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Peter BrookEnzyklopädieartikel
Peter Brook (*1925), britischer Regisseur. Seine innovativen Shakespeare-Inszenierungen und seine Bühnenexperimente machten ihn zu einem der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen europäischen Theaters. Brook wurde am 21. März 1925 in London geboren. Bereits während des Studiums an der Universität Oxford gründete er eine Theatertruppe. Ersten Erfolg als Regisseur hatte er mit knapp 20 Jahren; ab 1945 war er in Birmingham, Stratford-upon-Avon und London engagiert, wo er sich vor allem mit Shakespeare-Inszenierungen einen Namen machte, aber auch Stücke von Jean-Paul Sartre wie Tote ohne Begräbnis oder Die ehrbare Dirne und Vicious Circle mit Alec Guinness auf die Bühne brachte. Von 1947 bis 1950 war Brook Produktionsleiter beim Königlichen Opernhaus Covent Garden; hier inszenierte er Opern u. a. von Modest Mussorgskij, Giacomo Puccini, Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Strauss (Salome, 1949, in Bildern von Salvador Dalí). Anschließend arbeitete Brook an verschiedenen europäischen Theaterbühnen und auch an der New Yorker Metropolitan Opera. Bedeutende Inszenierungen der fünfziger Jahre waren Shakespeares Maß für Maß (Stratford, 1951), Goethes Faust (New York, 1953), Tennessee Williams’ Die Katze auf dem heißen Blechdach (Paris, 1956) und Arthur Millers Blick von der Brücke (Paris, 1958). 1962 wurde Brook, mittlerweile einer der meistbeachteten Theaterregisseure Europas, neben Peter Hall einer der Direktoren der renommierten Royal Shakespeare Company. Neben Maßstäbe setzenden Shakespeare-Inszenierungen wie König Lear (1962) brachte er in den folgenden Jahren vor allem den deutschen Dramatiker Peter Weiss auf die Bühne, so dessen den Frankfurter Auschwitzprozess dokumentierendes „Oratorium” Die Ermittlung (1965) und das Avantgardestück Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade (1965). Brooks Inszenierung von Marat/Sade, die deutlich von Antonin Artauds Konzeption eines Theaters der Grausamkeit beeinflusst war, wurde weltberühmt und 1967 von ihm selbst für das Kino verfilmt. Seine Arbeit stand außerdem unter dem Einfluss der Dramentheorien Bertolt Brechts sowie der Regiearbeit Wsewolod Mejercholds und Jerzy Grotowskis. Seine eigenen Theorien über modernes Theater legte er in The Empty Space (1968; Der leere Raum) dar, einem Buch, das eine ganze Generation von Regisseuren prägte. 1970 gründete Brook in Paris das Centre International de Recherche Théâtrale, welches die Geschichte des Theaters erforschen soll. Hier versuchte er seine Vision einer sprachunabhängigen Theaterform zu verwirklichen, indem er eine eigene, quasi vorsemantische Bühnensprache („Orghast”) entwickelte, die vom Zuhörer intuitiv verstanden werden sollte. Zu dieser Konzeption gehörten zunehmend auch der weitgehende Verzicht auf Bühnenbilder und optische Effekte sowie die Konzentration der Schauspieler auf elementare Gesten, die über alle sprachlichen und kulturellen Grenzen hinweg verstanden werden können. Mit seinem internationalen Ensemble brachte er in den siebziger Jahren diesem Grundkonzept folgende experimentelle Inszenierungen auf die Bühne, die er zumeist auf Welttourneen präsentierte und die oftmals in die Theatergeschichte eingingen, so Shakespeares Timon von Athen (1974), Les Iks nach einem Buch des Ethnologen C. M. Turnbull (1975), Alfred Jarrys Ubu Roi (1977), das nach einer persischen Fabel entstandene The Conference of Birds (1979), das die Theatertruppe auf einer mehrmonatigen Westafrikatournee auf Dorfplätzen improvisierte, oder La Tragédie de Carmen (1982), eine eigenwillige Bearbeitung der Oper Carmen von Bizet. Als Meilenstein auf Brooks Weg zur Verwirklichung eines weltumspannend verständlichen Theaters gilt seine Dramatisierung des indischen Sanskrit-Epos Mahabharata über die Entstehung der Menschheit, die er 1985 beim Festival d’Avignon präsentierte. Auch Brooks Alterswerk blieb einer avantgardistischen Inszenierungsform treu. Zu seinen gefeierten späten Inszenierungen gehören Shakespeares Der Sturm (Zürich, 1990), die Bearbeitung der Maeterlinck/Debussy-Oper Impressions de Pelléas (Paris, 1992), L’homme qui nach dem Bestseller Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte von Oliver Sacks (Paris, 1993), Samuel Becketts Oh! Les beaux jours (Lausanne, 1995), der szenische Hamlet-Kommentar Qui est là (Paris, 1995), Je suis un phénomène nach dem Buch des sowjetischen Psychologen Alexander Luria (Paris, 1998), Shakespeares Hamlet (Paris, 2000), Caryl Churchills Kammerspiel Far away (Paris, 2002), Tierno Bokar nach einem Roman von Amadou Hampâté Bâ (Duisburg, 2004) und Sizwe Bansi ist tot u. a. von Athol Fugard (Lausanne, 2006). Brook führte außerdem bei einigen Kino- und Fernsehfilmen Regie; so verfilmte er u. a. William Goldings Herr der Fliegen (1963), die Autobiographie des kaukasischen Esoterikers Georg Iwanowitsch Gurdjieff Gurdjieff (1979) sowie für die BBC mehrere Shakespeare-Dramen. Er veröffentlichte einige Bücher; unter dem Titel Threads of Time (1998; Zeitfäden) erschienen seine Erinnerungen.
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