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Artikelgliederung
Einleitung; Die Anfänge; Konservativismus im 19. Jahrhundert; Der amerikanische Konservativismus; Konservativismus im 20. Jahrhundert
Konservativismus, auch Konservatismus, eine in sich heterogene geistige, politische, soziale und ökonomische Denkhaltung, -richtung und -strömung, die sich im beginnenden 19. Jahrhundert als Gegenposition zu Liberalismus, Aufklärung und Französischer Revolution herausbildete. Ihr Grundgedanke ist der Wille zur Erhaltung und Bewahrung des historisch Gewordenen und des Bestehenden; Schlüsselbegriffe des Konservativismus sind deshalb Kontinuität und Tradition überlieferter Werte im Gegensatz zu Fortschrittsgläubigkeit, Reformeifer und revolutionären Bestrebungen. Der Begriff Konservativismus leitet sich her von lateinisch conservare (bewahren) und tauchte als politischer Begriff erstmals auf im Titel der von François René de Chateaubriand in den Jahren 1818 bis 1820 herausgegebenen Zeitschrift Le Conservateur. Der Konservativismus gibt dem historisch Bewährten und Vertrauten in allen gesellschaftlichen Bereichen den Vorzug vor dem Neuen und dem Wandel der Verhältnisse. Gemeinsame Merkmale der verschiedenen konservativen Strömungen sind der Glaube an die göttliche Vorsehung, an überliefertes Recht, an den untrennbaren Zusammenhang von Privateigentum und Freiheit des Individuums sowie an die Überlegenheit des hierarchisch organisierten Staates. Der Konservativismus strebt nach der Erhaltung des historisch gewachsenen Wertesystems innerhalb des existierenden gesellschaftlichen Systems, das ihm als ein organisch gewachsenes und wachsendes Gebilde gilt. Gesellschaftlichen Wandel akzeptiert er nur, wenn er dessen Notwendigkeit für begründet hält. Er sieht sich in bewusster Gegnerschaft sowohl zum Individualismus wie auch zum Kollektivismus, billigt der Autorität einen hohen und regulativen Stellenwert zu und begreift das Individuum als Teil eines übergreifenden Ganzen.
Als „Stammvater” des Konservativismus gilt der britische Staatsmann Edmund Burke, der 1790 in seinen berühmt gewordenen Reflections on the Revolution in France (Betrachtungen über die französische Revolution) die Grundsätze und Ziele der Französischen Revolution scharf kritisierte. Burke betrachtete die Gesellschaft als ein organisches, hierarchisch gegliedertes Ganzes und die Individuen als Teile dieses Ganzen mit unterschiedlichen Rollen und bestimmten Funktionen. Seiner Vorstellung nach sollte in jeder Gesellschaft eine durch Geburt, soziale Herkunft, Bildung und Besitz geprägte „natürliche” Elite die Führung bilden. Die Gesellschaft selbst sollte von intersubjektiv anerkannten Sitten, Bräuchen und Überlieferungen zusammengehalten werden, gesellschaftlicher und Wertewandel sollten nur zulässig sein, sofern sie unumgänglich und allgemein akzeptiert sind. Aus dieser Haltung heraus lehnte Burke die Prinzipien der Gleichheit, der Repräsentation und der Volksherrschaft in Form des allgemeinen Wahlrechts und der Mehrheitsregierung ab. Dahinter verbarg sich – bei Burkes Anhängern teilweise bis ins 20. Jahrhundert – die Verteidigung der feudal-agrarischen Gesellschaftsordnung gegen den sich entwickelnden liberal-bürgerlichen Kapitalismus und den ihm inhärenten Demokratiebegriff.
Aufgegriffen, abgewandelt und weiterentwickelt wurden die Ideen Burkes zunächst in Frankreich von Joseph de Maistre und Louis Gabriel Ambroise de Bonald; hier standen die Verteidigung der kirchlichen Autorität, die Legitimierung der Monarchie und die Erhaltung der feudal-ständischen Wirtschaftsordnung im Vordergrund. In Deutschland verbreitete vor allem Friedrich Gentz im Rückgriff auf die gesellschaftliche Organismuslehre der deutschen Romantik die Ideen Burkes. Im Zuge der europaweiten Metternich’schen Restauration wurde konservatives Gedankengut integriert in das Konzept vom „Bündnis von Thron und Altar” (Monarchie, Aristokratie, Armee, Bürokratie und Klerus) gegen die im Zuge des sich entwickelnden Kapitalismus immer stärker werdenden nationalistischen, liberalen und demokratischen Tendenzen. In Preußen entwarf Friedrich Julius Stahl in enger Verbindung mit dem Christlich-germanischen Kreis seine konservative Staatstheorie („Autorität, nicht Majorität”), eine der wenigen zusammenhängenden Theorien des Konservativismus. In seinem Ursprungsland Großbritannien nahm der Konservativismus nach und nach demokratisches Gedankengut in sich auf und formierte sich 1835 in der aus dem Toryismus hervorgehenden Konservativen Partei. In Frankreich kam es erst 1875 während der Dritten Republik zu einer Verschmelzung von Konservativismus und Republikanismus. In Deutschland hingegen blieb der Konservativismus weitgehend den Interessen des Großgrundbesitzes verhaftet, befand sich in ständiger Auseinandersetzung mit der sich ausdehnenden Industriegesellschaft und der immer stärker werdenden Arbeiterbewegung und verschmolz weitgehend mit nationalistischen Strömungen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verschärfte sich vor allem in Deutschland der Widerspruch zwischen Konservativismus und demokratischer Massenbewegung – bis der 1. Weltkrieg dem deutschen Konservativismus seine bisherige soziale Basis entzog. Die europäischen Konservativen verweigerten sich lange Zeit demokratischen Prinzipien und Institutionen, teilweise lehnten sie auch – außer in Großbritannien – die Teilnahme an Wahlen und das allgemeine Wahlrecht zugunsten des monarchischen Prinzips im Sinne Metternichs ab. Nach dem Vorbild der britischen Konservativen Partei entstanden jedoch schließlich auch in anderen europäischen Ländern konservative Parteien, z. B. 1883 in Dänemark und 1884 in Norwegen. In Ländern wie Italien, Österreich und Belgien wurde das konservative Spektrum von katholischen oder gemischt-konfessionellen Parteien abgedeckt.
In den USA waren Politiker wie John Adams, Alexander Hamilton, James Madison und John Jay zwar stark beeinflusst von den Ideen Burkes, aber die politische und gesellschaftliche Entwicklung in den USA unterschied sich doch erheblich von der in der Alten Welt. Denn es gab in den USA stets einen breiten gesellschaftlichen Konsens, der wirtschaftlichen Individualismus und Demokratie um den Preis starker Einschränkungen der Staatsgewalt miteinander vereinte. Der amerikanische Konservativismus hatte im Grunde mit den Ideen Burkes außer Werten wie Religion und Familie wenig gemein und stand dem Liberalismus wesentlich näher; als seine Hauptmerkmale lassen sich benennen: wirtschaftlicher Individualismus, Sozialdarwinismus und Nationalismus. Als beste Regierung galt jene, die am wenigsten regierte. Dem Geist des amerikanischen Konservativismus am meisten verpflichtet ist bis heute zweifellos die Republikanische Partei, nicht zuletzt durch ihre christlich-fundamentalistische Grundorientierung.
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