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Modern DanceEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Nach der herkömmlichen Ballett-Tradition entwickeln sich die Bewegungen der Tänzer aus einer Grundausrichtung auf den vorderen Teil der Bühnen, wobei das Gesicht dem Publikum zugewandt ist. Gleichzeitig behält der Tänzer eine aufrechte Haltung, wobei die Beine von der Hüfte aus auswärts gedreht werden. Beim Modern Dance dagegen richten sich die Tänzer in der Regel an den unterschiedlichsten Gegebenheiten des Bühnenraumes aus und nutzen in ihren Bewegungen sämtliche Dimensionen, besonders die Horizontale, die Vertikale und die Diagonale. Sie können seitwärts oder mit dem Rücken zum Publikum stehen, wobei sie auch keineswegs immer eine aufrechte Haltung einnehmen müssen, sondern auch Fallbewegungen in ihre Choreographie mit einbeziehen. Obgleich die Ausdrucksformen des Modern Dance äußerst vielfältig sind, berücksichtigen sie doch häufig den Aspekt des Körpergewichts zwischen betonter Schwere und Leichtigkeit, während es das Ziel des klassischen Balletts ist, die Gravitation aufzuheben und den Eindruck von Schwerelosigkeit zu vermitteln.
Ein weiterer Gesichtspunkt des modernen Tanzes ist die Beziehung zwischen tänzerischer Bewegung und Musik. Während das klassische Ballett eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Tanzbewegung und musikalischem Rhythmus anstrebte, ist eine solche Entsprechung im Modern Dance nicht grundsätzlich das Ziel. Nicht selten wird auch zuerst der Tanz choreographiert und die Musik erst später geschrieben. Dabei kann sie einerseits die Bewegungsabläufe unterstreichen, aber auch in ihrem Rhythmus im Gegensatz zum Schwung der Bewegung stehen. Häufig fehlt sie sogar ganz, so dass die von den Tänzern verursachten Geräusche in der Stille eigene Akzente setzen. Das Fehlen einer Abhängigkeitsbeziehung zwischen tänzerischer Bewegung und Musik wirkte auch auf das zeitgenössische Ballett weiter.
Die Entwicklungsgeschichte des Modern Dance kann man grob in drei Hauptphasen einteilen, deren erste um 1900 beginnt. Die weiteren Abschnitte umfassen die Jahre zwischen etwa 1930 und 1945 bzw. die Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges.
Die erste Entwicklungsphase des Modern Dance war geprägt durch herausragende Tänzerinnen wie Isadora Duncan, Ruth St. Denis und Mary Wigman, deren Arbeit sich als Gegenbewegung gegen das Ballett des 19. Jahrhunderts verstand, das für viele Tänzer zum hohlen Spektakel erstarrt war. Den Weg zur Ausbildung freierer Formen des Tanzes hatten zwei bedeutende Entwicklungen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts geebnet: das System von Ausdrucksgesten, das von dem Schauspieler und Bewegungsphilosophen François Delsarte als Alternative zu dem in dieser Zeit am Theater üblichen Manierismen entwickelt wurde, und das System der Eurhythmie zur Vermittlung musikalischer Rhythmen durch Körperbewegungen, das vom Schweizer Pädagogen Émile Jaques-Dalcroze aufgestellt und später von vielen Tänzern als Lernmethode verwendet wurde. Im Bestreben, ihrem Tanz einen höheren Ausdrucksgehalt zu verleihen, gingen die Tänzer über die Grenzen des klassischen westlichen Tanzes hinaus und suchten Anregungen in älteren Traditionen aus dem eigenen und aus fremden Kulturräumen. Einer der wichtigsten Vorreiter in dieser Hinsicht war der russische Tänzer und Choreograph Michail Fokin. Isadora Duncan z. B. ließ sich von Tanzformen der griechischen Antike anregen. Sie tanzte barfuß statt in Ballettschuhen und trat in einer schlichten Tunika statt in einem Ballettkostüm mit Korsett auf, wie es im 19. Jahrhundert üblich war. Ihre Tänze entwickelten sich in Auseinandersetzung mit der Schwerkraft, indem sie sich dieser teils widersetzte und teilweise nachgab. Die Amerikanerin Ruth St. Denis gründete ihre Choreographien auf indische, ägyptische und asiatische Tanzstile. Wie Isadora Duncan begann sie als Solotänzerin und gründete 1915 mit ihrem Mann Ted Shawn die Denishawn-Compagnie, die mit einer Tanzschule verbunden war, in der sie den freien Ausdruckstanz lehrte. In Deutschland war Mary Wigman, die in den zwanziger Jahren in Dresden eine bedeutende Tanzschule leitete, eine der wichtigsten Protagonistinnen des modernen Ausdruckstanzes, in den sie Bewegungsformen aus Afrika und Ostasien integrierte. Wie andere deutsche Vertreter des Modern Dance – so etwa ihr Lehrer Rudolf von Laban, Kurt Jooss oder Harald Kreutzberg – verwendete sie dabei häufig Masken. Der Aufstieg der Nationalsozialisten beendete die Blütezeit des modernen Ausdruckstanzes in Deutschland, die meisten seiner Vertreter mussten emigrieren.
Um 1930 bildete sich in New York bereits eine zweite Generation von Vertretern des Modern Dance heraus. Dazu zählen die Amerikaner Martha Graham, Doris Humphrey und Charles Weidman, die alle in der Denishawn-Compagnie getanzt hatten, und die in Deutschland geborene Tänzerin Hanya Holm, die aus Mary Wigmans Compagnie kam. Diese Tänzer lehnten Bewegungsanstöße von außen ab und befassten sich stattdessen mit grundlegenden körperlichen Erfahrungen wie Atmung und Gehen und übersetzten sie in Tanzbewegungen. Martha Graham entwickelte ihre Technik von Contraction (Anspannen) und Release (Loslassen) aus dem natürlichen Ein- und Ausatmen. Nachdem sie sich in ihren frühen abstrakten Werken mit Bewegung befasst hatte, die im Rumpf entsteht, wandte sie sich in den späten dreißiger Jahren literarischen Themen zu. Sie stellte in ihren Tänzen weibliche Hauptfiguren dar, die mit einer Krise konfrontiert sind, wobei unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit von verschiedenen Tänzern verkörpert wurden. Doris Humphrey, eine Anhängerin Isadora Duncans, entwickelte ihre zentrale Thematik des Verlierens und Wiederfindens des Gleichgewichts aus der natürlichen Dynamik des Schrittes als Sinnbild für die Beziehung zwischen dem Einzelnen und einer höheren Gewalt oder Idee. Nachdem sie sich von der Bühne zurückgezogen und von der mit Charles Weidman gegründeten Compagnie getrennt hatte, arbeitete sie weiterhin als Choreographin für ihren Schützling, den mexikanisch-amerikanischen Tänzer und Choreographen José Arcadio Limón, der seinerseits der amerikanischen und internationalen Szene des Modern Dance wichtige Impulse gab. Die deutsche Choreographin und Ballettlehrerin Hanya Holm, deren Tanzschule als eine der modernsten galt, arbeitete mit noch vielfältigeren Mitteln als Graham oder Humphrey und brachte u. a. Choreographien mit sozialkritischem Inhalt zur Aufführung. In den späten vierziger Jahren begann sie darüber hinaus, Choreographien für Musicals zu erarbeiten, und war damit eine der ersten, die den modernen Tanz auf die Bühnen des Broadway brachten.
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