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Russische Revolution (1917)Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Hintergrund; Die Februarrevolution; Der Petrograder Sowjet; Die Provisorische Regierung; Krieg oder Frieden; Das Erstarken der Bolschewiki; Der Juliputsch; Die Regierung Kerenskij; Die Oktoberrevolution; Die provisorische Arbeiter- und Bauernregierung
Gleich nach seiner Rückkehr nach Petrograd legte Lenin seine später so genannten Aprilthesen vor: die Übernahme der Macht durch die Sowjets; sofortige Beendigung des Krieges nach dem Sturz des Kapitals; keinerlei Zusammenarbeit mit der Provisorischen Regierung und den sie unterstützenden Parteien; Enteignung des adeligen Grundbesitzes und die Übernahme der Produktionsmittel durch die Arbeiter. Lenin erkannte aber auch, dass die Bolschewiki als vorläufig noch kleine Minderheit diese Ziele nicht durch eine sofortige Machtübernahme würden verwirklichen können, sondern indem sie durch geduldige Propaganda und Aufklärung die Mehrheit der Arbeiter von ihrer Politik überzeugten und so die Sowjets eroberten. Zunächst war beinahe die komplette Führung der Bolschewiki gegen diese Politik, aber nach und nach brachte Lenin die gesamte Partei hinter sich. Seine Aprilthesen bestimmten ab jetzt die bolschewistische Politik, die verkürzt in den Parolen „Friede, Land, Brot” und „Alle Macht den Sowjets” ihren Ausdruck fand. Mitte Mai kehrte auch Lew Dawidowitsch Trotzkij aus dem amerikanischen Exil zurück und schloss sich nach kurzem Zögern Lenin und den Bolschewiki an. Die Umstände arbeiteten für die Sache der Bolschewiki. Am 1. Mai übersandte Miljukow den Alliierten eine Note, in der er nicht nur Russlands Bündnistreue gegenüber den Alliierten beschwor; in einer mehrdeutigen Formulierung mahnte er außerdem „Garantien” an, worunter wohl nichts anderes zu verstehen war als die alten Annexionspläne am Bosporus. Diese Erklärung stand im krassen Gegensatz zu der Erklärung an die „Völker der Welt” des Petrograder Sowjets vom 27. März, die zu einem Frieden ohne jegliche Annexionen und Reparationen aufgerufen hatte. Die Folge waren Protestdemonstrationen bewaffneter Arbeiter und Soldaten, die den Rücktritt der Regierung forderten. Der neue Kommandeur von Petrograd, Lawr Georgijewitsch Kornilow, stand mit seinen Truppen bereit, die Demonstrationen gewaltsam zu unterdrücken; aber eine öffentliche Richtigstellung der Note, die die Regierung auf Druck des Sowjets und gemeinsam mit dem Sowjet formuliert hatte, beruhigte die Massen wieder. Miljukow und Gutschkow zogen dennoch die Konsequenz aus der Krise und traten zurück. Bei der Regierungsumbildung am 18. Mai wurden nun auch Vertreter der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in die Regierung aufgenommen; sie erhielten insgesamt sechs der 15 Ministerien, Kerenskij wurde Kriegsminister.
Die Krise bescherte den Bolschewiki einen beträchtlichen Zulauf. Ihre Delegierten waren aber beim Ersten Allrussischen Kongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der am 16. Juni in Petrograd zusammentrat, immer noch in der Minderheit gegenüber der soliden Mehrheit aus Menschewiki und Sozialrevolutionären. Die neue Koalitionsregierung hatte unterdessen, während sich die wirtschaftliche und soziale Krise zunehmend verschärfte, ihre Arbeit aufgenommen. Die konservativen Kräfte verlangten von der Regierung ein härteres Durchgreifen im Inneren und die Beendigung der Revolution. Die Arbeiter reagierten mit Streiks und der Aufforderung an die Regierung, Maßnahmen zur Beilegung der Krise zu treffen. Für die neue Regierung hatte jedoch genau wie für ihre Vorgängerin die Fortführung des Krieges Vorrang vor allen anderen Problemen. Am 29. Juni befahl Kerenskij eine Offensive gegen die Mittelmächte, die so genannte Brussilow-Offensive, die in einem Misserfolg und praktisch der Auflösung der Armee endete: Die Disziplin in der Armee brach völlig zusammen, und Hunderttausende Soldaten strömten von der Front nach Hause. Mit dem Befehl zur Offensive hatten die Regierung und die sie unterstützende Mehrheit des Sowjets ihren Kredit bei der Armee weitgehend verspielt und die Soldaten förmlich in die Arme der Bolschewiki getrieben. Während der verhängnisvollen Brussilow-Offensive organisierte der Sowjet eine riesige Arbeiterdemonstration in Petrograd, gleichsam als kontrolliertes Ventil für die Unzufriedenheit der Arbeiter. Überrascht und entsetzt musste der Sowjet dann aber feststellen, dass auf der Demonstration bolschewistische Parolen wie „Nieder mit der Offensive” und wieder „Alle Macht den Sowjets” dominierten. Am 16. Juli rief ein Petrograder Regiment, möglicherweise unter dem Einfluss der Bolschewiki, zu einer bewaffneten Demonstration gegen die Regierung auf. Zehntausende strömten schließlich am 17. Juli am Taurischen Palais, dem Sitz des Sowjets, zusammen und forderten den Petrograder Sowjet und den Allrussischen Sowjetkongress auf, endlich die Macht zu übernehmen. Nach anfänglichem Zögern übernahmen die Bolschewiki die Führung in dem Aufstand. Kerenskij gab Befehl an die Petrograder Garnison und von der Front abgezogene Truppen, den Aufstand wenn nötig mit Gewalt niederzuschlagen. Die Bolschewiki fügten sich widerstandslos in ihre Niederlage und beendeten die Demonstrationen. Die Regierung machte die Bolschewiki und vor allem Lenin für den Aufstand verantwortlich und sah in dem Aufstand einen Putschversuch Lenins, einen Versuch Lenins also, über einen bewaffneten Aufstand die Forderung „Alle Macht den Räten” selbst in die Tat umzusetzen. Die Bolschewiki und ihre Publikationen wurden verboten, ihre Führer, u. a. Trotzkij, verhaftet; Lenin konnte nach Finnland fliehen.
