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Poliomyelitis

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PoliomyelitisvirenPoliomyelitisviren
Artikelgliederung
1

Einleitung

Poliomyelitis, auch Polio oder Kinderlähmung, von Picornaviren hervorgerufene Infektionskrankheit des Zentralnervensystems, die zu Lähmungen führen kann.

Poliomyelitis wurde 1840 von dem deutschen Orthopäden Jacob von Heine erstmals beschrieben. Die Krankheit kommt am häufigsten bei Kindern zwischen fünf und zehn Jahren vor. Ihre schwere Form trat vor allem in den gemäßigten Klimazonen auf. In Deutschland ist Poliomyelitis seit 1960 praktisch ausgerottet, wenngleich hier zwischen 1991 und 1998 zwölf Fälle auftraten. Zweimal wurde die Infektion dabei aus dem Ausland (Ägypten, Indien) eingeschleppt, die übrigen Fälle wurden durch den früher eingesetzten Lebendimpfstoff verursacht (siehe unten). 2004 galt Poliomyelitis in sechs Ländern als endemisch (d. h. ständig vorkommend; siehe Epidemie): Nigeria, Indien, Pakistan, Niger, Afghanistan und Ägypten; 792 der insgesamt 1 267 registrierten Fälle betrafen Nigeria. Darüber hinaus traten 2004 und in der ersten Jahreshälfte 2005 in folgenden Ländern (zumeist „importierte”) Poliofälle auf: Jemen, Sudan, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Indonesien, Kamerun, Äthiopien, Burkina Faso, Benin, Elfenbeinküste und Botswana.

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Symptome

Das Virus gelangt in der Regel durch kontaminierte Lebensmittel über den Verdauungstrakt in den Organismus und breitet sich entlang von Nervenzellen aus, wobei es verschiedene Teile des Zentralnervensystems in Mitleidenschaft zieht. Die Latenzzeit (Inkubationszeit) liegt zwischen 4 und 35 Tagen. Erste Symptome sind Müdigkeit, Kopfschmerzen, Fieber, Erbrechen, Verstopfung, Halsversteifung, seltener auch Durchfall und Schmerzen in Armen und Beinen. Da Nervenzellen, die der Steuerung von Muskelbewegungen dienen, nach der Zerstörung nicht regeneriert werden, kann eine Poliovirusinfektion zu lebenslanger Lähmung führen. Sind die Nervenzellen der Atemzentren betroffen, wird der Patient durch künstliche Beatmung am Leben erhalten. Auf jeden Fall der Poliomyelitis, der zur Lähmung führt, kommen jedoch rund 100 Fälle, bei denen diese Folge ausbleibt. Spätfolgen von Polio sind Ermüdbarkeit, Kreislaufschwächen, Schlafstörungen, Gelenk- und Kopfschmerzen sowie Muskelschwäche.

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Behandlung

Eine medikamentöse Behandlung der Ursache ist nicht möglich; die Therapie konzentriert sich deshalb auf die Linderung der Symptome. Physiotherapie in Verbindung mit feuchter Wärme dient der Anregung der Muskeln; dieses Verfahren wurde zum ersten Mal von der australischen Krankenschwester Elizabeth Kenny angewandt. Zur Lockerung der Muskulatur gibt man krampflösende Mittel; in der Genesungsphase wird zur Wiederherstellung der Beweglichkeit und Belastungsfähigkeit auch Ergotherapie (Arbeitstherapie) eingesetzt.

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Vorbeugung

Man kennt drei Haupttypen des Virus, die als Typ I, II und III bezeichnet werden. Die Immunität gegen einen der Stämme schützt nicht gegen die beiden anderen. Eine wirksame Vorbeugung gegen die Poliomyelitis wurde möglich, nachdem der amerikanische Bakteriologe John Franklin Enders und seine Mitarbeiter 1949 eine Methode entdeckt hatten, mit der man das Virus in Labor-Gewebekulturen züchten konnte. Auf der Grundlage dieses Verfahrens entwickelte der Arzt und Epidemiologe Jonas Salk einen Impfstoff aus abgetöteten Viren der drei Typen. Nach mehrjähriger Erprobung wurde der Impfstoff 1954 als ungefährlich und wirksam eingestuft, und man begann mit Reihenimpfungen. Später entwickelte der Virologe Albert Sabin eine Vakzine aus lebenden, abgeschwächten Polioviren, die als Schluckimpfung verabreicht werden kann. Dieser so genannte trivalente Polio-Lebendimpfstoff wurde 1963 zugelassen und verdrängte in den USA und in vielen anderen Ländern den Salk-Impfstoff, der injiziert werden musste. 1998 empfahl das Robert-Koch-Institut in Berlin jedoch, nur noch (durch Injektionen zu verabreichende) Totimpfstoffe einzusetzen, da es durch Lebendimpfstoffe in einem von fünf Millionen Fällen zu einer Polioerkrankung kommt.

Durch die routinemäßige Impfung ist die Häufigkeit der Kinderlähmung drastisch gesunken; z. B. gab es in den USA 1952 noch 57 879 Fälle, heute ist der gesamte amerikanische Kontinent frei von dieser Krankheit. Wie gefährdet nicht geimpfte Bevölkerungsgruppen sind, zeigte sich 1979, als in den USA und in Kanada bei der Religionsgemeinschaft der Amischen, die sich nicht impfen lassen, 16 Fälle von Poliomyelitis auftraten. Von 1988, dem Beginn der weltweiten Antipoliokampagne, bis 2005 ging die Zahl der Poliofälle um 99,6 Prozent zurück. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war zunächst für 2001 und dann für 2005 das Ziel anvisiert worden, Poliomyelitis völlig auszurotten. Dieses Ziel erwies sich auch 2005 als vorerst nicht realisierbar, u. a. weil in diesem Jahr mit den Poliofällen in Jemen und Indonesien auch Länder betroffen waren, die seit etwa einem Jahrzehnt als poliofrei galten. Nach den Pocken wäre Polio die zweite Krankheit, bei der die Ausrottung gelänge.

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