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Europa

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6

Geschichte

Bis zur Antike oder, betrachtet man ganz Europa, bis ins Mittelalter hinein war der Kontinent im Vergleich zu den Hochkulturen im Orient und in Ägypten nur wenig entwickelt. Die verschiedenen zivilisationsgeschichtlichen Entwicklungsstufen setzten in Europa daher jeweils erst wesentlich später ein als etwa im Orient. Die europäische Geschichte insgesamt ist, bedingt durch die vielfältigen geographischen Voraussetzungen, geprägt von einer Fülle verschiedenartiger ethnischer und zivilisatorischer Elemente, von umfangreichen Wanderungsbewegungen ganzer Völker und Stämme und von den Begegnungen – friedlichen und kriegerischen – der verschiedenen Ethnien und Kulturen.

6.1

Vor- und Frühgeschichte

In ganz Europa, außer im noch vom Eis bedeckten Norden, lassen sich bereits für die Steinzeit Besiedlungen nachweisen. Aus dem Paläolithikum sind Skelettreste aus Südspanien, Südfrankreich, aus dem Raum London und aus Mitteleuropa (siehe Neandertaler) erhalten, die Höhlenmalereien von Altamira in Spanien sowie Werkzeuge und vereinzelt frühe Kunstwerke aus dem ganzen europäischen Raum. In Mitteleuropa setzte sich im ausgehenden Paläolithikum bereits eine sesshaftere Lebensweise durch. Kleine, feste Siedlungen sind für die Zeit des Mesolithikums für ganz Europa nachweisbar. Das Neolithikum zeichnet sich durch die Herausbildung größerer Kulturkreise aus, wie etwa die Megalithkultur in Südwest- und Westeuropa (siehe Stonehenge), die Glockenbecherkultur in Spanien, West- und Mitteleuropa, die Bandkeramikkultur in Mittel- und Osteuropa, die Schnurkeramik- oder Streitaxtkultur in Ost-, Mittel- und Nordeuropa und auf dem Balkan und die Starcevokultur in Südosteuropa. Zwischen den einzelnen Kulturen bestanden bereits umfangreiche Handelsbeziehungen (u. a. mit Bernstein); die Jagd als wichtigste Ernährungsquelle wurde von Viehzucht und Ackerbau abgelöst, was zum einen Sesshaftigkeit voraussetzte, zum anderen aber auch aufgrund der Erschöpfung des Bodens häufige Verlegung der Siedlungen zur Folge hatte.

In der Bronzezeit drangen verstärkt Einflüsse aus dem hoch entwickelten Orient nach Europa vor, und zwar vor allem über zwei Wege: Über den Balkanraum entlang der Donau nach Mitteleuropa und bis auf die Apenninenhalbinsel; und über die Iberische Halbinsel nach West- und Mitteleuropa. Es bildeten sich nun differenziertere Kulturen heraus, wie vergleichsweise die Hügelgräberkultur in Mitteleuropa und die Urnenfelderkultur, die sich von Südosteuropa aus nach Westen ausbreitete und eine große Wanderungsbewegung in Europa auslöste. Wirtschaftlich ist die Bronzezeit durch die Entstehung von Bergbaugebieten gekennzeichnet, von einer stärkeren Arbeitsteilung und einer Intensivierung des europaweiten Handels (wie z. B. durch Funde von Bernstein aus dem Baltikum im griechischen Mykene dokumentiert ist), sozial durch eine stärkere Differenzierung der Gesellschaft. In der frühen Bronzezeit setzen auch die Wanderungsbewegungen der Indoeuropäer ein.

Die Eisenzeit ist geprägt durch die Hallstattkultur und die La-Tène-Kultur, während der sich der Kontakt beinahe ganz Europas mit der hoch entwickelten Kultur des antiken Mittelmeerraumes vertiefte. Träger der La-Tène-Kultur waren vermutlich die Kelten, die sich von Frankreich aus seit dem 7. Jahrhundert v. Chr., verstärkt seit Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. über die Iberische Halbinsel, Britannien und Oberitalien ausbreiteten und entlang der Donau bis nach Makedonien, Griechenland und Kleinasien vorstießen. Mit den Kelten verbreiteten sich auch die Anfänge einer städtischen Kultur (Oppidakultur); eine Staatenbildung ist im keltischen Kulturraum jedoch noch nicht zu beobachten.

