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AfghanistanEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Physische Geographie; Bevölkerung; Bildung und Kultur; Verwaltung und Politik; Wirtschaft; Geschichte
Die neuen Machthaber bildeten einen Revolutionsrat, der zunächst von Noor Mohammed Taraki und später, ab September 1979, von Hafizullah Amin geführt wurde. Sie setzten die Verfassung außer Kraft und oktroyierten dem Land eine kommunistische Staats- und Gesellschaftsordnung auf. Dies sowie das rigide Vorgehen der Regierung gegen Oppositionelle und vor allem die rücksichtslose Landreform von 1979 riefen jedoch den bewaffneten Widerstand der Bergstämme sowie verschiedener muslimischer Gruppen, zusammengefasst unter der Bezeichnung Mudschaheddin, gegen das neue zentralistische und antiislamische Regime hervor. Kurz bevor das Regime angesichts des breiten Widerstands und aufgrund interner Machtkämpfe zusammenzubrechen drohte, rückten am 27. Dezember 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan ein; Grundlage hierfür bot der sowjetisch-afghanische Freundschaftsvertrag vom Dezember 1978. Auf Betreiben der sowjetischen Führung wurde Amin noch im Dezember 1979 gestürzt und durch Babrak Karmal, den 1978 abgesetzten Vizepräsidenten, als neuer Staats- und Parteichef ersetzt. Dessen Angebot an die Aufständischen, den afghanischen Traditionen und vor allem dem Islam stärker Rechnung zu tragen, stieß auf keine Resonanz; die Mudschaheddin setzten ihren Widerstand unvermindert fort. Nach ihrem Einmarsch hatten die über 100 000 Mann starken sowjetischen Truppen die wichtigsten Punkte Afghanistans besetzt und versuchten in der Folge zusammen mit afghanischen Regierungstruppen, den Widerstand der Mudschaheddin-Gruppen zu brechen. Bis Mitte der achtziger Jahre hatte der Afghanistan-Krieg etwa eine Million Tote gefordert und fünf Millionen Afghanen zur Flucht in die Nachbarländer Pakistan und Iran gezwungen, aber Regierung und sowjetischen Truppen war es nicht gelungen, ganz Afghanistan wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan hatte international heftige Kritik hervorgerufen und den Ost-West-Konflikt erneut verschärft; UN-Resolutionen, die die Sowjetunion zum sofortigen Rückzug aus Afghanistan aufforderten, sowie Boykottmaßnahmen der westlichen Industriestaaten gegenüber der Sowjetunion blieben jedoch wirkungslos. Zugleich unterstützten einige Staaten, allen voran die USA, den Widerstand finanziell und durch Waffenlieferungen, die erheblich dazu beitrugen, den Krieg in die Länge zu ziehen und einen Sieg der sowjetischen Truppen zu verhindern. 1986 löste Muhammad Najibullah Karmal an der Spitze von Staat und Partei ab. Angesichts des fortdauernden muslimischen Widerstands und der verheerenden Auswirkungen des Krieges kündigte er eine Politik der „nationalen Aussöhnung” an. Zugleich leitete der neue sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow den allmählichen Rückzug der Sowjetunion aus dem seiner Ansicht nach zu kostspieligen und die Annäherung an den Westen verhindernden Krieg ein. Am 14. April 1988 unterzeichneten die Sowjetunion, die USA, die Regierung Najibullah und Pakistan ein von den UN vermitteltes Abkommen, das den Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan vorsah sowie den Abschluss eines afghanisch-pakistanischen Abkommens. Im Februar 1989 verließen die letzten sowjetischen Truppen Afghanistan.
