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Windows Live® Suchergebnisse TalmudEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die beiden Fassungen des Talmuds; Die Kommentare; Halacha und Haggada; Die Gestaltung einer gedruckten Talmudseite; Die talmudische Hermeneutik
Talmud (hebräisch: Lehre, Belehrung), jüdisches Gesetzes- und Religionswerk, das die rabbinischen Kommentare und Auslegungen zur Thora enthält und neben dieser zu den Hauptwerken der Religion des Judentums zählt. Der Talmud ist ein Sammelwerk, welches das jüdische Leben und Denken vieler Jahrhunderte widerspiegelt. Er beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Themenbereichen wie Astronomie, Geographie und Geschichte, familiären Beziehungen und Verhaltensweisen, und wird von den bekennenden Juden als Grundlage ihrer Lebensführung betrachtet. Die im Talmud enthaltenen Texte wurden ursprünglich nicht schriftlich fixiert, sondern von den Tannaim (siehe Mischna) auswendig gelernt und in mündlicher Form weitergegeben. Dieser beständig anwachsende und komplexer werdende Prozess der Kommentierung und Auslegung der Thora erstreckte sich über mehr als ein halbes Jahrtausend und fand schließlich in zwei Schriften ihren Abschluss: der Mischna und der Gemara, den beiden Teilen des Talmuds. Die Mischna, in hebräischer Sprache abgefasst und um 200 n. Chr. von Rabbi Jehuda Hanasi zusammengestellt und kodifiziert, besteht aus einer verbindlichen Auswahl der mündlichen Überlieferungen und enthält das gesamte Religionsgesetz der mündlichen Tradition (Halacha). Die Gemara enthält die größtenteils in aramäischer Sprache abgefassten späteren Diskussionen und Kommentare zur Mischna.
Über drei Jahrhunderte erstreckte sich die Kommentierung der Mischna in den Zentren der jüdischen Gelehrsamkeit, in Palästina und vor allem in Babylonien. Beide Zentren brachten eine eigene Fassung des Talmuds hervor, den palästinischen und den babylonischen Talmud, wobei beide Fassungen dieselbe Mischna, jedoch eine jeweils andere Gemara enthalten. Der palästinische oder Jerusalemer Talmud (Yerushalmi), der ältere der beiden Talmude, ist weniger ausführlich als der babylonische und hat nicht dessen Bedeutung erlangt. Auch wurde er nur stark beschädigt überliefert; es gab nur eine handschriftliche Kopie, die der unkommentierten, 1523 in Venedig erschienenen Erstausgabe als Druckvorlage diente. Inhaltlich hält er sich nicht eng an die Mischna, sondern bietet eine Menge an zusätzlichem Material, das mit der Mischna nur locker in Verbindung steht. Weiterhin liegt die Gemara des palästinischen Talmuds lediglich zu vier Ordnungen der Mischna vor beziehungsweise zu 39 von insgesamt 63 Mischna-Traktaten. Ob der palästinische Talmud jemals die Gemara zur gesamten Mischna enthalten hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Der palästinische Talmud wurde in seiner endgültigen Form zu Anfang des 5. Jahrhunderts in Tiberias redigiert und ist in westaramäischer Sprache geschrieben. Die schon sehr früh gefundene Bezeichnung Yerushalmi bezieht sich nicht auf den Entstehungsort des Talmuds, da die Stadt Jerusalem für die Juden in der talmudischen Zeit eine verbotene Stadt war. Auch die von Maimonides überlieferte Angabe, Rabbi Jochanan bar Nappacha habe den palästinischen Talmud kodifiziert, erwies sich als unhaltbar, werden doch zahlreiche Rabbiner genannt, die bis ins späte 4. Jahrhundert lebten, während Rabbi Jochanan bar Nappacha bereits im Jahre 279 gestorben ist. Der babylonische Talmud (Babli) ist in ostaramäischer Sprache geschrieben. Obwohl auch er die Gemara nur zu 36 von 63 Mischna-Traktaten enthält, ist er klarer strukturiert und wird dem palästinischen Talmud vorgezogen. Der babylonische Talmud umfasst in der üblichen Druckfassung fast 6 000 Seiten Folio und ist somit wesentlich umfassender als der palästinische Talmud. Das liegt vor allem daran, dass er zahl- und umfangreiche Bibelkommentare (Midraschim) aufgenommen hat, während im palästinischen Talmud nur kurze Midrasch-Stücke zu finden sind. Außerdem ist der haggadische Stoff des babylonischen Talmuds weit größer als im palästinischen Talmud. Insgesamt wirkt der babylonische Talmud wie eine Enzyklopädie, in die alles aufgenommen wurde, was an den rabbinischen Schulen gelehrt wurde, wie historische Erinnerungen, Anekdoten über Rabbiner oder Legenden. Die traditionelle Entstehungsgeschichte der babylonischen Talmudausgabe beruht auf zwei Talmudzitaten, nach denen Rab Aschi und Rabina im 5. Jahrhundert die Endredaktion vorgenommen haben sollen. Obwohl dieses klassische Bild der Entstehung bis in die Gegenwart weitergegeben wird, gilt es aus mehreren Gründen als problematisch. Vielmehr lassen die vielen inhaltlichen Unterschiede, Wiederholungen und Widersprüche darauf schließen, dass der babylonische Talmud kein einheitliches Werk ist, sondern über mehrere Jahrhunderte hinweg viele Quellen aus verschiedenen Zeiten und Schulen verarbeitet hat und zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert von den Saboräern (hebräisch: Prüfende) redigiert wurde. Die erste vollständige Talmudausgabe mit den Kommentaren von Raschi und den Tosafisten (siehe unten), die so genannte Bombergausgabe, erschien von 1520 bis 1523 in Venedig.
