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Indianersprachen

Enzyklopädieartikel
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Artikelgliederung
5.2

Grammatik

Die Indianersprachen weisen erhebliche Unterschiede in der grammatikalischen Struktur auf. Im Folgenden werden einige gemeinsame grammatikalische Merkmale angeführt.

5.2. 1

Wortstellung

Sprachen werden häufig nach gewissen Grundmustern der Wortstellung eingeteilt, da eine bestimmte Art der Wortstellung oft andere grammatikalische Strukturen nach sich zieht. So haben z. B. Sprachen mit der Wortstellung Subjekt-Prädikat-Objekt auch meist die Reihenfolge Adjektiv-Substantiv und Präposition-Substantiv, während der Wortstellung Subjekt-Objekt-Prädikat in der Regel die Reihenfolge Substantiv-Adjektiv und Substantiv-Präposition zugeordnet ist.

Obwohl Bedeutung und Funktion der Wortstellung von Sprache zu Sprache differieren, lassen sich in den folgenden Indianersprachen bestimmte Wortstellungen erkennen: Die Wortstellung Subjekt-Prädikat-Objekt kommt im Totonakischen und im Taraskischen in Mittelamerika vor, Subjekt-Objekt-Prädikat im Zapotekischen in Mittelamerika, den Pano-Sprachen in Südamerika und mehreren kalifornischen Sprachen, Prädikat-Subjekt-Objekt im Guaraní, Prädikat-Objekt-Subjekt im Quiché und Objekt-Subjekt-Prädikat im Haida.

5.2. 2

Ergative Typologie

Das Konzept der ergativen Typologie verweist auf ein Kasussystem, das sich von dem Nominativ-Akkusativ-Muster des Englischen, Deutschen sowie der meisten bekannteren Sprachen unterscheidet. In diesen uns vertrauten Sprachen steht das Subjekt des Satzes im Nominativ, d. h., das Subjekt hat immer dieselbe Form und Funktion, ob nun der Satz transitiv (mit Akkusativobjekt) oder intransitiv (ohne Akkusativobjekt) ist. Im Gegensatz dazu hat das Subjekt eines transitiven Verbs in Sprachen mit ergativischer Struktur eine Kasusform (den Ergativ), während das Subjekt eines intransitiven Verbs eine andere Form aufweist – dieselbe Kasusform wie das Objekt eines transitiven Verbs (den Absolutiv). Die folgenden Indianersprachen kennen den Ergativ: in Nordamerika das östliche Pomo, das Tsimshian und einige andere Sprachen, in Mittelamerika einige mayanische und Mixe-Zoque-Sprachen sowie einige Sprachen in Südamerika.

5.2. 3

Switch Reference

Sprachen mit Switch Reference zeigen durch das Verb an, ob sich Subjekt oder Objekt eines Satzes mit Subjekt oder Objekt eines vorhergehenden Satzes decken oder nicht. Das Kennzeichnungsverfahren von Switch Reference findet sich bei den nordamerikanischen Indianersprachen im Algonkin, Süd-Paiute, Papago und Yuman, in Mittelamerika im Jicaque und in Südamerika im Ketschua von Ecuador.

5.2. 4

Grammatikalische Unterscheidungsmerkmale

Verschiedene grammatikalische Differenzierungen, die in einer Sprache durch eine bestimmte Wortart (z. B. das Substantiv) angezeigt werden, können in einer anderen Sprache durch eine andere Wortart (z. B. das Verb) ausgedrückt werden.

Bei Sprachen wie Russisch oder Latein, die die Funktion eines Substantivs (z. B. Subjekt, Akkusativobjekt, Dativobjekt) durch verschiedene Kasus markieren, spricht man von nominalen Kasussystemen. In Nordamerika finden sich solche Systeme in den Eskimosprachen, im Yuman, Nez Percé (Sahaptin) und einigen kalifornischen Sprachen sowie in den utoaztekischen Sprachen Nord- und Mittelamerikas.

In manchen Sprachen kommen bestimmte Substantive – in der Regel Verwandtschaftsbezeichnungen und Namen von Körperteilen – nur in der Form vor, die den unveräußerlichen Besitz anzeigt. Diese grammatikalische Kategorie des unveräußerlichen Besitzes gibt es in Nordamerika in den Eskimosprachen sowie den Algonkin-, Wakashan-, Salish-, Irokesen- und Sioux-Sprachen, in Mittelamerika außer im Utoaztekischen und den Maya-Sprachen in fast allen anderen Sprachen und in Südamerika nur in einigen wenigen Sprachen.

In manchen Sprachen wird neben Singular (ein) und Plural (mehr als zwei) der Dualis (zwei) gebildet. Der Dualis kommt in Nordamerika im Inuit sowie in den athabaskischen, Sioux-, Irokesen-, Muskogee- und Plateau-Shoshone-Sprachen vor, in Südamerika u. a. in der araukanischen Sprachfamilie. Es gibt auch den Dualis nur mit Pronomina, z. B. im Puelche: ma „du” (Singular), makma „ihr zwei” und mešma „ihr” (Plural).

