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Samuel Beckett

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Samuel BeckettSamuel Beckett
Artikelgliederung
1

Einleitung

Samuel Beckett (1906-1989), irischer Schriftsteller, einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Mit En attendant Godot (1953, Warten auf Godot) und Fin de Partie (1957, Endspiel) avancierte er zum wichtigsten – und prominentesten – Vertreter des absurden Theaters.

Beckett wurde am 13. April 1906 in Foxrock bei Dublin geboren. Er wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf und besuchte zunächst die streng protestantische Portora Royal School in Enniskillen (Nordirland). Dabei tat sich der mittelmäßige Schüler in Kricket, Boxen und Schwimmen hervor. 1923 begann der 17-jährige Beckett am Trinity College in Dublin sein Romanistikstudium, das er 1927 mit dem Bachelor of Arts beendete. Während dieser Zeit wurden Rugby, Golf und Motorradfahren seine bevorzugten Sportarten. Die Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie beeindruckte Beckett außerordentlich, was sich im Essay Dante, Vico, Bruno (1929) sowie in der frühen Erzählung Dante und der Hummer (1932) niederschlug. Nach einigen Aufenthalten in Paris, wo er nach einer Kurzanstellung als Dozent in Belfast (1927/28) zwei Jahre an der dortigen École Supérieure tätig war und Avantgarde-Autoren wie Philippe Soupault, Jules Romains und L. P. Fargue kennen lernte, kehrte Beckett ans Trinity College zurück; dort promovierte er 1931.

In Paris befasste sich Beckett intensiv mit der Philosophie des Franzosen René Descartes, die er bereits 1923 kennen gelernt hatte und im biographischen Gedicht Whoroscope (1930) verarbeitete. 1928 suchte er nach der Lektüre des Romans Ulysses die Bekanntschaft von dessen Verfasser James Joyce. Dieser ließ ihn als „weißen Boy” (Richard Aldington) Sekretärs- und Botendienste erledigen. Obwohl Beckett sogar Joyces Schrullen imitierte, konnte er den bereits berühmt gewordenen Autor nie gänzlich für sich einnehmen. Im Haushalt von Joyce lernte Beckett Ezra Pound kennen. 1930 – in eben jenem Jahr, in dem Beckett gemeinsam mit Alfred Péron das zentrale Kapitel aus Joyces Finnegans Wake, Anna Livia Plurabelle, ins Französische zu übertragen suchte – kam es zum Bruch zwischen Joyce und Beckett: Zwei Jahre später allerdings konnte er dessen Gunst mit einem Akrostichon zu seinem 50. Geburtstag zurückgewinnen. 1931 schrieb Beckett seinen berühmten Essay Marcel Proust, in dem er, ausgehend von Studien zur Zeitauffassung Henri Bergsons, Prousts Modell einer „unwillkürlichen Erinnerung” untersuchte und zugleich zentrale Gedanken seines eigenen Schaffens – so z. B. die Idee einer ästhetischen „Verdichtung” von Welt im Kunstwerk – vorwegnahm. (Im Einakter Krapp’s Last Tape persiflierte Beckett 1958 Prousts „mémoire involuntaire” mit der Erkenntnis der Titelfigur: „Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt.”)

