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Nordrhein-Westfalen

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Kölner Dom (begonnen 1248)Kölner Dom (begonnen 1248)
Artikelgliederung
7.3

Rheinland-Westfalen in der Neuzeit

Im frühen 16. Jahrhundert verbreitete sich die Reformation; in manchen Orten bestanden neben dem Katholizismus sogar mehrere reformierte Konfessionen nebeneinander. Aus Holland kamen ab den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts protestantische Flüchtlinge, insbesondere Täufer in die Region.

Das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg hatte sich bis zum 16. Jahrhundert in dem sonst territorial zersplitterten Rheinland-Westfalen zu einem unter einer Herrschaft zusammengefassten, dominierenden Land entwickelt; infolge einer Auseinandersetzung mit Kaiser Karl V. um das Herzogtum Geldern, in der Jülich-Kleve-Berg unterlegen war, verlor es jedoch seine politische Bedeutung. Im Jülich-Kleveschen Erbfolgestreit wurde das Herzogtum 1614 aufgeteilt: Kleve, Mark und Ravensberg kamen an die Brandenburger Hohenzollern, Jülich und Berg an die bayerisch-pfälzischen Wittelsbacher. Damit wurden diese Gebiete zu Nebenländern entfernter Fürstentümer.

Ab 1568 war Rheinland-Westfalen immer wieder Schauplatz des 80-jährigen Niederländischen Freiheitskampfes, der wie der Dreißigjährige Krieg 1648 mit dem Westfälischen Frieden endete, der im westfälischen Münster und dem nicht weit entfernten Osnabrück ausgehandelt und unterzeichnet worden war. Nach dem Siebenjährigen Krieg, der auch Rheinland-Westfalen verheerte, erlebte das Land im späten 18. Jahrhundert einen wirtschaftlich-technischen und kulturellen Aufschwung, begleitet von den ersten sozialen Unruhen unter Handwerkern und Arbeitern. 1770 wurde im rheinischen Neuwied das erste Blechwalzwerk in Deutschland errichtet und 1784 die erste mechanische Spinnerei in Rheinland-Westfalen.

Nach der Französischen Revolution besetzte Frankreich von 1794 bis 1813 das linksrheinische Gebiet.

7.4

Rheinland-Westfalen im 19. Jahrhundert

Durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurde nicht nur durch die Säkularisation die mehr als 1 000-jährige Klosterkultur Rheinland-Westfalens weitgehend beseitigt, sondern auch die zersplitterten Länder arrondiert. Unter dem Diktat Napoleons entstanden rechtsrheinisch 1806/07 als Mitglieder des Rheinbundes das Großherzogtum Berg, das den größten Teil des heutigen rechtsrheinischen Nordrhein-Westfalen umfasste, und das Königreich Westphalen. Durch den Wiener Kongress von 1815 kam das Rheinland als Rheinprovinz, Westfalen als Provinz Westfalen an Preußen, das mit seinen zwei neuen Westprovinzen Länder erwarb, die wirtschaftlich und gewerblich neben Sachsen und Schlesien zu den am weitesten fortgeschrittenen deutschen Ländern zählten. Frühindustrielle Schwerpunkte waren die Textilindustrie im Wuppertal, in Ravensberg und links des Niederrheins sowie die Eisenproduktion und -verarbeitung im Bergischen Land und im Siegerland.

7.4. 1

Industrialisierung

Verbesserte Verkehrsbedingungen, zunehmender Einsatz von Dampfmaschinen, der Anschluss an den Deutschen Zollverein 1834 und die liberale preußische Wirtschaftspolitik beschleunigten ab 1850 in Rheinland-Westfalen die Hochindustrialisierung. Mit dem ersten Tiefschacht zur Erschließung der Steinkohlevorkommen bei Essen-Borbeck 1837, dem Eisenbahnbau ab 1838, dem ersten Kokshochofen auf der Friedrich-Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr 1849 sowie dem Ausbau von Binnenschifffahrtswegen entwickelten sich Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie und Chemie an Rhein, Ruhr, Lippe und Emscher und damit auch das Ruhrgebiet. Dieses wanderte, dem Abbau der Steinkohle folgend, allmählich nach Norden und wuchs zur größten urban-industriellen Agglomeration Europas heran.

Der stetig steigende Bedarf an Arbeitskräften besonders in der Montanindustrie wurde zunächst durch die Anwerbung von Bergleuten aus Oberschlesien, seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verstärkt auch aus anderen ostdeutschen Gebieten gestillt; bis 1914 stieg deren Zahl auf 800 000, darunter etwa 400 000 Menschen polnischer Sprache. Die Ansiedlung moderner Industrien, begleitet von der größten Binnenwanderung seit der Ostkolonisation im hohen Mittelalter, führte zu massiven Strukturveränderungen: Bäuerliche Siedlungen mussten Zechen weichen, aus Dörfern wurden riesige Industriesiedlungen wie Gelsenkirchen, Castrop, Bottrop und Wanne-Eickel; andere Städte wie Oberhausen entstanden erst durch die Industrieansiedlung. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von 1815 bis 1870 auf fast das Sechsfache an, und von 1871 bis 1925 verfünffachte sie sich noch einmal. Neben der Verschärfung der Klassengegensätze hatte die Industrialisierung auch ökologische Folgen – die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden –, gegen die sich schon seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Proteste regten.