Sprachen mit dem Unterscheidungsmerkmal inklusives/exklusives wir besitzen verschiedene Formen für wir, je nachdem ob der Sprecher den Angesprochenen in das wir mit einschließt oder nicht. Diese Opposition inklusiv/exklusiv findet sich in Nordamerika in den Shoshone-, Irokesen- und einigen Sioux-Sprachen, den Blackfoot-, Cheyenne- (Algonkin-Ritwan) und anderen Sprachen, in Mittelamerika im Chol-Mayanischen und einigen oto-mangueanischen Sprachen und in Südamerika u. a. in der karibischen Sprachfamilie und im Ketschua.

Verschiedene Formen für männlichen und weiblichen Genus gibt es in Südamerika in den arawakischen, Witoto- und Tukana-Sprachen, in Nordamerika im Küstensalish und einigen anderen Sprachen sowie im Pomo und Irokesischen. Die Unterscheidung belebtes/unbelebtes Genus findet sich in Nordamerika im Algonkin, Dakota, Kiowa, Comanche und anderen Sprachen sowie in Südamerika in einigen Sprachen.

Numeralklassifikatoren zeigen bei zählbaren Substantiven an, welcher Gegenstand gezählt wird, ähnlich wie im Englischen „four loaves of bread”. In Nordamerika gibt es sie im Menominee, Chippewa (Algonkin-Ritwan), Wakash, Salish, Tlingit und Tsimshian, in Mittelamerika im Maya, Taraskischen, Náhuatl und Totonakischen und in Südamerika im Mapuche (Peba-Záparo).

Bei der Inkorporierung werden Substantive oder Teile davon direkt vom Verb aufgenommen und mit Verbstämmen zu komplexen Verben kombiniert; z. B. in Náhuatl ni-tlaškal-čiwa, „ich-Tortillas-mache”. In Nordamerika erscheint dieses Wortbildungsverfahren in den nordathabaskischen, den Tsimshian-, einigen Caddo-, den irokesischen, utoaztekischen und Tano-Sprachen sowie in einigen anderen, in Mittelamerika im Náhuatl sowie den Maya- und den totonakischen Sprachen und in Südamerika in sehr vielen Sprachen.

Ein Direktivum ist eine Partikel im Verb, das die Richtung der Handlung angibt (in der Regel auf den Sprecher oder Empfänger zu oder von ihm weg): Im Mohikanischen heißt tasatáweya’t „komm herein”, während ya’satáweya’t „geh hinein” bedeutet. Direktiva finden sich in Nordamerika u. a. in der utoaztekischen, Algonkin-, athabaskischen, irokesischen und Sioux-Sprachfamilie, in Mittelamerika in den Maya-, utoaztekischen, oto-mangueanischen, taraskischen und totonakischen Sprachen und in Südamerika im Ketschua, Machoto, Toba und Záparo.

Sprachen mit klassifikatorischen Verbsystemen gebrauchen bestimmte Verben für Substantive, die eine bestimmte Gestalt oder Beschaffenheit bezeichnen (ähnlich dem deutschen trinken für Flüssigkeiten und essen für feste Nahrungsmittel). In Nordamerika kommen klassifikatorische Verben in den Muskogee-, Sioux-, athabaskischen, irokesischen und anderen Sprachen vor, in Mittelamerika im Maya und Taraskischen und in Südamerika u. a. in den Chibcha- und Tukana-Sprachen.

In vielen Sprachen ist der Aspekt des Verbs (der Dauer, Wiederholung oder Vollendung einer Handlung oder eines Ereignisses ausdrückt) wichtiger als das Tempus (die Zeit der Handlung oder des Ereignisses). In Nordamerika wird der Aspekt in den Tsimshian-, Salish-, athabaskischen und irokesischen Sprachen besonders betont, in Mittelamerika in den meisten Maya-Sprachen und in Südamerika im Jébero (aus der Jívaro-Familie) und in anderen Sprachen. Es gibt jedoch auch viele Indianersprachen, in denen das Tempus wichtiger ist als der Aspekt.

Instrumentale Verbalaffixe (Präfixe, Suffixe, Infixe) werden dem Verb an- oder eingefügt, um das Mittel anzuzeigen, durch das eine Handlung vollzogen wird. In Karok bedeutet z. B. das Präfix pa- den Gebrauch des Mundes, páčup heißt „küssen” und paxut „im Mund halten”. Derartige Präfixe finden sich in Nordamerika u. a. im Haida und Tlingit, in Mittelamerika in den utoaztekischen, totonakischen und anderen Sprachen und in Südamerika im Jébero.

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