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Indianersprachen, die Sprachen der in Nord-, Mittel- und Südamerika beheimateten Indianer. Die genaue Anzahl der Indianersprachen ist nicht bekannt. Man schätzt, dass in Nordamerika (nördlich von Mexiko) heute etwa 200 unterschiedliche Sprachen gesprochen werden (zur Zeit der ersten Kontakte mit europäischen Siedlern etwa 500 bis 600). In Mittelamerika (in Mexiko und Zentralamerika) sind etwa 350 Sprachen bekannt. Die Sprachen Südamerikas sind am wenigsten erforscht: Etwa 450 Sprachen werden heute noch gesprochen, man hat Informationen über 120 ausgestorbene Sprachen, weitere 1 500 bis 2 000 Sprachen werden in Dokumenten erwähnt. Die Gesamtsprecherzahl der Indianersprachen lässt sich allenfalls schätzen. Man nimmt an, dass zur Zeit der Besiedlung Amerikas durch die Europäer die Indianersprachen von etwa 1,5 Millionen Menschen (heute nur noch ca. 200 000) in Nordamerika, von etwa fünf Millionen (heute etwa sechs Millionen) in Mittelamerika und von etwa 10 bis 20 Millionen (heute etwa elf bis zwölf Millionen) in Südamerika gesprochen wurden.
Die heute am weitesten verbreiteten Indianersprachen Nordamerikas sind das Navajo (ca. 80 000 Sprecher), das Ojibwa (ca. 40 000) und das Inupiaq oder Inuktitut (siehe Eskimo). Inupiaq wird von über 60 000 Menschen gesprochen; die in Grönland verbreitete Variante ist dort sogar offizielle Landessprache. In Mittelamerika sprechen über eine Million Menschen Náhuatl (Aztekisch), circa zwei Millionen die verschiedenen Maya-Sprachen und jeweils mehrere hunderttausend eine Reihe anderer Sprachen. In Südamerika ist Ketschua (Quechua) mit über acht Millionen Sprechern die verbreitetste Indianersprache überhaupt. Guaraní ist die einzige Indianersprache, die zur Verkehrs- und literarischen Sprache einer großen Zahl von Südamerikanern wurde, deren Vorfahren nicht vom amerikanischen Kontinent stammen; die Hälfte der zwei Millionen Sprecher sind Paraguayer europäischer Abstammung. In den Anden sprechen etwa 800 000 Menschen Aymara und in Chile etwa 200 000 Araukanisch. Die überwiegende Mehrzahl der Indianersprachen wird jedoch von jeweils nur ein paar hundert bis ein paar tausend Menschen gesprochen, manche sogar von nur 50 bis 100.
Die Indianer und die europäischen Kolonisten haben eine Vielzahl von Wörtern voneinander übernommen: Die Indianer nahmen Entlehnungen aus dem Holländischen (auf den Antillen), Englischen, Spanischen, Portugiesischen, Russischen (in Alaska) und Französischen (in Kanada und Louisiana) vor, während indianische Orts-, Pflanzen- und Tiernamen in die europäischen Sprachen eingegangen sind. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Alaska kommt von dem alëutischen Namen für die Halbinsel Alaska, Connecticut aus dem Mohikanischen (Algonkin-Ritwan) und bedeutet „langer Fluss”, Mexiko und Guatemala aus dem Náhuatl, Nicaragua aus einem aztekischen Dialekt, dem Pilpil. Eine Vielzahl indianischer Lehnwörter ging in die europäischen Sprachen ein: Kajak (Inuit), Tomahawk, Mokassin, Skunk (Algonkin), Tomate, Kojote, Chili, Schokolade, Kakao (Náhuatl), Puma, Kondor, Pampa, Lama, Alpaka (Ketschua), Kanu, Mais, Tabak (Taino, eine arawakische Sprache). In Lateinamerika beeinflussten sich das Spanische und vor allem das Ketschua, das Guaraní und das Náhuatl gegenseitig.
Bei der Klassifikation der Indianersprachen in Sprachfamilien wurde bis heute noch kein Konsens erreicht. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts teilten zahlreiche Forscher die nordamerikanischen Sprachen in etwa 60 verschiedene Familien ein, zwischen denen sie keine vorzeigbaren genetischen (von einer gemeinsamen Proto-Sprache abstammenden) Verwandtschaftsbeziehungen erkennen konnten. Für Mittelamerika fanden sie 19 Familien und für Südamerika circa 80 Familien. Andere Wissenschaftler behaupteten, zwischen den meisten Indianersprachen genetische Beziehungen zu erkennen, und gingen daher von weniger Familien aus. Obwohl man annimmt, dass die ersten Menschen in Amerika aus Asien über die Beringstraße kamen, darf aus der großen genetischen Vielfalt der altamerikanischen Sprachen geschlossen werden, dass die Neue Welt in mehreren Wanderungsbewegungen bevölkert wurde. Ein Hauptziel der Erforschung der Indianersprachen ist ihre genetische Klassifikation – die Einteilung dieser unglaublichen Vielzahl verschiedener Sprachen in überschaubare Familien. Diese Aufgabe scheint kaum lösbar, da ein enormer Datenbestand zu bearbeiten ist und immer mehr Sprachen aussterben. Im Jahr 1891 ging der amerikanische Ethnograph, Geologe und Sprachforscher John Wesley Powell von 58 Familien in Nordamerika aus, zu denen er allerdings aufgrund oberflächlicher Ähnlichkeiten gekommen war. Ungefähr zur selben Zeit stellte der amerikanische Sprachforscher Daniel Brinton für Südamerika 80 Familien vor. Wenn auch die Methodik seitdem strengere Richtlinien anlegt, so bilden doch diese beiden Klassifikationsschemata die Grundlage für alle späteren Einteilungen. 1929 fasste der amerikanische Sprachwissenschaftler und Ethnologe Edward Sapir die Familien Nordamerikas in sechs Großgruppen (Sprachphyla) und die Mittelamerikas in 15 zusammen. In jüngster Zeit haben jedoch Arealstudien – Untersuchungen des gegenseitigen Austausches grammatikalischer und anderer Besonderheiten unter den Familien innerhalb eines bestimmten geographischen Gebiets – gezeigt, dass zahlreiche der früher angenommenen, entfernten genetischen Ähnlichkeiten überprüft werden müssen. Der amerikanische Linguist Joseph Greenberg und andere reduzierten ihr Klassifikationsschema auf nur drei Familien: Eskimo-Alëut, Na-Dené und Amerind (mit elf Zweigen).
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