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Windows Live® Suchergebnisse Orientalische FrageEnzyklopädieartikel
Orientalische Frage, um 1821 entstandener Begriff, der den Interessenkonflikt europäischer Großmächte im Zusammenhang mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches umreißt. Ausgelöst wurde die orientalische Frage durch die Russisch-Türkischen Kriege, die ägyptische Expedition Napoleons (1798/99) und den griechischen Freiheitskampf (1821-1829). Die orientalische Frage drehte sich vor allem um die Kontrolle der beiden Meerengen Bosporus und Dardanellen sowie um die Integrität des Osmanischen Reiches. Eine der Ursachen für die Machtverschiebungen auf dem Balkan war der Friede von Kütschük Kainardschi (1774), der den 3. Russisch-Türkischen Krieg beendete. Neben finanzieller Entschädigung brachte der Frieden Russland bedeutenden Gebietszuwachs an der Nordküste des Schwarzen Meeres sowie freies Schifffahrtsrecht für das Schwarze Meer und Durchfahrtsrecht für Handelsschiffe durch die beiden Meerengen ein. Der Vertrag bedeutete eine klare Schwächung des Osmanischen Reiches und einen bedrohlichen Machtzuwachs für Russland. Besonders Österreich und Großbritannien sahen das Gleichgewicht der Kräfte in Europa gestört. Hinzu kam, dass die christlichen Völker auf dem Balkan im 19. Jahrhundert verstärkt danach strebten, sich von der osmanischen Vorherrschaft zu befreien. Den Anfang machte der Volksaufstand der Serben (1804). Nach weiteren Kriegen gegen das Osmanische Reich profitierte Russland von den Friedensverträgen von Jassy (1792), Bukarest (1812) und Adrianopel (1829). Bei allen diesen Friedensschlüssen scheiterten die europäischen Großmächte mit ihren Versuchen, Russland an der Durchsetzung seiner Ziele zu hindern. Durch den Friedensvertrag von Unikar Skelessi (1833) schien Russland endgültig die Vormachtstellung auf dem Balkan errungen zu haben, und Großbritannien sah seine Mittelmeerinteressen gefährdet. Durch die Quadrupelallianz (1840) und den Dardanellenvertrag (1841) gelang es, eine internationale Durchfahrtsregelung für die Dardanellen zu erreichen und erstmals länderübergreifende Instrumente zur Lösung der orientalischen Frage durchzusetzen. Als Russland 1853 erneut das Osmanische Reich angriff, ergriffen Großbritannien und Frankreich im Krimkrieg für die Osmanen Partei. Im Frieden von Paris (1856) musste Russland u. a. einiges Territorium an der Schwarzmeerküste abgeben und die Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres zusagen. Die europäischen Mächte traten gemeinsam für die Einhaltung der Vertragsbedingungen ein. 1875 bis 1878 kam es zu einer schweren Krise, die mit einem Aufstand in Bosnien und Herzegowina gegen die osmanische Oberhoheit ihren Anfang nahm. Auch in Bulgarien kam es daraufhin zu Volksaufständen. Ein neuerlicher Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich endete mit der Niederlage der Osmanen und dem Vorfrieden von San Stefano (1878). Der erneute Machtzuwachs Russlands auf dem Balkan provozierte den Protest vor allem Österreichs und Großbritanniens; 1878 revidierten daher die europäischen Mächte auf dem Berliner Kongress den Vorfrieden von San Stefano; das Gebiet des neuen bulgarischen Staates erheblich verkleinert, einige Gebiete fielen an das Osmanische Reich zurück, Serbien, Montenegro und Rumänien wurden unabhängig, Bosnien und Herzegowina österreichischer Verwaltung unterstellt. In den folgenden Jahren versuchten die Balkanstaaten weiterhin, ihre Forderungen nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit durchzusetzen, was schließlich zu den Balkankriegen (1912/13) führte. Das Osmanische Reich verlor all seinen Besitz in Europa mit Ausnahme von Ostthrakien. Nach 1878 erfuhr der Begriff der orientalischen Frage eine Erweiterung: Auch die Besetzung Nordafrikas durch Frankreich und durch Italien, die Kolonialisierung Indiens, des südlichen Mittleren Ostens und Ägyptens durch Großbritannien, die Unterwerfung Zentralasiens durch Russland und die Konflikte, die diese Machtverschiebungen unter den Großmächten auslösten, wurden mit der orientalischen Frage verknüpft. Die Lage auf dem Balkan blieb auch nach den Balkankriegen äußerst labil; sie trug zur Julikrise 1914 und zum Ausbruch des 1. Weltkrieges bei.
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