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Windows Live® Suchergebnisse AntisemitismusEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Begriffsbildung; Von der religiös zur „rassisch” motivierten Judenfeindlichkeit; Verfolgung in Osteuropa: Pogrome; Organisierter Antisemitismus als Mittel der Politik; Antisemitismus nach dem 2. Weltkrieg
Antisemitismus, im 19. Jahrhundert entstandene Ideologie, die der Rechtfertigung des Hasses oder der Feindseligkeit gegen Juden dient. Antisemitismus richtet sich anders als der hauptsächlich religiös motivierte Judenhass gegen alle Menschen jüdischer Herkunft, unabhängig davon, ob sie gemäß der jüdischen Religion leben oder nicht. Laut einer Definition von Hannah Arendt ist Antisemitismus „genau das, was er zu sein vorgibt: eine tödliche Gefahr für Juden und nichts sonst”. Im soziologischen Sinn funktioniert Antisemitismus ähnlich wie vergleichbare rassistische und nationalistische Ideologien: Er grenzt das Eigene mit fragwürdigen Kriterien von einem negativ aufgefassten Fremden ab und dieses damit gleichzeitig aus. Damit dient er der illusorischen Selbstvergewisserung der eigenen Gruppe als überlegene oder wertvollere auf Kosten der diskriminierten Gruppe. Dass sich ein Anwachsen derartiger Ideologien besonders in wirtschaftlichen und politischen Krisenzeiten zeigt, ist darauf zurückzuführen, dass sich zumeist solche Menschen ihrer bedienen, die sich von Veränderungsprozessen bzw. vom Modernisierungsprozess als solchem bedroht und benachteiligt fühlen, z. B. so genannte Modernisierungsverlierer. Forschungen, wie die zur „autoritären Persönlichkeit” von Theodor W. Adorno und anderen aus den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts (wobei die Persönlichkeitsstruktur auch mit Hilfe einer Antisemitismus-Skala bewertet wurde), ergaben Zusammenhänge zwischen dem Bekenntnis zu antisemitischen Positionen und einem autoritären Charakter. Dass sich Antisemitismus wenigstens an der Oberfläche auch in weitgehend demokratisierten Gesellschaften hartnäckig hält, hängt möglicherweise auch mit der „sozialen Vererbung” einer derartigen Persönlichkeitsstruktur zusammen, also der Weitergabe von Verhaltensschemata an nachfolgende Generationen. Ideologien wie der Antisemitismus können daher meist nicht allein durch kognitive Maßnahmen wie Belehrung oder Unterricht bekämpft werden, sondern verlangen weitreichende Veränderungen der Kindererziehung selbst.
Als Semiten wurden in der theologischen Literatur zunächst alle Nachfahren Sems, des ältesten Sohnes des biblischen Patriarchen Noah, bezeichnet. Damit bezog sich dieser Ausdruck auf eine Gruppe von Völkern des Nahen Ostens, zu der Juden und Araber gleichermaßen gehören. In dieser Bedeutung wurde der Begriff Semitismus im 19. Jahrhundert vor allem in der sozialwissenschaftlichen Literatur verwendet. Mit der Popularisierung und Ideologisierung des Begriffs veränderte sich seine Bedeutung und erhielt einen deutlich negativen Akzent: Ausschließlich Juden wurden nun als Semiten bezeichnet, ihre Kultur Semitismus genannt. Der Begriff Antisemitismus wurde 1879 von dem deutschen nationalistischen Journalisten Wilhelm Marr (1819-1904) geprägt, der damit die zeitgenössische antijüdische Propaganda „wissenschaftlich” zu untermauern suchte. In seinem Pamphlet Der Sieg des Judentums über das Germanentum (1879) zeigten sich bereits deutlich rassistische Tendenzen. Er führte aus: „… es kann hier nicht darum gehen, religiöse Vorurteile herauszustellen, wenn es in Wirklichkeit um die Rasse geht und der Unterschied im ,Blut‘ liegt.”
