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RomantikEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Geistesgeschichtliche Grundlagen; Die literarische Romantik in Deutschland; Kunst- und Dichtungstheorie; Die Romantik außerhalb Deutschlands; Nachwirkung
Die Romantik entstand in der Umbruchphase der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft und bedeutete einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung bürgerlichen Selbstbewusstseins. Anders als der vorausgehenden Generation des Sturm und Drang fehlte ihr jedoch der aggressiv-gesellschaftskritische Tenor. Das Geschichtsbild basierte – vor allem in der epigonalen Spätromantik – auf einer idyllisierenden Sicht des Mittelalters mit dem deutschen Kaiserreich als letzter intakter, homogener Staats- und Sozialeinheit. Zwar nannte Friedrich Schlegel unter den drei wichtigsten Strömungen der Zeit neben Goethes Wilhelm Meister und Fichtes Wissenschaftslehre auch die Französische Revolution, doch erschien den meisten deutschen Romantikern der individuelle Freiraum weniger eine Angelegenheit der Bürgerrechte als der künstlerischen Freiheit, im Gegensatz etwa zu der anarchistischen Haltung des Engländers Percy Bysshe Shelley und dem praktizierten Heldentum seines Landmannes Lord Byron. Große Aufmerksamkeit beanspruchte vor dem Hintergrund der politisch-historischen Umbruchphase das Thema Europa, so bei Novalis (Die Christenheit oder Europa, 1799), der eine Erneuerung aus dem Geist des Mittelalters anstrebte, oder Joseph Görres (Europa und die Revolution, 1821). Der Kampf gegen Napoleon I. löste zudem eine Flut patriotischen Schrifttums aus, wie Ernst Moritz Arndts Geist der Zeit (1806-1818) und Der Rhein, Deutschlands Strom und Deutschlands Grenze (1813) oder die Kriegsdichtung Theodor Körners, Max von Schenkendorfs und Friedrich Rückerts (Geharnischte Sonette, 1814). Im selben Zusammenhang standen Fichtes Reden an die deutsche Nation (1807-1808) sowie der streitbare Journalismus von Joseph Görres (Rheinischer Merkur) und Heinrich von Kleists Berliner Abendblätter.
Die Romantik etablierte sich in Deutschland anfangs vor allem als ästhetisch-literarische Bewegung, erfasste aber bald die Gesamtheit des geistig-kulturellen Lebens, wobei sich drei Phasen unterscheiden lassen: die Jenaer Frühromantik (ab 1798), die Heidelberger Hochromantik und die Spätromantik mit den Mittelpunkten Dresden, Schwaben, München und Wien. Auch Berlin war in allen drei Phasen ein bedeutendes Zentrum. Als erste literarische Zeugnisse gelten Wilhelm Heinrich Wackenroders (von Ludwig Tieck herausgegebene) Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797) und Tiecks Romanfragment Franz Sternbalds Wanderungen (1798), die in unterschiedlicher Weise Betrachtungen über das Wesen der Kunst und des Künstlerlebens anstellten. Als eigentlicher Beginn der literarischen Romantik wird gewöhnlich die Vereinigung der Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Friedrich von Hardenbergs (Novalis), Schellings und Wilhelm von Humboldts in Jena angesehen. In dieser bald durch Tod und Zwistigkeiten gesprengten, noch vom Geselligkeitskult der Empfindsamkeit geprägten Freundes- und Schaffensgemeinschaft kam auch den beteiligten Frauen, wie Dorothea Veith (spätere Gattin F. Schlegels) und Caroline Böhmer (spätere Gattin Schellings und A. W. Schlegels), eine bedeutsame Rolle zu. Hier entstanden die ersten programmatischen Schriften und Dichtungen, die zum Teil in der Zeitschrift Athenäum (1798-1800) publiziert wurden. Von großer Wirkung für die Verbreitung romantischen Gedankengutes waren August Wilhelm Schlegels Berliner Vorlesungen Über die schöne Kunst und Literatur (1802-1805). Der führende Kopf der Heidelberger Romantik war neben Joseph von Eichendorff Joseph von Görres, der mit der Herausgabe der Teutschen Volksbücher (1807), ähnlich wie Achim von Arnim und Clemens Brentano mit ihrer Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808), die Volkspoesie wieder ins allgemeine Bewusstsein rief. Durch die Lehrtätigkeit Schleiermachers und anderer Romantiker in Berlin und München (Schelling) fand die Romantik allmählich weite Verbreitung und wurde zur beherrschenden geistig-literarischen Bewegung, anfänglich mit Anteilnahme und Unterstützung Goethes. Zu einem Zentrum romantischer Geselligkeit in Berlin entwickelte sich der Salon der Rahel Varnhagen, wo noch die Generation der Spätromantiker ein reiches Diskussions- und Begegnungsfeld fand. Neben Ludwig Tieck, Heinrich von Kleist, Adam von Müller und Friedrich de la Motte-Fouqué wurde E. T. A. Hoffmann, Initiator und Mittelpunkt des Kreises der „Serapionsbrüder”, der führende Repräsentant der Berliner Romantik. Weitere Wirkungszentren der Spätromantik, die sich vom Philosophisch-Spekulativen der Frühzeit löste und auch deren politisch-visionäre Züge zugunsten einer affirmativen Haltung aufgab, waren München (Schelling, Görres), Schwaben (Eduard Mörike, Ludwig Uhland) und Wien (Eichendorff, A. W. Schlegel, Friedrich Gentz).
