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MigrationEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Ursachen und Motive; Folgen; Wanderungsbewegungen in der Geschichte; Migranten in der Bundesrepublik Deutschland
Die Ausgangsräume profitieren in manchen Fällen von der Migration, weil sie von Konfliktpotential entlastet werden, das sich durch die Verringerung der Bevölkerungsdichte, die Abwanderung von religiös, ethnisch und national abgelehnten Minderheiten und von Arbeitslosen ergibt. Die finanzielle Unterstützung der in der Heimat Verbliebenen durch im Ausland aufgestiegene Auswanderer macht in vielen verarmten Staaten einen erheblichen Teil des Volkseinkommens aus. Zugleich trägt die Abwanderung der oft aktivsten und qualifiziertesten Arbeitskräfte (Braindrain) aber auch zu einer Zementierung der Unterentwicklung bei.
Auch in den Aufnahmegesellschaften stellen sich die Folgen der Einwanderung von Land zu Land unterschiedlich dar. Nicht zuletzt sind sie abhängig von der Zahl der Zuwanderer und dem Grad der kulturellen Differenz. In den meisten Fällen werden die „Fremden”, die einen Platz im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben ihrer neuen Heimat beanspruchen, abgelehnt. Den Ansässigen erscheinen die Zugewanderten häufig als Konkurrenten um den Arbeitsplatz, um staatliche Sozialleistungen, um Lebensqualität und werden als soziales Konfliktpotential, Bedrohung der ethnischen Einheit, nationalen Sicherheit oder kulturellen Identität wahrgenommen. Auf der anderen Seite gilt Zuwanderung in Geschichte und Gegenwart fallweise auch als vorteilhaft und wird häufig, vor allem mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung, zielgerichtet gefördert. Beispielhaft für solche Prozesse sind die Verschleppung von etwa 20 Millionen Afrikanern als Sklaven nach Amerika zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, die Anwerbung von Arbeitskräften aus Polen in das aufstrebende Ruhrgebiet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Anwerbung von mehr als zwei Millionen fremdstaatlichen Arbeitnehmern („Gastarbeitern”) durch die Bundesrepublik Deutschland zwischen 1957 und 1973 und die globale Konkurrenz von Staaten und Hightechunternehmen um Computerspezialisten in der Gegenwart. Im langfristigen historischen Trend findet im Gefolge der Wanderungsbewegungen in der Regel neben einer gegenseitigen Befruchtung der Kulturen (Akkulturation) auch eine genetische Vermischung zwischen Einwanderern und Ansässigen statt. Um das Zusammenwachsen zu verhindern, das vielfach als Gefährdung der auf „Hautfarbe” gegründeten Herrschaftsstruktur betrachtet wurde, praktizierten die Siedler häufig eine Politik der scharfen Rassentrennung (z. B. Apartheid).
Für die Migranten ergeben sich fundamentale und vielseitige Veränderungen ihrer Lebensverhältnisse, die davon abhängen, welche Verhältnisse sie in den Regionen vorfinden, in die sie einwandern, ob sie als Eroberer, Arbeit suchender, politischer Flüchtling oder gar Deportierter ankommen, und ob sie als Individuen, in einem sozialen Zusammenhang oder als ganze Bevölkerungsgruppe ein neues Dasein gründen. Sofern sie nicht als Angehörige der politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Elite als Bereicherung der Aufnahmegesellschaft wieder eine entsprechende Position einnehmen können oder in einem langen Prozess der Assimilation aufgestiegen sind, bilden sie in den heutigen Einwanderungsländern zumeist die unterste Stufe der gesellschaftlichen Schichtung.
Wanderungsbewegungen gehören zu den fundamentalen Faktoren der Geschichte: Durch sie nahm der Mensch von der ganzen Erde Besitz, und sie prägten die ethnische, kulturelle und sprachliche Entwicklung der Bevölkerungen von Kontinenten und Ländern. Die folgenden Beispiele illustrieren die historische Bedeutung von Migrationen.
Die meisten Prähistoriker nehmen an, dass die Wiege der Menschheit in Ostafrika lag, von wo aus sich der frühe Mensch vor etwa 500 000 Jahren in einer Vielzahl von Wanderungswellen auszubreiten begann. Mit der Besiedlung Südamerikas vor etwa 34 000 Jahren fand die Erschließung der Kontinente ihren Abschluss. Zu den weitreichendsten Migrationen im Altertum gehört die um 2000 v. Chr. einsetzende Indogermanische Wanderung von Völkern mit einer relativ einheitlichen Grundsprache, die aus dem östlichen Mitteleuropa oder Südrussland, vielleicht auch Asien stammten und in den als indoeuropäisch bezeichneten Sprachraum expandierten (siehe indogermanische Sprachen). Die Volksgruppe der Arier drang bis nach Indien vor, die der Hethiter nach Kleinasien. Mit der Ägäischen Wanderung und der Dorischen Wanderung im Gefolge stießen die Indoeuropäer eine Entwicklung an, die mit der Einwanderung der Achaier nach Griechenland zur Staatenbildung der europäischen Antike führte. Die Invasion von Kanaan, dem späteren Palästina, durch die aus Ägypten zugewanderten Israeliten bildete die Grundlage für die Entstehung der drei großen Weltreligionen (Judentum, Christentum und Islam). Diese semitischen Stämme wanderten etwa vom 15. bis zum 10. Jahrhundert v. Chr. in diese bereits besiedelte Region ein, die zuvor abwechselnd unter der Herrschaft der Ägypter und der Babylonier gestanden hatte. Die Germanische Völkerwanderung zwischen dem 2. und dem 6. Jahrhundert aus dem Norden in die übrigen Teile Europas war die letzte große Bevölkerungsumgruppierung im spätantiken Europa. Sie erhielt durch ihren Zusammenstoß mit der kriegerischen Wanderungsbewegung der Hunnen (zwischen 375 und 453) eine besondere Dynamik, besiegelte den Zusammenbruch des Römischen Reichs, mündete in die Herausbildung germanischer Reiche (u. a. der Franken, Angelsachsen und Langobarden) und prägte damit die abendländische Kultur des frühen Mittelalters mit.
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