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IndianerEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Frühe Bevölkerung; Frühe Wanderungen; Die wichtigsten Kulturareale; Traditionelle Lebensweise; Indianer in der heutigen Gesellschaft der USA; Indianer in Kanada; Die Indianer Lateinamerikas
Zweifellos hatten die kanadischen Indianer weniger unter Vertreibungen zu leiden als diejenigen Indianer, die im Einflussbereich Großbritanniens oder Spaniens lebten. Das lässt sich zum Teil mit dem Pelzhandel erklären, der im Widerspruch zu einer Besiedelung des Landes stand. Die französische Besiedelung Kanadas beschränkte sich auf eng begrenzte große Ländereien und Dörfer am Ufer des Sankt-Lorenz-Stromes und am Unterlauf des Ottawa. Dieses demographische und ökonomische Vermächtnis führte dazu, dass es im heutigen Kanada noch immer zahlreiche indigene Gruppen gibt, die zumindest zu bestimmten Jahreszeiten einer mehr oder weniger traditionellen Lebensweise nachgehen können. Im Gegensatz dazu kam es zwischen den Briten und den Indianern im 17. und 18. Jahrhundert zu einer Reihe von Kriegen, die allesamt von den Briten gewonnen wurden. Die Engländer zwangen die Indianer, die englische Herrschaft anzuerkennen und ihre Aktivitäten entweder auf bestimmte fest umrissene Gebiete in der Nähe englischer Siedlungen zu beschränken oder in Gebiete jenseits der Siedlungsgrenze auszuweichen. Nach schweren Pockenepidemien, Kriegen und Auseinandersetzungen mit Siedlern sammelten sich die noch verbliebenen Angehörigen der Stämme des östlichen Waldlandes und flüchteten sich in das Gebiet westlich der Appalachen.
Eines der vorrangigsten Probleme, mit denen sich die jungen Vereinigten Staaten auseinandersetzen mussten, war die Indianerfrage. Im Frieden von Paris (1783), der den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beendete, wird auf die ursprüngliche Bevölkerung des Gebiets kein Bezug genommen, was die zwiespältige Haltung der Engländer den Indianern gegenüber widerspiegelt. In der Verfassung der Vereinigten Staaten heißt es: „Aufgabe des Kongresses ist es, den Außenhandel, den Binnenhandel zwischen den Einzelstaaten sowie den Handel mit den Indianerstämmen zu regeln”. Im ausgehenden 18. Jahrhundert überquerten viele Siedler auf der Suche nach Land das Alleghenygebirge und die Blue Ridge Mountains; sie stießen ins Tal des Ohio, nach Kentucky und Tennessee vor, wo zahlreiche mächtige und intakte Gesellschaften lebten. Da sie sich vielfach auf Indianerterritorium niederließen, waren kriegerische Auseinandersetzungen die unvermeidliche Folge. Im Vertrag von Greenville wurden die Indianer 1795 zur Anerkennung einer verbindlichen Grenzlinie zwischen dem so genannten „Indianerterritorium” und dem weißen Siedlungsgebiet gezwungen. Der Indian Removal Act 1830 ermächtigte die Vereinigten Staaten, alle Indianer westlich des Mississippi in das so genannte „Indianerterritorium” (das heutige Oklahoma) umzusiedeln. Dieser Umzug führte zu brutalen Vertreibungen. Angesichts der immer weiteren Expansion der Vereinigten Staaten erfolgte schließlich die Umsiedelung der Indianer in Reservate innerhalb des Indianerterritoriums; bei Widerstand kam die US-Army zum Einsatz. Die darauf ausbrechenden Indianerkriege, die sich durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen, endeten 1890 mit dem Massaker an Männern, Frauen und Kindern der Sioux bei Wounded Knee, im US-Bundesstaat South Dakota.
1924 erhielten die Indianer die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten zugesprochen. Der Indian Reorganization Act von 1934 sah eine Selbstregierung der Gruppen vor. Die Politik der Stammesräte war aber weiterhin von der Billigung durch das US-Innenministerium abhängig. Zu Beginn der siebziger Jahre erreichten die Indianer politisch größere Autonomie. Viele Indianergruppen versuchten, auf dem Rechtsweg Ansprüche auf Land und Territorien durchzusetzen, die sie im Lauf der Jahre verloren hatten: mit dem Alaska Native Land Claims Settlement Act von 1971 wurden den Inuit und Alëuten in Alaska insgesamt 962 Millionen US-Dollar Entschädigung und 16 Millionen Hektar Land zugesprochen. Im Lauf des 20. Jahrhunderts ist die Indianerbevölkerung in den Vereinigten Staaten kontinuierlich angewachsen. 1990 lag ihre Bevölkerungszahl bei fast zwei Millionen (einschließlich Alëuten und Inuits); das entspricht etwa 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Laut der amerikanischen Behörde für Bevölkerungsstatistik wuchs die indianische Bevölkerung zwischen 1980 und 1990 um 20 Prozent an. Knapp ein Drittel dieser Menschen lebt in Schutzgebieten, etwa die Hälfte in Städten, die meist in der Nähe der Schutzgebiete liegen. Die 278 Schutzgebiete umfassen etwa 23 Millionen Hektar Land in 35 Bundesstaaten. Aufgrund der sozialen und kulturellen Verelendung der Bevölkerung der Schutzgebiete ist Alkoholismus weit verbreitet. Bis zu 80 Prozent der männlichen Bevölkerung leiden unter dieser Krankheit. Erst im Jahr 2000 entschuldigten sich die USA – genauer: das dem Innenministerium unterstehende Büro für indianische Angelegenheiten (Bureau of Indian Affairs) – förmlich bei den Indianern für die Verfolgung, Vertreibung und Misshandlung, denen die indigene Bevölkerung Amerikas seit über eineinhalb Jahrhunderten durch die Regierung und die weiße Bevölkerung der USA ausgesetzt war; das Büro bekannte sich sogar zu „ethnischer Säuberung”. Das 1824 gegründete Büro war zunächst zuständig für die „Umsiedelung” der Indianer im Zuge der weißen Besiedelung des Westens; heute verwaltet es die Reservate.