Auch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen setzten die Widerstandsgruppen ihren Kampf gegen die Regierung Najibullah fort. Weder die Abkehr der Regierungspartei von ihrem Machtmonopol 1990 noch ein im Mai 1991 von den Vereinten Nationen vorgelegter und von der Regierung Najibullah angenommener Friedensplan, der u. a. die Konstituierung einer Übergangsregierung und in der Folge freie Wahlen vorsah, konnten die Lage beruhigen. Die Mudschaheddin brachten nach und nach fast ganz Afghanistan unter ihre Kontrolle, besetzten im April 1992 schließlich die Hauptstadt Kabul und stürzten die Regierung Najibullah. Die Mudschaheddin installierten einen „Islamischen Führungsrat” als Übergangsregierung, dessen Führung im Juni 1992 Burhanuddin Rabbani übernahm; im Dezember wurde Rabbani für zwei Jahre zum Staatspräsidenten einer Übergangsregierung gewählt. Zwar erklärte die Übergangsregierung, der nur fünf der neun maßgeblichen Mudschaheddin-Gruppen angehörten, den Bürgerkrieg für beendet; aber nun brach unter den verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen, die bis vor kurzem noch gemeinsam gegen das kommunistische Regime gekämpft hatten, ein heftiger Kampf um die Macht aus, der das Land in einen neuen verheerenden Bürgerkrieg stürzte. Die Führung im Kampf gegen die Übergangsregierung übernahm der Paschtunenführer Gulbuddin Hekmatyar, der mit der schiitisch-fundamentalistischen Milizgruppe Hesb-e-Islami sowie anderen Gruppierungen Ende 1992 die Hauptstadt Kabul unter Beschuss nahm, völlig blockierte und so im März 1993 ein Abkommen mit der Übergangsregierung erzwang, in dem ihm der Posten des Ministerpräsidenten zugesichert wurde. Am 17. Juni 1993 wurde die Regierung Hekmatyar vereidigt; die Vereinten Nationen erkannten die neue Regierung an. Am 27. September 1993 wurde eine Übergangsverfassung beschlossen, die bis zu den für Anfang 1994 geplanten Wahlen gelten sollte. Im Januar 1994 brach jedoch in Kabul der Kampf um die Macht erneut aus, und bis Mitte 1994 hatte sich der Bürgerkrieg auf weite Teile Afghanistans ausgedehnt. Rabbani beendete die Zusammenarbeit mit Hekmatyar, die geplanten Wahlen fanden nicht statt. In diesem neuen Bürgerkrieg fand Hekmatyar einen mächtigen Verbündeten in seinem ehemaligen Gegner, dem usbekischen Milizführer Abdul Rashid Dostum; Rabbani auf der anderen Seite wurde von Ahmed Schah Massud und dessen tadschikischer Miliz unterstützt. Entgegen den Vereinbarungen von 1992 trat Rabbani 1994 nicht zurück, suchte vielmehr seine Machtposition zu festigen und auszubauen. Infolge des Bürgerkrieges, in dem sich nun überall im Lande ehemals im Widerstand vereinte, nun verfeindete Gruppierungen bekämpften, brachen die noch vorhandenen Strukturen völlig zusammen. In der Provinz hatten so genannte Warlords die Macht übernommen, die sich und ihre Milizen u. a. durch Drogenhandel finanzierten; die Versorgungslage war vollkommen unzureichend, die meisten Städte und Dörfer waren größtenteils zerstört, Kämpfe und Gewaltakte aller Art waren an der Tagesordnung. Angesichts des unaufhaltsamen Vordringens der Taliban bildeten Rabbani und Hekmatyar im Mai 1996 erneut eine Zweckallianz und einigten sich auf die Bildung einer neuen Übergangsregierung, die im Juni 1996 ihre Arbeit aufnahm.