Während des Juliputsches und zunächst unabhängig davon zerbrach die Koalitionsregierung. Bereits am 15. Juli waren über der Frage nach der Unabhängigkeit der Ukraine die kadettischen Minister zurückgetreten, und Miljukow schlug als geeignetes Mittel gegen die stetig wachsende Unruhe und Unzufriedenheit härtere Maßnahmen gegen linke Gruppen vor. Andererseits hatte der Juliputsch die Nöte der Bevölkerung nochmals deutlich ins Bewusstsein gebracht und die Regierung zum Handeln gezwungen. Die menschewistisch-sozialrevolutionäre Restregierung sagte u. a. Agrarreformen zu; der Ministerpräsident Fürst Lwow war allerdings nicht bereit, so weit gehende Reformen mitzutragen, und trat zurück; neuer Ministerpräsident wurde am 21. Juli Kerenskij. Am 10. August wurde eine neue, zweite Koalitionsregierung gebildet, in der nur noch vier Kadetten vertreten waren, ansonsten ausschließlich Menschewiki und Sozialrevolutionäre. An der Politik änderte sich wenig: Der Krieg sollte fortgeführt werden; soziale Reformen sollten einer konstituierenden Versammlung vorbehalten bleiben. Da die Regierung Kerenskij keine wirksamen Schritte zur Überwindung der sich ständig verschlechternden wirtschaftlichen Lage unternahm, wuchs die Streikwelle weiter an und mit ihr die Gewaltbereitschaft. Die Bolschewiki gewannen erneut an Einfluss. Angesichts der explosiven Situation in Petrograd ersuchte Kerenskij den neuen Oberbefehlshaber des Heeres, Lawr Georgijewitsch Kornilow, loyale, regierungstreue Truppen in die Hauptstadt zu entsenden. Als sich dann jedoch andeutete, dass Kornilow, gestützt auf seine Truppen, selbst die Macht übernehmen wollte, wandte sich Kerenskij um Hilfe gegen die Konterrevolution an den Petrograder Sowjet. Während Kornilows Truppen auf die Hauptstadt vorrückten, bereiteten die Arbeiter- und Soldatenmilizen die Verteidigung vor. Die Eisenbahnergewerkschaft weigerte sich, Kornilows Truppen zu transportieren, die Telegraphenämter gaben seine Befehle nicht weiter. Kornilows Armee hatte sich aufgelöst, noch bevor sie die Hauptstadt erreichte; die Mannschaften waren von Petrograder Arbeitern und Soldaten zum Überlaufen überredet worden. Kornilow selbst wurde am 14. September verhaftet. In Petrograd selbst hatte der drohende Putschversuch Kornilows zwei zukunftsweisende Ergebnisse zur Folge: Die Arbeiterschaft war nun fester organisiert und zudem bewaffnet, und die Bolschewiki bekamen dank ihres Einsatzes für die Organsiation der Verteidigung der Hauptstadt zum ersten Mal eine Mehrheit im Petrograder Sowjet. Trotzkij, aus dem Gefängnis entlassen, wurde Präsident des Sowjets. Kornilows Putschversuch hatte das Vertrauen in die Provisorische Regierung noch weiter untergraben. Konsequenterweise traten die Minister zurück; die Regierung übernahm vorübergehend ein fünfköpfiges „Direktorium” unter Kerenskij, bis am 8. Oktober eine neue Regierung gebildet wurde, ebenfalls unter Kerenskij. Am 22. Oktober gab Kerenskij den Befehl, die Petrograder Garnison an die Front zu verlegen, sicherlich mit dem Hintergedanken, dieses revolutionäre Potential aus dem Mittelpunkt des Geschehens zu entfernen; aber die Garnison widersetzte sich. Um die Garnison zu beruhigen und das Vertrauen der Truppen zu erwerben, erklärte sich die Regierung bereit, im Sowjet ein Organ zur Kontrolle aller militärischen Unternehmungen und Entscheidungen einzurichten. Am 29. Oktober entstand das Revolutionäre Militärkomitee, in dem die Bolschewiki unter Trotzkij dominierten und das Trotzkij zu einem weitgehend selbständigen Komitee zur „revolutionären Verteidigung” der Hauptstadt umfunktionierte. Bereits wenige Tage später verpflichtete das Komitee die militärischen Befehlshaber, nur seinen Anordnungen zu folgen – eine wesentliche Voraussetzung für den Sturz der Regierung.
