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Johannesevangelium

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Johannesevangelium, Abkürzung: Johannes, viertes Evangelium im Neuen Testament. In der kirchlichen Tradition, die in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts begann, soll es vom Apostel Johannes gegen Ende seines Lebens geschrieben und im späten 1. Jahrhundert in der antiken griechischen Stadt Ephesus veröffentlicht worden sein. Nach dieser Überlieferung ist es auch das jüngste der Evangelien. Diese Ansicht wird von der heutigen Forschung bestätigt. Im Kanon des Neuen Testaments erscheint es nach den drei synoptischen Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas.

2

Verfasserschaft

Seit dem 19. Jahrhundert ist die Frage nach der Verfasserschaft des Johannesevangeliums umstritten. Neben der inzwischen widerlegten Auffassung, dass das Johannesevangelium vom Apostel Johannes stammt, werden folgende andere Theorien vertreten: (1) Das vierte Evangelium sei von dem im 2. und 3. Johannesbrief erwähnten „Alten” verfasst worden; (2) Es sei von einem oder mehreren Schülern des Evangelisten geschrieben worden und basiere so, zumindest teilweise, auf den Erinnerungen des Johannes an die im Evangelium geschilderten Ereignisse; (3) Lazarus von Bethanien, ein Freund Jesus Christus, sei der Verfasser; (4) Es sei von einem anonymen Christen aus Alexandria aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts geschrieben worden. Allgemein wird das Johannesevangelium heute auf das letzte Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts oder auf das frühe 2. Jahrhundert datiert.

Der Autor des Johannesevangeliums schrieb zu einer Zeit, als in der frühen Kirche der Glaube an Mysterienkulte und die Gnosis neben den christlichen Lehren weit verbreitet waren. Er scheint sein Evangelium zu allererst als eine theologische Neuinterpretation der Person und Sendung Jesu konzipiert zu haben. Seine Botschaft legte er in Begriffen der philosophischen Strömungen seiner Zeit dar, so dass seine Beeinflussung durch den Neuplatonismus wahrscheinlich scheint. Sein Hauptanliegen war offenbar die Bekämpfung der Lehre einer doketischen Gnosis, nach deren Verständnis Christus ein menschgewordener Gott war, dem aber die Todesangst oder das Sterben fremd gewesen seien. Die Intention des Verfassers wird in 20, 30-31 deutlich.

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Inhalt des Evangeliums

Das Johannesevangelium besteht aus vier Teilen. Der erste (1, 1-18) ist ein kurzer Prolog zur göttlichen Natur Jesu Christi als der Fleischwerdung des Logos (1, 1-2, 14). Im Griechischen bedeutet das Wort Logos „Wort” oder „Vernunft” („Denn sein Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gelebt”) und bildet in der griechischen Philosophie das Grundprinzip der Welt (abendländische Philosophie). Logos bezeichnet auch eine christliche Lehre, die erklärt, wie der göttliche Bote sich in der Erschaffung, dem Ordnen und der Erlösung der Welt offenbart. Der zweite Teil (1, 19-11, 57 sowie 1, 19-12, 50) soll illustrieren, dass Jesus der wahre Christus oder Messias ist. Im Evangelium wird dies einerseits von Johannes dem Täufer und den frühen Jüngern bezeugt, hauptsächlich aber durch die von Jesus vollbrachten Wunder oder „Zeichen” (20, 30), die „seine Herrlichkeit offenbaren” (2, 11). Diese Wunder sind die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana (2, 1-11), die Heilung des Beamtensohnes (4, 46-54); die Heilung des Lahmen (5, 1-9), die Speisung der 5000 (6, 1-15), die Heilung des Blinden (9, 1-7) und die Erweckung des Lazarus von den Toten (11, 1-46). Die Speisung der 5 000 ist das einzige Wunder, von dem alle vier Evangelien berichten.

Der dritte Teil des Johannesevangeliums beginnt mit dem letzten Aufbruch Jesu nach Bethanien und Jerusalem, womit seine öffentliche Predigertätigkeit endet (Kapitel 12). Zu diesem Teil gehören auch die Schilderung der Passionsgeschichte und der Auferstehung Christi von den Toten (Kapitel 12-20). Der Abschnitt enthält auch eine Beschreibung des letzten Abendmahls, des letzten Gesprächs Christi mit seinen Jüngern und sein Gebet, das so genannte Hohepriestergebet, sowie Schilderungen des Verrats des Judas, der Gefangennahme, des Prozesses, der Kreuzigung und der Grablegung Jesu. Es folgt die Erzählung vom leeren Grab und von den Erscheinungen des auferstandenen Christus vor Maria Magdalena und dem ungläubig zweifelnden Jünger Thomas. Der vierte Teil des Johannesevangeliums (Kapitel 21) stellt eine Art Anhang oder Postskriptum dar. In ihm erscheint der wiederauferstandene Christus zum dritten Mal den Jüngern, befiehlt Petrus: „Weide meine Lämmer” und „Weide meine Schafe”, weissagt ihm den Tod, und spricht von einem Jünger, den er liebt. Im Buch wird dieser Jünger als der Verfasser des Evangeliums bezeichnet. (21, 24).

4

Das Johannesevangelium und die Synoptiker

Zu den auffallenden Unterschieden gegenüber den anderen Evangelien zählen die im Johannesevangelium fehlenden biographischen und historischen Angaben: Dazu gehören die Geburt Jesu, seine Kindheit, seine Versuchung, die Verklärung, die Einsetzung des Abendmahles, und die Todesangst im Garten Gethsemane. Andererseits werden bestimmte Ereignisse nur im Johannesevangelium berichtet, wie z. B. die wundersame Verwandlung von Wasser in Wein zu Kana, die wundersame Erweckung von Lazarus, die Fußwaschung beim letzten Abendmahl (13, 1-20), die Taufen durch Jesus und seine Jünger (3, 22-36; 4, 1-2), die Gestalten des Nikodemus (3, 1-21) und der Samariterin (4, 7-26) sowie die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin (7, 53-8,11), wobei letztere ursprünglich nicht Teil des Evangeliums war. Beim Vergleich des Johannesevangeliums mit den so genannten Synoptikern (also den weitgehend übereinstimmenden Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas) werden auch wichtige chronologische Unterschiede deutlich. So dauert im Johannesevangelium die Zeit des Predigens Jesu mehrere Jahre, das letzte Abendmahl findet vor dem jüdischen Passahfest statt, und Jesus wird einen Tag vor diesem Fest gekreuzigt.

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