1994 hatte sich die radikal-islamistische Taliban-Bewegung gebildet, die rasch zur dominierenden Kraft unter den untereinander zerstrittenen Mudschaheddin-Gruppen aufstieg. Die Taliban rekrutierten sich vor allem aus nach Pakistan geflohenen und dort in fundamentalistischen Koranschulen ausgebildeten sunnitischen Paschtunen und wurden von Pakistan unterstützt. In der Bevölkerung stießen die Taliban zunächst auf große Resonanz und wurden als diejenige Kraft begrüßt, die der chaotischen Bürgerkriegssituation ein Ende setzen könnte. Die Akzeptanz schwand jedoch in dem Maße, wie die Taliban ihr rigoroses, islamistisches Regime durchsetzten. Innerhalb kurzer Zeit brachten die Taliban weite Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle, nahmen im September 1996 Kabul ein und stürzten die Regierung Rabbani/Hekmatyar, die sich in den noch nicht von den Taliban eroberten Norden Afghanistans flüchtete. Die Taliban bildeten eine sechsköpfige Übergangsregierung unter der Führung von Mullah Mohammad Rabbani und errichteten einen islamistischen „Gottesstaat”, der jedoch nur von Pakistan sowie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die verbliebenen Mudschaheddin-Gruppierungen schlossen sich gegen das Taliban-Regime zur so genannten Nordallianz zusammen, geführt von Burhanuddin Rabbani, der sich weiterhin als legitimer Präsident Afghanistans verstand, General Dostum sowie Ahmed Schah Massud. Die Nordallianz kontrollierte den Nordosten und unternahm wiederholt Offensiven gegen die Taliban, die wiederum mit Gegenangriffen antworteten. Keine der beiden Seiten konnte im weiteren Verlauf nennenswerte Erfolge erringen, die Front zwischen Taliban und Nordallianz stagnierte. Alle in der Folgezeit von den Vereinten Nationen, der Organisation der Islamischen Konferenz oder anderen Organisationen und Staaten initiierten Vermittlungsbemühungen scheiterten. Das Land verharrte weiter in einem Bürgerkriegszustand, gepaart mit dem drakonischen Taliban-Regime, das u. a. die Frauen vollkommen entrechtete, ihnen Schulbildung und Beruf sowie ärztliche Behandlung versagte und sie zum Tragen des Tschadors zwang. Nach zwei schweren Erdbeben im Februar und Mai 1998 im Norden Afghanistans, denen insgesamt etwa 10 000 Menschen zum Opfer fielen, verweigerten die Taliban den internationalen Hilfsorganisationen jegliche Zusammenarbeit und verhinderten damit die dringend notwendige Hilfe in den Katastrophengebieten. Nach Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania) am 7. August 1998, bei denen Hunderte Menschen ums Leben kamen und Tausende verletzt wurden, unternahmen die USA Vergeltungsschläge gegen Ausbildungslager islamistischer Terrorgruppen in Afghanistan. Als verantwortlich für die Terroranschläge galt der aus Saudi-Arabien stammende Osama bin Laden, der seit den achtziger Jahren auf Seiten der Mudschaheddin bzw. dann der Taliban in Afghanistan aktiv war und hier unter dem Schutz des Taliban-Regimes die international agierende islamistische Terrororganisation al-Qaida gründete und ausbildete. Wiederholten, mit Sanktionsdrohungen verbundenen Forderungen der USA und auch der Vereinten Nationen, bin Laden auszuliefern, kam das Taliban-Regime nicht nach, auch als die angedrohten Sanktionen Ende 1999 wahr gemacht wurden (u. a. Sperrung der Auslandskonten der Taliban, Flugverbot). Im August 1998 eroberten die Taliban die nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif und ermordeten