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Orthodoxe KircheEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Da die nicht griechischsprachigen Christen des Mittleren Ostens das Konzil von Chalkedon mehrheitlich ablehnten und die meisten Ursprungsgebiete der Christenheit ab dem 8. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft standen, nahm die Bedeutung der orthodoxen Patriarchate von Alexandria, Antiochia und Jerusalem kontinuierlich ab. Lediglich Konstantinopel konnte seine Stellung als Zentrum der östlichen Christenheit während des Mittelalters erhalten. Die berühmten byzantinischen Missionare Kyrillos und Methodios übersetzten 864 sowohl die Bibel als auch die orthodoxe Liturgie ins Slawische, wodurch zahlreiche slawische Nationen zum orthodoxen Glauben bekehrt werden konnten. Ein großer Teil der turkstämmigen Bulgaren konvertierte 864 zum orthodoxen Glauben, während die orthodoxe Kirche in Russland 988 Fuß fasste. Bis 1448 unterstanden sie der Verwaltung und Jurisdiktion des Patriarchats von Konstantinopel. Die Serben erlangten ihre kirchliche Unabhängigkeit bereits 1219.
Nach dem Untergang des Römischen Reiches 476 begründete der Papst der westlichen Kirche seinen Primat damit, dass Petrus, der „Felsen”, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte (Neues Testament, Matthäus 16, 18), in Rom begraben sei und er als Bischof dieser Stadt die Nachfolge des Apostels antrete. Die Ostkirche respektierte diese Tradition und räumte dem Papst in moralischen und dogmatischen Fragen eine hohe Autorität ein. Zugleich betonte sie die Vorrechte einzelner Kirchen, die in historischen Gegebenheiten begründet wären. Als dann Kaiser und Senat Konstantinopel zum „neuen Rom” machten, betrachtete sich der Patriarch von Konstantinopel als legitimer Oberhirt der Christenheit. Die beiden Interpretationen des Primats, die „apostolische” im Westen und die „pragmatische” im Osten, existierten jahrhundertelang nebeneinander, ohne dass es darüber zu Streitigkeiten gekommen wäre, die sich nicht auf dem Konzilsweg hätten beilegen lassen. Schließlich eskalierte der Konflikt jedoch und führte zu einem dauerhaften Schisma. Im 7. Jahrhundert wurde dem von beiden Seiten anerkannten Glaubensbekenntnis im Westfrankenreich (Spanien) das lateinische Wort filioque „und vom Sohne” hinzugefügt, so dass es fortan hieß: „Ich glaube an den Heiligen Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht.” Obwohl sich die Päpste zunächst weigerten, den Zusatz mitaufzunehmen, beharrten der 800 gekrönte Kaiser Karl der Große und seine Nachfolger auf der neuen Fassung. Um 1014 konnte sie sich schließlich auch in Rom durchsetzen. Die Ostkirche verurteilte den Passus hingegen als Häresie. Auch an anderen Punkten zeigten sich nun unterschiedliche Glaubensauffassungen, so z. B. in der Zulassung der Ehe von Priestern oder des „ungesäuerten Brotes” bei der Eucharistie. Nicht die Probleme an sich, sondern die grundsätzlich unterschiedlichen Kriterien, die beide Parteien anlegten, führten dazu, dass die Kontroverse zu keiner Lösung führte. Das Papsttum hielt sich überdies selbst für die höchste Instanz in allen Glaubens- und Disziplinarfragen, während der Osten nur Beschlüsse von Konzilen anerkennen wollte, auf denen sich alle Kirchen gleichberechtigt äußern durften. Oft wird der Kirchenbann, mit dem sich der Patriarch Michael Kerullarios und die päpstlichen Legaten 1054 in Konstantinopel wechselseitig belegten, als die Ursache für die endgültige Spaltung angesehen. In Wirklichkeit hatte der Entfremdungsprozess zwischen beiden Kirchen bereits lange vor 1054 begonnen. Im ausgehenden Mittelalter scheiterten mehrere Wiedervereinigungsversuche, insbesondere in Lyon (1274) und in Florenz (1438/39), weil sich