6.2

Erste Hochkulturen in Europa

6.2. 1

Griechenland

Während Nord-, Mittel-, West- und Osteuropa in der Bronzezeit kulturell noch vergleichsweise rückständig waren, hatten sich im Raum der Ägäis und des heutigen Griechenland, u. a. dank der geographischen Nähe zum Vorderen Orient, hoch entwickelte Kulturen gebildet. Die minoische Kultur auf Kreta erlebte bereits um 2200 v. Chr. eine Blütezeit. Die Kreter waren wirtschaftlich weit fortgeschritten, trieben ausgedehnten Handel mit dem griechischen Festland, Syrien und Ägypten, errangen die Seeherrschaft im östlichen Mittelmeer und hatten ein organisiertes Staatswesen mit einem König an der Spitze. Im Palast von Knossos aufgefundene Wandmalereien, Schmuckstücke und kunstvolle Gebrauchsgegenstände zeugen von dem hohen Kunstsinn der Kreter. Siehe auch ägäische Kultur

Um 1900 v. Chr. wanderten Indoeuropäer auf der Balkanhalbinsel ein und ließen sich im südlichen Griechenland nieder. Diese Einwanderer wurden später unter der Bezeichnung Achaier zusammengefasst. Um die Mitte des 2. Jahrtausends standen die Achaier in Mykene und Tiryns auf dem Höhepunkt ihrer Macht; Ausgrabungen belegen den großen Reichtum der Herren von Mykene und Tiryns, aber auch den Einfluss der kretischen Kultur. Um 1400 v. Chr. eroberten die Achaier Kreta und übernahmen die Machtposition der Kreter im östlichen Mittelmeer.

Um 1200 v. Chr. setzte infolge der Wanderungen der Urnenfelderleute die dorische Wanderung ein, in deren Verlauf erneut indoeuropäische Stämme in Griechenland eindrangen. Am mächtigsten war der Stamm der Dorer, die sich im östlichen Peloponnes niederließen und von hier aus als Eroberer nach Kreta, Rhodos und in den Südwesten Kleinasiens kamen. Ebenfalls im Zuge der dorischen Wanderung setzten sich die beiden anderen großen Stämme der Griechen, die Ionier und die Äolier, in Griechenland und Kleinasien fest.

In der Folge verfestigten sich die aus den großen Stämmen hervorgegangenen Verbände als aristokratisch organisierte Staatswesen. Zwischen 750 und 550 v. Chr. errichteten die Griechen aus Landnot Kolonien im Mittelmeerraum, vor allem auf Sizilien und in Unteritalien, beispielsweise Syrakus, Tarent, Neapel, Paestum sowie Massilia (Marseille) an der Mündung der Rhône. Sie brachten eine hoch entwickelte Stadtkultur in die von ihnen besiedelten Gebiete, hielten sich aber streng getrennt von der einheimischen Bevölkerung, die sie mit dem Begriff „Barbaren” als nicht nur Nichtgriechen, sondern auch als Ungebildete, Rohe bezeichneten.

In Griechenland selbst kristallisierten sich nach und nach einige Herrschaftszentren heraus, vor allem Sparta und Athen, die in unterschiedlichem Ausmaß die benachbarten Staatswesen unter ihre Herrschaft brachten oder in Bündnissysteme (Symmachien) einbanden, gegeneinander um die Vorherrschaft kämpften und unterschiedliche Herrschaftsstrukturen, wie etwa Tyrannis und Demokratie, entwickelten. Politisch wie kulturell war Griechenland dem restlichen Europa nach wie vor weit überlegen (siehe griechische Kunst und Architektur).

In seiner Histories Apodeixis verwendet der griechische Geschichtsschreiber Herodot in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. im Rahmen seiner Beschreibung der Perserkriege erstmals den Begriff Europa (der noch kaum mehr umfasst als die griechische Welt) zur Abgrenzung der „zivilisierten” Griechen gegen das „barbarische” Asien.