7.4. 2

Organisation der Arbeiterschaft

Mit der Industrialisierung begann die Herausbildung des so genannten vierten Standes, der (Industrie-)Arbeiterschaft, die in den Rheinländern Karl Marx und Friedrich Engels ihre bedeutendsten Theoretiker fand. Nach ersten Erfolgen Ferdinand Lassalles und seines Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1864 im Bergischen Land konnte sich die sozialistische Arbeiterbewegung in Rheinland-Westfalen zunächst kaum durchsetzen, zumal da die katholische Zentrumspartei – anders als liberal-protestantische Gruppen – hier bereits 1870 die „Arbeiterfrage” als Problem erkannte. Im Boom der Gründerjahre kam es 1872 in Essen zu einem erfolglosen Streik, woraufhin Sozialdemokratie und Zentrum die Arbeiterschaft in Gewerkschaften zu organisieren begannen. Der große, im ganzen Revier ausgerufene Ruhrbergarbeiterstreik von 1889 erzwang Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Löhne. Weitere, teils erfolgreiche Bergarbeiterstreiks (1905, 1912) – die größten deutschen Streikbewegungen vor 1918 – folgten parallel zu dem steilen wirtschaftlichen Aufstieg, den die Region infolge der um 1895 einsetzenden Hochkonjunktur bis zum Beginn des 1. Weltkrieges nahm.

7.5

Vom 1. zum 2. Weltkrieg

Während des 1. Weltkrieges spielte das Ruhrgebiet als ein Zentrum der Rüstungsproduktion eine überaus wichtige Rolle; dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften suchte das Hilfsdienstpflichtgesetz entgegenzuwirken. Infolge des Versailler Vertrags wurde das linke Rheinufer bis 1926 – mit Brückenköpfen um Köln, Koblenz und Mainz – von alliierten Truppen besetzt. Wie der von Freikorps und Reichswehr niedergeschlagene Versuch der USPD und der KPD, im unbesetzten Teil der Rheinprovinz, u. a. in Duisburg und Düsseldorf, Anfang 1919 eine Räterepublik zu errichten, fanden auch von Frankreich inspirierte separatistische Forderungen nach einer Rheinisch-Westfälischen Republik keine Mehrheit in der Bevölkerung.

In den ersten Nachkriegsjahren erschütterten das Ruhrgebiet Streiks und Unruhen, die im Ruhraufstand 1920 ihren Höhepunkt fanden: Mit Hilfe seiner Roten Ruhr-Armee aus etwa 50 000 Mann übernahm der größte bewaffnete Arbeiteraufstand der deutschen Geschichte Ende März 1920 die Macht im Ruhrgebiet, wurde jedoch von Reichswehr und Freikorps niedergeschlagen. Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und lösten mit dem Ruhrkampf eine neue Krise aus. Die Reichsregierung reagierte unter Zustimmung von Reichstag und Gewerkschaften mit einem Aufruf zum passiven Widerstand, der u. a. durch Stilllegung der Produktion, insbesondere der Kohleförderung, Reparationsleistungen unmöglich machen sollte. Nach dem Abbruch der Aktion steigerte sich die seit 1921 galoppierende Geldentwertung zur Hyperinflation.

Mitte der zwanziger Jahre begann der Rückgang der Schwerindustrie. Die durch Rationalisierung und Mechanisierung in der Schwerindustrie ausgelöste Arbeitslosigkeit konnte auch während des wirtschaftlichen Aufstiegs der Jahre 1925 bis 1928 nicht ausgeglichen werden.

Die NSDAP fasste in Rheinland-Westfalen, verglichen mit dem Reichsdurchschnitt, langsamer Fuß, aber seit der Weltwirtschaftskrise 1929, die das hochindustrialisierte Gebiet mit horrender Arbeitslosigkeit besonders hart traf, fand sie die Unterstützung der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und gewann auch in der Arbeiterschaft zunehmend Anhänger. Gefolgt von der SPD blieb jedoch in der Weimarer Zeit das Zentrum bis 1933 stärkste Partei – mit Persönlichkeiten wie dem Reichskanzler Wilhelm Marx sowie Konrad Adenauer.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 erfolgte die Gleichschaltung Rheinland-Westfalens. Die nördliche Rheinprovinz wurde in drei, Westfalen in zwei Gaue aufgeteilt. Ab 1933 erfuhr die rheinisch-westfälische Schwerindustrie erneut eine Belebung, die – durch die Aufrüstung ab 1935 forciert – bis in den 2. Weltkrieg anhielt. In das entmilitarisierte linksrheinische Gebiet ließ Hitler 1936 gegen den Versailler Vertrag Wehrmachttruppen einmarschieren.

Im 2. Weltkrieg zerstörten britisch-amerikanische Luftangriffe Städte wie Köln, Münster, Paderborn, Düren und Jülich. Die Produktion, insbesondere in Bergbau und Rüstungsindustrie, wurde durch massiven Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen bis Kriegsende größtenteils aufrechterhalten. Im Winter 1944/45 war Rheinland-Westfalen Schauplatz heftiger Kämpfe.

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