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ErkenntnistheorieEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Als Forschungsmethode entspricht dem Ersteren oft die induktive Vorgehensweise, die „von unten nach oben”, vom einzelnen Fall zum allgemeinen Gesetz aufsteigen will. Dem Zweiten wird die deduktive Methode gerecht, die aus den allgemeinen Gesetzen oder Ideen die Einzelfälle oder konkreten Gegebenheiten ableiten möchte. Beide verbinden sich oft mit der rationalistischen Erkenntnistheorie, die ihren Ausgang von der erkennenden menschlichen Vernunft (dem Bewusstsein oder Geist) nimmt, oder der empiristischen Praxis, die die sinnliche Wahrnehmung des Menschen (Erfahrung oder Anschauung) sowohl zeitlich wie auch inhaltlich in den Vordergrund stellt.
Der Kritizismus Immanuel Kants, der beide Positionen, sowohl Empirismus wie auch Rationalismus, als unzureichend qualifiziert und eine Synthese anstrebt, konzentriert sich dabei auf die Grenzen der Erkenntnis, die dem Menschen sowohl durch die Trugbilder der Sinne wie durch die Trugschlüsse des Geistes gesetzt sind, und führt die menschliche Erkenntnis durch seine Kritik der reinen Vernunft auf ihre Basis zurück. Einen vergleichbaren Prozess vollzieht die kritische Rückführung der Erkenntnis durch die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts, die bemüht ist, in der Sprache die „materiellen” Grundlagen unseres Denkens auszumachen.
Zwar entwickelte erst René Descartes im frühen 17. Jahrhundert die Idee methodischer Verstandesarbeit als Erkenntnisprinzip, zwar erscheint der systematische Begriff der „Erkenntnistheorie” erst im 19. Jahrhundert im Anschluss an Kant, aber die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des Erkennens der Wahrheit ist so alt wie die Philosophie selbst.
Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. beschäftigten sich die griechischen Sophisten mit der Frage nach der Möglichkeit einer verlässlichen und objektiven Erkenntnis. Allerdings waren sie weitgehend skeptisch in Bezug auf die Wahrheit: Protagoras vertrat die Auffassung, dass man nicht sagen könne, die Meinung einer Person sei richtiger als die einer anderen, da jeder nach seinen eigenen Einstellungen urteile. Gorgias, einer der bedeutendsten Sophisten, behauptete, dass nichts wirklich existiere, und dass, wenn etwas existiere, es nicht genau erkannt werden könne. Wenn etwas wiederum erkannt werden könnte, so könne man es nicht mitteilen. Dies führte ihn jedoch zur Beliebigkeit in Fragen der Erkenntnis, denn da man sich nicht durch die Wahrheit Gewissheit verschaffen könne, werde, so Gorgias, die entscheidende Überzeugungsarbeit durch die Rhetorik geleistet: Überzeugend ist, was überzeugend vorgebracht wird, auch wenn es sich allein auf rhetorische Kunstfertigkeit stützt.
Die klassische griechische Philosophie versuchte, dieser Beliebigkeit zu entkommen und die Wahrheit als das Ziel der Philosophie anzustreben. Um zu diesem auch ethisch als hochstehend aufgefassten Ziel zu gelangen, versuchte Platon – z. B. im Menon, Theaitet wie in der Politeia – in der Nachfolge seines Lehrers Sokrates, den Sophisten eine Antwort entgegenzusetzen, indem er die Existenz einer Welt der unveränderlichen und unsichtbaren Formen oder Ideen (griechisch eidos oder idea: Bild) postulierte, über die genaues und gültiges Erkennen möglich sei. Die Dinge, die man sinnlich erfahren, also sehen, riechen, schmecken, hören und anfassen kann, sind nach Platon nur unvollkommene Abbilder der reinen Formen (siehe Abbildtheorie), und eine Erkenntnis durch bloße Sinneswahrnehmung führt nur zu vagen, unbeständigen Ergebnissen. Daraus schließt Platon, dass die philosophische Kontemplation der unsichtbaren Welt der Formen das höchste Ziel des Menschen sei. Statt – wie Platon es im berühmten Höhlengleichnis zeigt – in der Welt der Erscheinungen zu verharren, müsse der Philosoph versuchen, zum Wesen der Dinge emporzusteigen. Neben der Unterteilung des Erkenntnisprozesses in Subjekt und Objekt, den erkennenden Philosophen und die Welt als sein Gegenstand, ist hier durch Platon eine weitere Trennung eingeführt, die philosophiegeschichtlich prägend war: die Aufspaltung der Dinge in Wesen und Phänomen. Das Wesen der Welt entzieht sich dem naiven einfältigen Hinblicken, der allein sinnlichen Wahrnehmung, die in der Welt der Erscheinungen verharren muss. Bezogen auf die wirklichen Dinge ist diese Konzeption weniger bedeutsam für die Philosophie als vielmehr für die Naturwissenschaften. Philosophisch von besonderem Interesse ist daher diese Problematik, wenn abstrakte Begriffe wie Freiheit, Natur, Recht etc. ins Spiel kommen.
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