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KrebserkrankungenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Wesen der Erkrankung; Krebsursachen; Häufigkeit; Erkennung und Diagnose; Behandlung; Heilungschancen bei Krebs; Krebskontrolle
Das Immunsystem erkennt offenbar einige, aber keineswegs alle Formen bösartiger Zellen und regt im Fall einer Immunreaktion zum Zweck der Zerstörung von Krebszellen die Bildung von Fresszellen an. Ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Krebs kann eine Krankheit oder andere Schädigung sein, die zu einer Beeinträchtigung des Immunsystems führt. Eine Immunsystemstörung kann beispielsweise infolge von AIDS, vererbten Immunschwächekrankheiten oder der Verabreichung so genannter Immunsuppressiva (das Immunsystem schwächender Mittel) auftreten.
Man schätzt, dass etwa 80 Prozent aller Krebserkrankungen durch Umwelteinflüsse verursacht werden. Die am besten erforschte umweltbedingte Ursache ist aktiv oder passiv eingeatmeter Tabakrauch, der für ungefähr 30 Prozent aller Krebstodesfälle verantwortlich ist. Ernährungsbedingte Ursachen sind möglicherweise für etwa 40 Prozent verantwortlich, doch der ursächliche Zusammenhang ist hier nicht so deutlich, und die verantwortlichen Nahrungsbestandteile sind nicht genau bestimmt. Fettleibigkeit (Body-Mass-Index ab 30; siehe Adipositas) ist ein Risikofaktor für eine Reihe von Krebserkrankungen wie Brust-, Gebärmutter- und Prostatakrebs. Das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, wird offenbar zudem durch die regelmäßige Einnahme hoch dosierter Multivitaminpräparate erhöht (Journal of the National Cancer Institute, 2007). Fettleibigkeit und fettreiche Ernährung werden außerdem mit der hohen Häufigkeit von Dickdarmkrebs in Zusammenhang gebracht. Bei Frauen erhöht Fettleibigkeit zudem das Risiko für Nierenkrebs und Brustkrebs (International Journal of Cancer, 2005; Cancer, 2006). Fettreiche Ernährung und Fettleibigkeit wirken ebenso krebsfördernd wie Alkohol. Mund- und Rachenkrebs, an denen Männer drei Mal häufiger erkranken als Frauen, werden durch Alkohol- und Tabakkonsum ausgelöst (insbesondere bei der Kombination von beidem), in noch höherem Maß allerdings durch humane Papillomviren, die vor allem durch oralen Geschlechtsverkehr übertragen werden (New England Journal of Medicine, 2007). Das Bundesamt für Strahlenschutz stellte 1998 die Ergebnisse der Auswertung von etwa 120 Veröffentlichungen vor, die den Zusammenhang zwischen Krebs und Elektrosmog zum Gegenstand haben. Die Existenz eines Krebsrisikos durch Elektrosmog ließ sich danach nicht bestätigen; allerdings sei die Frage ungeklärt, ob Elektrosmog das Leukämierisiko bei Kindern erhöhe. Regelmäßige Nachtschichten erhöhen offensichtlich das Krebsrisiko, weil die Melatoninproduktion bei nächtlichem Lichteinfluss sinkt; das Epiphysenhormon Melatonin scheint jedoch einen krebshemmenden Effekt zu haben (British Journal of Cancer, 2004).
