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Windows Live® Suchergebnisse Knut HamsunEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die ersten großen Romane (1880 bis 1893); Paris und die große Reise (1893 bis 1911); Das Spätwerk (1911 bis 1952)
Knut Hamsun, eigentlich Knut Pedersen, (1859-1952), norwegischer Schriftsteller. Mit seinen stark zivilisationskritischen Romanen, die weniger durch ihr oftmals hymnisch-verklärendes Bild bäuerlichen Lebens als durch ihre formal innovativen Verfahren bestechen, gehört er zu den herausragenden Autoren nicht nur der norwegischen Literatur, sondern auch der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hamsun wurde am 4. August 1859 als Sohn eines Schneiders bäuerlicher Herkunft in Garmostræe bei Lom (Gudbrandsdal) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. 1862 verließ seine Familie mit ihm Südnorwegen und zog in die Provinz Nordland nördlich des Polarkreises, eine Gegend, die das spätere Romanwerk immer wieder als „Märchenland” imaginiert (I Æventyrland, 1903). Nach 1873 arbeitete Hamsun u. a. als Krämerlehrling im Laden seines tyrannischen Onkels, als Hausierer, Schusterlehrling, Hilfslehrer und Amtsgehilfe. 1877 begann er zu schreiben; von diesen frühen Versuchen ist vor allem die Erzählung Bjørger bemerkenswert, die, 1878 geschrieben, erst 1981 publiziert werden konnte. Bereits hier sind zentrale Aspekte und Themen der späteren Prosa angeschnitten.
1880 war Hamsun als Straßenbauarbeiter in Oslo tätig. Von 1882 bis 1884 hielt er sich in Amerika auf (zweite Reise: 1886-1888). Hier arbeitete er wiederum in verschiedenen Berufen und verstärkte seine schriftstellerischen Aktivitäten. Hamsuns Ablehnung der als „seelenlos” und technisiert-materialistisch gebrandmarkten nordamerikanischen Großstadtwelt, namentlich Chicagos, spiegelt die Essaysammlung Fra det moderne Amerikas Aandsliv (1889; deutschsprachige Auswahl unter dem Titel Drei Amerikaner, 1989), die bei ihrem Erscheinen starke Aufmerksamkeit erfuhr. 1888 kehrte Hamsun nach Norwegen zurück und widmete sich von nun an vornehmlich dem Schreiben. Darüber hinaus hielt er Vorträge zur Literatur, in denen er vom Schriftsteller einklagte, „eine Seele bis hinein in ihr Mysterium zu beleuchten” (Paa Turné, 1960; Psychologie und Dichtung). Um die Jahrhundertwende avancierte Hamsun zum Wortführer der skandinavischen Neoromantik. Dabei ironisierte er immer wieder die naiv-feinnervige Erzählkunst seiner dem Impressionismus verpflichteten Zeitgenossen und schuf durch eine gebrochene Erzählhaltung, die ein ums andere Mal auch die vordergründige Verherrlichung des Landlebens in Frage stellte, bedeutende Meisterwerke der literarischen Moderne. Während dieser Zeit entstanden u. a. die bedeutenden Romane Sult (1890; Hunger) und Mysterier (1892; Mysterien) sowie Redaktør Lynge (1893; Redakteur Lynge), der als Journalistenroman allerdings eher noch dem Naturalismus verpflichtet ist. Während Sult die resignierenden Erlebnisse und Beobachtungen eines stark selbstreflexiven Icherzählers in Kristiania – dem heutigen Oslo – schildert „dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist”) und die Verkettung von Innen- und Außenwelt beleuchtet, beschreibt Mysterier unter Verwendung des Stream of consciousness das nicht minder komplexe Seelenleben des „lebenden Widerspruchs” Johann Nilsen Nagel: Beide Bücher setzen somit die Forderungen der Literaturvorträge ihres Verfassers praktisch um. In Sult ist der Hunger existentielle Voraussetzung einer hypertrophisch übersteigerten Sensibilität, die allerdings immer wieder in beängstigende Phantasmagorien umschlägt: „Mein verwirrter Zustand ging mit mir durch und gab mir die wahnsinnigsten Einflüsterungen, denen ich der Reihe nach gehorchte.” Mit der Gestalt Nagels schuf Hamsun zudem einen jener sympathischen Aufschneider, die im Werk des Autors immer wieder auftauchen sollten.
