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Evangelikalismus

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Evangelikalismus, Bewegung im modernen angloamerikanischen Protestantismus, in deren Mittelpunkt die persönliche Bindung an Christus und der Glaube an die Bibel stehen.

Die Anhänger des Evangelikalismus vertreten die Auffassung, dass jeder Mensch ein Bedürfnis nach geistlicher Wiedergeburt und nach einer persönlichen Bindung an Jesus Christus hat. Sie halten an der traditionellen Interpretation der Bibel fest und gehen von der Unfehlbarkeit sowohl bezüglich der enthaltenen geschichtlichen Aussagen als auch bezüglich des Glaubens und der Moral aus.

Hierbei ergeben sich Berührungspunkte mit dem protestantischen Fundamentalismus.

Im eigentlichen Sinne bedeutet das Wort evangelisch (von griechisch euangelion: gute Nachricht) zum Evangelium gehörig. In der Zeit der Reformation bezeichnete Martin Luther alle Anhänger der reformatorischen Lehre als evangelisch. Heute hat dieser Begriff die Bezeichnung protestantisch ersetzt, die teilweise als zu polemisch galt. In Deutschland werden die lutherischen Kirchen im Gegensatz zu den reformierten (calvinistischen) Kirchen als evangelisch bezeichnet. Auch ein Zweig der anglikanischen Kirche, die Low Church, wird mit diesem Begriff bezeichnet, der auf eine Tradition zurückgeht, in der die Predigt des Evangeliums höher bewertet wurde als die Sakramente und die Autorität der Kirche.

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Vorläufer

Zu den Vorläufern des Evangelikalismus des 20. Jahrhunderts gehören Petrus Waldes, der Begründer der Waldenser, John Wycliffe und Jan Hus. Die Bewegung des Evangelikalismus geht zurück auf die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, die englischen und amerikanischen Puritaner des 17. Jahrhunderts, die ersten Baptisten sowie andere Nonkonformisten. Ein für die Entstehung der Bewegung historisches Datum war 1666 die Ankunft Philipp Jacob Speners, des führenden Vertreters des lutherischen Pietismus, in einer Frankfurter Gemeinde. Ein weiteres Ereignis war die Bekehrung John Wesleys, des Begründers des Methodismus, die auf 1738 datiert. Sowohl Pietismus als auch Methodismus betonen die Notwendigkeit des persönlichen Glaubens zur Erlangung des Seelenheiles gegenüber der reinen Mitgliedschaft in der Kirche. Der englische Evangelikalismus erreichte mit Wesley und William Wilberforce, einem Parlamentarier, seinen Höhepunkt. Wilberforce und seine Anhänger leisteten wichtige Beiträge zur Einführung der Schulbildung für die Armen, spielten eine wichtige Rolle bei der Gründung der kirchlichen Mission (1798) sowie der englischen Bibelgesellschaft (1803). Sie trugen mit zum Verbot des Sklavenhandels (1807) und 1833 zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei in England und den englischen Kolonien bei.

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Der Evangelikalismus in den Vereinigten Staaten

George Whitefield, Wesleys Mitarbeiter und zeitweiliger Gegner, verband die englische Form des Evangelikalismus mit dem Erweckungsglauben, der in den amerikanischen Kolonien verbreitet war. Die Erweckungsbewegung entstand um 1725, entwickelte sich durch die Predigten und Schriften des Gemeindepfarrers Jonathan Edwards und erreichte mit den Predigten Whitefields 1740 ihren Höhepunkt.

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Der moderne Evangelikalismus

Das Aufkommen des Modernismus in der Theologie im 19. Jahrhundert, insbesondere die Auslegung der Bibel mit historisch-kritischen Methoden, rief in vielen Glaubensgemeinschaften eine Gegenreaktion hervor. 1920 prägte eine baptistische Zeitschrift das Wort „Fundamentalisten” und bezeichnete damit diejenigen, die die Orthodoxie verteidigten.

Der Begriff Fundamentalismus bezog sich im Lauf der Zeit allerdings ausschließlich auf den radikalen Flügel der Bewegung, während sich die gemäßigten protestantischen Konservativen wieder als evangelisch bezeichneten. Sie gründeten die National Association of Evangelicals in the United States (1942) und den World Evangelical Fellowship (1951), wobei Letzterer auf die Great Britain’s Evangelical Alliance zurückging, die 1846 in London gegründet worden war. Der heutige Evangelikalismus verbindet zwei Strömungen, die noch im 19. Jahrhundert als unvereinbar galten: die dogmatischen Konservativen und die Anhänger der Erweckungsbewegung. Nach neueren Schätzungen gibt es weltweit ungefähr 157 Millionen Anhänger des Evangelikalismus, darunter etwa 59 Millionen in den Vereinigten Staaten.

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