dabei brutal Tausende Schiiten, wie Ermittlungen der Vereinten Nationen später ergaben, sowie neun iranische Diplomaten. Dies führte zu erheblichen Spannungen zwischen dem Taliban-Regime und dem Iran, der die schiitisch dominierte Nordallianz unterstützte, und führte beide Länder an den Rand eines Krieges. Dank der Vermittlung durch die Vereinten Nationen konnte eine militärische Auseinandersetzung jedoch verhindert werden. Im Frühjahr 1999 einigten sich Vertreter der unterdessen in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe residierenden Exilregierung unter Rabbani und des Taliban-Regimes unter Vermittlung der Vereinten Nationen auf die Bildung einer Koalitionsregierung. Dennoch gingen die Kämpfe zwischen Nordallianz und Taliban weiter; ein auf den religiösen Führer der Taliban im August 1999 verübtes Attentat verschärfte die Kämpfe noch. Die Nordallianz wurde nun u. a. auch von Russland unterstützt, das ein Eindringen radikal-islamistischer Strömungen in die Kaukasusrepubliken und auf das eigene Territorium befürchtete. Die Spannungen zwischen Russland und dem Taliban-Regime vertieften sich noch, als die Taliban Anfang 2000 die russische Teilrepublik Tschetschenien als unabhängigen Staat anerkannten und Russland die Taliban beschuldigte, die tschetschenischen Rebellen militärisch zu unterstützen, und mit Militärschlägen gegen Afghanistan drohte. Im Juni 2000 meldete der Bericht der UN-Menschenrechtskommission für Afghanistan eine Analphabetenquote von etwa 70 Prozent und eine Kindersterblichkeit von 27 Prozent, beides weltweite Negativ-Rekorde, außerdem die weltweit größte Zahl an Witwen und Waisen. Eine Dürrekatastrophe – die schlimmste seit 40 Jahren – vernichtete 2000 zudem einen Großteil der Ernte und des Viehbestandes; etwa 1,5 Millionen Menschen waren akut vom Hungertod bedroht. Und Hunderttausende befanden sich vor Bürgerkrieg und Hungersnot auf der Flucht. Im Juli 2000 verboten die Taliban auf nachhaltigen, langjährigen Druck der Vereinten Nationen zumindest den Anbau von Schlafmohn und ließen Heroinlabore zerstören. Zuletzt waren in dem von den Taliban kontrollierten Gebieten 4 500 Tonnen Rohopium im Jahr produziert worden – das waren drei Viertel der Weltproduktion und eine der Hauptgeldquellen der Taliban. Im März 2001 zerstörten die Taliban zahlreiche Buddha-Statuen aus vorislamischer Zeit, darunter die beiden berühmten, etwa 35 und 50 Meter hohen Kolossalstatuen des Buddha bei Bamian aus dem 5. Jahrhundert. Alle Versuche der UNESCO sowie der islamischen Staaten, das Zerstörungswerk zu verhindern, waren gescheitert. Die Taliban argumentierten, der Islam verbiete Gottesdarstellungen und Afghanistan sei ein islamischer Gottesstaat. Unterdessen setzten die Taliban die radikale Islamisierung des Landes fort; so wurde z. B. der Gebrauch des Internets in Afghanistan verboten; die Nichtmuslime wurden aufgefordert, ein gelbes Kennzeichen an ihrer Kleidung zu tragen (was an den Judenstern im nationalsozialistischen Deutschland erinnerte); Ausländer wurden der in Afghanistan besonders rigoros gehandhabten Scharia unterstellt, wie z. B. die acht Mitarbeiter der christlichen Hilfsorganisation Shelter Now, die im August 2001 festgenommen wurden unter dem Vorwurf, die muslimische Bevölkerung missionieren zu wollen. Die Arbeit ausländischer Hilfsorganisationen wurde weiterhin massiv behindert, so dass dringend benötigte Hilfslieferungen kaum mehr die Bedürftigen erreichten.