Mit dem Peloponnesischen Krieg (431-404 v. Chr.) zwischen Athen und Sparta begann der Niedergang des griechischen Staatslebens und der Aufstieg Makedoniens im Norden. Philipp von Makedonien einigte die meisten Griechen unter seiner Oberhoheit; sein Sohn Alexander der Große griff weit über Europa und das griechische Kleinasien aus und schuf ein Reich, das von Makedonien und Griechenland im Westen bis zum Indus tief in Asien reichte. Mit den Griechen kam auch die griechische Kultur in den Osten.

6.2. 2

Das Römische Reich

Um 1200 v. Chr., also etwa gleichzeitig mit der dorischen Wanderung, kamen indoeuropäische Stämme (u. a. die Latiner) auch auf die Apenninenhalbinsel. Um 1000 v. Chr. ließen sich Latiner auf dem Palatin, einem der sieben Hügel Roms, nieder. Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. siedelten sich die nichtindoeuropäischen Etrusker in Italien an, brachten Stadtkultur, Steinbaukunst und auch griechische Götter mit, siedelten sich in der heutigen Toskana an und unterwarfen sukzessive die angrenzenden Gebiete. Aus der latinischen Siedlung auf dem Palatin machten sie eine feste Stadt. Um 500 v. Chr. wurde in Rom die Königsherrschaft durch eine Adelsrepublik abgelöst, und während der folgenden zwei Jahrhunderte erkämpften sich auch die Plebejer, das Bürgertum, politische Rechte. Die Römische Republik blieb jedoch weit entfernt von einer demokratischen Verfassung, wie sie zeitweise in Athen bestand.

Bis 270 v. Chr. hatte Rom, trotz des Rückschlags infolge der Zerstörung Roms durch die Gallier 387 v. Chr., ganz Italien bis zur Poebene unter seine Herrschaft gebracht. Der Übergriff Roms auf Sizilien führte zu den Punischen Kriegen (264-241, 218-201, 149-146 v. Chr.), in deren Verlauf Rom beinahe ganz Sizilien, Sardinien und Korsika, die Iberische Halbinsel sowie Karthago in Nordafrika eroberte; Nordafrika und Spanien wurden römische Provinzen. Mit dem Vorstoß Roms nach Osten wurden 148 v. Chr. Makedonien, 146 v. Chr. Griechenland und 133 v. Chr. Pergamon in Kleinasien römische Provinzen. Durch die Anbindung des griechischen Ostens an das Reich kamen griechische Kunst und Kultur nach Italien. Rom war nun die unangefochtene Hegemonialmacht im Mittelmeer und griff mit seinem Reich bereits über Europa hinaus.

102/101 v. Chr. wehrte Rom einen ersten Angriff germanischer Stämme, der Kimbern und der Teutonen, ab, 64/63 v. Chr. dehnte es seine Macht in Kleinasien aus und errichtete die Provinz Syrien, 55 v. Chr. hatte Caesar ganz Gallien unter römische Herrschaft gebracht, und 30 v. Chr. war Ägypten zur römischen Provinz geworden. Unter Augustus umfasste das Römische Reich die Iberische Halbinsel, Gallien, Teile Germaniens und des Balkans, Italien, Griechenland, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze nordafrikanische Küste. In der römischen Kaiserzeit erreichte das Reich unter Trajan seine größte Ausdehnung; u. a. wurden ihm im Osten Armenien angegliedert, auf dem Balkan Dakien (das heutige Rumänien) und im Norden Britannien; die Grenze zu den germanischen Stämmen, die sich einer Eroberung durch Rom widersetzten, wurde durch den Limes gesichert. Zusammengehalten wurde das immense, sich auf drei Kontinente und über verschiedene Völker und Kulturen erstreckende Reich durch straffe Verwaltung und die Durchdringung der unterworfenen Provinzen mit römischer Kultur. 313 n. Chr. tolerierte Konstantin das Christentum im Römischen Reich, Theodosius I. erhob es zur Staatsreligion. Mit seinem Tod 395 und der Teilung des Reiches unter seine Söhne endete die Einheit und die Macht des Römischen Reiches.

