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HandelEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Die Zufuhr von Edelmetallen und Rohstoffen aus Übersee wirkte sich aber nicht nur förderlich auf den Handel aus. Im Zug des Merkantilismus bemühten sich die europäischen Staaten, durch Einfuhr von Rohstoffen und Ausfuhr von Fertigprodukten Gewinne zu erwirtschaften. Ausfuhrverbote – z. B. für Edelmetalle – behinderten den freien Warenverkehr. Die europäischen Volkswirtschaften hingen von ausländischen Märkten ab, die Rohstoffe lieferten und Fertigerzeugnisse nachfragten. Eine Umkehr von staatlicher Lenkung hin zum Freihandel erfolgte zur Zeit der industriellen Revolution, die von einer raschen Ausweitung des Handels begleitet war. Zwischen 1750 und 1914 stieg das Volumen des Welthandels um das Fünffache. Allein während des 19. Jahrhunderts wuchs die Schiffstonnage weltweit von vier Millionen auf rund 30 Millionen Tonnen. Europäische Kaufleute wickelten den größten Teil dieses Handels ab. Das industrielle Wachstum wirkte sich in vielerlei Hinsicht auf den Handel aus. Zunächst regte die gestiegene Produktion den Handel mit Rohstoffen an. Die Mechanisierung der europäischen Textilerzeugung war verantwortlich für einen dramatischen Anstieg des amerikanischen Exports von Rohbaumwolle. Nach 1850 nahm auch der Handel mit Getreide, Fleisch und Wolle zu. Europa wurde ein ständiger Importeur von Weizen aus Nordamerika, Australien, Argentinien und Indien, und es zahlte für seine Importe mit industriellen Produkten. Ein weiterer wichtiger Aspekt industriellen Wachstums war die Revolution beim Landtransport. Die Entwicklung der Dampfmaschine und der Bau von Eisenbahnlinien förderten den Handel zwischen Küste und Binnenland auf praktisch jedem Kontinent. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Regionen, in denen Rohstoffe produziert wurden, nicht mehr länger die wichtigsten Absatzmärkte für die Produkte der europäischen und nordamerikanischen Industrie. Zunehmend wurden die Industrienationen gegenseitig Hauptkunden, und der Handel zwischen Nord- und Südamerika und den europäischen Ländern nahm einen multilateralen Charakter an. Die Rohstoffregionen in Afrika und Asien dagegen verloren ihre politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit: Viele wurden Teil europäischer Kolonialreiche, und fast alle waren schließlich abhängig von einigen wenigen Auslandsmärkten. Die Industrialisierung schuf erstmals ein weltumspannendes Netz von Außenhandelsbeziehungen zwischen den Staaten. Eine zentrale Rolle nahm in diesem System bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Großbritannien ein, denn hier hatte die industrielle Revolution ihren Anfang genommen. London wurde zum Zentrum des internationalen Handels, das Britische Pfund avancierte zu einer Weltwährung.
Der 1. Weltkrieg bedeutete einen Rückschlag für den Welthandel. Er unterband den freien Austausch von Waren und führte in Europa zum Zusammenbruch des Goldstandards und damit des internationalen Währungssystems. In der Folgezeit versuchten die Nationen, durch protektionistische Maßnahmen ihre jeweiligen nationalen Volkswirtschaften zu schützen und für andere Nationen monetäre Handelsbarrieren zu errichten. Die Vereinigten Staaten und viele andere Länder verabschiedeten in den zwanziger Jahren neue Zölle. Die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 führte zu einer weltweiten Zahlungskrise, die den Handel massiv in Mitleidenschaft zog. In den Folgejahren verhängten viele Länder Importkontrollen und gingen zur Devisenbewirtschaftung über; allgemein zeigte sich ein Trend zu wirtschaftspolitischer Autarkie. Insgesamt schrumpfte der Welthandel deutlich und wurde schließlich durch den 2. Weltkrieg streckenweise ganz unterbunden. Die Nachkriegszeit war durch den Abbau von Handelshemmnissen und eine anhaltende Expansion des internationalen Handels gekennzeichnet. Die USA, die nun eine führende Rolle einnahmen, schufen ein neues Weltwährungssystem (siehe Internationaler Währungsfonds) und machten den Dollar zur weltweiten Leit- und Reservewährung. Zollsenkungen wurden durch das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und die Vorgaben der Welthandelsorganisation (WTO) an ihre Mitgliedsländer sowie durch die Schaffung von Zollunionen erzielt. Obwohl