Die verheerenden Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington vom 11. September 2001 leiteten den Sturz des Taliban-Regimes ein. Als Hauptverantwortlicher wurde bereits kurz nach den Anschlägen Osama bin Laden identifiziert, der sich weiterhin unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan aufhielt. US-Präsident George W. Bush forderte das Taliban-Regime wiederholt auf, bin Laden auszuliefern, und drohte zugleich mit militärischer Vergeltung. Die Taliban wiesen alle Auslieferungsforderungen zurück; die Angst vor möglichen Angriffen der USA trieb weitere Zehntausende Afghanen in die Flucht, von denen sich ein Großteil an der inzwischen offiziell geschlossenen Grenze zu Pakistan staute. Unterdessen formierten die USA eine weltweite Antiterrorkoalition, die NATO stellte den Bündnisfall fest, die Nordallianz wurde von den USA und anderen Staaten der Antiterrorkoalition mit Waffen und Finanzmitteln ausgerüstet, in den nördlichen Nachbarländern Afghanistans wurden erste US-amerikanische Truppen stationiert. Dennoch weigerten sich die Taliban weiterhin, bin Laden auszuliefern, kündigten vielmehr massiven Widerstand an. Am 7. Oktober 2001 begannen die USA, unterstützt von Großbritannien, mit Luftangriffen auf Stellungen der Taliban sowie auf Ausbildungslager der al-Qaida in Afghanistan ihren angekündigten und international gebilligten Krieg gegen das Taliban-Regime. Parallel zu den amerikanisch-britischen Luftangriffen agierte die Nordallianz am Boden, zunächst ohne größeren Erfolg; im November gelang jedoch der entscheidende Durchbruch: Am 11. November 2001 eroberte die Nordallianz die strategisch wichtige Stadt Mazar-i-Sharif, und zwei Tage später zog sie in der Hauptstadt Kabul ein, die zuvor von den Taliban kampflos aufgegeben worden war. Am 7. Dezember kapitulierten die Taliban-Kämpfer in ihrer letzten Hochburg Kandahar, und wenig später gab die al-Qaida ihre wichtige Bergfestung Tora Bora im Osten des Landes auf. Taliban und al-Qaida waren damit militärisch weitgehend besiegt, wenngleich es noch über Monate hinweg immer wieder zu vereinzelten Gefechten zwischen US-Truppen und Taliban- sowie Al-Qaida-Kämpfern kam. Bereits am 27. November 2001 war auf dem Petersberg bei Bonn auf Vermittlung der Vereinten Nationen die so genannte Afghanistan-Konferenz zusammengetreten, um über die politische Neuordnung und Zukunft Afghanistans zu beraten. An der Konferenz nahmen vier afghanische Gruppierungen teil: Die Nordallianz, die vor allem Tadschiken, Turkmenen und Usbeken aus dem Norden des Landes repräsentierte; die so genannte Zypern-Gruppe, die die Hazara aus dem Zentrum Afghanistans vertrat; die Rom-Gruppe, die sich aus Anhängern des im Exil in Rom lebenden Exkönigs Sahir Schah zusammensetzte; und die Peschawar-Gruppe, die wie die Rom-Gruppe die Paschtunen vertrat. Als wichtiges Zeichen für die Zukunft wurde die Tatsache interpretiert, dass unter den insgesamt 34 afghanischen Delegierten immerhin vier Frauen waren. Am 5. Dezember 2001 unterzeichneten die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz ein Abkommen, in dem sie den Rahmen für die politische Reorganisation und eine künftige Regierungsbildung feststeckten. Am Beginn der Neuordnung soll nach dem Abkommen die Bildung einer Interimsregierung stehen. Nach sechs Monaten soll die Interimsregierung durch eine Übergangsregierung abgelöst werden, die von einer außerordentlichen Loya Jirga, der traditionellen afghanischen Ratsversammlung, gewählt werden soll. Nach weiteren 18 Monaten soll sich laut dem Petersberger Abkommen eine reguläre, aus freien Wahlen hervorgegangene Regierung konstituieren; die dafür notwendige neue Verfassung soll eine verfassunggebende Loya Jirga ausarbeiten. Am 22. Dezember 2001 nahm die 29-köpfige Interimsregierung unter dem Paschtunenführer Hamid Karsai als Ministerpräsidenten ihre Arbeit auf. Am Tag zuvor hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der