Der Schwerpunkt und das Zentrum des Römischen Reiches lagen zwar immer in Europa, und die europäischen Provinzen des Reiches wurden von der Romanisierungspolitik Roms deutlich mehr erfasst als der Osten; das Reich verstand sich aber keineswegs als europäisches, sondern als Weltreich, das beinahe die gesamte im Westen bekannte Welt der drei Kontinente Europa, Asien und Afrika umfasste.

6.3

Das Mittelalter

6.3. 1

Das Frühmittelalter

Europa begann seine heutige Struktur im Zuge der germanischen Völkerwanderung (4.-6. Jahrhundert n. Chr.) anzunehmen. Der Vorstoß germanischer Stammesverbände nach West- und Südeuropa führte zur Auflösung des Römischen Reiches als Staat und als kulturelle Einheit sowie zur Neubildung verschiedener Reiche auf dem Boden des Römischen Reiches. Der Süden, d. h. die Iberische Halbinsel, die Apenninenhalbinsel und der Peloponnes, waren im 6. Jahrhundert unter Kaiser Justinian I. zeitweise wieder unter der Oberhoheit des Oströmischen bzw. Byzantinischen Reiches vereint und bewahrten am ehesten die kulturellen Traditionen des Römischen Reiches. Die Iberische Halbinsel musste aber bald wieder aufgegeben werden, während die byzantinische Herrschaft in Teilen Italiens noch behauptet werden konnte; die Päpste, die hier nach und nach die Funktionen des Exarchen, also des byzantinischen Statthalters, übernommen hatten, wandten sich jedoch im 8. Jahrhundert von Byzanz ab und dem germanischen Westen zu und leiteten so die Ablösung des Abendlandes von der Oberhoheit des Byzantinischen Reiches ein. Gleichzeitig verlagerte sich der politische Schwerpunkt in Europa vom Mittelmeerraum in den Norden, nach West- und Mitteleuropa.

Die germanischen Gebiete außerhalb des Römischen Reiches sowie die nach dem Abzug der Germanen von Slawen besiedelten Gebiete östlich der Elbe-Saale-Linie waren kulturell und politisch weit weniger entwickelt als das Römische Reich und im Gegensatz zu den germanischen Nachfolgereichen im Bereich des ehemaligen Römischen Reiches bis ins 7. Jahrhundert noch nicht christianisiert. Diejenigen Germanenstämme, die im Zug der Völkerwanderung mit dem Römischen Reich in – friedlichen oder kriegerischen – Kontakt gekommen waren, hatten mehr oder weniger die römisch-antike Kultur und das Christentum in seiner katholischen bzw. seiner arianischen (Langobarden, Goten, Wandalen) Form angenommen. In dem ersten germanischen Großreich auf römischem Boden, dem Tolosanischen Reich der Westgoten in Spanien und Südfrankreich, deutete sich bereits die römisch-germanisch-christliche Grundstruktur an, die für die Staatswesen im mittelalterlichen Europa charakteristisch werden sollte. Zerschlagen wurde das Tolosanische Reich durch die Muslime, die seit Beginn des 8. Jahrhunderts die Iberische Halbinsel unter ihre Herrschaft brachten und für einige Jahrhunderte ihre politische und kulturelle Entwicklung bestimmten.

Ende des 5. bis Anfang des 6. Jahrhunderts drangen die Franken aus ihrem Stammgebiet am Niederrhein nach Südwesten vor, unterwarfen das römische Gallien und griffen auch auf das germanische Mitteleuropa über. Ihre Reichsbildung verknüpfte römische mit germanischen Traditionen und schuf mit der Christianisierung eine alle Stämme ihres Reiches umfassende kulturelle Klammer. 754 wurde Pippin der Jüngere, König der Franken, als Erster der germanischen Herrscher vom Papst gesalbt und kirchlich legitimiert. Diese dadurch begründete enge Verbindung zwischen Frankenreich und römischer Kirche führte auf der einen Seite zur Loslösung des Papsttums von Byzanz; auf der anderen Seite wirkte sie prägend auf Entwicklung und Selbstverständnis des Reiches. Die Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 durch den Papst vertiefte das Bündnis von Kirche und Reich, erneuerte das weströmische Imperium und vollzog die endgültige Trennung des Abendlandes von Oberhoheitsansprüchen des byzantinischen Kaisertums.

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