sich das Volumen der Weltexporte zwischen 1954 und 1974 mehr als verdoppelte und der Wert mehr als verachtfachte, hatten nicht alle Länder gleichen Anteil an diesem Wachstum. In den fünfziger Jahren stiegen die Exporte aus den Industrienationen Nordamerikas und Westeuropas rapide, während die Exporte aus den Entwicklungsländern dahinter zurückblieben. Im Gegensatz dazu stiegen die Exporte der Entwicklungsländer nach 1965 am schnellsten, zum Teil aufgrund des steigenden Wertes der Ölexporte. Der Anteil Japans und der Europäischen Gemeinschaft am Welthandel stieg, der Anteil der Sowjetunion und Osteuropas ging zurück. Für die Welt als Ganzes stieg der Wert des internationalen Handels deutlich an. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch das Entstehen internationaler Finanzmärkte, multinationaler Unternehmen und neuer Kommunikations- bzw. Transportmittel. Nach dem Auslaufen des Nachkriegsbooms und dem Beginn einer krisenhaften Entwicklung der Weltwirtschaft verschärfte sich allerdings die Konkurrenz zwischen den westlichen Industrieländern. Viele Länder verhängten Importquoten, etablierten nichttarifäre Handelshemmnisse (z. B. Einfuhrkontingente, diskriminierende gesetzliche Erfordernisse und Normen) und drängten auf freiwillige Exportbeschränkungen bei Wettbewerbern. Die handelspolitischen Differenzen zwischen den Staaten versuchte man in den neunziger Jahren zu lösen, u. a. durch den Abschluss der so genannten Uruguay-Runde der GATT-Gespräche, die Gründung der Welthandelsorganisation und neue Freihandelsabkommen. So trat 1994 das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) in Kraft, das ein Gegengewicht zur wirtschaftlichen Vereinigung Europas bilden soll (siehe Europäische Union). Zu den führenden Welthandelsnationen gehörte Ende des 20. Jahrhunderts neben den USA und Japan auch Deutschland.
Die zunehmende internationale Verflechtung (siehe Globalisierung) des Handels und der Wirtschaft hat nicht nur Befürworter. Besonders seit Ende der neunziger Jahre mehren sich kritische Stimmen, die auf die Schattenseiten dieser Entwicklung verweisen. Kritikpunkte sind sowohl die andauernde oder sich noch verschärfende Armut in den Entwicklungsländern als auch der Wegfall von Arbeitsplätzen in den Industrieländern. Ein besonderes Problemfeld bleibt das so genannte Nord-Süd-Gefälle (siehe Nord-Süd-Konflikt) zwischen den vorwiegend in der südlichen Hemisphäre liegenden Entwicklungsländern, die preisgünstig Rohstoffe zur Verfügung stellen, und industrialisierten Ländern, in denen diese anschließend zu hochwertigen Produkten weiterverarbeitet werden. Die dadurch entstehenden Unterschiede in der wirtschaftlichen Wertschöpfung sorgen letztendlich für die dauerhafte Festschreibung der bestehenden Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern. Höhere Rohstoffpreise, die den Aufbau einer industriellen Infrastruktur finanzieren könnten, sind am Weltmarkt oft nicht durchsetzbar. Viele Entwicklungsländer sind in eine Schuldenkrise geraten, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Ursache für die Notsituation der ärmeren Länder ist allerdings nicht allein die Liberalisierung der Weltmärkte, sondern auch ein neuer Protektionismus. Freihandelszonen wie in Europa innerhalb der Europäischen Union oder in Nordamerika durch die NAFTA bauen innere Handelsschranken ab, schließen ihre Märkte aber (z. B. durch Einfuhrverbote oder Subventionierung eigener landwirtschaftlicher Produkte) nach außen ab. Auch zwischen der EU und den USA gab und gibt es zahlreiche Konflikte, u. a. um die Stahleinfuhr in die USA, das EU-Einfuhrverbot für hormonbehandeltes Rindfleisch und die Subventionierung der Flugzeugbauer Boeing bzw. Airbus. Als Mittel in diesen Machtkämpfen dienen gegenseitige Einfuhrerschwernisse, die Verhängung hoher Bußgelder sowie die Einschaltung der WTO. So bleibt abzuwarten, ob das 21. Jahrhundert zu einem freieren oder zu einem weniger freien Welthandel führen wird. Die fortschreitende Globalisierung scheint Ersteres nahezulegen, liefert aber gleichzeitig durch strukturelle Arbeitslosigkeit, Verarmung und die ausufernde Macht multinationaler Unternehmen Argumente für eine Beschränkung des freien Handels zur Stärkung der heimischen Produktion.Siehe auch Handelsverträge
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