der päpstliche Oberhoheitsanspruch nicht mit dem konziliaren Prinzip der Orthodoxie vereinbaren ließ. Zusätzlich verschärften kulturelle und politische Missverständnisse den Dissens. Nach dem Fall von Konstantinopel 1453 erkannten die Türken den ökumenischen Patriarchen als politischen Sprecher der gesamten christlichen Bevölkerung des Osmanischen Reiches an. Obgleich das Patriarchat von Konstantinopel seine Ehrenvorherrschaft über die orthodoxe Kirche beibehielt, verlor es seine ökumenische Funktion im 19. Jahrhundert mit dem Ende der türkischen Herrschaft über die orthodoxen Völker. 1833 entstanden die autokephalen Kirchen als Nachfolgeinstitutionen. Die rumänische Kirche wurde 1864 anerkannt, die bulgarische folgte 1871, die serbische 1879. Die orthodoxe Kirche Russlands erklärte 1448 ihre Unabhängigkeit von Konstantinopel. 1589 richtete Patriarch Jeremias II. von Konstantinopel das Moskauer Patriarchat ein und erkannte es förmlich an. Die russische Kirche und die Zaren sahen in Moskau fortan ein „drittes Rom”, welches das Erbe der kaiserlichen Oberhoheit von Rom und Byzanz antrat. Gleichwohl besaß Moskau zu keiner Zeit eine ähnliche Autonomie wie das Patriarchat von Konstantinopel während der byzantinischen Ära. Von der kurzen Herrschaft Patriarch Nikons Mitte des 17. Jahrhunderts abgesehen, unterstanden die Moskauer Oberhäupter und die gesamte russische Kirche stets dem Zaren. 1721 löste Peter der Große das Patriarchat auf. Bis zu seiner Wiedereinrichtung 1917 leitete der kaiserliche Verwaltungsapparat die Kirche. Unter der kommunistischen Regierung wurden Gläubige der orthodoxen Kirche verfolgt. Erst mit dem Niedergang der Sowjetunion und dem Ende der sozialistischen Herrschaft 1991 konnte sich die Kirche wieder entfalten. In Osteuropa wurden in den späten achtziger Jahren alle Restriktionen gegen die orthodoxe Kirche aufgehoben, die von der kommunistischen Regierung verhängt worden waren.
Im 17. Jahrhundert wirkte die orthodoxe Kirche einer hohen Anzahl von Übertritten römisch-katholischer Gläubiger auf den griechischen Inseln und in der Ukraine entgegen, indem sie die römischen Sakramente für ungültig erklärte und von katholischen oder protestantischen Konvertiten die Neutaufe verlangte. Diese strikte Haltung ist in konservativen Kreisen Griechenlands auch heute noch verbreitet. Insgesamt zeigt sich die orthodoxe Kirche jedoch aufgeschlossen für die ökumenische Bewegung. Seit 1948 sind die orthodoxen Kirchen, die dogmatischen Relativismus stets ablehnten und die Einheit des Glaubens zum obersten Ziel der Ökumene erklärten, Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen. Als adäquates Mittel erkennen sie die theologische Auseinandersetzung an, in der jede christliche Gemeinschaft ihre Erfahrungen einbringen kann. Diese Kooperation trägt zum gegenseitigen Verständnis bei, selbst wenn die Auffassungen über die Sakramente immer noch weit auseinandergehen. Das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche gestaltete sich in der Folge deutlich positiver. Orthodoxe Beobachter nahmen z. B. an den Sitzungen des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) teil. Auch trafen Paul VI. und Johannes Paul II. mehrfach mit den Patriarchen Athenagoras und Demetrios zusammen. Einen symbolischen Akt von großer Bedeutung stellte die Aufhebung des wechselseitigen Kirchenbannes von 1054 dar, die 1965 erfolgte. Eine gemeinsame Kommission setzt den Dialog zwischen beiden Seiten fort. Zwischen 1966 und 1981 trafen sich ihre Vertreter verschiedene Male und behandelten die Fragen von Lehre und Kult. Der Oberhoheits- und Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes gilt allgemein als schwerstes Hindernis der Ökumene.
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