Von 1932 bis 1937 widmete sich Beckett vornehmlich dem Schreiben; unter anderem erschienen das Romanfragment Dream of Fair to Middling Women (1932) und die Erzählsammlung More Pricks than Kicks (1934, Mehr Prügel als Flügel). Auch entstand der Roman Murphy (1938). Darüber hinaus unternahm Beckett zahlreiche Reisen, darunter nach London und, für sechs Monate, nach Deutschland. Seinen Lebensunterhalt bestritt der Schriftsteller mit Hilfe einer Leibrente, später mit dem Erbe seines Vaters. Dessen Tod im Jahr 1933 stürzte Beckett in eine tiefe Krise. 1937 übersiedelte er nach Paris und schloss Freundschaft mit Marcel Duchamp. Als Mitglied der Résistance musste Beckett 1942 jedoch vor der Gestapo ins südfranzösische Roussillon fliehen, wo er weiterhin an den Aktivitäten der Maquis (unter dem Kommando René Chars) teilnahm. In Roussillon verfasste Beckett den Roman Watt, der allerdings erst 1953 erscheinen konnte. Weitere Werke der vierziger Jahre waren die 1946/47 geschriebenen Erzählungen L’expulsé (Der Ausgestoßene), Le calmant (Das Beruhigungsmittel) und La fin (Das Ende) sowie Premier Amour (1946, Erste Liebe) und der von Flauberts Bouvard et Pécuchet beeinflusste Roman Mercier et Camier (1946, Mercier und Camier), Becketts erstes Werk in französischer Sprache. Premier Amour und Mercier et Camerier wurden erst 1970 herausgegeben.

Nach dem Krieg kehrte Beckett nach Paris zurück und schrieb in einer überaus produktiven Schaffensperiode vier seiner wichtigsten Werke: die Romantrilogie Molloy (1951), Malone meurt (1951, Malone stirbt) und L’innomable (1953, Der Namenlose) sowie das Drama En attendant Godot (entstanden 1948, Warten auf Godot). Letzteres machte seinen Verfasser nach der Premiere im Théâtre de Babylone am 5. Januar 1953 unter Intellektuellen schlagartig berühmt (Regie: Roger Blin). 1954 wurde mit Waiting for Godot Becketts eigene Übersetzung ins Englische publiziert, konnte aber zunächst wegen angeblicher Obszönität in New York nicht aufgeführt werden; in der Folge lehnten es u. a. Ralph Richardson, Laurence Olivier und Alec Guinness ab, eine Rolle im Stück zu übernehmen. Zwischen 1954 und 1956 schrieb Beckett mit Fin de Partie (Endspiel) ein weiteres Meisterwerk des absurden Theaters, das 1957 zur Aufführung gelangte.

Erst in den sechziger Jahren stießen die Stücke Becketts auf allgemeine Akzeptanz: So kam 1965 erstmals eine unzensierte Version von Warten auf Godot in London zur Aufführung. 1959 erhielt Beckett die Ehrendoktorwürde des Trinity College, 1961 gemeinsam mit Jorge Luis Borges den Prix International des Editeurs und 1969 endlich den Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Einen Ruf als Professor für Dichtung nach Oxford (1968) allerdings lehnte der Autor ab. Während der sechziger und siebziger Jahre traf er häufig mit Arthur Adamov, Fernando Arrabal, Eugène Ionesco und anderen Vertretern des absurden Theaters zusammen, um Ideen und Ansichten auszutauschen. 1972 wurde im New Yorker Lincoln Center das erste Beckett-Festival veranstaltet, das durch Inszenierungen von Nicht ich (1972), Das letzte Band (1958), Glückliche Tage (1963) und der Pantomime Akt ohne Worte I (1957) bestach. Drei Jahre später inszenierte Beckett Warten auf Godot am Berliner Schiller-Theater. Zum 75. Geburtstag des Autors 1981 widmete das Centre de Civilisation et de Culture Française Beckett die größte Retrospektive zu Lebzeiten. Der Schriftsteller starb am 22. Dezember 1989 in Paris.

