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Friedrich Nietzsche (1844-1900), Philosoph und klassischer Philologe. Er war einer der einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts. Seine philosophischen und kulturkritischen Schriften wirkten sich nachhaltig auf das Selbstverständnis der Moderne aus. Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 als Sohn eines protestantischen Pfarrers in Röcken bei Leipzig geboren. Nach dem Tod des Vaters 1849 wuchs er zusammen mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Elisabeth bei seiner Mutter auf. 1850 zog die Familie nach Naumburg. Bereits mit zehn Jahren begann Nietzsche Gedichte zu schreiben und Musikstücke zu komponieren. Ab 1864 studierte er zunächst Theologie in Bonn, richtete sein Interesse aber schon bald auf Lehrveranstaltungen aus den Bereichen der klassischen Philologie und der Kunstgeschichte. Im darauf folgenden Jahr wechselte er mit seinem wichtigsten Universitätslehrer Friedrich Wilhelm Ritschl nach Leipzig, um dort klassische Philologie zu studieren, und begann sich mit der Philosophie Arthur Schopenhauers zu beschäftigen. Durch die Unterstützung von Ritschl erhielt er 1869 eine Professur für klassische Philologie an der Universität Basel, die er mit einer Vorlesung über Homer und die klassische Philologie antrat. In Basel lernte Nietzsche den Kunst- und Kulturhistoriker Jacob Burckhardt kennen und entwickelte ein freundschaftliches Verhältnis zu Richard Wagner, den er fortan häufig in dessen Wohnort Tribschen besuchte. Während einer kurzen Tätigkeit als freiwilliger Krankenpfleger im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zog er sich eine schwere Ruhr- und Diphtherieinfektion zu. Seit 1873 häuften sich bei ihm heftige Migräneanfälle, an denen er schon als Kind gelitten hatte und die in den folgenden Jahren ein schweres Augenleiden mit sich brachten, welches fast zur Erblindung führte. Aufgrund seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung konnte Nietzsche seine Lehrveranstaltungen nur noch eingeschränkt durchführen und musste sie 1879 schließlich ganz einstellen. Von nun an widmete er sich ganz dem Schreiben. Um seinem Leiden durch ein möglichst günstiges Klima Linderung zu verschaffen, unternahm er in den folgenden Jahren häufige Ortswechsel und hielt sich u. a. in Sils-Maria, Venedig, Marienbad, Genua, Nizza, Rapallo, Rom und Turin auf. 1889 wurde Nietzsche aufgrund einer schweren geistigen Verwirrung in eine Nervenklinik eingewiesen, die die Diagnose einer progressiven Paralyse stellte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im Zustand geistiger Umnachtung zunächst bei seiner Mutter und nach deren Tod im Jahr 1897 bei seiner Schwester. Nietzsche starb am 25. August 1900 in Weimar.
Die Philosophie Nietzsches bildet kein geschlossenes System, sondern zeichnet sich durch einen experimentellen Charakter aus, der in den Formen des Essays und des Aphorismus seine bevorzugte Ausdrucksform findet. Die Sprache dieser Texte sucht ihren Halt weniger in einer klar definierten Begrifflichkeit als vielmehr in bildlichen Ausdrücken, die sich in Also sprach Zarathustra unter Bezugnahme auf unterschiedliche literarische Traditionen schließlich zu einer eigenwilligen Rhetorik verbinden. Die so beschaffenen Darstellungsformen sind keineswegs auf Willkür oder Mangel an gedanklicher Konsequenz zurückzuführen, sondern verknüpfen sich aufs Engste mit dem philosophischen Gehalt der Texte. Nietzsche verfügte über eine ungeheure sprachliche Produktivität und Ausdruckskraft; er gilt zurecht als einer der bedeutendsten Schreiber bzw. Aphoristiker deutscher Sprache. Philosophiegeschichtlich gesehen lässt sich das Werk Nietzsches auf die Tradition der Aufklärung und der Vernunftkritik beziehen, wie sie etwa von Immanuel Kant vertreten wurde. Ganz im Sinn der Aufklärung geht es Nietzsche um die Aufdeckung und die Kritik von Vorurteilen, welche in die Tradierung von Wert- und Wahrheitsvorstellungen eingegangen sind, ohne dabei selbst explizit zu werden. Anders als Kant vertraut Nietzsche jedoch nicht mehr auf die Vernunft als einem obersten, vorurteilsfreien und von allen sinnlichen Momenten gereinigten Erkenntnisvermögen, welches in der Lage sei, Urteile nach strenger Notwendigkeit und uneingeschränkter Allgemeinheit zu fällen. Er geht vielmehr von einem Vorrang der Lebenspraxis vor der Erkenntnis und damit von der