Resolution 1386 das Mandat für eine Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe für Afghanistan (International Security Assistance Force, ISAF) erteilt, an der sich auch die Bundesrepublik Deutschland beteiligte. Parallel zum politischen Wiederaufbau begannen umfangreiche internationale Hilfsmaßnahmen für das von zwei Jahrzehnten des Krieges zerstörte Land und das bis Ende 2001 auf eine Anzahl von etwa 7,5 Millionen angewachsene Heer der Flüchtlinge. Im Januar 2002 sagte eine internationale Geberkonferenz in Tokyo die Bereitstellung von über 1,5 Milliarden Euro an Hilfsgeldern für das Jahr 2002 zu. Wenngleich der Wiederaufbau in allen Bereichen gute Fortschritte machte, u. a. relativ rasch ein funktionierendes Schulwesen entstand und die multiethnische Regierung trotz vieler Spannungen Bestand hatte, sahen sich Interimsregierung und Bevölkerung doch mit einer ganzen Reihe großer Schwierigkeiten konfrontiert: fortgesetzten bewaffneten Zusammenstößen, einer ganzen Reihe von Warlords und Stammesführern, die weiterhin ausschließlich die eigenen Interessen verfolgten, Attacken auf die Interimsregierung wie der mutmaßlichen Verschwörung Hekmatyars und dem Attentat auf den Verteidigungsminister, Altlasten des jahrzehntelangen Krieges in Form von Hunderttausenden über das Land verteilten Minen, die täglich Opfer forderten, und zerstörten Häusern sowie nicht zuletzt einem schweren Erdbeben im Norden Afghanistans im März 2002, das erhebliche Schäden anrichtete und Tausende Menschen das Leben kostete. Dazu kam noch der einerseits erfreulich große Strom an zurückkehrenden Flüchtlingen, der jedoch andererseits die Belastbarkeit und die Möglichkeiten von Staat und Hilfsorganisationen bis an ihre Grenzen ausschöpfte. Bis Juni 2002 waren eine Million Flüchtlinge nach Afghanistan zurückgekehrt, gerechnet worden war mit 800 000 Rückkehrern im gesamten Jahr 2002.
Ab April 2002 fanden einigermaßen reibungslos die Wahlen zur Loya Jirga statt, und ebenfalls im April kehrte nach 29 Jahren im Exil der Exkönig Sahir Schah nach Afghanistan zurück, und zwar als Privatmann und ohne Machtambitionen, aber als Persönlichkeit mit hohem integrativen Potential – immerhin galt er weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor als „Vater der Nation”. Am 11. Juni 2002 trat in Kabul gemäß dem Petersberger Abkommen, eröffnet von Sahir Schah, die Loya Jirga zusammen. Ihr gehörten knapp 1 700 Delegierte, darunter 210 Frauen, aus ganz Afghanistan und den Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten an, zu zwei Dritteln gewählt und zu einem Drittel von der Wahlkommission sowie staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen ernannt; ihr gehörten aber auch entgegen dem Abkommen eine Reihe von Warlords und anderer Stammesführer an, die tief in Kriegsverbrechen verstrickt waren. Am 13. Juni 2002 wählte die Loya Jirga mit etwa 80 Prozent der Stimmen Karsai zum Vorsitzenden der Übergangsregierung und damit zum Staatsoberhaupt. Einen ernsthaften Gegenkandidaten hatte es nach dem Verzicht von Sahir Schah und des früheren Präsidenten Rabbani nicht gegeben. Wenige Tage später präsentierte Karsai seine 14 Minister, die mit ihm zusammen als Übergangsregierung 18 Monate im Amt bleiben sollen, und ließ sie von der Loya Jirga per Akklamation bestätigen. Auf die Einsetzung eines Ministerpräsidenten verzichtete Karsai. Außer bei der Wahl des Staatsoberhaupts war die Loya Jirga an keiner Entscheidung direkt beteiligt, durfte nur bereits gefällte Entscheidungen absegnen. Aber auch ihr wichtigstes selbst gestecktes, nicht vom Petersberger Abkommen vorgegebenes Ziel, nämlich die Einsetzung eines Übergangsparlaments, konnte sie nicht verwirklichen: Trotz der Verlängerung der ursprünglich für eine Woche anberaumten Loya Jirga fand man keine Einigung hinsichtlich Zusammensetzung, Größe und Zuständigkeit eines Übergangsparlaments. Karsai übertrug