Zwischen 1893 und 1896 lebte Hamsun mit Unterbrechungen zumeist in Paris, wo er mit August Strindberg, Paul Verlaine, Paul Gauguin, Edvard Munch und Hermann Bang zusammentraf und den Roman Pan. Af Løjtnant Thomas Glahns Papirer (1895; Pan. Aus Lieutenant Thomas Glahns Papieren) fertig stellte. Gerade hier wird die Lobpreisung eines „ewigen Nordlandsommers” mit ihren romantisch-pantheistischen Implikationen durch einen kontrastierenden zweiten Teil, der vom tragischen Tod des naturverbundenen Helden in der exotischen Ferne Indiens berichtet (Ein Papier aus dem Jahr 1861), wieder abgeschwächt. Auch steht der Versuch einer Natur-Kultur-Symbiose im Mittelpunkt des dichterischen Interesses. Während seiner Pariser Jahre versuchte sich Hamsun auch – allerdings recht erfolglos – an der Dramengattung (Ved Rigets Port, 1895; An des Reiches Pforten und Livets Spil, 1896; Spiel des Lebens). Nach 1897 publizierte er u. a. Erzählungen (Siesta, 1897), das Schauspiel Aftenrøde (1898; Abendröte) und den lyrisch-märchenhaften Liebesroman Victoria (1898), sein wohl beliebtestes und meistgelesenes Buch. 1899 begab sich Hamsun auf eine zweijährige Reise durch Russland, Finnland, Persien und die Türkei; zurück in Kopenhagen, führte er das Leben eines Bohemiens. 1904 erschien der Gedichtband Det vilde Kor (Das Sausen des Waldes), 1906 dann Under Høststjærnen (1906; Unter Herbststernen). Es war dies der erste Band der so genannten „Wanderertrilogie”: Er fand mit En Vandrer spiller med Sordin (1909; Gedämpftes Saitenspiel) und Den sidste Glæde (1912; Die letzte Freude) seine Fortsetzung. Die Helden dieser autobiographisch angehauchten Trilogie sind zerrissene, unstete und letztlich scheiternde Heroen, die sich in eine bürgerliche Ordnung mit dem „Lärm und Gedränge der Stadt” nicht mehr eingliedern lassen: „Lieber wollte ich umherstreifen und mein eigener Herr bleiben, die Arbeit tun, die sich gerade bot, im Freien schlafen und mir selbst ein wenig zum Rätsel sein.” Deutlich zeigt sich in den Werken dieser Zeit der Wandel vom lyrisch-sensitiven Erzählen hin zu einem eher objektivierenden Schreiben.
1911 erwarb Hamsun einen Hof im Land seiner Kindheit Hamarøy, wo er sich als Bauer versuchte und in rascher Folge die Romane über Aufstieg und Fall einer Großfamilie, Børn av Tiden (1913; Kinder ihrer Zeit) und Segelfoss By (1916; Die Stadt Segelfoss) sowie Markens Grøde (1917; Segen der Erde) schrieb. In letzterem Werk schilderte Hamsun einmal mehr die Bedrohung einer fruchtbaren Landwirtschaftsidylle durch die Gefahren der herannahenden (kapitalistisch ausgerichteten) Zivilisation. 1918 zog der Schriftsteller auf den Hof Nørholm in die Nähe von Grimstad am Oslofjord, den er zur Musterfarm ausbaute. 1920 erhielt er für Segen der Erde den Literatur-Nobelpreis zugesprochen. In seinen späteren Romanen kehrte Hamsun nach einer produktiven Krise zur Figur des entwurzelt umherziehenden, dabei prahlerisch-netten „Herumstreuners” zurück, so in Siste Kapitel (1923; Das letzte Kapitel), Landstrykere (1927; Landstreicher), August (1930; August Weltumsegler), Men Livet lever (1933; Nach Jahr und Tag) und Ringen sluttet (1936; Der Ring schließt sich). Hin und wieder allerdings werden diese ambivalent gestalteten Protagonisten auch zur „Maschine für Äußerlichkeiten”: „Ein Leben, aber keine Seele.” Während des 2. Weltkrieges war Hamsun der einzige norwegische Schriftsteller von Rang, der seine Landsleute aufforderte, die Besetzung Norwegens durch die Deutschen im April 1940 zu tolerieren, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden – und sich somit gegen die Mehrheit des Landes stellte. 1943 hatte Adolf Hitler Hamsun auf dem Obersalzberg empfangen. Das Gespräch allerdings war von wechselseitigem Unverständnis geprägt. 1946 musste Hamsun sich wegen Kollaboration vor Gericht verantworten; auch wegen seines Nachrufs auf Hitler in einer norwegischen Zeitung („Adolf Hitler, eine reformatorische Gestalt von höchstem Rang”). Er wurde wegen Landesverrats verurteilt. Zuvor hatte man Hamsun zunächst in ein Krankenhaus, dann ins Altenheim und schließlich in eine psychiatrische Anstalt zwangsverbracht. Durch das Urteil verlor Hamsun einen Großteil seines inzwischen beträchtlichen Vermögens. Im Verlauf des Prozesses, der den Dichter psychisch zerrüttete, entstand das Rechtfertigungstagebuch Paa gjengrodde Stier (1949; Auf überwachsenen Pfaden), das in Norwegen zunächst keinen Verleger fand. Hamsun starb, taub und erblindet, am 19. Februar 1952 in seinem Haus in der Nähe von Grimstad. Sein Werk beeinflusste u. a. das Schaffen von Thomas Mann, dessen Zauberberg der Dichter mit seinen bissigen Zeitsatiren Konerne ved Vandposten (1920; Die Weiber am Brunnen) und Siste Kapitel inspirierte, sowie Maksim Gorkij und Isaac Bashevis Singer. Hamsuns Leben bot für einige Autoren Stoff für Romane, Theaterstücke und Verfilmungen. Tankred Dorst setze sich in seinem Stück Eiszeit (1973) mit der vielschichtigen Persönlichkeit Hamsuns auseinander. 1996 verfilmte der schwedische Regisseur Jan Troell nach dem Drehbuch von Per Olov Enquist mit Max von Sydow in der Hauptrolle die letzten Lebensjahre Hamsuns.
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