewählt.
Die Macht lag jetzt in den Händen zweier neuer Organe, des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und des Provisorischen Komitees der Duma, eines revolutionären und eines bürgerlichen Organs. Der Sowjet ernannte sofort eine Kommission, um das Problem der Lebensmittelversorgung der Hauptstadt zu lösen. Am 13. März ließ das Provisorische Komitee die zaristische Regierung, die hohe Verwaltung und die Militärbefehlshaber verhaften. Am 14. März erließ der Sowjet den berühmten Befehl Nr. 1. Dieser Befehl wies die Soldaten und Matrosen an, sich in allen politischen Angelegenheiten dem Sowjet und seinen Ausschüssen unterzuordnen, nur die Befehle zu befolgen, die den Weisungen des Sowjets nicht widersprachen, und Ausschüsse zu wählen, die die ausschließliche Verfügungsgewalt über die Waffen hatten. Die Disziplin der Truppen sollte natürlich gewahrt werden; aber die bislang übliche harte und erniedrigende Behandlung der Mannschaften durch die Offiziere wurde verboten, die Pflicht der Soldaten, die Offiziere zu grüßen, wurde abgeschafft. Auseinandersetzungen zwischen Soldatenausschüssen und Offizieren sollten zur Beilegung an den Sowjet verwiesen werden. Der Befehl Nr. 1 sicherte den Sowjets zwar die Loyalität der Truppen, die Demokratisierung der Armee brachte aber auch stellenweise eine Auflösung der Disziplin mit sich. Daher wurde wenig später der Befehl Nr. 1 wieder eingeschränkt. Der Petrograder Sowjet hätte leicht die Macht, die ihm durch die Wahlen zum Sowjet im Grunde ja übertragen worden war, in der Hauptstadt übernehmen können; er tat dies aber nicht. Die Gründe hierfür sind nicht ganz klar; eine wichtige Rolle spielte sicherlich die Uneinigkeit in den eigenen Reihen sowie die Furcht vor der Verantwortung. Wie alle anderen politischen Gruppierungen waren auch die Parteien der Arbeiterklasse vom Ausbruch der Revolution überrascht worden und standen ihr ohne starke Führung und ohne klares Konzept gegenüber. Selbst die Bolschewiki, die bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Revolution in Russland rechneten, waren von ihrem Beginn überrascht worden und in keiner Weise darauf vorbereitet, die Lage für sich zu nutzen. Erst als ihr Führer Wladimir Iljitsch Lenin am 16. April aus seinem Schweizer Exil nach Russland zurückkehrte, formulierten die Bolschewiki ihr Programm: die sofortige Beendigung des Krieges, die sofortige Enteignung adeligen Grundbesitzes, die Kontrolle in den Fabriken durch die Arbeiter, und „alle Macht den Sowjets”. Vorerst waren die Bolschewiki im Petrograder Sowjet aber noch eine unbedeutende Minderheit; die Mehrheit hatten die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre. Im Gegensatz zu den Bolschewiki definierten die Menschewiki die Februarrevolution als bürgerliche Revolution, in deren Folge sich die kapitalistische Gesellschaft und ihre demokratische Verfassung erst voll entwickeln mussten, bevor, laut Karl Marx, die wesentliche Voraussetzung für eine sozialistische Revolution gegeben war. Vor allem aber waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre auch für die Fortsetzung des Krieges, damit sich Russland nicht etwa einem Diktatfrieden unterwerfen musste. Unter Führung der gemäßigten menschewistisch-sozialrevolutionären Mehrheit erklärte sich der Petrograder Sowjet dann auch zur Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung bereit, was von den Bolschewiki als Verrat an der Revolution strikt abgelehnt wurde.