Bereits seit Ende September beschwor Lenin aus seinem finnischen Versteck und dann aus dem Petrograder Untergrund, unterstützt von Trotzkij in Petrograd, die Notwendigkeit des Aufstands und des Sturzes der Regierung. Denn ihm war klar, dass bei allgemeinen Wahlen zu einer konstituierenden Versammlung die Bolschewiki keine Mehrheit erringen würden. Die Partei widersetzte sich zunächst Lenins Politik, beschloss am 23. Oktober in einer Geheimsitzung aber schließlich doch die Übernahme der Macht durch einen bewaffneten Aufstand. Bereits Anfang Oktober war auf Initiative Trotzkijs für den 2. November ein Allrussischer Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte nach Petrograd einberufen, dann auf den 7. November verschoben worden. Es war keineswegs sicher, dass der Kongress, in dem die Bolschewiki keine Mehrheit hatten, der Forderung der Bolschewiki nach Übernahme der Regierungsgewalt durch die Räte folgen würde, geschweige denn, dass die Bolschewiki über den Kongress selbst an die Macht kämen. Am 6. November (dem 24. Oktober nach dem julianischen Kalender) gab Trotzkij das Signal zum Aufstand; der letzte Auslöser war die Besetzung der Redaktionsräume der Prawda, des Organs der Bolschewiki, durch die Polizei. Die Führung des Aufstands übernahm Trotzkij. Die Rotgardisten besetzten innerhalb kurzer Zeit die strategisch wichtigsten Positionen in der Hauptstadt, und schon am Nachmittag des 7. November verkündete Trotzkij das Ende der Provisorischen Regierung. Am Abend des 7. November, als der Aufstand noch in vollem Gange war, begann der Allrussische Sowjetkongress mit seinen Beratungen. Von seinen 670 Delegierten waren 300 Bolschewiki. Die Eröffnungssitzung war Schauplatz einer stürmischen Debatte: Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre warfen den Bolschewiki vor, eine Verschwörung gegen den Kongress angezettelt und einen Anschlag gegen die Revolution unternommen zu haben; sie forderten die Bolschewiki auf, die Macht mit ihnen zu teilen und eine Koalitionsregierung zu bilden. Als die Bolschewiki dies ablehnten, verließen die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre den Kongress. Der Kongress, immerhin ein demokratisch gewähltes Organ, bestand jetzt praktisch nur noch aus Bolschewiki, die Macht lag nahezu ausschließlich bei den Bolschewiki. Nur der linke Flügel der Sozialrevolutionäre beteiligte sich weiterhin an dem Kongress und bildete eine kurzlebige Koalitionsregierung mit den Bolschewiki. Während der Kongress noch tagte, stürmten bewaffnete Arbeiter, Soldaten und Matrosen in der Nacht vom 7. auf den 8. November den Winterpalais, den Sitz der Provisorischen Regierung. Die Minister wurden verhaftet; Kerenskij war bereits aus Petrograd geflohen.
Am frühen Morgen des 8. November bildete der Kongress bis zum Zusammentreten einer konstituierenden Versammlung eine provisorische Arbeiter- und Bauernregierung, den „Rat der Volkskommissare”. Bei seinem ersten Auftritt vor dem Sowjetkongress setzte Lenin mit seiner Eröffnungserklärung den Tenor für die weiteren Beratungen: „Wir gehen jetzt zum Aufbau der sozialistischen Ordnung über.” Der Kongress griff dann die drei dringlichsten Themen – Frieden, Grund und Boden sowie Bildung einer neuen Regierung – auf. In dem neuen Regierungssystem sollte der Sowjetkongress vorläufig die Rolle einer gesetzgebenden Versammlung übernehmen. Die Ausführung der Beschlüsse des Kongresses wurde dem Rat der Volkskommissare übertragen, der dem Sowjetkongress und dessen Zentralem Exekutivkomitee verantwortlich war. Die Volkskommissare entsprachen Ministern und standen jeweils einem Commissariat (Kommission) vor. Lenin wurde zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, also zum Regierungschef, gewählt. Trotzkij wurde Volkskommissar für Äußeres und Stalin Volkskommissar für Nationalitätenfragen. Nach der Einsetzung der neuen Regierung vertagte sich der Sowjetkongress.
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