Überzeugung aus, dass prinzipiell jede Erkenntnis sowie jede Wahrheits- und Moralvorstellung von Interessen bzw. von einem Willen geleitet sind. Nietzsche unternahm daher den Versuch, die vermeintlich reinen Begriffe und Vernunftvorstellungen der theoretischen und praktischen Vernunft sowie der Moral auf ihre verborgenen Voraussetzungen und ihre geschichtliche Bedingtheit hin zu befragen. Dabei war er sich durchaus im Klaren, dass auch seine eigenen Antworten durch eine bestimmte geschichtliche Situation und durch bestimmte Interessen vermittelt sind. Nietzsche sah in dieser Bedingtheit allen Denkens keine Relativierung, sondern vielmehr eine Aufwertung der jeweiligen geschichtlichen Situation und ihrer je eigenen Möglichkeit der Bedeutungsstiftung. Er verzichtete also bewusst auf den in seinen Augen illusorischen Versuch, nach einem erkenntnistheoretisch abgesicherten Fundament als Basis für eine schrittweise Erlangung der Wahrheit zu suchen. Statt dessen ging er von einer Analyse seiner Gegenwart als Zeitalter des Nihilismus aus, um durch eine Kritik der Vernunft und der Moral die Voraussetzungen freizulegen, die zu dieser Situation geführt haben – und gleichzeitig Möglichkeiten aufzufinden, den Nihilismus zu überwinden. Aus Nietzsches Philosophie spricht eine tiefe Lebensbejahung, die Bejahung eines kreativen, lustvollen Daseins im Diesseits und damit eine bei aller Kritik überall spürbare Menschenfreundlichkeit.
Nietzsches erstes Hauptwerk, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872), stellt sich der komplexen Aufgabe, einen neuen Zugang zur klassischen Antike zu gewinnen, ein neues Verständnis von Ästhetik zu begründen, durch die Analyse der griechischen Kultur eine kritische Perspektive für die Gegenwartskultur zu entwickeln und schließlich eine Möglichkeit für eine kulturelle Erneuerung in Aussicht zu stellen. Hier wandte sich Nietzsche gegen das im 19. Jahrhundert verbreitete Griechenlandbild, welches in der klassischen Antike einen Ausdruck ungetrübter Harmonie und natürlicher Schönheit sah – eine Vorstellung, die u. a. durch den Klassizismus Johann Joachim Winckelmanns und durch Friedrich Schillers Konzeption des Naiven geprägt worden war. Stattdessen vertrat er die These, dass wo immer sich in der griechischen Kultur Harmonie zeige, diese gerade nicht aus einem unmittelbaren Einklang mit dem Natürlichen, sondern erst aus der Auseinandersetzung mit dem Disharmonischen und aus der Erfahrung des Abgrundes hervorgegangen sei, über den der schöne Schein sich gleichsam als Schutz gelegt habe: „Der Grieche kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt leben zu können, musste er vor sie hin die glänzende Traumgeburt der Olympischen stellen. Jenes ungeheure Misstrauen gegen die titanischen Mächte der Natur […] wurde von den Griechen durch jene Mittelwelt der Olympier fortwährend von neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem Anblick entzogen.” Nietzsche beschreibt die griechische Kultur durch den Antagonismus zweier Kräfte, welche er in Anlehnung an die entsprechenden Gottheiten das Apollinische und das Dionysische nennt. Dem Apollinischen eignen die Ruhe und Klarheit des schönen Scheins, die maßvolle Begrenzung sowie das principium individuationis, welches bei Nietzsche so viel heißt wie Menschen und Dinge als individuell bestimmte, einzelne und in sich geschlossene wahrzunehmen. Als Analogie entspricht dem Apollinischen der Traum, in dem der Träumende die Welt aus der Distanz wahrnimmt und diese „im Gegensatz zur lückenhaft verständlichen Tageswirklichkeit” in Form eines in sich geschlossenen Bildes betrachtet. Das Dionysische dagegen bezeichnet eine Erfahrung des Chaos, der Selbstvergessenheit und der Grenzüberschreitung, in der das principium individuationis zerbricht. Angesichts des Abgrundes, welcher sich beim Dahinschwinden aller Sicherheiten öffnet, bewirkt das Dionysische einerseits ein „ungeheures Grausen”, doch ruft es als grenzenlose Vereinigung und Aufhebung aller Distanz andererseits auch eine „wonnevolle Verzückung” hervor. Dem Dionysischen entspricht als Analogie der Rausch, „doch nicht im Sinne einer Betäubung, sondern im Sinne eines vorbehaltlosen Dabeiseins, das lustvoll auf jede Abgrenzung verzichtet” (Figal). Siehe auch Dionysos, Apollon. Auch wenn Nietzsches Ausführungen dies manchmal auf den ersten Blick nahe legen, dürfen das Dionysische und das Apollinische