Als gemeinsame Komponente, die scheinbar unvereinbare Mechanismen wie Tumorviren, Strahlung oder chemische Faktoren verbindet, treten möglicherweise Onkogene in Aktion. Viren, die Onkogene tragen, können diese an vielen Stellen des tierischen oder menschlichen Genoms einschleusen. Die Wirkung des entsprechenden Proto-Onkogens führt zur Expression jenes eingebauten viralen Onkogens und löst somit Krebs aus. Strahlung und Krebs erregende Chemikalien führen DNA-Schäden, Mutationen und chromosomale Veränderungen herbei. Onkogene sitzen häufig auf solchen geschädigten Chromosomen, nahe der Bruchstelle oder der Schädigung. Eine Krebswucherung ist offensichtlich das Ergebnis einer Reihe von Fehlentwicklungen, angefangen bei einem oder wahrscheinlich mehreren abnormen Genen oder somatischen Mutationen (Mutationen normaler Körperzellen), gefolgt von Krebs fördernden Vorgängen, welche die Expression eines oder mehrerer Onkogene anregen oder Antionkogene hemmen und die Freisetzung von Tumor-Wachstumsfaktoren bewirken. Genetische Schäden führen möglicherweise dazu, dass bestimmte Stoffwechselprodukte, die für die normale Entwicklung und Differenzierung der Zelle erforderlich sind, nicht produziert werden. Die Wachstumsfaktoren sorgen dann für die Vermehrung undifferenzierter Zellen. Bei geschwächter Immunabwehr entgehen solche abnormen Zellen der Zerstörung durch das normale Überwachungssystem. Ein Karlsruher Krebsforscher berichtete über das Protein CD44, das aufgrund seines molekularen Aufbaus durch die Zellmembran reicht und durch Kontakt mit dem Bindegewebe anderer Zellen registriert, ob in der Zellnachbarschaft weitere Zellen liegen. Es aktiviert in diesem Fall ein weiteres, Merlin genanntes Molekül, das Zellteilungen verhindert. Merlin lässt sich nach den Erkenntnissen des Forschers über CD44 von außen künstlich aktivieren, wodurch das Krebswachstum gestoppt werden kann (Genes and Development, 2001). Das Gen PLK, das in Tumorgewebe in weit höherer Konzentration vorkommt als in gesunden Geweben, eröffnet die Möglichkeit, Lungenkrebs frühzeitig zu diagnostizieren und die Aggressivität von Tumoren einzuschätzen. Ein PCaP genanntes Gen geht mit einer Veranlagung zu Prostatakrebs einher. Ein Gen auf dem X-Chromosom (TGCT, testicular germ cell tumours) erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Hodenkrebs zu erkranken (Nature Genetics, 2000).
Krebs steht als Todesursache bei Erwachsenen in der westlichen Welt an zweiter Stelle, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird Krebs voraussichtlich zur Haupttodesursache werden. Bei Kindern im Alter zwischen 1 und 14 Jahren ist Krebs heute bereits die Todesursache Nummer eins. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2006 erkranken weltweit jährlich mehr als elf Millionen Menschen an Krebs und sieben Millionen sterben daran. In Deutschland gab es 2002 (nach einer 2006 veröffentlichten Schätzung des Robert-Koch-Instituts) etwa 425 000 Neuerkrankungen, rund 9 Prozent mehr Männer als Frauen waren betroffen. 110 000 Männer und 100 000 Frauen starben in diesem Jahr an Krebs. International schwankt die Krebshäufigkeit stark je nach geographischem Gebiet. Studien an Untersuchungsgruppen, die von einer geographischen Gegend in eine andere umgezogen sind, legen den Schluss nahe, dass geographische Unterschiede eher auf verschiedene Lebensweisen zurückzuführen sind als auf ethnische Unterschiede. Dies wird auch durch die Beobachtung bestätigt, dass die meisten Krebserkrankungen vornehmlich umweltbedingt und nicht so sehr erblich bedingt sind. Allerdings wirken beide Faktoren zusammen. Die Krebserkrankungen, die in Europa und den USA am häufigsten tödlich verlaufen, sind Lungenkrebs (bei Männern an erster Stelle), Dickdarmkrebs (an erster Stelle in der Gesamtbewertung beider Geschlechter), Brust- und Gebärmutterkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern. Zusammen machen sie 55 Prozent aller Krebstodesfälle aus. Die häufigste Form von Krebs stellen mit über 500 000 Fällen pro Jahr Hautkrebserkrankungen dar, die mit Ausnahme von malignen Melanomen in der Statistik nicht mitgerechnet werden; 6 Prozent der Deutschen zählen zur Hautkrebsrisikogruppe, weil sie hellhäutig sind und zahlreiche Muttermale aufweisen. An Brustkrebs erkrankten 2002 in Deutschland etwa 55 000 Frauen, und etwa 18 000 starben daran; an Gebärmutterhalskrebs erkrankten hier 6 500 Frauen. Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es eine deutliche Zunahme von Leberkrebs (41 Prozent in den USA); als Ursache gelten Infektionen mit Hepatitis-B- und -C-Viren in den sechziger und siebziger Jahren. Eine bestimmte Form von Speiseröhrenkrebs, das distale Adenokarzinom oder Barrettkarzinom, ist diejenige bösartige Erkrankung mit der stärksten Zunahme. Nach Angaben von 2002 nahmen die Erkrankungsfälle in der westlichen Welt innerhalb von zehn Jahren um das Vierfache zu; in Deutschland erkranken jährlich etwa 1 000 Menschen daran. Ein Barrettkarzinom entwickelt sich vor allem als Folge der mit Sodbrennen einhergehenden Refluxkrankheit. An Magenkrebs erkrankten 2002 in Deutschland rund 19 400 Menschen. Bei Kindern ist Leukämie mit etwa 600 Fällen pro Jahr die häufigste Krebsform, gefolgt von bösartigen Hirntumoren, an denen in Deutschland jährlich etwa 380 Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre erkranken.