schließlich die Entscheidung über ein Übergangsparlament einer Kommission außerhalb der Loya Jirga. Kernproblem des Landes blieb nach wie vor – trotz der relativ friedlich vonstattengegangenen Einsetzung der Übergangsregierung – die Sicherheitslage. In einigen Provinzen kämpften weiterhin die Warlords um die Macht bzw. eskalierten die ethnischen Antagonismen in neuen Kämpfen, während zugleich US-Soldaten versprengten Taliban- und Al-Qaida-Kämpfern habhaft zu werden versuchen und selbst immer wieder zum Ziel von Übergriffen werden. Auch in Kabul selbst kam es immer wieder zu Angriffen auf Vertreter bzw. Symbole der neuen Staatsmacht, obwohl hier etwa 5 000 ISAF-Soldaten für die Sicherheit sorgten. So wurde z. B. im Juli 2002 der Vizepräsident Hadschi Abdul Kadir bei einem Attentat getötet, und im September 2002 entkam Präsident Karsai selbst nur knapp einem Anschlag. Im Dezember 2002 fand auf dem Petersberg bei Bonn eine weitere internationale Afghanistan-Konferenz statt, die so genannte Petersberg-II-Konferenz, in deren Mittelpunkt die brisante Sicherheitslage in Afghanistan stand. Wichtigstes Ergebnis der Konferenz war die Unterzeichnung eines Dekretes durch Karsai über den Aufbau einer 70 000 Mann starken afghanischen Nationalarmee sowie das Verbot aller nichtregulären kämpfenden Gruppierungen. Der Aufbau einer Nationalarmee und die Demobilisierung aller anderen bewaffneten Einheiten sollten dazu beitragen, den bisher auf die Hauptstadt beschränkten Einfluss der Regierung auf das ganz Land auszudehnen und die Macht der Warlords in den Provinzen zu brechen. Eine weitere internationale Geberkonferenz in Oslo sagte im Dezember 2002 Afghanistan noch einmal 1,2 Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern zu. Im Februar 2003 übernahmen Deutschland und die Niederlande gemeinsam die Führung der ISAF-Truppe, die bis dahin die Türkei innehatte, und im August 2003 ging das ISAF-Kommando an die NATO über. Um die Sicherheitslage in Afghanistan auch über die Hauptstadt Kabul hinaus zu stabilisieren, stimmte der deutsche Bundestag im Oktober 2003 der Entsendung von Bundeswehreinheiten in die Region Kundus im Norden des Landes zu, nachdem das ISAF-Mandat über die Region von Kabul hinaus ausgedehnt wurde. Bis dahin hatten die an der ISAF beteiligten Staaten einer Ausweitung des Mandats aus Sicherheitsgründen eine Absage erteilt. Während sich im Norden einschließlich Kabul die Sicherheitslage einigermaßen stabilisierte, erstarkten in den übrigen, von Warlords kontrollierten Landesteilen die Taliban erneut, unternahmen immer wieder Angriffe auf US- und Regierungstruppen und brachten sogar wieder einige abgelegenere Städte unter ihre Kontrolle. Die Zentralregierung, deren Einfluss nach wie vor nicht über die Region Kabul hinausreichte, zeigte sich weitgehend machtlos. Im November 2003 legte die ein Jahr zuvor eingesetzte, von den UN beratene 35-köpfige Verfassungskommission nach einigen Verzögerungen ihren Entwurf für eine neue Verfassung für Afghanistan vor. Der Entwurf stellt einen Kompromiss zwischen fundamentalistischen und gemäßigten Positionen dar, zwischen traditionellen und westlichen Werten. Laut dem Verfassungsentwurf soll Afghanistan eine „islamische Republik” werden, Recht und Gesetz dürfen den Werten und Prinzipien des Islam nicht widersprechen; die unter den Taliban praktizierte Scharia soll jedoch nicht wieder eingeführt werden. Der Islam wird als Religion des Landes festgeschrieben, aber es ist auch die Ausübung anderer Religionen gestattet, sofern sie mit den Werten der Verfassung in Einklang stehen. Dem Präsidenten wird eine starke Stellung eingeräumt: Er führt die Regierung und ernennt die Minister und hält somit die gesamte Exekutivmacht in seinen Händen. Ein weiterer wichtiger Punkt des Verfassungsentwurfs ist die Gleichstellung aller Bürger, d. h. Männer wie Frauen, vor dem Gesetz.
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