nicht als einander getrennt gegenüberstehende Entitäten missverstanden werden, bei denen etwa das Dionysische die schreckliche Wahrheit bezeichnet, der gegenüber das Apollinische einen täuschenden Schein bildet. Wo eine solche Konzeption aufscheint, zeigt sich noch ein deutlicher Einfluss der Metaphysik Schopenhauers, von der Nietzsche sich jedoch im weiteren Verlauf seiner Schriften klar abgrenzt. Anders als bei Schopenhauer gibt es bei Nietzsche keine strikte Trennung zwischen der wahren Welt des sich selbst verzehrenden Willens einerseits und dem ästhetischen Schein andererseits, der diese Wahrheit des Willens zwar darstellt, von ihr aber ontologisch geschieden ist. Vielmehr sind das Dionysische und das Apollinische Gegenpole, die stets durcheinander vermittelt sind und aufeinander bezogen bleiben. In der Kunst ist das Dionysische nie völlig gestaltlos, sondern bleibt in seinen Äußerungen immer auf den Schein angewiesen – wie umgekehrt in jedem Gestaltungstrieb immer auch ein Moment des Dionysischen wirksam ist. Und wie das Apollinische erst in seiner Bedeutung als Überwindung des Dionysischen ganz begriffen ist, so erschließt sich umgekehrt auch das Dionysische in seiner Bedeutung als Grenzüberschreitung erst vor dem Hintergrund der durch das Apollinische gezogenen Grenzen. In den „immer neuen aufeinander folgenden Geburten” des Dionysischen und Apollinischen, in welchen sich jedes Mal eine wechselseitige Steigerung der beiden gegensätzlichen Kräfte vollzieht, glaubte Nietzsche eine angemessene Deutung der klassisch griechischen Kultur gefunden zu haben, welche ihm darüber hinaus auch einen Maßstab zur Kritik der Kultur seiner eigenen Zeit liefern sollte. Die wechselnde Vorherrschaft der beiden Kräfte führe einerseits zu einem geschichtlichen Wandel der Epochen, andererseits werden die beiden Kräfte auch mit verschiedenen Kunstformen in Verbindung gebracht. So betrachtet Nietzsche die Architektur, die Plastik, die Malerei und die epische Dichtung Homers unter dem Gesichtspunkt des Apollinischen, während in der Musik und in der leidenschaftlichen Lyrik des Archilochos das Dionysische dominiere. In der griechischen Tragödie, deren Ursprung Nietzsche im dionysischen Chor sah, sei die vollkommenste Verbindung der beiden antagonistischen Kräfte erreicht worden: „So wäre wirklich das schwierige Verhältniss des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisiren: Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo schliesslich die Sprache des Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist.” Der Verfall der Tragödie bedeutet für Nietzsche einen radikalen Einschnitt in der europäischen Kulturgeschichte. Herbeigeführt worden sei dieser Verfall durch den Tragödiendichter Euripides, der den tragischen Mythos in eine Abfolge rational und moralisch begründbarer Ereignisse aufgelöst und sich dabei eines theoretischen Konzepts bedient habe, welches auf Sokrates zurückgehe. Nietzsche zufolge sind Wissenschaft und Moral also aus der Kunst hervorgegangen, und zwar dadurch, dass sie ein universell gültiges Wahrheitskriterium einführten, welches die ästhetische Welterfahrung nach Art der griechischen Tragödie noch nicht kannte. Die Kritik an eben diesem Anspruch einer universellen Wahrheit, wie er von der Moral und dann vom Christentum, von der sokratisch-platonischen Philosophie sowie von der ihr folgenden Wissenschaft erhoben wurden, führte Nietzsche in seinen nachfolgenden Schriften weiter aus. Dort versuchte er zu zeigen, dass die genannten Wahrheitskonzeptionen zwar einerseits die Welt verfügbarer machen, andererseits aber mit einem Verlust an Erfahrung einhergehen. Gerade der Versuch, eine Wahrheit hinter den Erscheinungen aufzudecken, entwerte die Erscheinungen selbst; in den Wahrheitskonzeptionen seien noch ganz andere Motive wirksam als die, die von der Moral und der Wissenschaft selbst vorgetragen werden. Als Gegenzug gegen die Unterwerfung der Ästhetik unter die Wahrheitskriterien der Moral und der Wissenschaft unterzog Nietzsche diese Wahrheitskriterien ihrerseits einer Kritik aus der Perspektive der Ästhetik und vertrat in der Geburt der Tragödie die den Ästhetizismus der Jahrhundertwende antizipierende These, dass „nur als ästhetisches Phänomen […] das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt” sei. Eine Wiedergewinnung des tragisch-ästhetischen Weltverständnisses erhoffte sich Nietzsche in dieser