Je früher eine Krebserkrankung erkannt und behandelt wird, desto größer sind die Chancen der Heilung. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen sind äußerst wichtig, da so eine Früherkennung möglich ist, noch bevor Krankheitszeichen auftreten. Im Frühstadium lässt sich Krebs am besten heilen. Die Krebserkrankungen, für die es gute bis ausgezeichnete Früherkennungstests gibt, gehören mit zu denen, die am häufigsten tödlich verlaufen: Brust-, Dickdarm-, Enddarm-, Cervix- und Prostatakrebs. Eine Prädisposition für Prostatakrebs lässt sich mit einem Test erkennen, der das Protein IGF-I (englische Abkürzung für: insulinähnlicher Wachstumsfaktor I) aufspürt. Das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, steigt mit einem hohen IGF-I-Wert; dieser lässt sich jedoch medikamentös senken. Ein als Fluoreszenz-Bronchoskopie bezeichnetes Verfahren ermöglicht die Diagnose von Lungenkrebs. Dazu führt der Arzt ein Endoskop durch die Luftröhre in die Lunge ein und beleuchtet das Gewebe mit intensivem blauem Licht: Geschädigtes Gewebe fluoresziert, so dass Veränderungen erkannt werden, die zu Lungenkrebs führen können. Mit Hilfe von Licht lassen sich auch Krebsvorstufen in Mundhöhle, Blase und Darm identifizieren (Science, 2000). Durch einen Speicheltest lassen sich Krebserkrankungen (zumindest bei bestimmten Krebsformen) durch Veränderungen der DNA in Mitochondrien (Zellorganellen) nachweisen; dies könnte künftig eine frühzeitige und einfache Krebsdiagnose ermöglichen (Science, 2000). Die Magnetresonanzmammographie (siehe Kernspintomographie) gilt als zuverlässigste Methode zur Diagnose von Brustkrebs (Breast Cancer Research, 2001). Mit diesem Verfahren werden ohne Einsatz von Röntgenstrahlen Energieveränderungen im Gewebe gemessen, die bei Anlegen eines elektromagnetischen Feldes entstehen. Die auf diese Weise empfangenen Signale werden mit Computerhilfe in ein Bild umgewandelt. Bei Untersuchungen an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena wurde die Effektivität von Röntgenmammographie und Ultraschalluntersuchung (Sonographie) mit der Magnetresonanzmammographie verglichen. Das letztere Verfahren erwies sich als das genaueste zur Diagnose bösartiger Tumore.
Die Früherkennung von Krebsarten, für die keine geeigneten Vorsorgeuntersuchungen bestehen, hängt vom Erkennen früher Krankheitsanzeichen durch den Patienten ab. Im folgenden eine Liste klassischer Warnsignale für Krebs:
Eine diagnostische Untersuchung auf Krebs beginnt mit einer gründlichen Anamnese (Aufnahme der bisherigen Krankengeschichte) und körperlichen Untersuchung, d. h. Betrachten und Abtasten aller zugänglichen Stellen, insbesondere Haut, Hals, Brust, Bauch, Hoden und Lymphknoten. Insbesondere schließt dies auch die Untersuchung von Körperöffnungen ein, vor allem die rektale Untersuchung auf Enddarm- und Prostatakrebs sowie die gynäkologische Untersuchung auf Cervix- und Gebärmutterkrebs.
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