Bereits seit dem 10. Jahrhundert entstanden zahlreiche Kommentare zu mehreren Traktaten des Talmuds, doch erst Raschis Kommentar war von so durchschlagender Bedeutung wie kein Kommentar vor und nach ihm. Er gilt bis heute als der klassische Talmudkommentar. Rabbi Salomo ben Isaak, kurz Raschi genannt, studierte in Worms und Mainz, bevor er eine eigene Schule in seiner Heimatstadt Troyes gründete. Raschi versah die meisten Traktate des Talmuds, die eine Gemara haben, mit einem Kommentar, der bereits in der ersten Gesamtausgabe des babylonischen Talmuds gedruckt wurde. Obwohl Raschi stark von seinen Vorgängern abhängig war, entwickelte er doch ein Werk von unverkennbarem Stil. Sein Kommentar besteht aus kurzen Notizen, in denen vor allem unbekannte Worte erklärt, Bräuche erläutert und historische und geographische Angaben gemacht werden. Stark an der Textkritik interessiert, schlug er immer wieder textliche Verbesserungen vor, die in den Talmud aufgenommen wurden und die weitere Texttradition entscheidend geprägt haben. Die Schüler Raschis, insbesondere seine drei Schwiegersöhne als auch seine Enkel, führten sein Werk fort. Sie ergänzten von ihm nicht vollendete Kommentare zu Traktaten und haben seinen Kommentar selbst wieder kommentiert. Dabei handelt es sich nicht um einen fortlaufenden Kommentar, sondern um die ausführliche Erläuterung einzelner Stellen, die sich um die Beseitigung innerer Widersprüche durch den Pilpul (hebräisch wörtlich: Pfefferung, eine scharfsinnige Logik, die später in Denkakrobatik ausartete) bemüht. Diese Kommentare, die besonders in Deutschland, Frankreich, aber auch in Italien, England und Spanien wirkten, hießen Zusätze (hebräisch: Tosafot), ihre Lehrer Tosafisten. Die Tosafot bilden ein kollektives Werk von Lehrmeistern aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Bestimmte Kommentare sind unter dem Namen des Verfassers überliefert, andere sind anonym. Zu den älteren Tosafisten gehören drei Enkel von Raschi, Samuel Ben Meir, Isaak Ben Meir und Jakob Ben Meir (Rabbenu Tam), sowie dessen Neffe Isaak Ben Samuel von Dampierre. Von Isaaks Schüler Simson von Sens stammte die älteste Sammlung der Tosafot, die Tosafot von Sens. Diese galten als Grundlage für die folgende Sammlung, die Tosafot von Touques des Elizier von Touques, welche in den heutigen Talmudausgaben zu lesen ist.
Ist der Talmud seiner äußeren Form nach in Mischna und Gemara unterteilt, gliedert sich seine innere Form in Halacha und Haggada. Die Halacha (hebräisch halach: wandern) ist der juristische Teil des Talmuds und umfasst die religiöse als auch die weltliche Seite des Rechts. Sie stellt die von den Gelehrten aufgestellten Gesetze und die Diskussionen, die zur Einführung dieser Gesetze führten, dar. Die Haggada ist all das, was im Talmud nicht zur Rechtsdiskussion und nicht zur Erklärung der Halacha gehört. Sie umfasst das Erzählgut in Form von Sprüchen, Anekdoten, Bibelauslegung und Legenden sowie Berichte von der Tempelzerstörung. Ebenso findet man Überlegungen zu verschiedenen Wissensgebieten und die Darlegung der Traumsymbolik und ihre Interpretation.
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