Zeit vor allem von den Musikdramen Richard Wagners. In der Geburt der Tragödie müssen also zwei Formen von Gegensätzen unterschieden werden: Der Gegensatz zwischen Dionysischem und Apollinischem als ein ständig im Werden begriffener Antagonismus zwischen zwei sich wechselseitig vermittelnden Kräften sowie der Gegensatz zwischen dem apollinisch-dionysischen Antagonismus einerseits, welcher als Form ästhetischer Welterfahrung die Differenz zwischen Wahrheit und Schein nicht kennt, und dem sich auf Moral und Wissenschaft berufenden Geist des Sokratismus andererseits, der durch die Suche nach einer eindeutigen und allgemein gültigen Wahrheit danach strebt, den antagonistischen Prozess des Werdens zu beenden und die sinnliche Erscheinung einem Begriff unterzuordnen. Im Zusammenhang mit Nietzsches Wahrheitskritik entfaltet der 1872/73 entstandene, aber erst 1896 erschienene Text Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinn einige aufschlussreiche Gesichtspunkte. Wahrheit wird als „ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen” definiert: „eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind”. Nach Nietzsche ist demnach jedes Wahrheitsverständnis vom Kontext eines bestimmten Sprachgebrauchs abhängig; die Vorstellung von Wahrheit im Sinne eindeutiger Begriffe entstand erst durch die Reduktion von vorausgegangen metaphorischen Bedeutungsspielräumen. Die Rückbindung jeden Wirklichkeits- und Wahrheitsverständnisses an die immer schon nach eigenen Gesetzen (und damit nach grammatischen, rhetorischen und ästhetischen Gesichtspunkten) verfahrende Sprache beschreibt einen Gedankengang, der im 20. Jahrhundert insbesondere in der Theorie der Dekonstruktion wieder aufgegriffen wurde. Der Illusionscharakter, von dem Nietzsche spricht, bezieht sich in erster Linie auf metaphysische Wahrheitskonzeptionen, die den Anspruch erheben, eine allgemein gültige Welterkenntnis jenseits ihrer sprachlichen und geschichtlichen Bedingtheit zu liefern. Da Nietzsche eine solche Wahrheit gerade nicht für sich in Anspruch nimmt, zielt der gängige Einwand, Nietzsche widerspreche sich selbst, da er mit der Behauptung, Wahrheiten seien Illusionen, seinerseits einen Anspruch auf Wahrheit erhebe, an der Sache vorbei.
Zwischen 1873 und 1876 veröffentlichte Nietzsche vier Unzeitgemäße Betrachtungen mit den Titeln David Strauss der Bekenner und der Schriftsteller (1873), Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben (1874), Schopenhauer als Erzieher (1874) und Richard Wagner in Bayreuth (1876); Letztere stellt eine deutliche Distanzierung von Musik und Person des Komponisten dar, mit dem Nietzsche zwei Jahre später endgültig brach. Der Begriff des Unzeitgemäßen, welcher die vier kulturkritischen Abhandlungen charakterisiert, meint eine Distanz gegenüber den Strömungen der Gegenwart. Als wichtigstes der vier Bücher gilt dasjenige vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, eine Auseinandersetzung mit dem Historismus. Nietzsche vertrat hier die These, dass eine Anhäufung von historischem Wissen, welches in keinerlei Zusammenhang mit der eigenen Lebenspraxis steht, zu Lähmung oder Epigonentum führe. Er kritisierte daher sowohl eine positivistische Geschichtsauffassung, die die Geschichte als objektiven Kausalzusammenhang beschreibt und deshalb keinerlei Sinn für geschichtsträchtige Entscheidungen entwickeln kann, als auch jene philiströse Vorstellung, die die Kultur als ein der Lebenswelt entzogenes museales Bildungsgut begreift. Um geschichtlich innovativ handeln und das von der Vergangenheit Überlieferte umgestalten zu können, sei es nötig, allen überflüssigen Wissensvorrat zu vergessen und eine Eingrenzung des geschichtlichen Horizonts vorzunehmen. Nietzsche kritisiert ferner auch eine Fortschrittsideologie, die sich im Besitz eines den Geschichtsverlauf überlegen überblickenden Standpunktes glaubt, den sie wiederum als Ergebnis einer kontinuierlichen Entwicklung auffasst. Als drei Formen der Geschichtsschreibung, die im Gegensatz zum Historismus „das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen” vermögen, nennt er die monumentale als Streben nach Wiedergewinnung vergangener Größe, die antiquarische als Bewahrung und Verehrung der Tradition und schließlich die kritische, welche, um sich vom Leiden zu befreien, mit der Vergangenheit zu brechen versteht.
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