Die Kerngedanken der romantischen Welt- und Kunstanschauung waren die Prinzipien der Universalität und der Assimilation. Im 116. Athenäum-Fragment wird als Prämisse der Universalpoesie die „Willkür des Dichters” genannt, die „kein Gesetz über sich leide”. Die Persönlichkeit des Künstlers wurde als katalysatorische Wesenheit aufgefasst, die synästhetisch die facettenreiche Welt in sich aufnahm und im schöpferischen Prozess ebenso vielgestaltig „poetisiert” neu erstehen ließ. Daran knüpfte sich der Anspruch, mit einer „progressiven Universalpoesie” die getrennten Gattungen wieder zu vereinen und mit Philosophie, Religion und Kunsttheorie in Beziehung zu setzen. Dabei standen im Gegensatz zu einer rationalistischen Dichtungsauffassung Stimmung und Erlebnis, nicht selten Traumerfahrungen im Vordergrund. Dem Vorrang des Unbewusst-Alogischen in Realitätssicht und Schaffensweise entsprach das oft Fragmentarische und Aphoristische der künstlerischen Ausdrucksform. Obwohl der Nuancenreichtum des Romans dem Universalitätsanspruch der Romantiker entgegenkam, blieb die große Prosaform aus diesem Grunde die Ausnahme. Die an sich ereignisbetonte Dramatik wiederum litt unter den Verschmelzungstendenzen von Epik, Drama und Lyrik und blieb demgemäß schwach ausgeprägt. Die bedeutendsten Leistungen erzielte die Romantik auf dem Gebiet der Lyrik als der poetischen Gattung, die ihrer subjektivistischen Daseinshaltung und Artikulationsweise am meisten entsprach. Zu den wichtigsten programmatischen Schriften der Romantik gehören Friedrich Schlegels Über Goethes Meister (1798), die Athenäum-Fragmente (1798) und Gespräch über die Poesie (1800). Die theoretischen Ansätze und Werke der romantischen Dichtung gaben wiederum der zeitgenössischen Kunst und Musik starke Impulse, vor allem hinsichtlich des Naturempfindens, der Märchenmotive und der Sensibilisierung für das Mittelalter. Sowohl die romantischen Maler, wie Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge oder die Nazarener, und Musiker, wie Franz Schubert und Felix Mendelssohn, artikulierten ihrerseits in theoretischen Abhandlungen ihre Kunstanschauung und wirkten auf die Literatur zurück. Ein in seiner Vielseitigkeit exemplarischer romantischer Künstler war E. T. A. Hoffmann, der neben seinen erzählerischen Qualitäten auch Beachtliches als Musiker und Zeichner leistete.
Die romantische Lyrik stand im Spannungsfeld einer am Volkslied orientierten Schlichtheit und höchster sprachlicher Virtuosität. Zu der von Herder eingeleiteten und von Arnim und Brentano fortgeführten Rückbesinnung auf Volkslied und Volksdichtung traten Einflüsse der u. a. von Goethe begründeten Erlebnis- und Naturlyrik sowie als spezifisch romantische Elemente ein mystisch erfahrenes Christen- und idealisiertes Künstlertum. Zu den bedeutendsten frühen Zeugnissen romantischer Lyrik gehören Novalis’ Geistliche Lieder (1799) und seine Hymnen an die Nacht (1800). Anders als Edward Young, der, hierin ein Vorläufer der Schauerromantik, in Night Thoughts (1742-1745) seine philosophischen Betrachtungen mit dem makabren Reiz der Friedhofsszenerie verband, ging Novalis von einem poetisch-idealisierten Bild des Nächtlichen aus, in dem der Tod in wollüstiger Hingabe und als neues Leben im christlich-pietistischen Sinne erfahren wird. Volkstümlich wurde die Lyrik von Ludwig Uhland (Gedichte, 1815) Eichendorff (Gedichte, 1837), Eduard Mörike (Gedichte, 1838), Wilhelm Müller (Die schöne Müllerin, 1821) und Adelbert von Chamisso (Gedichte, 1831). Während bei Eichendorff und anderen das Naturerlebnis überwog, waren bei Chamisso erstmals soziale Themen präsent (Die alte Waschfrau). Die frühe Lyrik Heinrich Heines setzte sich zwar ironisierend von der sentimentalen Spielart der romantischen Dichtung ab, blieb ihr aber motivisch und hinsichtlich der Auffassung des lyrischen Ich verpflichtet (Die Harzreise, 1827).
Dem in den frühen Dramen A. W. Schlegels (Ion, 1802) und Friedrich Schlegels (Alarcos, 1802) wirksamen antiken Vorbild stand bei Ludwig Tieck (Der gestiefelte Kater, 1797; Ritter Blaubart, 1797; Leben und Tod der heiligen Genoveva, 1800; Kaiser Oktavian, 1804) die Orientierung an Shakespeare sowie die spätere Wendung zur Integration epischer und lyrischer Formen gegenüber, ähnlich wie bei Brentano (Ponce de Leon, 1804; Die Gründung Prags, 1815) und Arnim (Halle und Jerusalem, 1881). Romantisch-phantastische Züge trugen die Dramen Die Familie Schroffenstein (1803) und Das Käthchen von Heilbronn (1808) von Kleist, der später mit Der zerbrochene Krug (1811) das moderne Lustspiel mitbegründete. Zacharias Werner hingegen, der sich an Schiller und (wie Brentano) an Calderón orientierte, repräsentierte die romantische Schicksalstragödie (Der vierundzwanzigste Februar, 1810) und dramatisierte, wie später auch Fouqué (Der Held des Nordens, 1810) und Eichendorff (Der letzte Held von Marienburg, 1830), in patriotisch-idealisierender Darstellung Themen der germanischen Vorzeit und der deutschen Geschichte (Das Kreuz an der Ostsee, 1806).
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