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AfghanistanEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Physische Geographie; Bevölkerung; Bildung und Kultur; Verwaltung und Politik; Wirtschaft; Geschichte
Die nahezu ein Vierteljahrhundert währenden Kriege und die jahrelange Herrschaft der Taliban haben auch in den Bereichen Bildung und Kultur die Infrastruktur weitgehend verwüstet. Nach der Entmachtung der Taliban und der Einsetzung einer Übergangsregierung Ende 2001 hat das Land mit dem Wiederaufbau begonnen. Wegen der weiterhin unsicheren Lage ist dieser Aufbau aber mit großen Schwierigkeiten verbunden. Afghanistan ist dabei sehr stark auf internationale Hilfen in Form von finanziellen Zuwendungen wie auch personeller Unterstützung angewiesen. Die Informationen dieses Abschnitts beziehen sich zumeist auf die allgemeinen Verhältnisse vor oder während der Herrschaft der Taliban. Für die Entwicklung seit Anfang 2002 liegen kaum verlässliche Informationen vor.
Obwohl der Besuch der Grundschule kostenlos ist und eine allgemeine Schulpflicht von 6 Jahren besteht, beträgt der Alphabetisierungsgrad nur 36,3 Prozent (2000; männlich 51 Prozent, weiblich 20,8 Prozent). Nach Schätzungen besucht nur etwa ein Viertel der Kinder eine Schule. Auf dem Land existieren häufig keine Schulen; es wird unter freiem Himmel unterrichtet. An höheren Bildungsinstitutionen sind ungefähr 10 000 Studenten eingeschrieben. Die Universität Kabul, die 1932 gegründet wurde, ist die bedeutendste Hochschule des Landes. Die kleinere Universität Nangarhar (gegründet 1962) liegt in Jalalabad. Ferner gibt es in Kabul eine Handelsschule (gegründet 1943), die Polytechnische Hochschule Kabul (gegründet 1968) und die Universität für Islamische Studien (gegründet 1988). Schulen und Hochschulen wurden während der Kriege durchweg stark beschädigt und mussten ihre Lehrtätigkeiten einschränken. Mit dem im März 2002 beginnenden Schuljahr durften erstmals nach dem Ende der Talibanherrschaft auch wieder Mädchen die Schule besuchen. Die Wiedereröffnung des Goethe-Instituts in Kabul ist geplant.
Die wenigen großen Bibliotheken liegen in der Hauptstadt Kabul. Das Kabul Museum war eine der bedeutendsten Kultureinrichtungen des Landes. Da Afghanistan über Jahrhunderte am Kreuzungspunkt wichtiger Handelsrouten lag (siehe unten), konnte das Kabul Museum einheimische Kulturschätze verschiedener Herkunft sammeln, u. a. beherbergte es eine der weltweit größten Ausstellungen antiker griechischer und römischer Münzen, die in der Nähe von Kabul gefunden worden waren. 1993 wurde das Museum bei einem Bombenangriff zerstört; ein Großteil der wertvollen Exponate wurde dabei vernichtet oder in der Folge von Plünderern entwendet, darunter auch die 1939 entdeckte Bagram-Sammlung mit reichen Funden aus der Zeit der Kuschan-Dynastie. Insgesamt gingen etwa 90 Prozent der Stücke verloren. Im März 2001 zerstörten die Taliban die bis dahin erhaltenen buddhistischen Statuen aus den Beständen des Museums.
Literatur wird traditionell mündlich überliefert. Die alte Kunst des Geschichtenerzählens existiert in Afghanistan noch immer, was größtenteils eine Folge des geringen Alphabetisierungsgrades ist. Die Gesellschaft für Afghanische Geschichte und die Paschto-Akademie veröffentlichen Literaturzeitschriften und fördern afghanische Schriftsteller.