Am 12. März 1917 verkündete das Provisorische Komitee der Duma, es übernehme die Verantwortung für die Wiederherstellung der Ordnung. Am 13. März übernahm es kommissarisch die Leitung der Ministerien. Das Provisorische Komitee bildete in Absprache mit dem Sowjet eine Provisorische Regierung und forderte die Abdankung des Zaren. Nikolaus verzichtete am 15. März für sich und seinen Sohn Alexander auf den Thron zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michail Alexandrowitsch, der nach Rücksprache mit der Regierung am 16. März ebenfalls auf den Thron verzichtete. Die Provisorische Regierung setzte sich, mit Ausnahme des Sozialrevolutionärs Aleksandr Fjodorowitsch Kerenskij, aus denselben liberalen Führern zusammen, die 1915 den progressiven Block in der Duma organisiert hatten. Der Ministerpräsident, Fürst Georgij Jewgenjewitsch Lwow, ein reicher Landbesitzer, war Mitglied der konstitutionell-demokratischen Kadettenpartei, die für eine konstitutionelle Monarchie und einen allmählichen Übergang zur Republik eintrat. Lwow war im Grunde nur eine Galionsfigur; die herausragende Persönlichkeit der Provisorischen Regierung war bis Anfang Mai Pawel Miljukow, Außenminister und Vorsitzender der Kadettenpartei seit ihrer Gründung 1905. Er formulierte maßgeblich die Politik der Regierung. Kerenskij, der Justizminister, früher in der Duma Führer der Trudowiki („Arbeitervertreter”), war der einzige Vertreter eines gemäßigten Sozialismus in der Provisorischen Regierung. Nach ihrer Anerkennung durch den Petrograder Sowjet und das Oberkommando des Heeres und der Marine war die Provisorische Regierung anfangs sehr populär. Sie löste sogleich die zaristische Polizei auf, hob alle Beschränkungen der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit auf und erließ eine Amnestie für politische Gefangene. Bis Anfang April hatten sich alle revolutionären Führer von Rang, die verhaftet, verbannt oder zur Emigration gezwungen worden waren, in der Hauptstadt eingefunden. Dem Vertretungsanspruch der Provisorischen Regierung fehlte allerdings die Basis, da die Duma, aus der sie hervorgegangen war, keine demokratisch gewählte Vertretung der Massen war. Das Dilemma der Provisorischen Regierung fasste ihr Kriegsminister Aleksandr Gutschkow so zusammen: „Die Regierung hat leider keine echte Macht. Das Militär, die Eisenbahnen, das Post- und Telegraphenwesen sind in der Hand des Sowjets. Tatsache ist einfach, dass die Provisorische Regierung nur so lange besteht, wie es der Sowjet zulässt.” In Bezug auf die wesentlichen sozialen Problemen erklärte die Provisorische Regierung, dass sie, eben weil sie ein Provisorium sei, grundsätzlich keine einschneidenden Veränderungen wie die Enteignung des adeligen Grundbesitzes zugunsten der Bauern durchführen könne. Alle grundlegenden Reformen mussten bis zur Entscheidung durch eine konstituierende Versammlung verschoben werden, aber die Wahlvorbereitungen zogen sich in die Länge, der Wahltermin wurde immer wieder verschoben. Denn für die liberale Mehrheit in der Provisorischen Regierung stand zu befürchten, dass nicht sie, sondern die verschiedenen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien die Mehrheit in der konstituierenden Versammlung erhalten würden. Die einzige Chance der Provisorischen Regierung zum Machterhalt bestand in einem Sieg an der Seite der Alliierten im 1. Weltkrieg.
Die größten Differenzen zwischen der Provisorischen Regierung und dem Petrograder Sowjet gab es in der Frage der Kriegsziele. Die Provisorische Regierung verpflichtete sich zur Fortsetzung des Krieges bis zum Sieg und zur Einhaltung der „unbedingten Bündnisverpflichtungen gegenüber unseren Alliierten”. Zu diesen noch von der zaristischen Regierung eingegangenen Verpflichtungen gehörten auch Geheimverträge über russische Annexionen am Bosporus. Der Petrograder Sowjet wies diese imperialistischen Kriegsziele, an denen die Provisorische Regierung weiter festhielt, scharf zurück und rief die „Völker der Welt” durch einen von Maksim Gorkij verfassten Appell auf, ihre Regierungen zu Friedensverhandlungen zu zwingen. Trotz der Differenzen und trotz der Kriegsmüdigkeit der großen Mehrheit der Bevölkerung, die damals wohl nicht einmal dem Sowjet in seinem ganzen Ausmaß bewusst war, einigten sich Sowjet und Provisorische Regierung auf einen Kompromiss zur Fortführung des Krieges: Die Annexionspläne wurden fallen gelassen. Grundsätzlich aber wurde der Konflikt über Kriegsziele und -führung nie gelöst, solange die Provisorische Regierung bestand. Die Gräben zwischen der Provisorischen Regierung und dem Petrograder Sowjet wurden immer tiefer. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war der Wandel des Sowjets von einer Institution, die auf eine parlamentarische Demokratie hinarbeitete, zu einem Instrument des revolutionären Sozialismus. Dieser Wandel hatte zwei Hauptursachen: Erstens die zögerliche Politik der Regierung, die die Lösung dringender Probleme einer künftigen konstituierenden Versammlung überlassen wollte und daher nichts gegen die miserable wirtschaftliche Situation und die anhaltend katastrophale Versorgungslage unternahm, die Agrarreform aufschob und das Erstarken der konterrevolutionären Kräfte zuließ. Stattdessen konzentrierte sich die Regierung vor allem auf die Fortführung des Krieges. Die zweite Ursache war eine logische Folge der ersten: Die Arbeiter und Bauern kamen zu der Überzeugung, dass ihre Probleme nicht von der Regierung, sondern nur von den Sowjets gelöst werden könnten. Diese Überzeugung war nach Lenins Rückkehr nach Petrograd von den Bolschewiki entscheidend mitgeprägt und dann für deren eigene Zwecke genutzt worden. Vor Lenins Rückkehr aus dem Exil am 16. April 1917 war die bolschewistische Politik von Männern wie Lew Borissowitsch Kamenew und Jossif Wissarionowitsch Stalin formuliert worden; sie waren für eine bedingte Unterstützung der Provisorischen Regierung und für die Bildung eines Blockes mit den Menschewiki und den Sozialrevolutionären.
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