2

Werk

Die immer wiederkehrenden Themen Becketts sind die Qual des Daseins und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz. Dabei reduziert der Autor seine Protagonisten, deren Identität nicht zuletzt ihnen selbst fragwürdig erscheint, auf das isolierte Ich, was oftmals bereits die Namensgebung der Figuren signalisiert: In Fin de Partie etwa erscheinen Hamm und Clov, darauf hat vor allem Theodor W. Adorno in seinem Versuch, das „Endspiel” zu verstehen, hingewiesen, als absurde Verstümmelungen von Shakespeares Hamlet bzw. des tragikomischen Clowns. Brüchiges Glück besteht nur mehr in der Erinnerung; geblieben ist ein nahezu abstraktes Dasein „in lautloser Leere, in luftlosem Dunkel” (Watt). Zentrales Motiv Becketts zur Beschreibung dieses raum-zeitlosen Endzeitzustands ist der in seiner Erstarrung gefangene, teilweise auch der absterbende Körper: So ist der Held in Murphy nackt mit Riemen an seinen Schaukelstuhl gefesselt, Hamm muss von Clov, der wiederum nicht sitzen kann, im Rollstuhl herumgefahren werden (eine tragikomische Variante der von Hegel übernommenen Symbiose von „Herr und Knecht”). In Happy days ist die alternde Winnie zunächst bis zur Brust, im 2. Akt dann „bis zum Hals eingebettet” in einen Haufen aus Erde (Fin de Partie verwendet Mülleimer als Symbole des beendeten und doch nie gelebten Lebens von Hamms „verfluchten Erzeugern”).

Zumeist bleibt den Beckett’schen Figuren ein Abgang aus ihrem in postapokalyptischen Szenarien eingewobenen Dasein verwehrt: Clov, der in der Manier der Helden Tschechows („Nach Moskau”) während des ganzen Stücks von der Bühne verschwinden möchte, wird am Ende vom Dunkel der Bühnenbeleuchtung überholt. An diesem Zu-Ende-kommen müssen alle scheitern, da es vermutlich auch „jenseits des Grabes weitergeht” (Molloy). Völlige Ausweglosigkeit charakterisiert auch En attendant Godot, das mit den Worten „Nichts zu machen” beginnt. In Murphy markiert der Einleitungssatz „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues” die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Und in Malone meurt zeigt ein abschließender Sprachstrudel, der wie in einem Ausguß zu versickern scheint, dass Becketts Helden allein im Sprechen – als „Stimme” – Präsenz für sich in Anspruch nehmen dürfen. Nicht nur Hamm und Clov („Ich bin dran”) sind sich ihrer Existenz als Theaterrollen voll bewußt. Dabei allerdings ist dialogisches Miteinander einem monologischen Aneinander-Vorbeireden gewichen. Dialog als Handlungsträger hat im absurden Drama ausgedient (im Prosatext Gesellschaft von 1980 macht Beckett diese Unmöglichkeit einer stringenten Fabel selbstreflexiv zum Problem). Auch sprachlich beschränkt sich Beckett auf permanente Wiederholung und hämischen Witz. Selbst die Verweigerung einer einordnenden – und damit sinnvollen – Deutung wird Teil des absurden Spiels, das sich als Parabel auf das menschliche Dasein gibt: „Weh dem, der Symbole sieht”, heißt es in Watt. Und in En attendant Godot, das vor allem verkürzende existentialistische und religiöse Interpretationen erfuhr (Godot = Gott), befürchten die Figuren einmal sogar, plötzlich „etwas zu bedeuten”.

Beckett schrieb zahlreiche weitere Dramen, Prosatexte, Drehbücher und Hörspiele. Dazu gehören Textes pour rien (1955, Texte um Nichts), All that fall (1957, Alle, die da fallen), Embers (1959, Aschenglut), Comment c’est (1961, Wie es ist), Words and Music (1962, Worte und Musik), Cascando (1963), Film (1965), Come and Go (1965, Kommen und Gehen), Eh Joe (1966, He, Joe), Sans (1969, Losigkeit), Le Dépeupleur (1970, Der Verwaiser), Breath (1970, Atem), That Time (1976, Damals), Footfalls (1976, Tritte), Company (1980, Gesellschaft), Mal vu mal dit (Schlecht gesehen schlecht gesagt), Rockaby (1981), Ohio Impromptu (1981), A Piece of Monologue (1981, Ein Stück Monolog) Catastrophe (1982, Katastrophe), Worstward Ho (1983, Worstward Ho. Aufs Schlimmste zu) und What Where (1983, Was Wo).

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