Afghanistan lag in seiner Geschichte immer wieder im Übergangsbereich zwischen westlichen und östlichen Kulturkreisen. So entwickelte sich hier um die Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends eine griechisch-indische Mischkultur, die in der Gandhara-Kultur ihren Höhepunkt fand. Später lag Afghanistan im Einzugsbereich der Seidenstraße (siehe zentralasiatische Kunst und Architektur). Die ältesten Zeugnisse höher entwickelter Zivilisation gehen auf die Geoksjur-Quetta-Kultur im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. zurück, die bereits Techniken der Gold- und Silberverarbeitung beherrschte. Ausgrabungen in Altin und Dahan-i Ghulaman brachten Bauten im 2. Jahrtausend v. Chr. eingewanderter Völker zu Tage. Nach den Eroberungszügen Alexanders des Großen dominierte mehrere Jahrhunderte der griechische Kultureinfluss. Im Süden des Territoriums brachten die indischen Maurya-Regenten im 3. Jahrhundert v. Chr. die buddhistische Kultur zur Geltung. Grabbeigaben aus dieser Zeit zeigen Merkmale griechischer, römischer und indischer Kunst. Derartige Artefakte, Mischformen verschiedener Kulturkreise, entstanden auch während der Kuschan-Dynastie, die vom 2. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. herrschte und die so genannte Gandhara-Kunst hervorbrachte. Bedeutende Denkmäler aus dieser Zeit sind der Tempel von Surkh Kotal, die mittlerweile zerstörten Felsskulpturen von Bamian (siehe unten) mit riesigen Buddha-Figuren und die opulent gestalteten Klöster in Hadda und Fondukistan. Nach dem Vordringen der Araber begann ab dem 7. Jahrhundert der Einfluss der islamischen Kultur, im 10. Jahrhundert war die Region fast vollständig islamisiert. Bemerkenswerte Bauten, die während der Herrschaft der Araber entstanden, sind u. a. der Palast in Lashkar-i Bazar sowie die Minarette in Ghazna und Jam. Letzteres wurde 2002 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen. Einen Bruch im kulturellen Leben der Region bedeutete der Einfall der Mongolen im 13. Jahrhundert, die bis Ende des 14. Jahrhunderts dominierten. Während der Regentschaft des Sultans Shah Rokh entstanden in den kulturellen Zentren Herat, Balkh und Mazar-i-Sharif prunkvolle Großbauten. Auch die Buchkunst erlebte eine Blütezeit. Im 16. Jahrhundert fiel der Osten des Landes an die Safawiden, der Westen an die indischen Moguln, ehe sich im 18. Jahrhundert die afghanischen Paschtunen durchsetzten, die eine Reihe von Moscheen und Mausoleen hinterließen. Die folgenden Jahrzehnte erbrachten keine Kulturleistungen von vergleichbar hohem künstlerischem Rang. Nach 1980 entstand in Kabul eine Nationalgalerie mit Arbeiten moderner afghanischer Künstler. Das kulturelle Leben Afghanistans wird von traditionellen Künsten und Bräuchen geprägt. Gold- und Silberschmuck, Stickereien, Elfenbein- und Holzschnitzereien, Decken und Teppiche im persischen Stil sowie verschiedenste Lederartikel entstehen noch immer in Heimarbeit. Die traditionelle Musik wird durch Volkslieder, Balladen und Tänze repräsentiert. Nationaltanz ist der Attan. Die Taliban gingen während ihrer Herrschaft rücksichtslos gegen alle kulturellen Äußerungen und Zeugnisse vor, die nicht ihrem islamistischen Selbstverständnis entsprachen. Trauriger Höhepunkt ihres Vernichtungsfeldzuges war die Zerstörung der beiden Monumentalstatuen des Buddha in Bamian. Diese Figuren waren Bestandteil eines ehemaligen, größeren Klosterkomplexes, der zwischen dem 4. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. entstand. Die Statuen galten als herausragende Zeugnisse der späten Gandhara-Kultur. Auch im Museum Kabul zerstörten die Taliban die buddhistischen Statuen.
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