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Wahrnehmung

Enzyklopädieartikel
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WahrnehmungWahrnehmung
Artikelgliederung
1

Einleitung

Wahrnehmung, Prozess der Verarbeitung der von einem Sinneskanal (Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen) aufgenommenen Information über die Beschaffenheit der physischen Welt zum Zweck der adaptiven (sich an die Umgebungsbedingungen anpassenden) Steuerung des Handelns.

2

Wahrnehmung als „Abbildung”?

Wahrnehmen besteht, global betrachtet, in folgendem Prozess: Von einem Objekt und seiner räumlichen Umgebung (dem so genannten distalen Reiz) geht eine physikalische Wirkung (Reizung der Sinnesrezeptoren) auf ein Sinnesorgan aus (der so genannte proximale Reiz), dessen weitere Verarbeitung über mehrere Stufen zu einer mentalen Repräsentation des Objekts und seiner räumlichen Umgebung führt. Diese Repräsentation ist in der Regel in dem Sinne veridikal (d. h., eine Zuordnung der Teile der Repräsentation zu Teilen des Reizes ist möglich), als (1) Wahrnehmungen über verschiedene Sinneskanäle nicht zu unvereinbaren Informationen über die Welt führen; (2) verschiedene Personen auf der Basis ihrer Wahrnehmungen weitgehende Übereinstimmung über die Beschaffenheit ihrer gemeinsamen Umwelt erzielen können und (3) die Steuerung des Handelns (Bewegung in und Manipulation der Umwelt) auf der Grundlage der entstandenen Repräsentation in der Regel erfolgreich ist.

Obwohl Wahrnehmung (sieht man von geometrisch-optischen Täuschungen ab) veridikal ist, kann die Beziehung zwischen distalem Reiz und seiner mentalen Repräsentation nicht als simple Abbildung der physischen Reizmerkmale auf eine Art „mentaler Leinwand” betrachtet werden. Die Quintessenz aller wahrnehmungspsychologischen Forschung besteht gerade in der Einsicht, dass zahlreiche Einflussfaktoren wirksam sind, die dieses einfachste aller möglichen Modelle vollkommen unplausibel machen. Hierzu gehören u. a.:

(1) Selektivität: Wahrnehmung ist stets selektiv, denn nicht alle Objekte, die sich im visuellen Feld befinden, werden gleichermaßen bewusst wahrgenommen. Nur diejenigen Objekte werden bewusst wahrgenommen, auf die sich die Aufmerksamkeit richtet, damit sie zur Steuerung einer Handlung verwendet werden können. Auch Blickbewegungen sind ein Mittel, Selektivität herbeizuführen, damit sich die Person der Bewältigung einer Aufgabe mit voller Konzentration widmen kann.

(2) Kontextabhängigkeit: In der Regel werden die Merkmale von Objekten nicht isoliert für sich wahrgenommen, sondern die wahrgenommenen Merkmalsausprägungen hängen vom Kontext ab, in den ein Objekt eingebettet ist. So erscheint eine graue Fläche unterschiedlich eingefärbt, je nachdem, welche Farbe die graue Fläche einschließt, wobei die Einfärbung in der Komplementärfarbe geschieht (z. B. wirkt eine von einem gelben Rand umgebene graue Fläche bläulich eingefärbt). Außerdem herrscht zwar normalerweise Größenkonstanz, d. h., Objekte erscheinen einem Beobachter stets gleich groß unabhängig von ihrer Entfernung: Doch kann der räumliche Kontext, wenn er zu einer nicht veridikalen Entfernungseinschätzung durch das visuelle System führt, darauf Einfluss nehmen, wie groß dem Beobachter das Objekt erscheint: Wird die Entfernung überschätzt, erscheint es zu groß, wird sie unterschätzt, zu klein.

(3) Kategorialität: Wahrnehmungen, die sich auf Objekte beziehen, die dem Beobachter bekannt sind und zum Erkennen der Objekte führen, besitzen das Funktionsmerkmal, kategorial zu sein: Beim Erkennen sind Wissensrepräsentationen beteiligt, die einen Vergleich der eingehenden sensorischen mit der im Gedächtnis gespeicherten Information über die physische Beschaffenheit der Objekte bewirken. Obwohl ein Objekt nicht alle zum eindeutigen Kategorisieren benötigten typischen Merkmale trägt, wird es dennoch als Objekt einer bestimmten Kategorie erkannt: Beim Erkennen werden eventuell fehlende Merkmale ergänzt. Zum Beispiel wird ein Wort auch dann richtig verstanden, wenn ein Sprachlaut durch gleichzeitig zu hörende Geräusche akustisch verdeckt wird.

(4) Wissensabhängigkeit: In gewisser Weise ist die Wahrnehmung auch vom jeweils beim Beobachter vorhandenen Wissen abhängig. Das geht jedoch nicht so weit, dass sie dadurch ihre Veridikalität einbüßen würde: Man sieht nicht nur deshalb einen Gegenstand als relativ groß, weil man weiß, wie groß er ist, sondern weil seine Größe relativ zu den Objekten seiner Umgebung wahrgenommen wird, und das ist durch Erfahrung auch nicht veränderbar. Wissen kommt immer beim Erkennen der Objekte ins Spiel, weil Erkennen darin besteht, ein Objekt mit der im Gedächtnis vorhandenen Erfahrung über Objekte abzugleichen. Wahrnehmung beruht offenbar nicht bloß auf einer Verarbeitung, die stets nur in der Richtung vom Reiz zur mentalen Repräsentation (bottom-up) fortschreitet. Gleichzeitig greifen Prozesse ein, die in umgekehrter Richtung von höheren kognitiven Funktionen (hauptsächlich Gedächtnisprozessen) zu niedrigeren (top-down) fortschreiten, die damit sozusagen die Erfahrung in Kontakt mit den Reizinformationen bringen.