Als die ersten europäischenSiedler eintrafen, lebten im Gebiet des heutigen Kanada nur etwa 200 000 Indianer. Heute liegt der Anteil der Indianer an der kanadischen Bevölkerung bei etwa zwei Prozent; der überwiegende Teil gehört zur Sprachfamilie der Algonkin, daneben kommen aber auch Vertreter der Sprachfamilien der Irokesen, Salish, Athapasken und Eskimo vor. Insgesamt teilen sich die kanadischen Indianer in etwa 600 Gruppen auf. Eine weitere bedeutende Minderheit, insbesondere im Norden und Westen, sind die Mischlinge indianisch-europäischer Abstammung, vor allem die französischsprachigen Métis. Der kanadische Staat stellt den Indianern Schulen und andere soziale Einrichtungen zur Verfügung. Aufgrund der besseren Gesundheitsversorgung sind die Bevölkerungszahlen in den letzten Jahren wieder angestiegen. Die Inuit haben in letzter Zeit vermutlich die stärksten Eingriffe in ihre traditionelle Lebensweise erleben müssen, da Bergwerke, Wasserkraftwerke und Ölförderanlagen auf ihrem Territorium errichtet wurden. 1991 wurde die Schaffung eines Inuitterritoriums im Northwest Territory, des Nunavut (Inuit für „unser Land”), beschlossen, das seit 1999 von den Indianern selbst verwaltet wird.
Die indianische Bevölkerung Lateinamerikas wird gegenwärtig auf etwa 26 Millionen geschätzt, von denen 24 Millionen in Bolivien, Ecuador, Guatemala, Mexiko und Peru leben. Sie werden in diesen Staaten gewöhnlich als Campesinos (Bauern) bezeichnet und haben unter extremer Armut zu leiden; meist leben sie auf dem Land und betreiben Subsistenzlandwirtschaft. In Bolivien und Guatemala stellen die indianischen Campesinos 60 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit Ausnahme Uruguays gibt es in sämtlichen Staaten Südamerikas Reste einer indigenen Bevölkerung. Dazu kommt eine große Anzahl von Mestizen, d. h. Mischlingen, die sowohl indianischer als auch europäischer Abstammung sind. In Mexiko, Bolivien, Panamá und Peru stellen Indianer und Mestizen schätzungsweise 85 Prozent der Bevölkerung, in Ecuador 90 Prozent, in Honduras, El Salvador und Paraguay sogar über 90 Prozent. Nur in Argentinien ist die Mehrheit der Bevölkerung rein europäischen Ursprungs. Nur etwa 1,5 Prozent der gesamten lateinamerikanischen Indianerbevölkerung leben in indigenen Gesellschaften. So genannte Stammeskulturen existieren vorwiegend in Brasilien, Kolumbien, Panamá, Paraguay und Venezuela. Viele Gruppen bewohnen die abgeschiedenen Urwaldregionen des Amazonasbeckens, wo sie von der Jagd, dem Fischfang sowie dem Sammeln von Maniok und anderen Wurzeln leben. Die gegenwärtige Expansion des brasilianischen Staates in die Amazonasregion gefährdet jedoch das physische und kulturelle Überleben dieser Gruppen, da verheerende Seuchen eingeschleppt werden und durch den Abbau von Bodenschätzen und das Anlegen von Überlandstraßen Stammesterritorien zerstört werden. Die größte indigene Gruppe in Brasilien sind die Yanomami mit mehr als 16 000 Mitgliedern, für die die Regierung ein Schutzgebiet geplant hat. Laut Schätzung von Ethnologen benötigen die Yanomami jedoch mindestens 6,4 Millionen Hektar, um ihre traditionelle Lebensweise fortsetzen zu können. Die gesamte indigene Bevölkerung Lateinamerikas umfasst etwas mehr als 400 verschiedene Indianergruppen, die alle eigene Sprachen oder Dialekte sprechen.
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