Judenfeindlichkeit und Judenverfolgungen sind bereits seit der Antike bekannt. Im Römischen Reich lieferten die Glaubensvorstellungen der Juden häufig einen Vorwand für ihre politische Diskriminierung, so bei der Niederschlagung des zelotischen Jüdischen Aufstands (66-70 n. Chr.). Der erste christliche Kaiser Konstantin und seine ebenfalls christlichen Nachfolger erließen eine Reihe von Gesetzen, die Juden zu Rechtlosen innerhalb des Römischen Reiches werden ließen. Mit dem Aufstieg des Christentums verbreitete sich auch die These von der Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu über das ganze Abendland und führte zu immer stärkerer Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Während der Kreuzzüge kam es zu ersten massiven Judenverfolgungen. Seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts wurden Juden in Ghettos verbannt, mussten Kennzeichen oder Kleidung tragen, an denen man sie als Juden erkennen konnte. Im späten Mittelalter wurden die Juden nahezu vollständig aus Westeuropa vertrieben; die meisten wanderten nach Osteuropa aus. Auch die Reformation änderte nichts an der sozialen und ökonomischen Benachteiligung von Juden, die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein anhielt. Erst ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert kam es unter dem Einfluss der Französischen Revolution und der Aufklärung allmählich zu einer Trennung von Kirche und Staat und zur Entstehung moderner Nationalstaaten. Als Folge dieser Entwicklungen nahm die religiöse und wirtschaftliche Benachteiligung der Juden ab: Juden war es nun möglich, sich stärker in die wirtschaftliche und politische Ordnung zu integrieren. Die Akzeptanz der Juden durch Nichtjuden war jedoch nur oberflächlich und hing meist von ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer gesellschaftlichen Stellung ab. Mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 war in Deutschland der Prozess der Judenemanzipation abgeschlossen. Religiös begründete Diskriminierung von Juden galt nun als Straftatbestand; jedoch nahm nun die rassistisch motivierte Feindseligkeit zu. Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges und während der Wirtschaftskrise des Jahres 1873 entstanden in verschiedenen europäischen Ländern antisemitische politische Parteien. So regierte in Wien die explizit antisemitische Christlichsoziale Partei unter Karl Lueger von 1895 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges. In Frankreich entwickelte sich der Antisemitismus mit der Problematik der Trennung von Kirche und Staat. Klerikale und royalistische Gruppen vertraten eine antisemitische Haltung, die auf Rassentheorien aufbaute. Diese Auffassungen wurden in zahlreichen antisemitischen Schriften verbreitet, insbesondere in der Zeitung La libre parole, die 1892 der französische antisemitische Journalist und Schriftsteller Edouard Drumont (1844-1917) gegründet hatte. Der französische Antisemitismus fand seinen Höhepunkt in der Dreyfus-Affäre (1894-1906), in der ein französischer Offizier jüdischer Herkunft zu Unrecht wegen Hochverrats – angeblich sollte er für das Deutsche Reich spioniert haben – zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach Dreyfus’ Freilassung und Rehabilitation nahm der Antisemitismus in der französischen Politik ab. In Deutschland richtete sich in dieser Zeit der Antisemitismus als politische Bewegung vor allem gegen die Judenemanzipation und damit gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden in der Gesellschaft. Bis 1933 traten in Deutschland verschiedene politische Parteien auf, die offen antisemitisch agitierten. Aber erst unter der Herrschaft des Nationalsozialismus bestimmte der Antisemitismus die Regierungspolitik. Zur Rechtfertigung des Antisemitismus wurden rassistische Theorien herangezogen, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich, England und Deutschland, nicht zuletzt im Gefolge eines immer stärker werdenden Nationalismus, entwickelt hatten. Diesen Theorien zufolge sollten arische Völker den semitischen körperlich und charakterlich überlegen sein; die Juden galten als „Fremdkörper” innerhalb der europäischen Kultur. Der Franzose Comte Joseph Arthur de Gobineau, der Brite Huston Stewart Chamberlain und der Deutschen Karl Dühring etwa vertraten in ihren Schriften „wissenschaftlich” untermauert antisemitische Thesen und fanden damit große Aufmerksamkeit.
Während in Teilen Osteuropas, etwa in Polen, die im Mittelalter aus dem Westen geflohenen Juden relativ unbeschadet leben konnten, waren in andern Teilen, besonders in Russland, die Juden ökonomisch und sozial isoliert und Repressalien ausgesetzt. Schon Mitte des 17. Jahrhunderts gab es in der Ukraine erste Pogrome gegen Juden, und im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nahmen – teils im Auftrag der zaristischen Regierung durchgeführte – antijüdische Pogrome bis dahin nicht dagewesene Ausmaße an. Nach der Ermordung von Zar Alexander II. 1881 war das Gerücht verbreitet worden, es habe sich um einen jüdischen Anschlag gehandelt. Die Folge waren zahlreiche gewalttätige Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung. Eine der schlimmsten Ausschreitungen fand 1906 in Russland nach der gescheiterten Revolution von 1905 statt: In mehr als 600 Dörfern und Städten wurden Tausende von Juden getötet und ihre Häuser geplündert und zerstört. Zum einen konnten sich die verarmten russischen Bauern und Arbeiter durch diese periodisch auftretenden Pogrome ihrer Schulden bei den jüdischen Geldverleihern entledigen, zum anderen waren die Pogrome Folge der Regierungspolitik, die darauf abzielte, die Unzufriedenheit der russischen Arbeiter und Bauern auf die jüdische Minderheit umzulenken. Zu diesem Zweck benutzte die Regierung das bis dahin wenig genutzte Mittel der Massenpropaganda. Teil dieser Propaganda war die Publikation der gefälschten Protokolle der Weisen von Zion, vorgeblich jüdische Geheimdokumente, tatsächlich aber ein antisemitisches Pamphlet, das vermeintliche Pläne für eine jüdische Weltverschwörung und nachfolgende jüdische Weltherrschaft ausbreitet. Diese „Protokolle” wurden 1905 in Russland veröffentlicht und fanden große Verbreitung. Solche vorsätzlichen Fälschungen spielten auch bei dem Pogrom nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland eine Rolle, der Hunderttausende von Opfern forderte.
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