(5) Anfälligkeit für Einstellungs- und Erwartungseffekte: Die Beteiligung kognitiver Prozesse (siehe die Punkte 4 und 5) lässt es plausibel erscheinen, dass auch solche Kognitionen, wie sie mit Einstellungen gegenüber den Dingen und mit Wertungen verbunden sind, in die Bildung einer mentalen Repräsentation dieser Dinge eingreifen können. Experimente haben gezeigt, dass die eingeschätzte Größe von Münzen vom Wohlstand bzw. der Armut des Beurteilers abhängt: Relativ arme Menschen „sehen” sie größer als relativ reiche.

3

Theorien der Wahrnehmung

Die Geschichte der Theorieentwicklung in der Wahrnehmungspsychologie zeigt einen Trend, der folgendermaßen zu charakterisieren ist: Anfänglich wurde die einfachste aller möglichen Wahrnehmungstheorien, nämlich die der reinen Abbildung der Umwelt, zur Grundlage der Forschung genommen. Diese zeigte dann aber schnell und immer deutlicher, dass sich mit diesem Modell keine adäquate Erklärung erreichen lässt. Die folgenden Ansätze gingen daher von der Annahme aus, dass Wahrnehmungsprozesse eine mehr oder weniger komplexe Transformation des physischen Reizmusters in eine mentale Repräsentation leisten. Je weiter die Forschung fortschritt, desto komplexer wurden die Transformationen, die zu postulieren man sich genötigt sah. Schließlich gab man das Transformationskonzept ganz auf. Die von Ernst Heinrich Weber und Gustav Theodor Fechner begründete dimensionale (klassische) siehe Psychophysik hielt lediglich eine monotone Transformation für notwendig. Die Gestalttheorie (siehe Gestaltpsychologie) sprach von einer strukturellen Organisation, deren Ergebnis nicht bloß eine transformierte Abbildung des physischen Reizmusters darstellt: Sie erzeugt Eigenschaften auf Seiten der Repräsentation, die nicht vollständig der Reizgrundlage entstammen. Noch komplexer wurden die Annahmen bei Hermann von Helmholtz, der Prozesse wie Selektion und Gewichtung annahm und die Beziehung zwischen physischer Reizgrundlage und mentaler Repräsentation als bloße Korrelation auffasste.

3.1

Dimensionale Psychophysik

Die dimensionale Psychophysik versuchte noch, die Transformation mathematisch als monotone Funktion zu beschreiben. Zu ihrer empirischen Ermittlung entwickelte Fechner mehrere Methoden, mit denen die Größe der mentalen Repräsentation als Funktion einer physischen Dimension darstellbar gemacht werden sollte. Hierzu verwendete er als Maß für die mentale Repräsentation Urteile von Personen über die Unterscheidbarkeit zwischen zwei Empfindungen, die so genannte Unterschiedsschwelle. Sie stellt die Maßeinheit der Skala für die Empfindungsgröße dar und ist definiert als diejenige minimale Differenz zweier Reizgrößen auf einer physikalischen Dimension, deren Wahrnehmung zu einem ebenmerklichen Empfindungsunterschied führt. Als Nullpunkt der Empfindungsskala wählte er diejenige minimale physische Reizgröße, die gerade eben zu einer Empfindung führt, die absolute Schwelle. Die mit einer physikalischen Reizgröße korrespondierende Empfindungsgröße wird so durch die Anzahl der Unterschiedsschwellen ausgedrückt, die zwischen absoluter Schwelle und der der physischen Reizgröße zugeordneten Unterschiedsschwelle liegen.

Zur Bestimmung der Transformationsfunktion wurde von Fechner das Weber’sche Gesetz zugrunde gelegt. Es besagt, dass die Größe der Unterschiedsschwelle ein konstanter Anteil des Wertes auf der physikalischen Reizdimension ist, den der Vergleichsreiz einnimmt, in Bezug auf den die Unterschiedsschwelle bestimmt wurde. Hieraus ergibt sich, dass die Unterschiedsschwelle um so größer ist, je weiter sie von der absoluten Schwelle entfernt ist. Legt man die Gültigkeit des Weber’schen Gesetzes zugrunde, ergibt sich eine logarithmische Beziehung zwischen der Anzahl der Unterschiedsschwellen und der physischen Reizgröße (psychophysische Funktion). Die Gültigkeit des Weber’schen Gesetzes ist allerdings eingeschränkt: Nahe der absoluten Schwelle im unteren Bereich und nahe der Schmerzschwelle (z. B. bei extrem lauten Tönen) im oberen Bereich der physischen Reizgröße gibt es deutliche Abweichungen. Diese wurden später für S. S. Stevens zum Ausgangspunkt seiner Neubestimmung der psychophysischen Funktion, die aufgrund seiner Untersuchungen eine Exponentialfunktion sein muss.

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